Foto: Hannah Elsche

Deine Bauchgeburt – auch Mütter mit Kaiserschnitt haben ihr Kind geboren

Jede dritte Geburt verläuft heute in Deutschland via Kaiserschnitt. Aber was heißt das für Körper und Seele? Wie geht es Frauen, die eine Bauchgeburt hatten? Welche Gefühle haben Berechtigung? Und sollte besser auf einen möglichen Kaiserschnitt vorbereitet werden? Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit, wenn die Geburt im Krankenhaus stattfinden soll, bei einer Kaiserschnittrate von 30 Prozent nicht unwahrscheinlich.

Du kannst auch „Bauchgeburt“ sagen

Lasst uns über Kaiserschnitte reden oder auch Sectio, Sectio Caesarea, Bauchschnitt oder Bauchgeburt. Ich persönlich mag den Begriff Bauchgeburt. Denn auch eine Bauchgeburt ist eben eine Geburt. Dennoch hat auch der Begriff Kaiserschnitt seine Berechtigung, denn für viele ist er erst einmal ein im wahrsten Sinne des Wortes ein einschneidendes Erlebnis.

Mütter, die eine Sectio hatten, haben genauso geboren wie alle anderen Mütter auch. Nur ist dieses Bewusstsein für sie häufig nicht sofort greifbar und die Überraschung oder auch Enttäuschung lange Zeit zu groß, um das sehen zu können. Das hat auch viel mit öffentlicher Wahrnehmung und vorschnellen Urteilen zu tun: Ein Kaiserschnitt hat den Ruf „es sich leicht gemacht zu haben“ und bei vielen Frauen stellt sich schnell das Gefühl ein, versagt zu haben, egal welche Geburtsgeschichte sie und ihr Baby geschrieben haben und egal, was sie für ihr Kind auf sich genommen hat, um es gesund auf die Welt zu bringen.

Es ist ohne Zweifel eine medizinische Errungenschaft, dass es die Möglichkeit der „Sectio Caesarea“ gibt. Vielen Müttern und Kindern wurde damit das Leben gerettet. Die Indikationen können absolut oder relativ sein, getroffen werden sie von den betreuenden Geburtshelfer*innen und Ärzt*innen.

Die Kaiserschnittrate in Deutschland

Laut statistischem Bundesamt hatten wir in Deutschland 2017 eine Kaiserschnittrate von 30,5 ProzentDie Weltgesundheitsorganisation WHO hält dagegen eine Quote von 10 bis 15 Prozent für ausreichend und medizinisch notwendig (alle Zahlen zitiert aus dem Buch: Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt: Begleitbuch für Schwangere, ihre Partner und geburtshilfliche Fachpersonen). Zwischen 1991 und 2011 hat sich die Kaiserschnittzahl in Deutschland verdoppelt, im Vergleich dazu hat sich übrigens die Mütter- und Kindersterblichkeit nicht groß verändert und auch die Zahl der Wunschkaiserschnitte liegt bei unter 5 Prozent.

Bei der Suche nach Gründen für die steigenden Kaiserschnittraten lässt sich immer wieder feststellen, dass in den Krankenhäusern Vergütung durch Fallpauschalen, Wirtschaftlichkeit und Personalmangel eine Rolle spielen, sowie Ängste vor Schadensersatzzahlungen. So kommt es unter der Geburt zu vielen Interventionen, die man auch als Begriff der Interventionskaskade kennt. Bei 80 – 90 Prozent der Geburten via Bauchschnitt liegen übrigens relative Indikationen vor, das heißt, dass es Risikofaktoren gibt, die bei einer vaginalen Geburt eventuell, aber nicht zwangsläufig zu Komplikationen führen könnten.

Es ist nicht deine Schuld

Die Fakten beschreiben dabei aber in keiner Weise, welche weitreichenden Folgen so ein operativer Eingriff für Körper und die Seele von mindestens zwei Menschen haben kann und wie wir uns präventiv darauf vorbereiten können. Denn was ich sehr wichtig finde klarzustellen: Frauen dürfen im Hinblick auf die genannten Zahlen auf keinen Fall anfangen, eine eventuelle Schuld – sollte es die überhaupt geben – bei sich zu suchen! Diese Frauen haben nämlich alles gegeben, um ihr Kind gesund auf die Welt zu bringen! Und zu sagen, dass sie sich nur einfach für eine andere Art der Geburt hätten entscheiden sollen, ist zu simpel, zu wenig durchdacht und wird in Zeiten eines teils dramatischen Hebammenmangels zur Farce.

Im Übrigen kann eine primäre Bauchgeburt oder auch ein Wunschkaiserschnitt eine sehr selbstbestimmte, positive Erfahrung sein. Denn wirklich jede Geburt ist anders – und jede Frau und jedes Baby ebenfalls.

Aufklärung im Geburtsvorbereitungskurs?

Momentan können wir nur bei der Beschäftigung mit der bevorstehenden Geburt erfahren, dass die Wahrscheinlichkeit, mit einer Bauchgeburt zu entbinden, durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Aber vor der Geburt gehen die wenigsten davon aus, ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen. Viele blenden den Gedanken daran vollkommen aus, manche haben Angst davor und in Geburtsvorbereitungskursen wird meist nur am Rande darüber gesprochen und die Bauchgeburt als möglicher Ausweg erwähnt, ohne dass es zu einer Aufklärung, wann es dazu kommt, was dabei passiert, welche Techniken es gibt, welche Risiken, wie es sich anfühlen könnte und wie es danach weitergehen kann, kommt. Viele Folgen, insbesondere psychische wie zum Beispiel Bindungsprobleme, depressive Verstimmungen aber auch Stillprobleme, könnten aber bereits hier präventiv abgemildert werden.

Das das zur Zeit zu wenig passiert, führt leider auch dazu, dass Frauen das Gefühl haben, dass ihnen eine Sectio wie ein Unfall zustößt und sie nicht mehr das Gefühl haben, selbstbestimmt an der Geburt teilgenommen zu haben. Viele Frauen wurden bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nie operiert. Sie haben sich auf etwas anderes vorbereitet und sehen sich nun gleich mehreren vollkommen neuen Situationen gegenüber, die sie bewältigen müssen – schließlich haben sie ja auch noch ein Kind geboren.

Oft ist es für betroffene Mütter ein ziemlich langer, manchmal auch schmerzhafter Weg, die Erlebnisse zu integrieren, gerade dann, wenn es sich um eine sekundäre Sectio (also ein Kaiserschnitt nach einem natürlichen Wehenbeginn) oder Resectio (ein wiederholter Kaiserschnitt, häufig auch sekundär) handelte, oder gar um einen Notkaiserschnitt (ein Kaiserschnitt der plötzlich meist unter Vollnarkose und sofort zur Rettung von Mutter und/oder Kind gemacht werden muss).

Was Frauen nach dem Kaiserschnitt empfinden

Irgendwann wird vielleicht gelernt, die Tatsache an und für sich zu akzeptieren, dennoch leiden viele Mütter oft noch lange darunter. Denn eine Kaiserschnittgeburt zieht so viel mehr nach sich, als es zunächst den Anschein hat.

Häufig haben die Frauen – zumindest bei einer sekundären Sectio – nicht nur das Gefühl, um das Erlebnis der vaginalen Geburt gebracht worden zu sein, sondern niemand kann ihnen das Gefühl wiedergeben, um ganz viele andere erste Male gebracht worden zu sein, wie zum Beispiel das erste Mal zu wickeln oder das erste Mal zu tragen. Ganz natürliche Tätigkeiten eben, die eine neugeborene Mutter für sich und ihr Baby machen möchte. Aber mit der Wunde nach einer großen Bauch-OP verhält es sich ein wenig anders als mit Geburtsverletzungen, denn unter anderem wurden alle Muskeln ja erst einmal durchtrennt und mit den Schmerzen, die nach der Geburt durch Luft im Bauch entstehen, kann es keine Nachwehe aufnehmen (mal abgesehen davon, dass Nachwehen natürlich auch noch dazu kommen). Die Mutter kann also im schlimmsten Fall bereits mit der Geburt das Gefühl haben, eine versagende Mutter zu sein, die nicht einmal in der Lage ist, ihr Baby zu versorgen. Das widerspricht vollkommen ihren Bedürfnissen.

Das Kind kommt plötzlich zur Tür herein

Bei einem Notkaiserschnitt unter Vollnarkose wird es noch drastischer, weil sowohl die Mutter von der Geburt nichts mitbekommt, als auch das Kind narkotisiert auf die Welt kommt. Den ersten Schrei hören nur die betreuende Hebamme und zuständige Ärzt*innen, das erste Bonding übernimmt der Vater und das Baby kommt anstatt aus dem Bauch, wo es bis gerade noch war, zur Tür herein. Ein Erlebnis, was erst einmal im Kopf ankommen muss. Denn die Vorstellung ein Kind im Bauch zu tragen, bleibt ja doch meist trotz der Kindsbewegungen und augenscheinlicher körperlicher Veränderungen etwas Abstraktes unabhängig von der Art der Geburt.

Für den Vater kann eine Bauchgeburt mit Sicherheit ein einzigartiges, wundervolles Erlebnis und eine sehr gute Voraussetzung für eine gute Bindung sein, aber eigentlich haben sich beide frischgebackenen Eltern darauf gefreut, gemeinsam Ihr Kind zu begrüßen und auch die Emotionen der jeweils anderen Person zu erleben.

All diese Erlebnisse verschärfen das Gefühl versagt zu haben und das Gefühl, dass der Start sich irgendwie falsch anfühlt, da diese vielen einzelnen Situationen nicht noch einmal zum ersten Mal oder überhaupt stattfinden werden und doch gerade die ersten Male und Minuten für Mutter und Kind so wichtig sein sollen.

Die besondere Situation der Geburt verwandelt sich zudem noch einmal mehr in eine Ausnahmesituation, denn das Gefühl mit ausgebreiteten Armen auf einem OP-Tisch festgeschnallt zu liegen und aufgeschnitten zu werden, ruft ja erst einmal Panik und das Bedürfnis nach Flucht hervor. Mal abgesehen davon, dass sich viele Frauen vorstellen, wie sie das Baby nackt, nass, klebrig mit beiden Armen in Empfang nehmen werden. Manchmal findet auch kurz nach der Geburt eine Trennung zwischen Mutter und Kind und manchmal auch dem Vater statt. Das Gefühl des Alleinseins kann einsetzen, denn die Impulse sind definitiv andere.

Sich mit der Erfahrung auseinandersetzen

Der Schmerz über diese Erlebnisse wird irgendwann leichter werden und die Beziehung zu eurem Kind wird noch viele erste Male beinhalten. Außerdem könnt Ihr euch aktiv mit dem Schmerz auseinandersetzen und vor allem: Er darf sein!

Ja, eine Bauchgeburt ist eine Geburt. Es handelt sich nämlich um eure gemeinsame Geburtsgeschichte, die euch für immer verbinden wird.

Aber es ist vollkommen in Ordnung deswegen traurig, enttäuscht oder wütend zu sein.

Deswegen solltet ihr die Geburt und eure Gefühle nicht verdrängen oder euch dafür schämen. Es ist wichtig, die Trauer zuzulassen und euch mit euren Gefühlen, Ängsten und Sorgen auseinanderzusetzen. Achtet darauf, dass ihr euch Hilfe sucht, wenn ihr merkt, dass die Gefühle Überhand nehmen, wenn ihr an nichts anderes denken könnt, wenn der Raum, den sie einnehmen, von euch nicht mehr haltbar ist. Das gilt auch dann, wenn die Erlebnisse Einfluss auf euer Verhältnis zu eurem Baby oder eurem*eurer Partner*in haben und ihr euch dabei ertappt, ihnen die Schuld zu geben. Sprecht mit euren Partner*innen darüber. Eventuell leiden sie auch und Ihr fühlt euch schon nicht mehr ganz so alleine. Sucht ein gutes Nachgespräch mit eurer Hebamme, besteht darauf, es nicht abzutun, sondern euch dafür Zeit zu nehmen, bereitet euch gut auf eine mögliche nächste Geburt vor.

Es gibt Möglichkeiten einen befriedenden Umgang mit euren Erlebnissen und euren Gefühlen zu finden, es gibt Therapiemöglichkeiten, es ist nicht sofort pathologisch. Ihr müsst da auch nicht alleine durch! Ihr seid nämlich nicht alleine.

Quellen/Literaturtipps

Sahib, Tanja: Es ist vorbei – ich weiß es nur noch nicht: Bewältigung traumatischer Geburtserfahrungen, Books on demand 2016.

Taschner, Ute, Scheck, Kathrin: Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt: Begleitbuch für Schwangere, ihre Partner und geburtshilfliche Fachpersonen, Salzburg 2012.

Oblasser, Carolin: Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht – Fotobuch, Wegweiser und Erfahrungsschatz aus Sicht von Müttern und geburtshilflichen ExpertInnen, Salzburg 2008.

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