Foto: Mrhayata | Flickr

„Achtung, ich bin Mutter“

Karriere mit zwei Kindern: Anne-Lu Kitzerow fragt sich, wie viel man als Mutter von seinem Leben zwischen Büroalltag und Spielplatz preisgeben sollte.

Kinder sind kein Kantinen-Thema

Am Mittagstisch in der Kantine sitzen nur wir Frauen zusammen. Ein kleiner Stammtisch, der sich unter Kolleginnen entwickelt hat, ganz ohne Doodle oder lange Absprachen. Aus einigen wenigen wurden irgendwann viele, jeden Mittag. Einfach so. Heute ist es anders. Eine der Kolleginnen wird diesen illustren Kreis morgen verlassen. Sie geht in den Mutterschutz.

Privates ist selten ein Thema bei diesen Mittagsrunden. Es geht viel um die Arbeit und manchmal um die Wochenendgestaltung. Schließlich sind wir Kolleginnen und keine Freundinnen, die Grenzen bleiben gesteckt.

Die Unvereinbarkeit von Kind und Karriere

Heute aber landen wir schließlich beim Thema Kinder. Die Kollegin wird gefragt, wie sie sich das alles denn nun vorstellen würde und wann sie wieder zurück ins Büro wolle. Sie wird gefragt, ob sie schon vorbereitet sei auf das Abenteuer Kind und ob sie denn wissen würde, was auf sie zukommt. Es sei ja unvorstellbar, was so ein Kind bedeuten würde, auch für die eigene Karriere, sagen die Kolleginnen.

Die Kollegin zuckt mit den Schultern und streichelt ihren Bauch. Sie habe noch kein Buch gelesen oder das Zimmer eingerichtet. Es seien ja noch sechs Wochen Zeit, sagt sie. Sie hätte andere Mütter gefragt, wie das so sei mit Kind, und die hätten ihr Horrorstorys berichtet. Davon wolle sie lieber nichts hören, das komme ja noch früh genug.

Du bist Mutter?

Dann schwenkt sie den Kopf plötzlich zu mir und fragt mich, wie das denn nun alles sei mit Kindern. Schweigen am Tisch. Einige der Kolleginnen wussten bis eben nicht, dass ich Kinder habe. Ich habe keine Fotos in meinem Büro oder einen Button an meiner Bluse, auf dem „Achtung, ich bin Mutter“ steht. Ich sage: „Ich habe keine Ahnung, wie das mit deinem Kind wird, ich finde es mit meinen beiden Kindern ganz lustig.“

Diese Antwort reicht, den Blicken nach zu urteilen, nicht aus. Es wird nun erwartet, dass ich am Mittagstisch mein mütterliches Wissen preisgebe. Doch ich sehe einfach keine Veranlassung, mit Kolleginnen über meine Kinder oder die Geburten zu sprechen. Es scheint fast so, als ob man mit dem Beginn der Mutterschaft einer geheimen Klausel folgen muss, die besagt, pausenlos seine Erfahrungen teilen zu müssen. Ich schaue still in die Runde.

Meine Schwächen, meine Kinder

Es hat an diesem Tisch voller kluger, gebildeter Frauen mit Karriereambitionen keiner Kinder – außer mir. Ich gehöre zu einer Minderheit. Sicher, wir wissen, dass Frauen die großen Reserven der Wirtschaft sind, aber gehören dazu auch die Mütter? Wenn man ehrlich ist, dann wird Frauen der Fakt, Kinder zu haben, im Berufsleben heute immer noch von vielen als Schwäche ausgelegt. Und genau deswegen sind sie für viele Frauen gar kein Thema. Oder erst zu spät.

Meine Kinder sind auch meine Schwachpunkte, sie könnten meine beruflichen Pläne jederzeit kippen. Ich bin jung Mutter geworden, mit 25 Jahren und mitten im Studium. Kinder verändern. Sie sind der Grund, warum man manchmal bei der Arbeit fehlt oder früher los muss. Sie sind der Grund, warum ich seit Jahren auf Teilzeit gehen will und es doch aus Angst vor dem Karrierebreak nicht tue. Sie sind deshalb bei der Arbeit kein Thema, weil der Stempel Mutter in der heutigen Leistungsgesellschaft etwas Befremdliches oder gar Niedliches hat. „Kinder, ja? Und schon zwei? Sie sind doch aber noch so jung?“

Schon so oft habe ich gute Stellen der Kinder wegen nicht bekommen „Sie  sind nicht flexibel genug, wir haben uns für den männlichen Bewerber entschieden“ ist ein Satz, der meine Biografie prägt. In meinen letzten Bewerbungen habe ich die Kinder dann nicht mehr erwähnt, es lief besser.

All das könnte ich der Kollegin erzählen.

Zerrissen zwischen Job und Familie

Ich könnte ihr erzählen, dass es schwierig werden kann, dass es einen zerreißt, im Job und zu Hause immer sehr gut sein zu wollen, dass man als Frau eben doch oft den doppelten Einsatz bringen muss. Oder dass man oft müde ist und sich schlecht fühlt, wenn man sich krank melden muss, wegen der Kinder. Dass man manchmal Lego, oder Sand in der Bürotasche findet. Dass einen der Magen-Darm-Infekt des Kindes meistens erwischt und man Elternabende hassen lernt. Dass man nach dem Bürotag einen weiteren Tag zu Hause beginnt, der aus Spielplatz, Gesprächen über volle Windeln und dem Erziehen besteht. Dass man jeden Tag dazulernt mit diesen Wesen und sich vollständiger fühlt, dass es da diese geheimen Blicke zwischen Müttern an der Supermarktkasse gibt.

Dass man seine Endlichkeit spüren kann. Dass es wunderschön und beängstigend zugleich ist, dass das Leben sich komplett verändert und dass man nie wissen kann, was morgen sein wird. Dass Väter durchaus auch auf Kinder aufpassen können. Dass man Vereinbarkeit überall lesen kann und sich trotzdem manchmal fragt, was das genau sein soll. Dass man die Rushhour des Lebens manchmal zum Kotzen finden kann, man seine Karriereplanung mit anderen Augen sieht und sich vielleicht irgendwann entscheiden muss. Dass man sich als Frau in Vollzeit immer wieder den Satz „Oh du Arme, warum das denn?“ gefallen lassen muss. Dass der Mann das aber nie gefragt wird. Dass es gute und schlechte Tage gibt und man es trotzdem nie wieder anders haben will.

Keine Angst vor Kindern

All das könnte ich der Kollegin mit auf ihren Weg geben. Doch ich sage einfach nur: „Wirst du schon selber sehen. Warte es ab.“ Dann denke ich an all meine Elternfreunde, die jeden Tag strampeln, ganz genauso wie wir, und freue mich auf meinen zweiten Tagesbeginn zu Hause.

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