Foto: Melanie Schwochow

„Bei Sketchnotes geht es nicht darum, Kunst zu machen, sondern einfach zu zeichnen“

Pass bloß auf, höre zu und zeichne ja nicht nebenbei. Diese drei Prinzipien wurden uns schon in der Schule antrainiert. Grafikerin Nadine Roßa ist vom Gegenteil überzeugt: Sketchnotes helfen uns dabei, uns Inhalte viel besser zu merken. Wir haben sie getroffen und nachgehakt.

 

Sketch + Notes = Sketchnotes 

Auf Nadine Roßa aufmerksam geworden sind wir durch unsere Female Future Force Insights im September in Berlin. Auf Twitter entdeckten wir von ihr eine Sketchnote, die unseren Abend in visuellen Notizen zusammenfasste. Klar, von Sketchnotes, also der Kombination aus Sketch („Zeichnung) und Notes („Notizen“), haben wir zwar schon mal gehört, doch dass man dann mal selbst zum Stift greift, braucht einiges an Mut. Wir haben daher Nadine in ihrer Friedrichshainer Agentur getroffen und nach Tipps gefragt.

Unsere Female Future Force Insights in Berlin auf einem Blatt zusammengefasst.

Liebe Nadine, ich bin vor allem hier wegen deiner Sketchnotes, sitze dir jetzt aber in deiner Agentur gegenüber. Was genau macht ihr und inwiefern sind deine Sketchnotes ein Teil davon?

„Naja, ich habe schon immer viel frei gearbeitet – nach meiner Ausbildung zur Mediengestalterin, während meiner kurzen Angestelltenphase, dann neben meinem Studium zur Kommunikationdesignerin. Ich habe viel für Internetagenturen gearbeitet: klassisches Visual Design für Internetseiten gemacht, Corporate Designs erstellt, erste Drafts der Internetseiten entworfen, auch viel für Startups. Irgendwann haben wir dann eine Web-, Design- und Softwareagentur gegründet. Und auch jetzt ist es noch so, dass ich die Aufträge, die für die Agentur zu klein sind, auf meiner selbständigen Basis übernehme. Größere Projekte übernimmt die Agentur.“ 

Skizzen und Notizen werden visuelle Notizen. 

Und wo sind deine Sketchnotes da einzuordnen?

Sketchnotes mache ich überwiegend für mich privat, ab und an auch mal für Kunden. Seitdem ich vergangenes Jahr während meiner Schwangerschaft mein Sketchnote-Buch geschrieben habe, werde ich jedoch auch viel häufiger für Workshops von Unternehmen angefragt. Was erfreulich ist, denn das zeigt, dass Unternehmen erkennen, was Visualisierung kann – und wie wichtig es auch für sie ist. Ich habe allgemein das Gefühl, dass ich jetzt viel mehr als Expertin wahrgenommen werde. Workshops habe ich bisher wegen meiner Kinder und der Arbeit viel absagen müssen, in Zukunft werde ich das allerdings wieder häufiger angehen und auch öffentliche Workshops anbieten.“

Bevor wir da tiefer einsteigen, noch mal auf Anfang: Wie hast du das Sketchnoten für dich entdeckt?  

„2011 war ich auf einer Konferenz und dort habe ich Eva-Lotta Lamm kennengelernt, eine der ersten bekannten Sketchnoterinnen. Und die lief eben immer durch die Vorträge und hatte ein kleines Heft und ihren Stift dabei und machte sich Notizen. Als sie mir mehr darüber erzählte, war die einzige Frage in meinem Kopf: Warum mache ich das nicht?“

Und bestimmt auch: Warum bin ich nicht selbst schon auf die Idee gekommen? 

„Ja, inzwischen weiß ich, warum man da nicht selbst drauf kommt: weil wir ganz anders trainiert sind. In der Schule heißt es ja immer: pass auf, hör zu, zeichne nicht nebenher, mach keine Doodles. Dabei gibt es inzwischen Studien, die beweisen, dass es sogar gut ist. Selbst wenn man nur doodelt, ist die Gehirnleistung höher, als wenn du nur zuhörst. Eigentlich hätte ich mit dem Sketchnoten schon viel früher anfangen müssen, das hätte mir auch im Studium sehr geholfen.“ 

Machst du deine Sketchnotes analog oder digital?

„Das Digitale hab ich jetzt erst angefangen. Ich bin auch jetzt immer noch ein Fan des Analogen, weil ich einfach eine Verfechterin des Haptischen bin – wir sitzen ja sowieso schon viel an Bildschirmen und am Handy. 

Arbeitet man analog und zeichnet auf Papier, hat das den Vorteil, dass man nicht so viel korrigiert. Du musst dich halt wirklich darauf einlassen, dass Sachen nicht perfekt sind, dass auch Rechtschreibfehler passieren können. Auf dem iPad kann man auch im Nachhinein noch viel korrigieren. Und das ist ja eigentlich nicht der primäre Sinn von Sketchnotes. Sketchnotes heißt nicht, etwas perfekt zu machen, sondern einfach schnell Sachen festhalten zu können.“ 

Du sagtest ja schon, dass wir in der Schule nicht gerade trainiert werden, zuzuhören und gleichzeitig zu zeichnen. Wie hast du gelernt, auf Konferenzen nicht nur dem Vortragenden zuzuhören, sondern das Gesagte auch gleichzeitig in deinen Sketchnotes festzuhalten?

„Da kann man eigentlich nur sagen: Immer wieder machen. Ich gehe super gerne auf Konferenzen wegen der Inhalte, nicht nur wegen des Networkings. Durch das Sketchnoten merke ich mir deutlich mehr. Dadurch, dass ich zuhören muss und nebenbei zeichne, muss ich mich ganz anders auf den Vortrag einlassen, als wenn ich mich einfach nur von den Inhalten berieseln lassen würde. Immer wieder machen und auch keine Angst davor haben. Es geht gar nicht darum, etwas super Schönes oder Perfektes zu machen. Es geht einfach darum, dir die Sachen mit visuellen Notizen besser merken zu können. Und je länger man das macht, desto besser wird man auch darin. Ich nutze dazu jede Gelegenheit, auch Elternabende in der Kita. Man muss wirklich üben, zuzuhören, zu filtern und das dann umsetzen.“

Würdest du sagen, man braucht dafür ein visuelles Denken?

„Ja, schon. Aber das hat sowieso jeder ein bisschen, man kann das aber auch trainieren. Es gibt Leute, die von Grund auf stärker visuell denken als andere. Ich bin Grafikerin, daher ist das visuelle Denken bei mir sehr ausgeprägt. Unsere Sprache ist super bildlich, man muss nur mal zuhören, wie wir reden. Zum Beispiel der Ausdruck ,das haben die gegen die Wand gefahren‘ ist ein reines Sprachbild, das man super gut visuell darstellen kann. Und diesen Prozess, auf solche Sprachbilder zu achten und visuell umzusetzen, kann man üben.“

Gibt es denn Grundformen oder Grundelemente beim Sketchnoten, mit denen man immer wieder arbeitet?

„Ja, es gibt ein visuelles Alphabet, aus dem man sich alle Grundformen zusammensuchen kann. Das ist etwas, das man einfach sehen üben muss. Das kann man trainieren, indem man Objekte, die man sieht, in Grundformen zerlegt. Es geht nicht darum, Kunst zu machen, sondern einfach zu zeichnen.“

Visuelle Grundformen, aus denen sich jedes Objekt zusammensetzen lässt. 

Schaust du dir die Sketchnotes im Nachhinein denn wirklich noch mal an? 

„Ja, das mache ich tatsächlich. Die helfen mir ganz stark dabei, mich wieder sehr genau an die Vorträge zu erinnern. Sketchnotes sind eine ganz andere Art der Erinnerung als Fotos. Da kann man Sachen zeigen, die man auf Fotos gar nicht zeigen kann – weil viele Situationen einfach auch so schnell vorbei sind, dass man sie gar nicht hätte fotografieren können. Wenn ich sie dann abends Revue passieren lasse und visuell festhalte, kann ich mir diese besonderen Momente auch noch lange Zeit später wieder in Erinnerung rufen.“

„Ich kann nicht zeichnen – dieser Satz ist meiner Meinung nach einfach nur antrainiert.“

Wenn man sich deine oder auch die Sketchnotes anderer anschaut, fühlt man sich schnell entmutigt und denkt: ich kann sowieso nicht zeichnen. Welche drei Tipps würdest du mir da geben? 

  1. „,Ich kann nicht zeichnen‘ – diesen Satz entkräfte ich in meinen Workshops immer deutlich, denn er ist meiner Meinung nach auch antrainiert. Es gibt wirklich Studien, die besagen, dass Kinder, bis sie in die Schule kommen, äußerst kreativ sind. Das spiegelt sich auch an ihren Zeichnungen wider. Die malen einfach drauf los und denken nicht darüber nach, ob die Perspektive jetzt stimmt oder, ob das gut aussieht. Dann kommen sie in die Schule und kriegen vielleicht mal eine drei, ihre Klassenkameraden kriegen bessere Noten. Und dann denken die Kinder natürlich: ,Das ist vielleicht nicht so meins, ich kann keine perfekten Bilder zeichnen.‘ Und genau das ist so schade, weil darum geht es ja nicht. Deswegen ein Tipp: erst mal die Angst verlieren und einfach loslegen. Einfach zeichnen, ohne Dinge zu hinterfragen oder unbedingt schön machen zu wollen.“
  2. „Sich andere anschauen und herauszufinden: Welche Stile gefallen mir? Bevorzuge ich Sketchnotes mit viel oder weniger Typographie? Wie clustern andere ihre visuellen Notizen? Wie bringen sie Struktur rein? Es geht gar nicht darum, sich konkret etwas abzugucken, sondern einfach darum, dass man aus dem Stil etwas für sich mitnimmt.“
  3. „Üben üben üben, und zwar bei jeder Gelegenheit. Auf Elternabenden, für Einkaufszettel, Partyvorbereitungen. Wenn man Sketchnotes für Vorträge üben will, dann eignet sich auch die Sendung mit der Maus. Im Workshop letztens habe ich beispielsweise eine Ausgabe zur Nudelherstellung gezeigt und die Teilnehmer dazu aufgefordert, die Herstellung mit Sketchnotes zu dokumentieren.“

Quelle aller Illustrationen: Nadine Roßa | Sketchnote-Love.com

Wenn ihr noch mehr zum Thema Sketchnotes erfahren wollt, könnt ihr hier Nadines Buch kaufen. 

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