Foto: Dmitry Ratushny/Unsplash

„Aktiviert dein Immunsystem“ – klingt schön, stimmt aber nicht

Wer sind „wir“ als Gesellschaft, was muss sich verändern und wo wollen wir hin? Das sind Fragen, auf die es mit jeder neuen Perspektive auch neue Antworten gibt. In unserer Kolumne „Reboot the System“ gehen ihnen deshalb verschiedene Autor*innen zu unterschiedlichen Themenbereichen nach. Heute mit: Natalie Grams

Gibt es eine „Kur“ fürs Immunsystem?

„Ey, dein Immunsystem muss mal wieder so richtig aktiviert werden!“, „Ich war ja zuletzt super viel krank, aber seit ich mein Immunsystem mit diesem Vitaminkomplex pimpe, geht’s mir super“ oder „Ich hatte ja früher immer Mandelentzündungen – durch die Immunoptimierung ist mein Körper jetzt aber gesund.“ Wer kennt das nicht? Solche Sätze fallen eigentlich immer, wenn man sich mit jemandem über Gesundheit unterhält – gerade jetzt im Winter und damit in der Erkältungsvirensaison. Befeuert werden diese – ich muss das leider so nennen – Glaubenssätze durch vielerlei Werbung, gerade im naturheilkundlichen Bereich, die kaum ohne den Zusatz „Aktiviert dein Immunsystem“ auskommt. Und wie so häufig bei Dingen, die sehr schön klingen, lohnt es sich, genau hinzuschauen, denn Gesundheit und gerade unser Immunsystem ist super komplex, und mit ganz einfachen Antworten liegt man meist falsch.

Individuell angemischte Vitaminpräparate zu Privatversichertenpreisen, Vitamin-B-Spritzkuren oder besondere Vitaminmischungen für Frauen in den Wechseljahren, ist da wirklich was dran? Die Antwort lautet: meistens nein. In den seltensten Fällen liegt bei Menschen hierzulande ein wirkliches Vitamin-, Spurenelement- oder Immunsystem-Defizit vor, ganz im Gegenteil können zu viele Vitamine Schaden – und zwar nicht nur im Geldbeutel – anrichten. Ein aktiviertes beziehungsweise überaktiviertes Immunsystem greift zudem den Körper selbst an oder verwirrt ihn zumindest heftig. Wir kennen das zum Beispiel von Autoimmunerkrankungen wie multiple Sklerose, rheumatoide Arthritis oder Typ-1-Diabetes, oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen (wie Morbus Crohn und Colitis ulzerosa) oder auch von Allergien. Hier reagiert das Immunsystem förmlich über und richtet sich gegen uns selbst beziehungsweise gegen an sich Harmloses wie Nahrungsbestandteile oder Pollen .

Präpariertes Immunsystem

Richtig aktivieren lässt sich unser Immunsystem eigentlich nur durch Krankheitserreger, gegen die die verschiedenen Bestandteile unseres Immunsystems gezielt vorgehen. Bei jedem „Einsatz“ lernt es dazu, merkt sich Krankheitserreger und Strategien und wird immer kompetenter. Das geschieht jedoch völlig ohne unser Zutun und kann von außen auch nicht beliebig beeinflusst werden. Selbstaktivierung sozusagen. Die einzige Maßnahme, die wir kennen, die diese Aktivierung gezielt ermöglicht, sind – und das wird jetzt vielleicht einige von euch überraschen – Impfungen. Dabei werden abgeschwächte und nicht mehr krankmachende Erreger dem Immunsystem so präsentiert, dass es lernen kann, ohne krank zu werden. Trifft es dann auf den echten Krankheitserreger, ist es schon präpariert und das Immunsystem kann in der Tat schneller und besser aktiv werden.

Es gibt noch andere Faktoren, die dem Immunsystem helfen, seine Arbeit sorgsam und zügig zu verrichten. Genügend Schlaf, viel Bewegung, eine halbwegs gesunde Ernährung, weniger Stress, mehr Ruhepausen und Regenerationsphasen. Dass beim Management von Beruf, Familie, persönlicher Entwicklung und Gesundheitsfürsorge der Wunsch nach einem einfachen Hilfsmittel, etwa diesem orthomolekularen Produkt oder jener Vitaminkur, naheliegt, kann ich sehr gut nachvollziehen und sehne mich ehrlich gesagt auch manchmal danach. Es möge einfach eine Spritze geben, danach ist man wieder gepimpt, aktiviert und gewappnet für alles, was da kommt. So verständlich dieser Wunsch ist, so unrealistisch ist er auch. Doch viele Werbeangebote suggerieren uns, dass hier etwas zu machen ist; der Markt und die Angebotspalette sind riesig. Vitamin C, Anti-Stress-Cocktails (oft individuell angepasst – body smart! – und mit Goldzusatz), Betacarotin, Antioxidantien, Radikalfänger, Mikronährstoffe … in jeder Zeitschrift, online, von Freund*innen empfohlen.

Es gibt keine Wunderlösung

Puh, was tun? Nicht auf die Verlockung hereinfallen und glauben, dass es hier eine Wunderlösung gäbe. Und auch nicht darauf hereinfallen, dass, wenn ihr eine solche Vitamin-XY-Lösung zu euch genommen habt und es euch danach besser ging, sie (allein) dafür verantwortlich war. Es kann unzählige Faktoren dafür geben, dass man eine Krankheit oder auch einen längeren krankhaften Zustand überwindet. In aller Regel ist dafür in der Hauptsache die Selbstheilungsfähigkeit unseres Körpers verantwortlich. Dieser sollten wir einfach mit großer Achtung und Dankbarkeit begegnen und diese Dankbarkeit nicht schmälern, indem wir an die Wirkkraft von zufällig zum gleichen Zeitpunkt eingenommenen Werbepräparaten glauben.

Reboot the Sytem! Weder für Vitamin C bei Erkältungen oder Selen gegen Krebs, noch für die orthomolekulare Ergänzung von Mikronährstoffen, noch für die Hochdosis-Vitamin D-Therapie gibt es verlässliche Nachweise, dass hier wirklich Positives geschieht. Auch Magnesium und Zink gegen ADHS, wie oftmals angepriesen, helfen nicht. Im Gegenteil hat man gesehen, dass zu viele Vitamine auch schaden können. So erhöhen Vitamin E und Betacarotine (Vitamin A und seine Vorstufen) unter anderem das Risiko für Lungenkrebs bei Menschen, die rauchen oder früher geraucht haben. Carotine können auch zu einer gelben Verfärbung der Haut führen, zu Verstopfung, Blähungen und Durchfällen. Deshalb empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung, die Beimischung von Carotinen in Nahrungsergänzungsmitteln zu begrenzen. Vitamin E kann das Sterblichkeitsrisiko erhöhen und Vitamin C macht im besten Fall einfach nur teuren Urin.

Vergesst auch nicht, dass manche Nahrungsergänzungsmittel Wechselwirkungen mit Arzneimitteln haben können. Sie sind, wenn sie schon nicht hilfreich sind, noch nicht mal gänzlich unschädlich. Auch das „Wundervitamin D“ hält nicht, was es oftmals verspricht. Weder für die Erkältungsprophylaxe im Winter noch für eine stimmungsaufhellende oder gar krebsverhindernde Wirkung liegen eindeutige Belege vor. Doch die medizinischen Fachgesellschaften sehen das teils total unterschiedlich und so empfehlen manche Hausärzt*innen zumindest im Winter (bei weniger Sonneneinstrahlung) Vitamin D zusätzlich einzunehmen, andere raten davon ab. Sogar bei der bisher unstrittigen Verbesserung der Knochenstruktur bei Osteoporose ist man sich heute nicht mehr ganz so sicher. In einer großen Metaanalyse zeigte sich überaschenderweise, dass Vitamin-D-Tabletten nicht wie erwartet vor Knochenbrüchen schützen. Auch das Sturzrisiko und die Knochendichte waren gegenüber der Vergleichsgruppe mit Placebo nicht signifikant besser. Alles nicht so einfach!

Kein Gießkannenprinzip

Insgesamt kann man sagen: Wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, bekommt hier meist alle Nährstoffe, die der Körper benötigt. Zusätzlich Vitamine oder auch Mineralstoffe einzunehmen ist also in aller Regel unnötig. Klar, kann es einem ein gutes Gefühl geben, auf dieses oder jenes Produkt zu setzen (Stichwort Placeboeffekt), aber Nachweise, dass sie wirklich wirken oder nötig sind, gibt es kaum. Manchmal kann es natürlich in besonderen Lebensphasen wie einer Schwangerschaft nötig sein, zum Beispiel Folsäure und Eisen zu ergänzen. Auch bei bestimmten Darmerkrankungen wie Morbus Crohn müssen einzelne Nährstoffe gezielt substituiert werden. Oftmals erfordert auch die vegane Ernährung die Ergänzung von einigen Vitaminen (zum Beispiel Eisen und Jod, B-Vitamine), Nährstoffen (Omega-3-Fettsäuren) und Eiweißstoffen. Dafür gibt’s dann aber jeweils auch Nachweise und eine klare Empfehlung von der*dem Ärzt*in, die nichts mit dem „Gießkannenprinzip“ des „viel hilft viel“ zu tun hat.

Ich möchte euch am Ende dieser Kolumne ein paar Fragen mit auf den Weg geben, die euch vielleicht helfen können, hier eine gute Entscheidung für euch zu treffen:

1.     Fragt euch ehrlich, warum ihr dieses Mittel einnehmen möchtet. Der Wunsch, das Immunsystem zu aktivieren oder zu stärken, sollte es nicht sein, denn das funktioniert einfach nicht. Liegt wirklich ein nachgewiesener Mangel vor oder habt ihr ein spezielles Risiko?

2.     Welche andere Möglichkeit habt ihr, eure Gesundheit und euer Immunsystem zu fördern? Dabei geht es oft darum, den inneren Schweinehund zu überwinden.

3.     Habe ich einen Nachteil, wenn ich auf das Mittel verzichte? Die Antwort ahnt ihr wahrscheinlich schon …

4.     Habe ich schon überprüft, ob es wissenschaftliche Belege für dieses oder jenes Mittel gibt? Auch das ahnt ihr wahrscheinlich schon …

Weniger ist also bei Vitaminzusätzen und anderen angeblichen Wunderpräparaten tatsächlich oftmals mehr. Woran es euch jedoch nicht mangeln sollte, ist das Vertrauen auf eure Selbstheilungsfähigkeit. Der Körper macht das schon – aller Werbung zum Trotz.

Am 18. Februar erscheint Natalie Grams‘ neues Buch, in dem sie ich mit Themen wie „Ihr Immunsystem muss einfach mal aktiviert werden!“ und „Jede durchgemachte Krankheit stärkt das Immunsystem?“ beschäftigt: Was wirklich wirkt: Kompass durch die Welt der sanften Medizin, Aufbau-Verlag, 18 Euro.

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

„Reboot the System“ ist eine Kolumne von verschiedenen Autor*innen im Wechsel. Mit dabei: Rebecca Maskos (inklusive Gesellschaft), Sara Hassan (Sexismus), Josephine Apraku (Diskriminierungskritik), Elina Penner (Familienthemen), Natalie Grams (Gesundheit / Homöopathie) und Merve Kayikci (Lebensmittelindustrie).

  1. Die überzeugende Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und dem Immunsystem

    * Gesundheitstraining ist ein Adjuvans für das Immunsystem, das die Abwehraktivität und die Stoffwechselgesundheit verbessert.
    * Die Daten stützen einen eindeutigen umgekehrten Zusammenhang zwischen moderatem Bewegungstraining und Krankheitsrisiko.
    * Bewegungstraining hat einen entzündungshemmenden Einfluss, der über mehrere Wege vermittelt wird.

    Quelle: Journal of Sport and Health Science 2019

    Mehr dazu im Onlinekurs Rückenkräftigungstraining für zuhause und Büro 2.0

  2. „Habe ich schon überprüft, ob es wissenschaftliche Belege für dieses oder jenes Mittel gibt? Auch das ahnt ihr wahrscheinlich schon …“

    Diese Frage lässt sich leider von vielen trotzdem nicht leicht beantworten. Wenn man im Internet sucht, findet man alle möglichen Studien, teilweise richtig zweifelhaft zustande gekommen, die irgendwelche Vorteile der angesprochenen Mittel belegen sollen. Wenn das Wissen fehlt, welche Quellen sind vertrauenswürdig, welche nicht oder wie erkennt man schlecht gemachte Studien oder wie erkennt man die Schwächen einer Studie, wird es schwierig. Vielleicht sollte der Artikel darauf auch eingehen oder auf entsprechende Quellen verlinken, die so etwas näher erläutern.

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