Foto: Maria-Helena Buckley

Polina Semionova: „Du verlierst dich, um dich schließlich selbst zu finden“

Jahrhunderttänzerin, Ausnahmetalent, Wunder: Was die Außenwelt über Polina Semionova schreibt, sagt oder denkt, manifestiert sich zurecht in großen, vor Enthusiasmus und Bewunderung sprühenden Begriffen. Was aber sagt die Künstlerin über ihr Leben, den Tanz, die Wahrnehmung der anderen? Ein Porträt.

„Manchmal ist es gut, von anderen zu hören, was sie über mich denken: Denn sie haben eine andere Wahrheit als ich. Was ich fühle, unterscheidet sich von dem, was außenstehende Menschen sehen. Und zwar nicht das Gesamtpublikum, sondern jede*r einzelne Zuschauer*in – ob 2000, 200 oder 2, das ist egal. Alle haben eine eigene Realität. Und auch einen eigenen Fokus in Bezug auf das, was sie sehen möchten. Welchen Menschen sie sehen möchten. Deswegen ist es gut, anderen zuzuhören, viele verschiedene Meinungen aufzunehmen. Aber für mich ist die Hauptsache das, was ich fühle. Denn ich kenne mich heute, ich kenne mich gestern, und ich werde mich auch morgen kennen.“

New York, St. Petersburg, Mailand, Tokio

Polina Semionova tanzen zu sehen, bedeutet: Alles andere wird ausgeblendet. Wer im Publikum sitzt, kann den Blick nicht von ihr abwenden. Polina besitzt eine Strahlkraft, über deren Einzigartigkeit sich die Welt einig ist, seit sie auf den großen Bühnen tanzt. New York, St. Petersburg, Mailand, Tokio. Ich selbst sah Polina Semionova zum ersten Mal in der Rolle der Nikia in „La Bayadère“. Das Besondere ist für mich, dass sie nicht nur mit dem Tanz, sondern auch mit der Musik verschmilzt. Sie verbindet alle Teile zu einer großen Geschichte.

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„Das ist für mich Meditation. Wenn du in eine andere Welt hinein darfst.“ Foto: Maria-Helena Buckley

Ich treffe Polina Semionova zum Interview – aus gegebenem Anlass – auf dem Bildschirm eines Laptops. Polina sitzt auf einem Sofa in einem von der Julisonne durchfluteten Raum ihrer Charlottenburger Wohnung, in der sie mit ihrer kleinen Familie lebt. Die letzten Wochen und Monate seien für sie nicht einfach gewesen, erzählt sie. „Die Bühne fehlt mir. Das ist zum einen etwas Physisches, mein Körper vermisst es. Aber auch die Seele vermisst die Atmosphäre der Bühnenwelt.“ Sie überlegt kurz. „Ich könnte nie im Leben meditieren. Aber die Bühne: Das ist die Zeit, in der man nicht über sich selbst, über sein Leben, über das, was man machen oder was man besser nicht machen sollte, nachdenkt … Und das ist für mich Meditation. Wenn du in eine andere Welt eintauchen darfst.“

Tanz ist die versteckte Sprache der Seele

Martha Graham

Die „andere Welt“. In der der Körper eine Sprache spricht, die unendlich viel erzählt, ohne dass auch nur eine Silbe zu hören ist. „Als kleines Kind war ich sehr scheu. Es war schwierig für mich, meine Emotionen zu zeigen, was ich fühlte, was ich dachte. Das war auch ein Grund, warum ich mit dem Tanzen angefangen habe. Weil ich das Gefühl hatte, ich kann auf diese Weise sprechen. Durch meine Bewegungen, durch meinen Tanz.“ Polina, die mit zwei Geschwistern in einem Plattenbau am Rand von Moskau aufwächst, beginnt früh mit dem Eiskunstlauf. Mit acht Jahren kommt sie an die renommierte Ballettschule des Bolschoi-Theaters in Moskau. Doch anders, als viele glauben, gilt Polina zunächst nicht als Wunderkind. „Es gab in der Schule noch keine hohen Erwartungen an mich. Denn ich war nicht die Beste, sondern eher mittelmäßig. Ich hatte auch nicht den Anspruch, die Beste zu sein. Aber ich wollte die Hauptrolle tanzen! Giselle, Carmen – ich wollte nicht nur Pas de deux, nein, ich wollte das ganze Ballett, mit Geschichte, mit einer Rolle!“

Als sie elf oder zwölf ist, findet ihr Vater irgendwo auf einem Straßenmarkt diese alten Videokassetten. Darauf zu sehen sind verschiedenste Produktionen klassischer oder neoklassischer Ballette. „Ich habe diese Ballette alle, alle, alle geguckt, von Anfang bis Ende. Das war mein Traum. Diese Hauptrolle zu tanzen.“ Die Lehrerin sieht in ihr aber nicht die Hauptrolle. Polina zweifelt an sich. Doch dann bekommt sie eine neue Lehrerin, eine, die an sie glaubt. Das verändert alles. „Willenskraft, Energie, Ehrgeiz – all das hat das Ballett in mir geweckt. Doch in mir drin war es schon. Vorher war der Eiskunstlauf, und auch hier ist es so: Fallen, aufstehen, fallen, aufstehen, und wenn du es nicht schaffst, weil es zu weh tut oder zu kalt ist, dann tschüss! Ich denke, ich hatte das von Geburt an. Auch, wenn ich schüchtern war: Diesen Willen habe ich immer gehabt. Ohne schafft man es nicht.“

Eine Zeit voller Adrenalin

Metropolitan Opera New York.
Foto: Alev Takil | Unsplash

Polina ist 17 Jahre alt, als sie nach Berlin kommt. Vladimir Malakhov, erster Solotänzer und damals gerade neuer Intendant des Staatsballetts, hat sie in der Schule des Bolschoi-Theaters entdeckt und sofort als erste Solistin engagiert. Das ist der Beginn einer ziemlich einzigartigen Karriere. Von 2011 bis 2016 tanzt sie unter anderem als Principal Dancer in New York am American Ballet Theatre. Während sie über diese Zeit spricht, strahlt sie wieder. Das sei eine intensive Zeit voller Adrenalin gewesen. „Die Metropolitan Opera ist riesig. Da ist eine unglaubliche Energie. Natalja Makarowa, Cynthia Harvey oder Mikhail Baryshnikov haben dort bereits getanzt – unglaublich. Dieses Umfeld machte mich nervös, gab mir aber auch Kraft. Ich liebte diese verrückte Zeit.“

Sie sagt, es sei wie eine Vorbereitung für Olympia gewesen. Jeder Tag bestehe ausschließlich aus Ballett. Von frühmorgens bis spätabends, im Grunde ohne Pause. „Das ist ein sehr anderes Leben gewesen als jetzt.“ Damit spielt sie auf den kleinen Menschen an, der vor dreieinhalb Jahren in ihr Leben gekommen ist. Das Muttersein habe auch die Bühnenperson Polina verändert. „All das – die Intuition, die Hormone, die Geburt, die Bereitschaft, dein Leben für diesen anderen Menschen zu geben – bringt ein anderes Verständnis in unseren Kopf. Und deswegen sehen wir Mütter auf der Bühne anders aus. Ich sehe das. Mit der Geburt meines Sohnes sind mir viele Dinge klarer geworden. Vielleicht ist deswegen die Geschichte auf der Bühne einfacher zu erzählen, denn du hast etwas Gigantisches erlebt in deinem Leben.“

„Nach der Vorstellung musst du eine Zufriedenheit bekommen.“ Foto: Maria-Helena Buckley

Viele Medien schreiben über sie, dass sie mit Lob nicht umgehen könne und nie wirklich zufrieden sei. Polina schüttelt sachte den Kopf. „Ich war immer sehr kritisch mit mir selbst. Aber nach der Vorstellung musst du auch eine Zufriedenheit verspüren. Denn die Zeit ist kurz. Es geht so schnell weg. Und wenn du so viele Schmerzen und Schwierigkeiten hast und dann auch noch andauernde Unzufriedenheit – dann fragt man sich, wofür man das alles macht.“ Wenn Menschen über sie schreiben, denken oder sprechen, dann sieht das Polina zunächst immer als Unterstützung. Über gute Kritik freue sie sich, bekomme deshalb aber keine „hohe Nase“. Und was ist mit negativer Kritik? Polina lacht. Natürlich mache sie das traurig. Aber sie sei es auch noch von der Ausbildung gewohnt. „Unsere Lehrerin war sehr kritisch, ich habe kaum etwas Gutes von ihr gehört. Auch in meiner Familie ist es ein bisschen so: Die eigenen Kinder sollen kein gutes Wort bekommen.“

„Es geht um dich, um deinen Körper“

Ich frage Polina, ob sie es bei ihren Kindern anders machen möchte, und die Antwort kommt sehr schnell: „Ja! Und ich sehe, dass mein Sohn – wenn ich sage: Ja, du machst das wirklich gut! – immer weiter probiert, bis er es schafft. Es klappt besser, es funktioniert besser.“ Polina ist 31, als sie schwanger wird. Und sie muss es aushalten, dass viele Leute darüber schreiben und die Schwangerschaft zum öffentlichen Thema machen. Für Polina ist klar, dass sie nach der Geburt ihres Kinder auf die Bühne zurückkehren möchte. „Wenn ich bis zum Ende der Karriere gewartet hätte, dann hätte ich vielleicht nicht zurück gekonnt. Möglicherweise hätte ich mit 39 oder noch früher mit dem Ballett Schluss machen müssen und das wollte ich nicht.“ So hart das klingt: Die Bühnenkarriere einer Ballerina ist im Schnitt mit vierzig Jahren vorbei, der Körper hält den enormen, teilweise auch unnatürlichen Belastungen immer weniger stand. „An die Meinungen und Kommentare, die von außen kamen, habe ich überhaupt nicht gedacht. Denken wir dreißig Jahre weiter, da würde keine dieser Meinungen mehr existieren, dein Kind aber schon. Es geht um dich, um deinen Körper. Nur das ist wichtig.“

Besessenheit ist der Motor. Verbissenheit ist die Bremse

Rudolf Nurejew

Wie aber ist das auf der Bühne? „Jahrhunderttänzerin“. „Ausnahmetalent“. „Wunder“. Wie schafft es die große Polina Semionova, die immensen Erwartungen des Publikums, der Medien respektive die ganze Außenwelt auszublenden und diesen einen alles entscheidenden Moment für sich selbst herauszufiltern? Die Intuition, sagt Polina, spiele eine große Rolle. „Du verlierst dich, um dich schließlich selbst zu finden, auf der Bühne. Diese Momente ermöglichen dir, wegzudriften, das ist die goldene Sekunde.“ Die „goldene Sekunde“ zu erreichen, sei aber nicht einfach, denn auch der Geist leiste während der Vorstellung Schwerstarbeit. Eine Tänzerin müsse an die Technik denken, an die Performance. Wenn etwas schief gehe, müsse sie sofort reagieren. Und dann sei da noch die Kraft: Sobald der Gedanke an Ermüdung da ist, drehe sich im Kopf alles nur noch darum. „Es gibt Rollen, die sind sehr dramatisch, Manon zum Beispiel, da ist mehr Raum für diesen Moment des Sichverlierens als bei Stücken wie Schwanensee, Dornröschen oder Nussknacker, wo alles von Vornherein feststeht.“ 

„Man muss hineintauchen, mit allem, was man hat.“ Foto: Maria-Helena Buckley

Der große Tänzer Rudolf Nurejew sagte mal, Besessenheit sei der Motor, Verbissenheit sei die Bremse. „Ich denke, um etwas Gutes zu lernen, muss man ein bisschen ,obsessed‘ sein. Man muss eintauchen, mit allem, was man hat.“ Die Bühne ist der Ort, an dem Polina sich selbst findet, an dem sie eine Geschichte erzählt, an dem sie eine Sprache beherrscht, die ohne Worte auskommt. „Das ist meine Welt, meine Seele. Du verkörperst ganz verschiedene Rollen, die du in deinem realen Leben nie sein kannst. Aber komischerweise komme ich durch diese anderen Leben zu mir selbst. Ich fühle mich besser. Ich akzeptiere mich selbst besser. Deswegen ist es für Tänzer*innen und Künstler*innen so schwierig, wenn es zu einem Ende kommt. Wenn du die Bühne verlassen musst: Du verlässt deine Welt, du verlässt dein Zuhause – das Zuhause deiner Seele.“

So weit ist es aber noch nicht. Polina Semionova ist 35 Jahre alt und sie möchte selbst entscheiden, wann sich ihre Karriere verändert, wann sie eine andere Richtung einschlägt. „Wenn ich wirklich aufhöre, möchte ich sagen können: Ich habe alles gesagt. Ich habe alles erlebt. Ich bin glücklich und bereit dafür, die Bühne zu verlassen. – Das kann ich jetzt noch nicht. Ich habe noch nicht alles gesagt. Es gibt Räume, in denen ich noch nicht war.“ Dann macht Polina eine kurze Pause und sagt schließlich: „Ich denke, es ist nur wichtig, auf sich selbst zu hören und nicht auf andere Meinungen. Du musst dir selbst vertrauen und diese Kräfte finden, die dich hören und wissen lassen, was für dich persönlich wirklich gut ist. Und nicht, was die Welt denkt, was für dich gut ist.“

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