Foto: Eduard Militaru/Unsplash

Corona: Wie ich als Risikoperson versuche, mit der Angst umzugehen

Wer sind „wir“ als Gesellschaft, was muss sich verändern und wo wollen wir hin? Das sind Fragen, auf die es mit jeder neuen Perspektive auch neue Antworten gibt. In unserer Kolumne „Reboot the System“ gehen ihnen deshalb verschiedene Autor*innen zu unterschiedlichen Themenbereichen nach. Heute mit: Rebecca Maskos

Angriff auf meine Schwachstelle

„Dieses Corona-Virus? Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Das ist ja weit weg, in China. Und falls das hier auch ankommen sollte, dann bleiben Sie einfach mal ein paar Wochen zu Hause“. Es ist Januar, ich sitze bei meinem Hausarzt. Ein normaler Check-up-Termin, wir sprechen über Impfungen. Ich habe zum Glück alle wichtigen gerade durch. Sage ihm, dass mich dieses neue Virus doch etwas besorgt. Denn schließlich kann eine Lungenentzündung für mich schlimm ausgehen. Meine Wirbelsäule ist s-förmig verkrümmt, wodurch meine Lungen nicht genug Platz zum Atmen haben. Auch mein Lungengewebe funktioniert nicht so gut, wie es sollte. Wie viele Menschen mit Glasknochen in meinem Alter, nutze ich deshalb seit einigen Jahren nachts ein Beatmungsgerät und muss meine Atmung regelmäßig checken lassen. Dass dieses Virus mich ausgerechnet an meiner Schwachstelle „angreifen“ könnte, macht mich schon früh nervös.

Andererseits – eigentlich kommt mir mein Immunsystem seit Jahren ziemlich stabil vor. Erkältungen brechen oft kaum aus. Und ja, dieses Virus ist ja weit weg. Ein paar Wochen zu Hause bleiben? Es wäre nicht das erste Mal in meinem Leben. Durch viele Knochenbrüche im Kindesalter kenne ich das schon lange, und auch als Erwachsene war ich manchmal so lange krank oder geschwächt, dass ich wochenlang nicht raus konnte. Es hat mich immer schwer genervt und traurig gemacht, denn genau das Gegenteil brauche ich, um ausgeglichen zu sein: Raus gehen, unterwegs sein, Sachen erleben, Leute treffen. Aber #staythefuckhome gehörte immer schon phasenweise zu meinem Leben dazu.

Covid-19 ist da

Jetzt, Ende März 2020, sieht meine Welt völlig anders aus. Covid-19 ist hier. Seine Tragweite wurde mir erst vor wenigen Wochen bewusst. Es ist hochansteckend. Es wird im Sommer nicht weggehen. Zwei Drittel der Bevölkerung werden sich damit infizieren. Eine Impfung oder ein Medikament gibt es nicht. Es verläuft besonders für gefährdete Personen oft tödlich. In Italien lässt man manche von ihnen sterben, weil es nicht genug Beatmungsplätze gibt. Jedes Mal wenn ich online gehe, dreht sich die Eskalationsspirale weiter nach oben. Ich öffne Twitter und erfahre, wie genau es sich anfühlt, wenn man an Covid-19 stirbt. Meine emotionale Achterbahnfahrt kennt lange Zeit nur eine Richtung: Abwärts.

Schock, Leugnung, Angst, Trauer. Meine Gedanken fahren in der ersten Zeit Karussell. Es sind vor allem zwei Befürchtungen, die immer mitfahren. Erstens: die Angst vor der Ansteckung. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn ich mir das Virus einfange und es meine Lunge befällt. Wenn ich ins Krankenhaus muss, und Ärzt*innen vielleicht darüber entscheiden, ob mein Leben die Behandlung auf der Intensivstation wert ist. Zweitens: die Perspektive. Alle stöhnen unter der Kontaktbeschränkung, dem „Physical Distancing“, niemand weiß, wie lange dieser Ausnahmezustand andauern wird. Aber alle rechnen damit: Nach ein paar Wochen dürfen sie wieder raus.

Ein völlig anderer Zeithorizont

Mein Zeithorizont sieht momentan anders aus. Nach allem, was bisher über das Virus bekannt ist, denke ich an Monate, vielleicht Jahre. Wenn ich sichergehen will, mich nicht anzustecken, müsste ich eigentlich bis zur Impfung warten. Und die gibt es frühestens in einem Jahr, sagen Virolog*innen. Was mache ich bis dahin? Kann ich 2020 überhaupt noch raus? Mit wem kann ich mich treffen? Nur draußen? Nur wenn die andere Person Mundschutz trägt? Wen darf ich umarmen?

Was ist mit meinem Liebsten, der mit mir die Wohnung teilt? Noch ist er mit mir in freiwilliger Quarantäne, geht mir zuliebe nicht raus. Freund*innen bringen uns die Lebensmittel. Was aber, wenn er wieder raus muss aus dem Home Office? Oder soll ich zurück zu meinen Eltern ziehen, die in einer bislang kaum von Corona belasteten Kleinstadt leben? Nehmen sie die Quarantäne-Regeln so ernst wie ich? Sind sie nicht ebenso gefährdet? Wie lange wird das alles dauern?

Angst und Wut

Tausend Fragen stürmen auf mich ein. Es macht mich depressiv und ängstlich. Die ersten Tage in Quarantäne stehe ich völlig neben mir. Auch Wut kommt dazu. Auf Leute, die immer noch rausgehen, sich treffen, einfach nicht verstehen, dass es sich nicht allein um ihre Gesundheit dreht, sondern um die anderer. Die sich nicht informieren, weil die „Alten und Schwachen“ weit weg von ihrem Leben sind und es für sie ja nur „eine Erkältung“ sein wird. Auf Leute, die die Abstandsregeln als autoritär und überflüssig verstehen und sich rebellisch dabei vorkommen, sie zu unterlaufen.

Erst langsam kommt so etwas wie Akzeptanz und Normalität in mein Leben. Ja, die Situation ist extrem, sie ist potenziell lebensgefährlich für mich. Aber sie ist nicht hoffnungslos. Vielleicht gibt es irgendwann Medikamente. Vielleicht muss ich jetzt gar nicht wissen, was in vier Monaten ist. Vielleicht stehe ich das alles durch. Vielleicht ist es eine Chance, meine Schreibprojekte fertig zu bekommen. Und es gibt eine Menge Solidarität. Freund*innen schreiben mir Nachrichten, rufen mich an, fragen, wie es mir geht. Mein Liebster und ich bekommen dutzende Hilfsangebote.

Ignorierte Bitten

Zum ersten Mal erlebe ich, dass sich eine breite Öffentlichkeit mit dem Schutz vor Infektionen beschäftigt, mit ganz einfachen Dingen wie Hände waschen, Abstand halten, und vor allem Zuhausebleiben, wenn man sich krank fühlt. Dinge, auf die behinderte Menschen seit Jahren hinweisen, weil für manche von uns auch banale Infekte schnell gefährlich werden können: Bitten, die meist ignoriert wurden unter dem Druck von Vorgesetzten und verinnerlichter Leistungsbereitschaft. Plötzlich sind auch digitale Lösungen nicht mehr eine exotische Spielerei für Nerds: Konferenzen finden online statt, Veranstaltungen werden gestreamt, Home Office ist normal. Behinderte Menschen fordern diese Art von Barrierefreiheit schon lange, doch bisher tat man das oft als „zu teuer“ oder „nicht umsetzbar“ ab.

Und dann gibt es da noch die anderen aus der #Risikogruppe. In sozialen Medien organisieren sich behinderte Menschen, denen es genauso geht wie mir. Dem unsichtbaren Kollektiv der „Alten und Schwachen“ geben sie Namen und Gesicht. Auch in meinem Freund*innenkreis vernetzen sich behinderte Menschen, die Covid-19 gefährdet. Ich merke: Ich bin ganz schön privilegiert. Ich habe eine Wohnung, die groß genug ist für meinen Partner und mich. Ich kann zu Hause arbeiten und bin für eine längere Zeit finanziell abgesichert. Ich brauche keine Assistenz beim Waschen oder Anziehen – ich kann Sozialkontakte von mir fern halten. Andere brauchen täglich Unterstützung, von Personen, die im Schichtdienst zu ihnen kommen. Wenn eine Assistenzperson Covid-19 hat, ist das doppelt schlimm: Sie kann die behinderte Person anstecken, und in einer langen Periode der Quarantäne, Krankheit und Erholung brechen womöglich Assistenzteams ein.

Die Welt in einem Jahr

Ich stehe noch immer fassungslos vor diesem neuen Leben, vor dieser Zäsur. Ich habe mich mittlerweile etwas darin eingerichtet, versuche „das Beste draus zu machen“ und mich so weit es geht zu schützen. Manchmal, wenn ich es nicht schaffe, im Hier und Jetzt zu bleiben, stelle ich mir die Welt in einem Jahr vor. Denke daran, dass viele von uns liebe Menschen verloren haben werden. Dass die Situation von Geflüchteten, Obdachlosen, gewaltbetroffenen Menschen noch dramatischer geworden sein wird. Dass wir darum kämpfen werden müssen, eingeschränkte Grundrechte wieder einzufordern. Und dass wir uns mit einer Weltwirtschaftskrise auseinandersetzen werden. Und, dass vielleicht auch die Letzten verstanden haben werden: Menschen sind verletzlich und abhängig voneinander. Nur in unterstützender Kooperation können wir nicht nur überleben, sondern auch gut leben.

Reboot the System“ ist eine Kolumne von verschiedenen Autor*innen im Wechsel. Mit dabei: Rebecca Maskos (inklusive Gesellschaft), Sara Hassan (Sexismus), Josephine Apraku (Diskriminierungskritik), Elina Penner (Familienthemen), Natalie Grams (Gesundheit / Homöopathie) und Merve Kayikci (Lebensmittelindustrie).

  1. Ich muss echt sagen, dass Sie mir aus der Seele sprechen und schreiben. Ich empfinde es genauso und habe auch die gleiche Angst, die einfach nicht weggeht, weil Sie allgegenwärtig ist und man ja auch wirklich nur negative Schlagzeilen hört und liest. Vielen Dank für diesen Bericht. Er zeigt mir und bestimmt auch ganz vielen anderen Risikopatientinnen und -patienten, das wir auch nicht alleine sind. Sondern das wir momentan alle Angst haben und zusammenhalten müssen. Bleiben Sie gesund.

  2. ich bin auch Risikopatientin (Lunge u.a.), zudem noch komplexe PTBS u.einiges andere.. Ängste, kaum Sozialkontakte, kaum körperliche Nähe, Rückzug, Meidung von Menschengruppen gehören seit jahren zu meinem Alltag. Ich habe mich anfangs sehr intensiv damit auseinandergesetzt wie es wäre, nun an Covid zu sterben. Bis ich an den Punkt kam, dass ich es annehmen wollen würde. Wenn es so kommt, dann ist es so.
    Was nicht heißt, dass ich mich nicht schütze oder unvorsichtig bin, nein. Aber ich weigere mich, mir nun von dieser Angst noch den rest an Lebensqualität nehmen zu lassen und das fängt mit dem ersten Schritt an, dass ich so gut wie keine Massen-Medien mehr zum Thema Corona konsumiere, weil das eben nur runter zieht und letztlich kaum Fakten und viel Angstmacherei dahinter ist. Heute ist es das, morgen ist es jenes. Da wird soviel manipuliert gerade oder mit Schreckensbilder und Nachrichten hantiert, um Leserinteresse zu wecken. Das hat nichts mit mit Darstellung von Meinungsvielfalt zu tun und ist sehr oft auch sehr verantwortunglos.

    Ich kann diese Abstinenz nur empfehlen.. Lieber sich wenige zuverlässige INformationsquellen suchen, damit die tatsächlichen Fakten nicht völlig an einem vorüber ziehen. Schon allein lässt die Angst beruhigen.

    Wir haben es eben nicht unter Kontrolle und Statistiken sagen nichts über einzelne Personen aus:Irgendwann werde ich sterben und ich weiß nicht wann und woran, vielleicht bald, vielleicht an Covid19. Für mich ist diese Krise auch wichtig, mir das wieder bewußt zu machen und die tage, die ich noch habe, bewußter zu erleben. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem halben jahr an Covid oder an was anderem sterbe, will ich nicht denken, dass ich das letzte halbe Jahr komplett vergeudet habe, weil mich eine Angst verrückt gemacht und mir unendlich viel von meiner Zeit und Energie gestohlen hat.

    Und wenn dieses Chaos noch länger dauert und das wird es vermutlich, bis dieser Virus nun unter Kontrolle ist und dann steht der nächste Virus sicher auch bald in Startlöchern, würde ich mir wünschen, dass diese Gesellschaft diese Krise als Chance begreift, manches anders zu machen. Auch eine Wirtschaft braucht Menschen, vielleicht verschiebt sich da die Wertigkeit etwas, so dass der mensch und das Menschsein wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt wird. Ich glaubs zwar nicht, aber Hoffnung darf man haben. Die stirbt ja zuletzt…

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.