Foto: Nike Martens

Corona und Einsamkeit: „Sehnsucht danach, die Menschen zu sehen und zu hören”

Die Anweisungen, um uns alle vor dem Corona-Virus zu schützen, sind klar: Zuhause bleiben, zwei Meter Abstand zu anderen Menschen halten, soziale Kontakte auf ein Minimum beschränken. Was aber macht das Alleinsein mit uns? Und wie gehen wir mit Einsamkeit um? Ein Interview mit Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf.

Mareice Kaiser: „Ich habe riesengroße Angst vor Vereinsamung“ schrieb mir kürzlich eine Freundin. Viele Menschen haben aktuell Angst vor Einsamkeit. Was genau bedeutet Einsamkeit?

Elisabeth Raffauf: „Im Moment ist die Situation natürlich verschärft für Menschen, die alleine sind. Um Einsamkeit zu verstehen, kann man schauen: Was bedeutet es eigentlich, nicht einsam zu sein? Man sieht: Es gibt Menschen, denen bin ich wichtig. Ich habe das Gefühl, dass ich wichtig und wertvoll bin. Ich bin ein Teil dieser Welt. Wenn ich das nicht habe, denke ich: Es ist vielleicht egal, was ich mache. Niemand interessiert sich für mich. Vielleicht ist es sogar egal, ob ich auf dieser Welt bin.“

Wie fühlt Einsamkeit sich an?

„Einsamkeit ist ein Gefühl, das mit Scham behaftet ist. Wir wollen das gar nicht spüren und wir wollen oft auch nicht zugeben, dass wir einsam sind.“

„Ich habe richtig Angst vor Vereinsamung, knochentiefsitzende Angst.“

Ist Einsamkeit uncool?

„Ja, das kann man schon so sagen. Wer geht schon raus und sagt: ,Hallo, ich bin einsam.‘ Das muss man sich erstmal selbst eingestehen und merken: Mir fehlt etwas. Der erste Schritt kann dann sehr schwierig sein. Und viele der Schritte, die einem vielleicht zuerst einfallen – mal in eine Kneipe gehen, sich einem Verein anschließen – funktionieren in unserer aktuellen Situation gar nicht. Und dann ist da immer ist auch die Sorge, abgelehnt zu werden.“

Wo ist die Grenze zwischen Alleinsein und Einsamkeit?

„Einsamkeit ist nicht frei gewählt. Alleinsein ist frei gewählt, ich kann allein sein und aber auch wieder zusammen. Wenn ich bewusst ins Alleinsein gehe, ist das ganz anders als einsam zu sein und keine Idee zu haben, wie man da wieder herauskommt. Ich merke das daran, dass es mir nicht gut geht. Dass ich traurig bin und mich frage: Wer interessiert sich eigentlich für mich? Wen interessiert es, was ich tue?“

Unsere aktuelle Situation ist nicht frei gewählt. Was können wir tun gegen die Vereinsamung von Freund*innen oder uns selbst?

„Das Internet und die Möglichkeiten Kontakt aufzunehmen, können eine gute Brücke sein. Da traut man sich eher mal, jemandem zu schreiben oder sich einer Gruppe anzuschließen. Das kann außerhalb der akuten Situation auch der erste Schritt sein für die weiteren Schritte in der Realität. Aktuell müssen wir auf diese Schritte verzichten. Die müssen jetzt erstmal verschoben werden.“

Mir hilft es, die Gesichter meiner Kolleg*innen in Videokonferenzen zu sehen. Was kann noch helfen?

„Gesichter zu sehen, hilft auf jeden Fall. Es gibt eine Sehnsucht danach, die Menschen zu sehen und zu hören. Im Moment ist das ja das Maximum. Eine Verabredung bei Skype zum Frühstück zum Beispiel. Das ist mehr als Telefonieren, es werden mehr Sinne beansprucht.“

Was fehlt, sind Berührungen. Zumindest bei Menschen, die ganz alleine zu Hause sind. Kann man die ersetzen?

„Ich glaube, dass es gut ist, sich selber zu berühren. Das Gefühl, sich zu spüren.“

Ein Plädoyer für Masturbation?

„Das ist eine Möglichkeit. Aber auch andere Berührungen sind gut. Man kann sich auch eincremen, oder sich selbst umarmen oder streicheln. Es muss nicht unbedingt sexuell sein, kann es aber natürlich.“

Menschen, die ohne Berührungen leben, werden manchmal auch aggressiv und gewaltvoll. Was meinen Sie, gesamtgesellschaftlich: Werden wir in den kommenden Wochen mehr Solidarität erleben, oder mehr Egoismus und Gewalt?

„Beides. Auf der einen Seite sehen wir ja schon egoistisches Verhalten. Auf der anderen Seite aber auch viel Solidarität von Menschen, die sich um andere kümmern.“

Was können wir alle jetzt akut tun?

„Wichtig ist, zu überlegen: Was brauche ich? Was tut mir gut? In welchen Situationen geht es mir gut? Brauche ich Musik? Oder Telefongespräche? Brauche ich eine Aufgabe? Ich habe von einem Autoren gelesen, der eine Reise durch sein Zimmer gemacht hat in 42 Tagen. Kann ich mit meiner Fantasie etwas anfangen? Und natürlich ist es auch gut, wenn wir uns um andere kümmern. Für die anderen und für uns selbst. Vielleicht kann ich für jemanden einkaufen oder jemanden anrufen, von dem ich weiß, dass er alleine ist. Wir alle sind nun auf uns selbst gestellt. Es kann auch eine Zeit der Selbsterkenntnis sein. Wir werden viel über uns selbst erfahren.“

Für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist diese Zeit besonders schwer.

„Das stimmt. Es gibt keinen Schalter, den man umlegen kann und dann ist alles gut. Für Menschen mit Ängsten oder Angststörungen ist es wichtig, dass sie in Kontakt mit anderen Menschen bleiben. Die Angst kann auf mehrere Schultern verteilt werden. Achtsamkeitsübungen helfen manchmal für einen Moment, aber dauerhaft braucht es therapeutische Begleitung. Ich selbst biete aktuell Skype-Beratungen an, andere Kolleg*innen machen das auch.“

Die Situation ist für uns alle schwer. Mir selbst hilft es manchmal, an die Zeit „nach Corona“ zu denken. Was meinen Sie, was wir dann gelernt haben können?

„Vielleicht die Besinnung auf Werte. Was uns wirklich wichtig ist. Wie schön es ist, dass wir zusammen essen können. Wie schön es ist, zusammen zu spielen. Wie schön es ist, dass ich andere Menschen habe! Möglicherweise werden wir uns danach mit viel mehr Wertschätzung begegnen als vorher. Das wäre schön.“

Ja, das wäre schön. Vielen Dank für das Gespräch.

Elisabeth Raffauf ist Diplom- Psychologin. Sie arbeitet in Köln in freier Praxis mit Jugendlichen und Erwachsenen und als Supervisorin von Teams. 21 Jahre lang war sie an einer Erziehungsberatungsstelle. Heute leitet sie freiberuflich Gruppen für Eltern von Jugendlichen und hält Vorträge.

  1. Ich habe einiges erleben, erleiden müssen. Lebe seit 3 Jahren unter Panikanfällen. Schlafe nur, wenn mein Körper irgendwann aufgibt. Bin 5 oder gar mehr Tage wach, halte mich regelrecht an das wachsein. Habe Angst zuschlafen, denn dann kommen die Träume von dem erlebten zu mir zurück. Ja ich Träumeauch am Tage immer von meinem erlebten.
    Ja… ich bin nicht nur einsam. Laut Ärzte bin ich in der Spirale fest integriert zu vereinsamen. Aus Angst verlasse ich meine 4 Wände nur noch um mitmeinem Hund zu gehen. Ohne würde ich garnicht mehr raus kommen. Corana ist kein Problem für mich, habe seit3 Jahren keinen oder nur sehr extrem selten Kontakt zu Menschen. Ich drehe mich ständig um, werde ich verfolgt, werde ich wieder eingefangen, fixiert und mir meine Freiheit entzogen. Höre ich Sirenen, sehe ich Menschen in Uniform, ich suche sofort nacht etwas, wo ich mich verstecken kann.

    Leute…
    Ihr seit nicht allein und erst recht nicht einsam. Ihr könnt telefonieren oder anderes Kontakt aufbauen.

    Es gibt leider Menschen wie mich, die wirklich Einsam sind…
    An die müsst ihr euch ein Beispiel nehmen!

    Ich träume täglich davon, was ist, wenn ich nicht mehr leben würde…. wie schön wäre es…
    Nein Suizid Gedanken sind etwas anderes!

  2. Liebe Mareice, liebe Leserinnen,
    guter Artikel ! Die derzeit aufgezwungene Vereinsamung zwingt zu einer Standortbestimmung. Wieviel Nähe brauche ich und wieviel davon ertrage ich überhaupt? Im normalen Berufsleben geht mir Nähe manchmal gewaltig auf den Keks und ich setze durch ‚laßt mich in Ruhe‘. Und nun bekomme ich davon 100% und ich strauchele – ist auch nicht die Wolke allein zu sein. Was tue ich ? – ich spreche mit meinen Haustieren (2 Hunde. 2 Katzen), ich telefoniere und skype auch. Ich frage meinen Herrn Jesus was er mich mit dieser Situation lehren will. Die Antwort ist: komm zu mir denn ich mache dich stark dies zu überstehen und weiter zu mir zu finden. Ralf Zimmermann, Worms, 60 Jahre, 7 Kinder. Ich wünsche Euch Gottes Segen und Bewahrung.

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