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Sarah Kuttner: „Trash-Serien spülen mir das Gehirn frei“

In ihrem Podcast sprechen Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier einmal die Woche auf sehr unterhaltsame und humorvolle Weise über alles, was sie serientechnisch gerade bewegt. Uns haben sie verraten, welche Serien man unbedingt schauen sollte – und welche besser nicht.

Let´s bingewatch!

„Hast du schon die neue Folge XY gesehen?” – egal ob auf einer Party, in der Büroküche oder bei einem Abendessen mit Fremden, diese Frage rettet Menschen oft vor unangenehmer Stille. Denn zu Serien und Fernsehsendungen hat fast jeder eine Meinung. Wir „binge-watchen”, „spoilern”, ärgern uns über fiese „Cliff-Hanger” und teilen uns zu viert Netflix-Accounts – während nur einer dafür zahlt. Neue Serien können zu abendfüllenden und leidenschaftlichen Diskussionen verleiten.

So ging es auch Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier regelmäßig auf ihren gemeinsamen Hundespaziergängen. Irgendwann dachten die beiden, warum diese Diskussionen nicht öffentlich führen? Und genau das machen sie nun bereits in der dritten Staffel ihres Podcasts „Das kleine Fernsehballett”, den man bei Deezer hören kann. Dort diskutieren sie – manchmal mit Gästen, manchmal zu zweit – einmal wöchentlich neue Serien-Highlights, alte All-Time-Favorits und großartige sowie grausame Fernsehsendungen. Uns haben sie im Interview verraten, warum sie so gerne Fernsehen schauen, Stranger Things die überschätzteste Serie aller Zeiten ist und welche Serien man stattdessen unbedingt schauen sollte.

Warum ist Fernsehen so eine geile Sache?

Sarah: „Generell glaube ich, dass Auf-ein-bewegtes-Bild-starren unterhaltsam und entspannend ist. In dieser Zeit muss man körperlich und gedanklich selbst nichts machen, sondern kann abschalten und etwas mit sich machen lassen. Das ist jedenfalls das, was mich daran oft kriegt. Ich schaue oft zur Entspannung, gar nicht so sehr zur Unterhaltung oder gar zur geistigen Stimulation Fernsehen. Könnte man ja theoretisch auch machen, aber das ist dann ja mit ,Arbeit’ verbunden.”

Stefan: „Das ist bei mir auch so. Nach Hause kommen, den Fernseher anmachen, sich berieseln lassen. Ich bin auch ein furchtbarer Zapper, dank Netflix inzwischen zwar weniger, aber früher habe ich mich wirklich quer durchs Programm gezappt. Bis ich irgendwo hängengeblieben bin, nicht wirklich glücklich, aber um eine verschwendete Stunde reicher.”

Sarah: „Es spült einem so gut den Kopf frei. Gerade beim Zappen begegnet einem so viel egaler Kram, das ist fast wie eine Darmspülung für den Kopf.”

Warum sind Serien so ein emotionales Thema?

Stefan: „Naja, Fernsehen spricht ja erst einmal etwas Emotionales in uns an, es macht etwas Emotionales mit einem. Meistens schauen wir ja alleine Fernsehen und der Podcast, das ist das Tolle, ist dann der Moment, in dem wir den sozialen Aspekt nachholen können: ,Wie fandest du die Szene oder den Spin?’“

Sarah: „Das klassische Schulhofgespräch am nächsten Tag. Ich könnte auch in Bezug auf andere Sachen so emotional werden. Etwas, das dich berührt und etwas mit dir macht, teilst du mit jemand anderem, der eventuell die gleiche oder eine andere Meinung dazu hat. Und zack, entsteht ein Gespräch. Das passiert Leuten ja auch bei Wein oder Essen oder Kleidung. Im Grunde kann man über alles streiten.”

Aber bei euch beiden funktioniert es übers Fernsehen?

Sarah: „Wir können auch über andere Dinge – außer über Wein – streiten, aber wir lieben Fernsehen eben beide sehr. Und so ist ja auch der Podcast entstanden: Wir haben privat, auf unseren Spaziergängen dauernd über Serien gesprochen.”

Stefan: „Aber, ich glaube, das Besondere bei der Art wie wir Fernsehen schauen, ist tatsächlich, dass wir erst alleine konsumieren und hinterher darüber sprechen. Wein trinkt man ja auch schon zusammen …”

Sarah: „… oder auch alleine.”

Über welche Serie habt ihr euch am leidenschaftlichsten gestritten?

Sarah: „Am Uneinigsten waren wir uns tatsächlich bei ,Stranger Things’.”

Stefan: „Bei der ersten Staffel waren wir noch weiter auseinander als jetzt bei der zweiten. Die erste fand ich super und war so richtig glücklich darüber in der Pilotfolge des Podcasts, die wir nicht ausgestrahlt haben.”

Sarah: „Das war so ungewöhnlich, Stefan ist gar nicht oft so richtig glücklich über Serien. Und dann tat es mir super leid, dass ich die Serie einfach wirklich nicht gut fand. Für die Pilotfolge war das allerdings gut, weil wir so richtig streiten konnten. Nichts, was diese Serie ausmacht, hat mich berührt, wohingegen nicht nur Stefan, sondern ganz Deutschland, sie richtig gut fand. Das hat mich verwirrt, aber auch geärgert: Ich wollte das auch gut finden. Es ist eigentlich mein Genre, ich hatte Bock auf Hype, es ging nicht darum anti zu sein. Deshalb war ich richtig traurig. Ich war wütend auf Deutschland, dass es mir vorgegaukelt hat, dass die Serie toll sei. Und ich habe einfach nicht verstanden, warum Stefan es gut fand. Da gingen unsere Meinungen, glaube ich, tatsächlich am meisten auseinander. Sonst fällt mir gerade nichts ein. Wir haben oft unterschiedliche Meinungen, aber oft auch die gleiche Meinung.”

Stefan: „Naja, Streiten tun wir uns oft genug.”

Sarah: „Es gibt ein paar Sachen, die ich richtig gut finde, Stefan aber einfach nicht richtig interessieren und andersherum. Da entsteht aber nicht so richtig Streit, weil es dann nur eine Frage von Interesse ist.”

Stefan: „Am besten ist der Streit, wenn du glaubst, dass wir unterschiedlicher Meinung sind und wir minutenlang aneinander vorbeireden. Wie bei ,Electric Dreams’ zum Beispiel. Da dachtest du die ganze Zeit, ich will diese Serie verteidigen, obwohl ich erst mal nur über den Inhalt sprechen wollte.”

Sarah: „Nee, das war ein Missverständnis – oh, da müssen wir noch mal drüber reden. Ich hatte gar nicht das Gefühl, dass du sie verteidigen wolltest, ich wollte das, was du erklärst, nur scheiße finden dürfen.”

Stefan: „Ach so.”

Sarah: „Du hast die Serie erklärt und ich wollte sagen: ,Ja und das ist furchtbar daran.’ Ach, große Missverständnisse. Manchmal sprechen wir wochenlang nicht miteinander, weil wir uns missverstanden haben …”

Also können Serien Freundschaften zerstören?

Sarah: „Ja! Nein, natürlich nicht.”

Stefan: „Partnerschaften womöglich schon. Wenn man tatsächlich aus dem Zimmer gehen muss, weil der andere so einen Scheiß guckt.”

Sarah: „Aber das kann man doch machen. Wie oft ich in Beziehungen schon aus dem Zimmer gegangen bin, weil jemand Scheiße geguckt hat und wie oft vor allem aus meinem Zimmer gegangen wurde, weil ich gerade die zwölfte Folge Germanys Next Topmodel hintereinander geschaut habe. Eine gute Beziehung muss das aushalten.”

Stefan: „Ja, aber tut es dann ja doch nicht.”

Sarah: „Man braucht halt mehrere Räume und mehrere Computer, auf denen man gucken kann. Das ist das A und O.”

Germanys Next Topmodel, Stichwort Trash-TV: dafür hast du, Sarah, ja ein kleines Faible…

Sarah: „Ich habe dafür genauso ein großes Faible wie jeder andere auch. Auch immer diese Diskussion um Unterschichten-Fernsehen …”

Stefan: „Kann ich ganz kurz ,The Real Housewives’ ins Spiel bringen?”

Sarah: „Das ist tatsächlich Unterschichten-Fernsehen. Ich war aber nie jemand, der daraus so eine Art ,Guilty Pleasure” gemacht hat. Ich find das einfach geil. Aus dem Grund, den wir ganz am Anfang besprochen haben: es spült mir das Gehirn frei. Es gibt Sachen, da muss man aufpassen. Ich gebe zu, dass ich das langsam verlerne. Stichwort: ,Bad Banks’. Meine Aufmerksamkeitsspanne wird durch den ganzen Trash langsam wohl wirklich geringer, denn Trash ist so schlicht, dass man nicht aufpassen muss. Es geht nur um diese Spülung. Dafür liebe ich Trash-Fernsehen sehr. Wie wenn Hunde Erde fressen, das ist ja auch gut für deren Magen. Hat man doch früher auch gesagt: ,Dreck reinigt den Magen.‘ Und über Trash kann man sich natürlich besonders gut aufregen.”

Was waren eure Serien-Highlights der letzten Monate?

Stefan: „Die dritte Staffel ,Fargo’ habe ich noch mal sehr geliebt.”

Sarah: „Ich fand ,The Handmaid’s Tale’ richtig, richtig gut. Alles daran hat mich befriedigt: das Genre, die Geschichte, die Schauspieler.”

Stefan: „,The Handmaid’s Tale’ hat mir so schlechte Laune gemacht. Ich glaube, das ist eine großartige Serie, aber ich wollte nicht weitergucken, weil diese ganze Welt so furchtbar ist. Mir macht doch schon das Nachrichtenschauen schlechte Laune. Jetzt noch so eine Serien-Distopie, das ging nicht.”

Sarah: „Das ist halt genau meins. Diese schlechte Laune macht mir gute Laune. Mich interessiert dieses: Was wäre wenn? Und zwar nicht in 300 Jahren, sondern schon in 20.”

Stefan: „,The good Place’ habe ich noch geliebt. Das ist eine Comedy-Serie, über die wir irgendwann auch im Podcast geredet haben. Die fand ich sehr, sehr lustig.”

Sarah: „Fand ich auch sehr gut, aber nicht so gut, dass sie ein Highlight für mich wäre.”

Und die unterschätzteste Serie aller Zeiten?

Stefan: „Hmm, Arrested Development – wahnsinnig lustig.”

Sarah: „Aber ist die unterschätzt?”

Stefan: Deswegen habe ich auch so gezögert.”

Sarah: „,Please like me’, die ist wirklich super und lief sowas von unterm Radar.

Stefan: „Ja, das war aber natürlich auch einfach eine sehr kleine Serie …”

Sarah: „Weil sie irgendjemand unterschätzt hat. Ich weiß gar nicht, was ,unterschätzt’ bedeuten soll. Aber vielleicht trotzdem ,Please like me’. Ich finde, die hätte noch mehr Konfetti verdient.”

Und die Überschätzteste?

Sarah: „,Stranger Things’ für mich. Und tausend andere: ,Two and a Half man’, ,Big Bang Theory’ …”

Stefan: Meine Stimme geht an ,Big Bang Theory’.”

Sarah: „Aber die wird ja auch nicht überschätzt, die ist nur kommerziell sehr erfolgreich.”

Stefan: „Das Problem ist, dass ich tatsächlich mehrere Menschen kenne, die diese Serie lieben.”

Sarah: Aber warum kennst du die dann? Hatten wir nicht gerade darüber gesprochen, dass man sich auch von Freunden trennen muss, wenn sie das falsche Fernsehen schauen?”

Stefan: „Stimmt, das war genau der Punkt, den du vorhin gemacht hast. Das muss ich jetzt einfach mal umsetzen.”

Gibt es ein Serien-Konzept was euch gerade noch fehlt?

Sarah: „Es gibt doch eigentlich schon alles. Zumindest gibt es so viel, dass mir gerade nichts fehlt.”

Stefan: „Was mir fehlt, Sarah aber bestimmt nicht, ist eine schmutzige, ehrliche deutsche Serie, die in der Gegenwart spielt.”

Sarah: „In wie fern schmutzig?”

Stefan: „Schmutzig im Sinne von: die tut auch mal weh und zeigt die Realität.”

Sarah: „,4 Blocks’ war doch recht ähnlich, oder?”

Stefan: „Ja, aber vielleicht etwas Milieu-unabhängiger.”

Sarah: „Vielleicht so ein Gilmore Girls?”

Stefan: „ Ja, naja …”

Sarah: „Ich versuche ja nur mitzuraten. Generell fehlt eine richtig gute deutsche Serie.”

Worauf freut ihr euch in dieser Podcast-Staffel am meisten?

Sarah: „Wir haben tolle Gäste: Christian Ulmen, Bjarne Mädel, Jürgen Schropp. Zwei Drittel davon haben sich selbst eingeladen. Ansonsten entscheiden wir uns Woche für Woche für neue Serien, da gibt es keinen langen Plan im Voraus. Außerdem gibt es nun einen Anrufbeantworter, bei dem schon viele Anrufer aufgelegt haben.”

Die neueste Folge des Deezer Originals Podcasts „Das kleine Fernsehballett” könnt ihr hier hören.

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