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Diese Übung hilft dir, dein Misstrauen anderen Menschen gegenüber besser zu verstehen

Warum fällt es uns manchmal so schwer, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen oder zuzulassen, sei es im Job oder privat? Die systemische Beraterin Stella Hombach zeigt euch, wie ihr damit umgehen könnt, wenn euch das Vertrauen schwerfällt.

Hinter dem Wunsch, einem anderen Menschen oder bestimmten Umfeld mehr zu vertrauen, steckt in der Regel das Gefühl, dass wir ihm oder dem Ort gerade nicht so ganz trauen können. Für die meisten von uns ist dieses Nicht-Vertrauen, vielleicht sogar Misstrauen, kein schönes Gefühl. Kein Wunder, dass wir es uns anders wünschen. Mitunter fühlt es sich sogar irrational an. Denn eventuell geben uns die jeweiligen Personen oder das Umfeld, gar keinen Grund dazu, misstrauisch zu sein.

Wie kommen wir da also raus?

Ein erster Schritt könnte sein, sich das Gefühl etwas genauer anzuschauen. Hierfür habe ich einen kleinen Fragenkatalog zusammengestellt. Deine Antworten kannst du separat auf einem Zettel notieren. Aufschreiben hilft in der Regel, die Gedanken besser zu sortieren. Und so viel vorab: Nach der kleinen Reflexionsreise wirst du nicht aus der Tür herausmarschieren und den Menschen um dich herum oder dem Umfeld, um das es geht, voll vertrauen. Aber vielleicht verstehst du etwas besser, warum dir Vertrauen manchmal schwerfällt. Und wer weiß, vielleicht hat das aktuelle Nicht-Vertrauen sogar einen guten Grund.

Frage 1

Um wen oder was geht es? Wem oder welchem Umfeld vertraust du gerade nicht beziehungsweise würdest du gerne mehr vertrauen?

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Frage 2

Auf einer Skala von 0 bis 10. Wo stehst du jetzt gerade und wo willst du gerne hin? Die 0 steht hier für ein komplettes Nicht-Vertrauen, vielleicht sogar Misstrauen. Die 10 für ein volles, ja nennen wir es blindes Vertrauen.

Hinweis: An dieser Stelle geht es darum, uns in der Gegenwart zu verorten und einmal zu benennen, wo wir eigentlich hin wollen. Für einige ist es vielleicht das „blinde Vertrauen“, für andere ist dieses hingegen gar nicht so erstrebenswert und reicht  tatsächlich eine 8 aus. Und wer weiß, vielleicht stehst du von der gewünschten Zahl gar nicht so weit entfernt. Wenn doch, ist das aber auch nicht schlimm – umso mehr Raum gibt es für Entwicklung.

Frage 3

Stell dir vor, du wachst morgen auf und die Welt hat sich um hundertachzig Grad gedreht: Plötzlich stehst du an dem Punkt deiner Skala, zu dem du hinmöchtest:

A: Was wäre an dem Tag in der Begegnung mit dem Menschen, um den es geht, oder dem Umfeld anders?
B: Woran würde die Menschen um dich herum das merken?
C: Woran würde eine Person, die dir nahesteht, die Veränderung merken? (Etwa der*die Freund*in, die Kinder oder ein*e gute*r Arbeitskolleg*in)

Frage 4

Gibt es eine Person oder ein Umfeld, der oder dem du bereits so vertraust, wie du es dir wünschst?

A: Wenn ja: Wer oder wo ist das und was ist der Unterschied? Was gibt dir diese Person oder der Ort, das dir in der aktuellen Situation noch fehlt?

B: Wenn nein: Gibt es einen Menschen, ein Tier oder einen Gegenstand, dem du vielleicht etwas vertrauen kannst? Was gibt dir dieser Mensch, dieses Tier oder der Gegenstand? Warum kannst du ihm zumindest ein ganz kleines bisschen vertrauen?

Frage 5

Gehen wir nun einmal davon aus, dass dein Nicht-Vertrauen durchaus seine Berechtigung hat. Vielleicht will es dich vor etwas schützen, vor dem du momentan noch zu große Angst hast oder es hilft dir, eine innere Distanz einzunehmen, die dich vor Enttäuschungen schützt. Jemandem zu vertrauen, bedeutet ja oft auch einen Schritt ins Ungewisse, ist damit ein Abgeben von Kontrolle – einem Menschen nicht zu vertrauen, könnte in dem Fall ein Weg sein, Kontrolle zu behalten. Werde einmal kreativ: Was könnten gute Gründe dafür sein, der Person, um die es geht, oder dem Umfeld weiterhin nicht zu vertrauen? Schenkt dir dein Nicht-Vertrauen vielleicht sogar etwas? Entwickle zwei bis drei Hypothesen:

A:
B:
C:

Frage 6

Wie war die letzte Übung für dich? Hast du Hypothesen gefunden, die für dich Sinn machen?

A: Wenn ja, was müsstest du aufgeben, wenn du dem Menschen oder dem Setting nun mehr vertrauen würdest? Was wäre der Preis und bist du momentan bereit, diesen zu zahlen?

B: Wenn nein, kein Problem! Dann mach einfach mit den nächsten Fragen weiter.

Frage 7

Die letzten Fragen sollten dir geholfen haben, dich selbst und die Schwierigkeiten, die dir das Vertrauen macht, etwas besser kennenzulernen. Vielleicht konntest du deinem Nicht-Vertrauen sogar etwas Positives abgewinnen. Gehe nun nochmal zurück zu deiner Skala: Ist die Zahl, die du notiert hast, noch richtig oder hat sich durch die letzten Fragen etwas geändert?

A: Wenn die Zahl noch richtig ist, behalte sie als Ziel-Idee bei.

B: Wenn die Zahl sich mittlerweile geändert hat, passe sie gerne deinem aktuellen Empfinden an.

Frage 8

Nun ein Schritt Richtung Lösung: Was könnte ein erster Schritt sein, um auf deiner Skala einen oder vielleicht auch nur einen halben Schritt weiter in Richtung deines Zieles zu gehen? Gedanken, die dabei helfen können:

A: Nutze deine anderen Erfahrungen: Warum kannst du manchen Personen oder Situationen vertrauen und diesem Menschen beziehungsweise Umfeld nicht? Was fehlt in der Begegnung und gibt es eine Möglichkeit, diese Leerstelle zu füllen?

B: Gibt es eine Situation, in der du das Vertrauen üben könntest? Beispiele:

1. Du traust deiner*m Partner*in die Kinderbetreuung nicht zu. Dann lass ihn*sie in den nächsten Tagen vielleicht mal mit deinem Kind alleine Eis essen oder das nächste gemeinsame Abendessen aussuchen. Schau wie sich das anfühlt.

2. Traust du einem*r Angestellten nicht zu, das zu machen, was du ihm*ihr aufträgst? Versuche es im Kleinen: Lass ihn*sie erstmal Aufgaben machen, bei denen Fehler nicht so gravierend sind oder bitte eine*n Kolleg*in, seine Aufgaben zu kontrollieren. Ziehe dich so ein Stück weit aus der Situation raus.

3. Dir fällt es schwer, einem Umfeld (etwa deinem Beruf) zu vertrauen? Gibt es eine Person dort oder einen Raum, mit der oder dem du anfangen könntest?

Hinweise: Verhalten aufzugeben, dass wir uns über Jahre antrainiert haben, ist nicht einfach. Zumal wir in der Regel gute Gründe hatten, eben so zu handeln, wie wir eben handeln. Der Wunsch nach Veränderung ist dennoch berechtigt – und auch ein guter Motivator. Anfangs sollten wir uns dennoch nicht zu viel vornehmen. Mir persönlich tut es beispielsweise gut, mich auf kleine Veränderungen zu fokussieren, diese wahrzunehmen und ja, wenn möglich wertzuschätzen.

Frage 9

Du hast keinen ersten Schritt Richtung Lösung gefunden? Wem das so geht, kann folgende Übung ausprobieren:

A: Erinnere dich an den Moment als sich die Welt um dich herum um hundertachzig Grad gedreht hat und du plötzlich deinen Zielzustand erreicht hast? Wie hat sich das körperlich angefühlt? Wie ging dein Atem? Wie standen deine Füße auf dem Boden? Versuch dieses Gefühl zu verinnerlichen. In der nächsten Situation, in der dir das Vertrauen schwerfällt, könntest du dieses Gefühl reaktivieren, nimm vielleicht sogar die Körperhaltung ein und dann schau einfach mal, was passiert.

Warum Vertrauen eine Superkraft ist

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Stella Hombach hat Kulturwissenschaften und Journalismus studiert. Heute arbeitet sie als freie Autorin
und systemische Beraterin (Coach) in Berlin. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind vor allem Gesundheitsthemen.

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