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Drogensucht: So etwas passiert doch bloß anderen – nicht meiner Tochter! Oder?

Wie ist es, der eigenen Tochter beim Abgleiten in die Drogensucht zuzusehen und sie gar  verlieren zu müssen? Die Autorin Ina Milert schreibt über ihre Erfahrungen. Ein Auszug aus ihrem Buch.

Vom Abgleiten, dem Verlust der Tochter und dem eigenen Überleben

Meine Tochter Lea hat Drogen genommen. Sie hat viel zu früh damit angefangen und es nicht geschafft, der Sucht zu entkommen. Ich habe alles versucht, sie zu retten, aber es hat nicht gereicht. Sie hat sich verloren und wollte so nicht mehr leben. Wie ich ihr Abgleiten in die Sucht erlebt und ihren Tod überlebt habe, erzähle ich in meinem Buch „Tagebuch einer Sehnsucht: Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor“, das ich zehn Jahre nach ihrem Verlust angefangen habe. Hier kommt ein Auszug:

7.9.2007

Es gibt Tage, die prägen sich ewig ein. Nicht so wie Weihnachten oder Silvester, andere, ganz persönliche. Für mich war das seit Leas Geburt immer der Siebzehnte. Der 17. Mai sowieso, aber auch der 17. November, da war sie dann eineinhalb, zweieinhalb, dreieinhalb. Oder der 17. April, dann war der Geburtstag schon ganz nah und ich war fast so aufgeregt wie sie. (Geburtstage waren Lea immer ganz wichtig, deshalb war ihre schlimmste Drohung, wenn sie als kleines Kind wütend oder enttäuscht war, immer: „Pfff, kriegst halt kein Geburtstagsgeschenk“…

Dass der Tag heute auch so ein Datum werden würde, ahnte ich am Morgen des 7. September noch nicht. Es war ein ganz normaler Freitag. Spätsommer, das ganz normale Hamburger Wetter, bewölkt, etwas Regen. Lea war nicht zuhause, auch das war inzwischen schon so normal, dass ich versucht habe, mir keine übermäßigen Sorgen zu machen. Morgens, beim Kaffee im Bett gelang mir das auch noch ganz gut. Diese halbe Stunde war und ist bis heute ganz meine Zeit. Später in der Redaktion, in der ich schon damals als Redakteurin arbeitete, wurde ich zunehmend unruhiger.

Kein gutes Zeichen

Ich habe dann versucht, Lea anzurufen. Sie nahm zwar ab, sprach aber nicht mit mir. Das war kein gutes Zeichen. Danach rief sie mich an, zumindest war das ihre Nummer im Display, sie selbst reagierte wieder nicht. Ich habe erst viel später erfahren, dass S., ihr Freund, gewählt und ihr das Telefon in die Hand gedrückt hatte. Hätten wir miteinander geredet, wäre dieser Freitag vielleicht als ganz normaler Freitag geendet? Auch das wusste ich damals noch nicht, und so bin ich nach der Arbeit zum Yoga gegangen. Wie an jedem normalen Freitag. Lea hatte seit Kurzem auch eine Karte für das Studio, aber dass sie heute dort auftauchen würde, war eher unwahrscheinlich.

Auch zuhause war sie nicht. Da war bloß ein Anruf von der Bundespolizei, dass man ihre Geldbörse gefunden hätte. Ich habe ein letztes Mal versucht, sie zu erreichen. Leider wieder vergeblich. Während Lea nicht erreichbar war, draußen, irgendwo, habe ich meine Freitagsabendserien geschaut. Das gehörte (und gehört) für mich zum Wochenende, genau wie der Sekt. Zwei, drei Gläser, und dann bin ich ins Bett gegangen. Tief geschlafen habe ich sicher noch nicht, als es klingelte. Lea war es nicht, stattdessen standen zwei Polizisten vor der Tür. Ich weiß nicht, was ich zuerst dachte: dass sie etwas angestellt hätte oder dass ihr etwas passiert sei. Als Krimiguckerin wusste ich, was kommt, wenn man so nachts aus dem Bett geholt wird. Doch als die Polizisten mir sagten, dass Lea einen Unfall gehabt hat und jetzt im Krankenhaus notoperiert wird, war nichts mehr wie im Film. Dort brechen die Mütter oder Väter nach solch einer Nachricht zusammen, weinen, sind fassungslos. Ich war gefasst. Unfassbar gefasst. Bis heute weiß ich nicht, warum. Die Polizisten haben angeboten, mich ins Krankenhaus Sankt Georg zu fahren. Ich muss mich irgendwie auch angezogen haben. Dann im Auto lief in meinem Kopf der Film ab. Dein Kind liegt im Krankenhaus und ist lebensgefährlich verletzt und du fährst jetzt dort hin.

Und gleichzeitig redete ich mit den Polizisten, als wäre mir mal wieder ein Fahrrad gestohlen worden. Sagte, dass ich damit gerechnet hätte, dass das ja mal passieren musste. Als ich das später im Protokoll in Leas Akte las, war ich entsetzt. Warum war ich so scheinbar unbeteiligt, kalt? Sicher habe ich vor diesem Tag mehr als einmal gesagt, dass es mit Lea kein gutes Ende nehmen wird, wenn sie so weiterlebt. Aber nun war die Katastrophe da, und ich benehme mich, als beträfe sie mich nicht? Lange habe ich mein Verhalten in jener Nacht verdrängt, weil ich mich geschämt habe, weil ich es nicht einordnen konnte. Erst kürzlich habe ich mich wiedererkannt, nein, nicht mich, aber die irrationale Reaktion. In seinem New York Roman „Die große Welt“ erzählt Colum McCann von einer Gruppe von Frauen, die ihre Söhne im Vietnamkrieg verloren haben. Und bei einem der Treffen erinnert sich eine von ihnen an den Moment, als sie vom Tod ihres Jungen erfuhr: Während der Sergeant die traurige Nachricht überbrachte, stand sie da und lächelte. „Ich habe ihn angelächelt. Ich konnte mein Gesicht nicht dazu bringen, etwas anders zu tun […] Es hat sich angefühlt, als würde Dampf in mir aufsteigen, durch meine Wirbelsäule. Ich konnte richtig spüren, wie er in meinem Kopf hinaufzischte. […] Und dann hab ich einfach gesagt: Ja. Sonst nichts. Und immer noch gelächelt. […] Ich hab gesagt: Ja, Sergeant. Und danke. […] Danach hat mir das Gesicht wehgetan, weil ich so viel gelächelt habe.“ Auch die Frau konnte niemandem diese Geschichte erzählen. Bis zu jenem Tag.

Ob mein Verhalten auf die Polizisten irritierend gewirkt hat, weiß ich nicht. Eigentlich sind ja Ersthelfer von Polizei und Feuerwehr geschult und wissen, dass sie sich auf eine Vielzahl von Reaktionen einstellen müssen: Am häufigsten sind die Empfänger schrecklicher Nachrichten traurig, fassungslos und weinen, bis zu richtigen Schreikrämpfen. Andere sind gelähmt, hilflos, sprachlos oder leugnen das Geschehene. Und dann gibt es die mit übersteigertem Aktionismus oder eben Redefluss. Auf dem Weg in die Notaufnahme, irgendwann vor Mitternacht, erfuhr ich dann, was Lea passiert war.

Sie war von der Altmannbrücke, einer Durchgangsstraße zwischen Hauptbahnhof und der Zentralbibliothek, gesprungen. Unter der Brücke verlaufen etliche Bahngleise – und Starkstromleitungen – und in unmittelbarer Nähe liegt das „Drob Inn“, seit fast 30 Jahren Anlaufpunkt für Hamburger Drogensüchtige. Neben Beratungsangeboten, Heißgetränken und günstigem Essen gibt es hier auch einen Konsumraum, in dem legal gespritzt und geraucht werden kann, in hygienischem Umfeld, unter Aufsicht und ohne Angst. Der Vorplatz des „Drob Inn“ ist Treffpunkt der offenen Drogenszene, hier sammeln sich täglich Hunderte der ausgemergelten Gestalten.

Auch Lea war an diesem Nachmittag dort. Was bis zu dem Sprung auf die Gleise passiert ist, habe ich versucht, zu rekonstruieren. Ihre Freundin, damals ebenfalls abhängig, erzählte, dass Lea viel geweint hat. Später hat ein mir Unbekannter wohl beobachtet, wie sie mit einem Bein über das Geländer gestiegen war. Er hat versucht, sie festzuhalten, doch sie muss sich gewehrt haben und hat es so geschafft, komplett auf den Vorsprung hinter dem Gitter zu steigen. Bevor sie sich fallen ließ, gab sie dem Mann noch ihre Handtasche, die der später den Rettungskräften übergab. Lea muss auch noch mit Samu, ihrem Freund telefoniert haben, um ihm zu sagen, dass sie sich umbringen will, weil sie alles verloren habe und in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehe. Ihre Handtasche würde sie ihm dalassen, damit er sich richtig schuldig fühle. Was hatte sie verloren? Die Geldbörse mit dem Personalausweis kann nicht der Grund gewesen sein. Der vorherige Streit mit Samu? Sicher auch nicht. Ich glaube, sie hat sich verloren, die Hoffnung, die Kraft, den Glauben. Die simple Märchenweisheit, etwas Besseres als den Tod findest du überall, kam bei ihr einfach nicht mehr an. Die verdammte Sucht hatte gewonnen.

Samu ist nach dem Anruf zu ihr gerannt, und sagte mir später, sie hätte schon tot ausgesehen. Tatsächlich war sie nach dem Sturz aus ca. 10 m Höhe noch ansprechbar und wurde nach Schockbehandlung und Beatmung gegen 22 Uhr in die Asklepios Klinik Sankt Georg eingeliefert. Aber das wusste ich noch nicht, als ich etwa zwei Stunden später dort ankam. Irgendwie habe ich auf die Intensivstation der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie gefunden. Zu Lea konnte ich nicht, sie wurde operiert. Eine der Ärztinnen sprach von einer Milzentfernung und einem lebensbedrohlichen Zustand. Milz-OP kam bei mir an, Leas dramatischer Zustand nicht. Kann man ohne Milz leben? Auch wenn es angesichts der Umstände albern klingt: Eigentlich beschäftigte mich schon die Vorstellung, wie Lea sich später über die Operationsnarbe aufregen würde und darüber, dass sie nun nie wieder einen Bikini tragen könne. Nicht der Gedanke, dass sie sterben könnte.

Im Wartezimmer, das in meiner Erinnerung krankenhausgrün war und mit recht unbequemen Stühlen ausgestattet, saß ich hilflos und überflüssig herum. Schlafen konnte ich auch nicht. Verständlich, und so ließ ich mich dann später in der Nacht von einer Ärztin nach Hause schicken. Widerspruchslos. Auf Autopilot. Am Empfang gab man mir noch einen Plastikbeutel mit Leas Sachen, und dann stand ich auf dem Hof des Klinikums, ebenso hilflos wie vorher im Wartezimmer. Während ich auf ein Taxi wartete, habe ich versucht, Leas Vater zu erreichen. Leider vergeblich. Meine Mutter nahm sofort ab, obwohl es bestimmt schon 2 Uhr morgens war. Doch aus der Ferne konnte sie mir auch nicht helfen, und Lea schon gar nicht.

Auch wenn die Ärztin nochmals die düstere Prognose wiederholt hatte, so war ich doch auf dem Heimweg fest davon überzeugt, dass alles gut ausgehen würde. So etwas passiert doch bloß anderen. Nicht meiner Tochter! Oder doch?

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