Auf dem Foto ist die Autorin Tina Molin zu sehen, die lächelnd und mit einem Buch in der Hand auf einem Sofa lehnt.
Foto: Denise Siegel

„Wir sollten uns zu Sex verabreden“

Die Autorin Tina Molin beschäftigt sich mit der Frage: Wie können wir damit umgehen, dass in manchen Lebensphasen, etwa nach der Geburt eines Kindes oder in langjährigen Partner*innenschaften, keine Lust auf Sex mehr da ist? 

Als die Journalistin Tina Molin Mutter wurde, waren ihre Lust und ihre Lebenslust plötzlich weg. Bei Gesprächen mit den Frauen in ihrem Bekanntenkreis erfuhr sie, dass es vielen so ging, mit Kindern und ohne, mit oder ohne Partner*in, in hetero-, homo- und diverssexuellen Beziehungen. Die wenigsten Menschen sprechen oder schreiben gern über das Thema sexuelle Unlust – dabei wäre das wichtig, findet Tina. Sie wollte ihre Lust nicht aufgeben und hat sich auf eine Reise begeben, um ihre Sexualität wieder und neu zu beleben – daraus ist ihr Buch „Endlich wieder Lust auf Sex! Wie ich mit Mitte Vierzig mein Liebesleben neu entdeckte“ entstanden. Tina betreibt außerdem den Sex-Blog „Happy Vagina“.

Du beschreibst in deinem Buch, dass du mit 40 ein ganz neues, anderes Bedürfnis in Bezug auf Sex entdeckt hast, eines, das mit Nähe und Geborgenheit zu tun hat – was hat das für dein Sexleben bedeutet?

„In meinen Zwanzigern wollte ich so viel erleben wie möglich, und auch ein paar Sachen von meiner Bucket List streichen können, zum Beispiel einen Dreier oder Vierer; in meinen Dreißigern wollte ich vor allem mehr über meine eigene Lust lernen: Wie funktioniert ein Orgasmus, wie intensiv kann ein Orgasmus sein? Und in meinen Vierzigern habe ich festgestellt: Es geht mir im Moment vor allem um Nähe; darum, dass es wirklich um mich geht beim Sex, dass sich unsere Herzen öffnen, dass ich mich dem anderen ganz nah fühle, dass mein Mann sich mir ganz nahe fühlt. Vielleicht auch mit Pausen, mit In-die-Augen-Schauen, die Hand auf das Herz legen. Es ging und geht mir um eine neue Ebene des gemeinsamen Erlebens.“

Im Buch beschreibst du auch, welche Rolle die als traumatisch erlebte Geburt eurer Tochter und deine Kaiserschnittnarbe spielten, als es darum ging, einen neuen, anderen Zugang zu deiner Sexualität zu finden und sich für Berührungen zu öffnen …

„Als ich das erste Mal nach dem Notkaiserschnitt wieder Sex haben wollte, hat das alles überhaupt nicht funktioniert; die Zähne krachten beim Küssen aufeinander, es war immer ein Arm zu viel, der einschlief, und erogene Zonen, die früher entflammbar waren, blieben so kalt wie das Polarmeer. Erst sehr viel später, als ich mich mit dem Kaiserschnitt beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass dabei eine Art Traumatisierung bei mir stattgefunden hat.

Der Körpertherapeut, bei dem ich dann war, erklärte das so: Bei einer als traumatisch erlebten Geburt, das kann ein Notkaiserschnitt für manche Frauen sein, schaltet der Körper Regionen quasi taub. Bei mir war das der Unterleib, das ging weiter bis in die Beine. Ich war für Berührungen in dem Bereich taub geworden, mir fehlte aber auch ein wenig die Standfestigkeit, was wiederum etwas mit meinem Selbstbewusstsein und meiner Belastbarkeit gemacht hat. Und erst als der Körper verstanden hat, dass das Trauma vorbei ist, dass die Stresssituation des, brutal gesagt, Bauchaufschneidens, vorbei ist, fing mein Körper an, sich in diesen Bereichen zu regenerieren, konnte ich wieder Lust empfinden, wieder eine Verbindung zu meinem Unterleib, auch zu meinen Beinen, zu meiner Erdung herstellen – und zu meinem Selbstbewusstsein.“

„Aber was, wenn Sex auch einfach wildes Knutschen ist? Was, wenn Sex auch Heavy Petting ist? Oder was ist, wenn Sex eben nicht nur zur Penetration führen muss?“

Du schreibst: „Wir verändern uns, unsere Partner verändern sich, und auch Sex muss und darf sich verändern. Unsere Körper altern, unsere erogenen Zonen erlöschen, dafür reift unser Verstand, und neue Wünsche entstehen. Wir sollten in der Lage sein, darauf zu reagieren.“ Wie kann man denn darauf reagieren, ganz grundsätzlich gefragt?

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„Ich glaube, dass man darauf reagiert, indem man akzeptiert, dass sich die Dinge verändern. Ich bin jetzt 47, ich merke, wie die Wechseljahre bei mir anklopfen, und ich könnte mir vorstellen, dass es wiederum bei älter werdenden Männer beispielsweise mit der Erektionsfähigkeit Herausforderungen gibt. Indem ich akzeptiert habe, dass mein Körper nicht mehr der gleiche ist wie früher, taten sich Möglichkeiten auf; eine war zum Beispiel zu hinterfragen, was ich eigentlich als Sex definiere. Das war bislang immer Penetration gewesen. Aber was, wenn Sex auch einfach wildes Knutschen ist? Was, wenn Sex auch Heavy Petting ist? Oder was ist, wenn Sex eben nicht nur zur Penetration führen muss. Oder wenn ich meiner*m Partner*in bei der Selbstbefriedigung zusehe und das als erregend empfinde; also wenn wir Sex weiter fassen als wir das vorher gemacht haben, vielleicht ist dann ,Sex‘ absolut möglich, selbst wenn sich der Körper verändert, selbst wenn bestimmte Stellungen nicht mehr gehen, selbst wenn bestimmte erogene Zonen nicht mehr anspringen – aber dafür andere! Wie wäre es, wenn wir uns erlauben, das zu erforschen, und nicht sagen: ,So geht’s nicht mehr, dann geht’s halt nicht mehr‘.“

Du hast sehr gute Erfahrungen mit Tantra-Massage gemacht – und berichtest von deiner Enttäuschung darüber, dass sich mit deinem Mann erstmal keine ähnlich euphorischen Gefühle einstellten: „Warum kann ich bei der Tantra-Massage loslassen und kommen, aber bei meinem Herzensmenschen nicht?“ Du bezeichnest das „Nichts-wollende-Anfassen“ bei der Tantra-Massage als „absoluten Herzöffner“. Kannst du kurz erzählen, was das Besondere daran für dich ist?

„Ja, dieses ,absichtslose Anfassen‘ ist total spannend. Wir hieven auf unsere Sexualität mittlerweile so viele Erwartungshaltungen, dass wir darunter zusammenbrechen: Wir müssen schnell kommen, wir müssen feucht werden, wir müssen immer einen Orgasmus haben, und auf der anderen Seite vermutlich bei vielen Männern: Ich bin für den Orgasmus der Frau zuständig, ich muss meinen Mann stehen, und, und, und. Und manchmal ist das einfach zu viel Druck. Ich habe bei der Tantra-Massage festgestellt: Wenn es diesen Druck nicht gibt und es einfach darum geht, beieinander und einander nah zu sein, dann darf und kann sich entwickeln, was auch immer sich entwickelt – vielleicht ist das auch einfach, sich im Arm zu halten, vielleicht ist es auch nur eine wilde Knutscherei, vielleicht geht es auch stundenlang, oder man stoppt auf halbem Wege, weil es dann auch gut ist oder nicht weitergeht. Ich habe für mich gemerkt: Wenn dieser Druck nicht da ist, dann habe ich mehr Raum fürs Fühlen und fürs Sein und dann ist alles okay, was in dem Moment gerade passiert, weil es eben nicht mehr bewertet wird, und dann fühlt sich mein Herz viel, viel leichter an.“

Eine wichtige Erkenntnis für dich ist im Laufe deiner Reise, dass Sex kein festgeschriebener Zustand ist. Und du fragst dich, was das für unseren Umgang mit unserer Sexualität bedeuten könnte. Wie lautet deine Antwort nach all deinen Erfahrungen?

„Ich glaube, hier sind zwei Dinge wichtig: Zum einen ist Sex so viel mehr als wir denken: Vielleicht ist eben schon eine wilde Knutscherei Sex, vielleicht kann Sex aber auch viel mehr sein: Was ich bei der Tantra-Massage erleben durfte, das war ja fast schon ein spirituelles Erlebnis. Mein Gefühl war: Ich bin verbunden mit dem Weltall und eins mit allen Sternen des Universums. Vielleicht kann Sex also nicht nur eine Verbindung zwischen Menschen, sondern auch eine Verbindung zu sich selbst sein, oder zum Kosmos. Vielleicht ist Sex nicht nur Penetration, sondern eine Art Energie, wie eine Art Lebensenergie, die uns durchflutet. Das sind alles Fragen, die in mir aufgetaucht sind, ich habe darauf keine festgeschriebene Antwort, sondern noch ganz viele weitere Fragen. Und auf der Forschungsreise zu den Antworten befinde ich mich immer noch, und entdecke immer ein bisschen mehr.“

Du hast auch eine Schamanin besucht, die dich in einem für mich befremdlich klingenden Ritual von einem Dämonen befreit hat, das war mir persönlich zu viel … welche Wege kann es geben für Frauen, die in deiner Situation sind,  aber all deine Aktivitäten und Erlebnisse entweder nicht bezahlen können oder wollen, oder die eher ländlich wohnen, die es lieber selbst in die Hand nehmen wollen?

„Das ist eine total wichtige Frage. Mir war sehr wichtig, mit meinem Buch niemanden zu bevormunden, und niemandem zu sagen: ,So machst du das!‘. Ich erzähle von meiner Reise, und an den Stellen, an denen sich Frauen berührt fühlen, können sie weiter forschen. Wir alle können lernen, dass wir auf unser Bauchgefühl hören dürfen, und wenn das ,nein‘ sagt, warum sollte ich etwas dann trotzdem tun? Also zu Tantra-Massage oder in den Swinger-Club gehen? Und wenn die Schamanin für dich ein totales ,no‘ ist: wunderbar, so ein Nein ist ein Nein vom Körper und von der Seele, und dann ist das zu akzeptieren; wenn es beim Lesen aber ein ,Ja‘ gibt in eine Richtung, dann gebe ich ganz viele Empfehlungen, wie man sich in dem Bereich weiterentwickeln und lernen kann, durch Podcasts, Workshops, durch Frauen, die und deren Arbeit ich toll finde. Vieles davon kostet kein Geld, es gibt also ganz viele Möglichkeiten, auch kostenlos weiterzukommen, man muss eben über diesen ,Gatekeeper‘ hinauskommen, dieses Zurückschrecken vor der Erforschung der eigenen Sexualität. Und dann kann man sich reinarbeiten und darauf einlassen, wo eine*n das Herz hinzieht.“

„Es funktioniert sehr gut, sich zu für Sex zu verabreden. Für mich persönlich ist dabei immer die Schwierigkeit, vom Kopf in den Körper zu kommen, aus meinem Workflow auszusteigen und in ein Genießen zu kommen.“

Du bist mittlerweile Fan von ganz handfesten Dingen wie festen Verabredungen zum Sex und einer wöchentlichen Date-Night, kannst du erzählen, warum das gut und nicht unromantisch ist?

„Ich dachte am Anfang auch, das sei total unromantisch, aber ehrlicherweise muss man sagen: Wir machen ja gar nichts mehr spontan, verabreden uns für Picknicks, für Yoga, selbst Entspannungsphasen sind verabredet und im Kalender eingetragen, wir verabreden uns, wenn wir Eltern sind, für Paarzeit – aber vom Sex erwarten wir, dass er spontan passiert? Meiner Erfahrung nach passiert das nicht, gerade bei Menschen mit Kindern, aber auch wenn man in einer langjährigen Partner*innenschaft ist. Ich habe entgegen meiner ersten Zweifel festgestellt: Es funktioniert sehr gut, sich zu für Sex zu verabreden. Für mich persönlich ist dabei immer die Schwierigkeit, vom Kopf in den Körper zu kommen, aus meinem Workflow auszusteigen und in ein Genießen zu kommen.“

Und was kann dabei helfen?

„Ich hab mir im Laufe meiner Reise einen Toolkasten, so nenne ich das, zurechtgelegt: mir hilft es, zu zwei, drei Songs zu tanzen, bei anderen mag das Kochen sein, oder Blumen gießen, manchmal ist auch Kuscheln ganz toll. Von Kuschelpartys hab ich mitgenommen, dass meine To-do-Listen im Kopf dabei immer leiser werden, und ich immer mehr ins Spüren, ins Fühlen und ins Genießen komme. Vor den Sexverabredungen achte ich mit meinem Mann gemeinsam darauf, dass wir in die richtige Stimmung kommen, und dann gucken wir, was geht und was nicht: Manchmal ist es auch einfach nur ein bisschen Knutschen und ansonsten passiert nicht viel, und manchmal passiert eben doch ganz viel; hier ist es wichtig, die Erwartungshaltung und den Erwartungsdruck rauszunehmen, eher zu denken: Wir haben eine intime Zeit, wie auch immer die aussieht; vielleicht liegt man ja auch nur nackt nebeneinander und hält sich im Arm – das ist alles erlaubt und alles möglich.“

Endlich wieder Lust auf Sex von Tina Molin

Tina Molin: „Endlich wieder Lust auf Sex!: Wie ich mit Mitte Vierzig mein Liebesleben neu entdeckte“, Goldmann Verlag, Mai 2021, 240 Seiten, 10 Euro.

Das Buch ist natürlich auch bei lokalen Buchhändler*innen eures Vertrauens zu finden. Support your local Book-Dealer!

Sex – Alles, was uns Lust macht.

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Lisa Seelig arbeitet seit Ende 2014 für EDITION F, erst als Redakteurin, seit Januar 2020 als Textchefin. Ihre Themenschwerpunkte bei EF sind Familie, Leben mit Kindern und Geschlechtergerechtigkeit. Seit 2015 schreibt sie in ihrer Kolumne über die Freuden und Schrecken von Mutterschaft. Vorher hat sie einige populäre Sachbücher geschrieben und als freie Autorin für Zeitungen, Magazine und Online gearbeitet, darunter Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Zeit Online, dummy und Neon. Wichtigstes Learning aus der Journalistenschule: „Das versendet sich.“ Foto: Jennifer Fey

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