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Toiletten ohne Angst – Ja, wir sollten darüber reden, wo trans Menschen willkommen sind

Die schlechten Witze über Toiletten und geschlechtliche Vielfalt sind alle gemacht. Was dabei vergessen wird: Wie es trans Menschen geht, die diese Kommentare verletzen und die verunsichert darüber sind, was ihnen bei einer so alltäglichen Sache wie dem Toilettenbesuch passieren könnte.

„Wenn du nicht sofort auf die Frauentoilette verschwindest, bist du fällig“

Vier, fünf Mal am Tag gehen wir im Schnitt auf die Toilette: Wir verbringen dort insgesamt zwischen 6 Monaten und 3 Jahren unseres Lebens.

Ich bin ein trans Mann und auch ich muss ab und an pinkeln: Wenn ich eine öffentliche Toilette brauche, nutze ich die Herrentoilette. Ich habe einen Bart und trage Herrenhemden. Als ich das letzte Mal aus alter Gewohnheit versehentlich eine Frauentoilette betrat, sahen mich Frauen dort etwas überrascht und abweisend an.

Etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung sind trans. Anders ausgedrückt: Einer von 500 Menschen, denen ihr begegnet, ist statistisch gesehen trans. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr bereits mit einem trans Menschen eine öffentliche Toilette geteilt habt, ist also ziemlich hoch – auch wenn euch das vielleicht nicht bewusst war.

Transfeindlicher Feminismus

Seit Jahrzehnten besuchen trans Männer Männertoiletten und trans Frauen Frauentoiletten. Man könnte annehmen, dass sich über einen so alltäglichen Vorgang jede Form der Debatte erübrigt. Stattdessen beobachte ich mit großer Sorge, dass die öffentliche Diskussion zunehmend lauter wird. Mediale Aufmerksamkeit erfuhr das Thema zuletzt, als sich die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer auf einer Karnevalsveranstaltung über Toiletten für Menschen lustig machte, die „sich nicht entscheiden können, ob sie im Stehen oder Sitzen pinkeln sollen“. Der CDU-Politik Stefan Ott schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Mit guten Recht kann [man] über den Irrglauben vom ,Dritten Geschlecht‘ Witze machen – es ist nämlich ein Witz. Und wir sollten dafür sorgen, dass es auch so bleibt.“ Auch in den sozialen Netzwerken wird lautstark darüber diskutiert; an diesen Diskussionen sind vor allem sogenannte TERFs beteiligt – TERF ist eine Abkürzung, die für „trans exclusionary radical feminist“ steht, also für einen Feminismus, der trans Menschen ausschließt.

Viele, die zum ersten Mal von TERFs hören, sind zumeist erstaunt: Was soll das für ein Feminismus sein, der andere marginalisierte Menschen ausschließt? Oder gar deren Existenz anzweifelt? Kann es so etwas wie einen ausgrenzenden Feminismus überhaupt geben? TERFs stören sich vor allem daran, dass trans Frauen Frauentoiletten besuchen. Ihre Befürchtung ist, dass „Männer“ sich als Frauen ausgeben, um sich Zutritt zu geschützten Frauenräumen zu verschaffen, also zum Beispiel auch zu Umkleideräumen, Frauenhäusern und anderen „Safe Spaces“ für Frauen. Anders gesagt: TERFS wollen Frauen vor Frauen schützen. Als eine Twitternutzerin sich kürzlich darüber freute, dass ein Kino in Österreich genderneutrale Toiletten eingeführt hat – „for female and male costumers and everything beyond and between“ – kommentierte eine TERF den Verzicht auf eine separate Frauentoilette mit den Worten: „einfach krank“. Was mich immer wieder überrascht: Ich treffe in allen Schichten der Gesellschaft auf Transfeindlichkeit, auch unter scheinbar aufgeklärten Feminist*innen. Doch warum glauben sie, für eine gute und gerechte Welt zu kämpfen, in dem sie andere Menschen ausschließen?

Trans Frauen sind Frauen

Das Perfide an dieser Diskussion ist, dass trans Frauen dabei ständig als „Männer“ bezeichnet werden, die sich lediglich als Frauen verkleiden. Darum sage ich an dieser Stelle noch einmal laut und nachdrücklich: trans Frauen sind keine „Männer“, die sich als Frauen ausgeben, sondern Frauen – die nun mal Frauen sind.

Thomas Vitzthum, Politikredakteur der Tageszeitung WELT, schrieb Anfang Februar unter der Überschrift „Transsexualität: Brauchen Grundschulen eine Toilette für das dritte Geschlecht?“: „Drei bayerische Gemeinden wollen bei Schulneubauten Toiletten für trans- und intersexuelle Kinder einrichten. Aber ist diese Maßnahme überhaupt sinnvoll?“ Ich möchte bei solchen Artikeln immer „Halt! Stopp!“ rufen, denn sie sind irreführend und schädlich, denn trans und die dritte Option sind zwei verschiedene Dinge. Dass sogar Journalist*innen, die für ihre Berichterstattung recherchieren und mit Expert*innen sprechen sollten, hier Fehler machen, unterstreicht, wie sehr es an Respekt und Wissen über geschlechtliche Vielfalt mangelt.

Denn es ist so: Eine dritte Toilette könnte für intergeschlechtliche Menschen oder nicht-binäre Menschen sicherlich eine sinnvolle Verbesserung sein, aber die meisten trans Menschen brauchen keine eigene Toilette. Sie brauchen die Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz, die Toilette aufsuchen zu können, die ihrem Geschlecht entspricht. Jayrôme Robinet, trans Mann und Autor, schreibt in seiner Autobiografie von seinem ersten Besuch einer Herrenumkleide: „Was erwartet mich dort? Kieferbruch? Faust ins Gesicht?“ Bei jeder Herrentoilette, die ich besuche, warte ich darauf, dass eine Kabine frei wird, weil meine Angst zu groß ist, das Pissoir zu benutzen. Als ich vor einigen Monaten die Toilette einer Raststätte besuchte, sprach mich ein Mann an und sagte zu mir: „Wenn du nicht sofort auf die Frauentoilette verschwindest, bist du fällig.“

Die „Toiletten-Debatte“ soll Angst schüren

Lasse ich mich trotz allem für einen Moment auf diese „Debatte“ ein, stelle ich mir vor allem eine Frage: Wie möchte man überhaupt verhindern, dass trans Menschen die Toilette besuchen dürfen, die ihrem Geschlecht entspricht? Will man an allen öffentlichen Toiletten in Deutschland Zugangskontrollen einrichten? Sollen wir uns nur noch mithilfe unserer DNA Zutritt verschaffen? Wären Fingerabdruckscanner eine Lösung? Oder bekommen trans Menschen ein gemeinsames Erkennungszeichen auf die Kleidung genäht, um sie von cis Menschen zu unterscheiden und sie dann von den Toiletten auszugrenzen, die für sie die richtigen Orte sind? Und an welchen anderen Stellen würde ein solches Erkennungszeichen noch dazu führen, dass trans Menschen ausgeschlossen und abgewiesen werden: Umkleiden? Krankenhauszimmer?

Im englischen Sprachraum wird aktuell besonders vehement über Toiletten gestritten. Es vergeht kaum ein Tag, an dem sich keine Boulevardzeitung damit beschäftigt. Doch geht es TERFs wirklich um die Sorge davor, dass sich „Männer“ als Frauen ausgeben, um sich Zutritt zu Toiletten zu verschaffen? Mein Eindruck ist, dass das Thema Toiletten stellvertretend dafür genutzt wird, trans Menschen ihre Identität abzusprechen. Unsere Welt verändert sich gerade zunehmend, doch trans Menschen gab es schon immer. Nur waren sie vielleicht noch nie so laut und sichtbar wie jetzt. Ich glaube, dass diese zunehmende Diversität ein Gewinn für unsere Gesellschaft ist, viele andere fühlen sich aber durch Veränderungen bedroht und eingeschränkt. Das Thema Toiletten wird dann dafür genutzt, Ängste zu schüren und die Existenz von trans Menschen zu problematisieren, um sie auszuschließen, einzuschränken und ihnen das Leben schwer zu machen.

Wie gelingt uns Akzeptanz?

Ich wünsche mir, dass wir uns davon lösen: Wir sollten nicht darüber debattieren, wie wir trans Menschen den Zugang zu Orten erschweren und verbieten können. Wenn wir darüber überhaupt über trans Personen debattieren, dann wünsche ich mir mehr Diskussion darüber, wie wir es als Gesellschaft schaffen, die Identität und Existenz von trans Menschen zu akzeptieren – am besten mit ihnen, um ihre Erfahrungen zu kennen.

Ich traf mich kürzlich mit einem jungen Menschen, der sich fragt, ob er selbst ein trans Mann ist und der mir viele Fragen zu mir und meinem Leben stellte: Darf ich als trans Mann die Herrentoilette besuchen? Darf ich als trans Mann in die Herrenumkleide? Darf ich als trans Mann noch ins Fitnessstudio gehen? Oder ins Schwimmbad? Das Gespräch blieb mir noch lange Gedächtnis, weil es so offensichtlich machte, welche Ängste, Sorgen und Unsicherheiten viele trans Menschen bereits bei ganz alltäglichen Dingen haben. Und diese Angst sollte keine trans Person haben müssen. Trans Personen sollten darauf vertrauen können, dass sie auf anderen Menschen treffen – überall – die sie akzeptieren und sie dabei zu unterstützen, ein Teil unserer Gesellschaft zu sein.

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