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Über meine Depressionen zu sprechen, macht mich nicht zu einem mutigen Menschen

Was macht uns für andere zu mutigen Menschen? Die Antwort darauf verrät viel über uns als Gesellschaft, schreibt Ronja von Rönne in diesem Monat in ihrer Kolumne „Und jetzt?“.

Wenn das Selbstverständliche mutig wird

Kürzlich schrieb mir jemand auf Instagram, wie „mutig” ich sei. Und, dass sie mich dafür sehr bewundere. Das hat mich erstmal gefreut, Komplimente hinterfrage ich grundsätzlich nie, dafür kriegt man sie viel zu selten. Mutig? Geil. Trotzdem musste ich kurz überlegen, was die Absenderin gemeint haben könnte. Hatte ich vor kurzem eine Großmutter aus einem reißenden Fluss gerettet? Kurz überlegen, ne, ich war nur im Freibad, und da bestand mein heroischster Akt darin, das Kind an die Sonnencreme zu erinnern. Sie musste etwas anderes meinen. Vielleicht hatte ich vor den vereinten Nationen eine Rede gegen Menschenhandel gehalten und das nur kurz vergessen? Passiert ja manchmal. Kurz gegooglet, nix. Worin bestand also meine Tapferkeit? Wettschwimmen mit weißen Haien? Gegen Beschneidungen kämpfen in Westafrika? Atlantiküberquerung in einer alten Alu-Tonne? 500 frittierte Snickers in einer Stunde gegessen? Hm. Ne. Klingt zwar alles sehr nach mir, aber nein. 

Weil ich natürlich nicht nur hören will, dass ich furchtbar mutig bin, sondern auch gerne wissen möchte warum, schreibe ich der Absenderin kurzerhand, für welchen Akt der Tapferkeit sie mich lobe. Zwei Minuten später blinkt das Handy auf: „Na, weil du dich auf Instagram so oft ungeschminkt zeigst”. Das verblüfft mich. Damit wäre ja bewiesen, dass meine Tapferkeit bei der Geburt schon angefangen hat. Ich bin nämlich schon komplett im Nude-Look auf die Welt gekommen. Nicht mal eine von diesen seltsamen BB-Cremes habe ich für meinen großen Tag aufgetragen. Meine Erinnerungen sind leider etwas verschwommen, deshalb kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob ich damals auch schon für diese krasse Tapferkeit gelobt wurde. Ich hoffe doch!

Komplimente mit Beigeschmack

Komplimente dieser Art trifft grundsätzlich vor allem Frauen. Kein Mann wird dafür geadelt, mit unrasierten Achseln auf diesem unseren Planeten zu wandeln oder sich ungeschminkt auf der Straße zu zeigen (wenn überhaupt dafür, dass er geschminkt ist). Das Lob für diesen vermeintlichen Mut mag freundlich gemeint sein, zeigt aber auch die Anomalität des Aktes. Wer es als tapfer empfindet, wenn Frauen sich ohne Schminke in der Öffentlichkeit zeigen, sagt damit auch: Das ist nicht normal. Das ist nicht konform. Und deshalb mutig. Und damit, zumindest für mich, bedauerlich.

Bei Oberflächlichem mag das zwar tragisch, aber auch irgendwie etwas egal sein. Ich wurde jedoch schon ganz anders für meine angebliche Tapferkeit gelobt: Als ich mich im Februar für einige Wochen in eine psychiatrische Klinik einwies, machte ich das Ganze auf Instagram publik. Ich möchte nicht, dass Depressionen tabuisiert werden, und ich will mir nicht bescheuerte Ausreden ausdenken, warum ich in diesem Monat keinen meiner Termine wahrnehmen konnte. Auch hier war das einhellige Feedback: Wow. Wie mutig. Crazy.  Für viele mag es das sein. Für Menschen, deren persönliches oder privates Umfeld psychische Krankheiten stigmatisieren zum Beispiel.  Für mich war das transparent machen vor allem eins: Befreiend. 

Meine Arbeitgeber zeigten allesamt Verständnis, mein Umfeld nahm Anteil. Das mag luxuriös sein, vor allem bedeutet es aber eins: Es war weder feige noch mutig von mir, denn in meinem Umfeld erfordert es glücklicherweise keinen Courage, ich selbst zu sein. Und deshalb bin ich keine Jeanne d’Arc der Depression. Oder eines natürlichen Looks. Und möchte dementsprechend auch nicht dafür gefeiert werden. Denn das Wort „mutig” ist kein Lob, es ist ein Katalysator: Es macht Dinge sichtbar, die längst schon selbstverständlich sein sollten, es aber offensichtlich in der Breite der Gesellschaft nicht sind. Männer in Kleidern, behaarte Beine bei Frauen, alles, was „abweicht”. 

Und, versteht mich nicht falsch, ich liebe Komplimente jeder Art. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel ich davon ertrage. Aber Lob dafür zu bekommen, dass ich mich nicht schminke, ist keine eins plus für mich, sondern ein „ungenügend” für unsere Gesellschaft. Bestanden haben wir alle zusammen erst, wenn es selbstverständlich ist, man selbst zu sein. Egal ob ungeschminkt, depressiv, behaart oder nicht behaart oder allem anderen, was von einer erfundenen, aber leider dennoch etablierten Normalität abweicht. Ich will kein Lob dafür, ich zu sein. Ich will Lob dafür, was ich daraus mache.

 

  1. vier Wochen Auszeit kann man auch mal nehmen, ohne die gesamte öffentlichkeit darüber zu informieren. das ist echtes beisichsein und echte selbst-awareness. ich denke eher, dass die jungen kulturarbeiter daran gewöhnt sind, alles zu kommerzialisieren, siehe stokowski und so.

  2. Klar, man muss nicht jedes Mittagessen posten, und spätestens wenn man dann auch noch Likes für das Verdauungsergebnis erwartet, dann ist es zu viel. Und vielleicht ist ein Kompliment oder ein Lob auch schon zu viel. Aber Anerkennung, Respekt dafür, dass jemand sich zu seiner Seelenkrankheit bekennt das finde ich wichtig. Und befreien ist gut. Raus aus der Tabuecke des Normalitätswahns.
    Danke Ronja!

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