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Warum Männer sich schaden, wenn sie keine gleichberechtigte Elternschaft leben

Auch Väter haben mit Vorurteilen und Klischees zu kämpfen, die es denjenigen, die sich gleichberechtigt um ihre Kinder kümmern wollen, schwer machen. Um das zu ändern, müssen Männer endlich füreinander eintreten und den unbequemen Weg einschlagen.

Abschiebungen kurz vor der Geburt

In Thüringen ist Mitte Oktober etwas geschehen und an die Öffentlichkeit gedrungen, von dem man bislang vielleicht geglaubt hätte, dass so etwas in Deutschland nicht passieren würde. Hier finden zwar Abschiebungen statt, doch dass ein werdender Vater, der bei seiner in den Wehen liegenden Frau im Krankenhaus war, dort festgenommen und abgeführt wurde, um zum Flughafen gebracht und abgeschoben zu werden, bringt man dann doch eher mit den Berichten über Familientrennungen in den USA durch die Trump-Administration in Verbindung; oder mit anderen Ländern, in denen mit bestimmten Bevölkerungsgruppen besonders grausam umgegangen wird. Aber in Deutschland? 

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, soll es weitere Abschiebungen gegeben haben, bei denen der Vater noch vor der Geburt seines Kindes des Landes verwiesen wurde. Ebenfalls in Thüringen sollte im Mai eine schwangere Nigerianerin, die aufgrund einer Risikoschwangerschaft in einer Klinik in Arnstadt behandelt wurde, abgeschoben werden. Die Polizei suchte die Frau in der Klinik auf, wie der Flüchtlingsrat Thüringen e.V. berichtet, doch die behandelnden Ärzt*innen verhinderten, dass die Frau mitgenommen werden konnte. Vergangene Woche sollte zudem eine schwangere Iranerin, die gerade im Uniklinikum Mainz behandelt wurde, nach Kroatien abgeschoben werden.  

Bei dem Fall des Vaters in Saalfeld macht nicht nur die Unmenschlichkeit einer Abschiebung während der Geburt sprachlos, die ohne Zweifel auch die Frau traumatisiert hat, die in einer Situation, in der sie besonderen Schutz und Ruhe braucht, das Auseinanderreißen ihrer Familie mitbekam, während sie doch ihr Baby in Empfang nehmen wollte. Sprachlos macht daneben auch, dass sich zwar die Ausländerbehörde in Saalfeld beim Bamf (Bundesamt für Flüchtlinge und Migration) erkundigte, ob der Mann trotz kurz bevorstehender Geburt seines Kindes tatsächlich abgeschoben werden sollte, das Bamf jedoch mit folgender Begründung an der Abschiebung festhielt: Vor der Geburt würde für den Vater keine familiäre Bindung zum Kind bestehen.

Wie entsteht die Idee, Vätern fehle die Bindung?

An dieser Stelle schnappen nun vermutlich die meisten Leser*innen nach Luft: die, die schon Kinder haben oder gerade eines erwarten, die, die sich eines wünschen und auch die ohne Kind und Kinderwunsch – denn es braucht nicht einmal die persönliche Erfahrung, Elternteil geworden zu sein und auch keine große Fantasie. Als Menschen sollten wir uns alle in die Situation, die das Paar in Saalfeld erlebt hat, hineinfühlen können. 

Aus der Tragödie ergeben sich mehrere wichtige Fragen: Wie traumatisch muss es sein, unter der Geburt ungewollt und durch Fremde vom Partner, von der Partnerin getrennt zu werden? Wie verheilt eine solche Erfahrung? Was geht in Menschen vor, die eine Abschiebung aus einem Krankenhaus, aus einem Kreißsaal veranlassen? Wie kommen Menschen auf die Idee, ein Vater habe vor der Geburt seines Kindes zu ihm grundsätzlich keine Bindung?

Bei den Personen, die das Kind austragen und gebären, würde fast niemand einen Zweifel daran anmelden, wie stark die Bindung auch zum ungeboren Kind bereits ist. Für viele Schwangere setzt diese große emotionale Nähe zum Baby sehr früh ein, weshalb auch frühe Fehlgeburten oft wie der Verlust eines bereits geborenen Menschen aufgefasst und betrauert werden. Wird ein Kind still geboren oder stirbt kurze Zeit nach der Geburt, besteht in der Regel kein Zweifel daran, dass auch der Vater trauert.

Wie denkt die Gesellschaft über Väter?

Doch schon beim Thema Fehlgeburten tut sich unsere Gesellschaft schwer damit, auch Vätern oder den nicht-austragenden Partner*innen das gleiche Maß an Trauer zuzugestehen, was die vormals Schwangere nun bewältigen muss. In Neuseeland gab es dazu in diesem Jahr einen recht einzigartigen Vorstoß, der auf höchster politischer Ebene diskutiert wurde: ein Gesetztesentwurf sah vor, nach einer Fehlgeburt eine dreitägige, bezahlte Freistellung von der Arbeit zu ermöglichen – für beide Elternteile. 

Ein solcher gesetzlich verankerter Schutzraum wird Vätern und Co-Eltern bislang vorenthalten. Sie genießen keinen Kündigungsschutz, es gibt aktuell kein Pendant zum „Mutterschutz“ und das vorherrschende Vaterbild macht es Männern in der Berufswelt nachweislich schwerer, flexible Arbeitsmodelle auszuhandeln. Der fehlende rechtliche Rahmen ist einer der Gründe, warum ein Großteil der Väter bereits direkt oder kurz nach der Geburt weiterarbeitet. Denn ein Recht auf Freistellung nach der Geburt, zudem bezahlt, gibt es für sie nicht.  Väter organisieren dies vor allem durch Urlaubstage, „moderne“ Unternehmen geben einen bis mehrere Tage Sonderurlaub. So können viele Väter zwar nach der Geburt für Kind und Partnerin da sein, doch es gibt immer noch viele, die hier durchs Raster fallen. Väter genießen wenig gesetzlichen Schutz, um Zeit für ihre Familie zu haben. Oder auch anders formuliert: Väter haben sich dieses Recht und diesen Schutz gerade um die Geburt herum bislang nicht erkämpft. 

Gestärkt wurden die Rechte von Vätern zuletzt vor allem in Situationen nach der Trennung von der Mutter ihrer Kinder. „Unterhaltsansprüche wurden nach der Familienrechtsreform im Jahr 2009 unter dem hämischen Claim ,kein Recht auf Zahnarztfrau für immer‘ weitestgehend abgeschafft“, erklärt die Juristin Verena Wirwohl in diesem Text. Die Sorgerechtsreform von 2013 erleichterte unverheirateten Vätern den Zugang zum Sorgerecht für ihre Kinder – ohne sie dazu zu verpflichten, dieser Sorge auch tatsächlich nachzukommen. Darum, für ihre Kinder ab der Geburt viel da sein zu können, haben Männer bislang nicht gekämpft – weder für Gesetze noch für bessere Angebote von Unternehmen.

Tragen, wickeln, die Flasche geben. Partner*innen können in den ersten Monaten genauso liebevoll für das Baby da sein wie die Mütter. (Bild: Depositphotos)

„Da werde ich noch nicht gebraucht“

Wer mit Schwangeren oder frisch gebackenen Müttern spricht, kennt das Elternzeit-Bullshit-Bingo. Denn es ist besonders verbreitet, dass Väter, sofern sie überhaupt in Elternzeit gehen, die späten Monate nehmen, wenn das Kind schon beinahe laufen kann. Viele Väter übernehmen die Eingewöhnung in der Kita und bringen sich ein, „wenn man mit dem Kind schon etwas anfangen kann“. Die ersten Wochen, wenn das Baby vor allem schläft, schreit, spuckt und im Zwei-Stunden-Takt gewickelt werden will, sind für Väter nicht … ja, was eigentlich? Was denkt die Gesellschaft über die ersten Monate von Babys und ihre Bindung zu ihren Vätern? Können Väter nicht beruhigen, die winzigen, zerbrechlichen Babys mit ihren großen Händen nicht wickeln? Brauchen Väter durch ihr Kind Unterhaltung, so dass es schon gluckst und krabbelt und sie mehr machen können, als das Baby auf dem Bauch liegen zu haben und auf dem Sofa zu sitzen? Kann die väterliche Bindung ans Kind erst entstehen, wenn Action ist? Was man von Männern wiederum oft hört, wenn man sie fragt, warum sie nicht gleich nach der Geburt Elternzeit nehmen, sind diese Sätze: „Da kann ich ja eh noch nichts machen“, „Da werde ich nicht gebraucht“, „Ich kann ja nicht stillen“.

Es ist schwierig, auseinanderzuklamüsern, woher diese Haltung bei Männern kommt, wo sie diese Sätze aufgeschnappt haben, was sie wirklich fühlen und was sie daran hindert, es anders zu machen. Denn Fakt ist, dass die „modernen Väter“ eher Urban Legend als Trend sind und die dominante Haltung nicht nur bei Männern, sondern auch bei vielen Frauen so ist, dass die Mama in der ersten Zeit die wichtigste Person für das Baby ist. Ein Naturgesetz, das der Mann, der Mensch, ganz gleich, ob er nun die meisten Spielregeln der Natur weit hinter sich gelassen hat, nicht ändern kann. 

In den ersten Monaten „nicht gebraucht“ zu werden, macht die Lebensplanung ein wenig einfacher. Denn es ist mühsam, sich als Paar abzustimmen, wie man die Elternzeit aufteilt, wie man mit dem verminderten Einkommen lebt und ob man Gleichberechtigung als Paar nur am verfügbaren Monatseinkommen festmacht oder der Wunsch, sich die Fürsorge und Hausarbeit zu teilen, zu kreativen Lösungen führt, zu denen auch Verzicht zählen kann. Die traditionelleren Modelle sind meist einfacher, so viel steht fest – dass sie nach wie vor aber vor allem am Einkommen entschieden werden, muss Zweifel aufwerfen, wie groß der Wunsch nach einer gleichberechtigten Elternschaft tatsächlich ist. 

Wollen Väter sich gleichberechtigt kümmern?

Die Gleichberechtigung in Familien hängt also tatsächlich am Engagement der Männer. Wer als Mann entrüstet darüber ist, dass er angeblich erst später eine Bindung zu seinem Kind aufbaue und in den ersten Monaten entbehrlich ist, der kann eines: zeigen, dass es anders geht. Und vor allem: andere Männer mitziehen. Für ein modernes Väterbild, in dem Männer sich alles zutrauen und unsere Gesellschaft ihnen weder unterstellt, dass die Kinder öfter Beulen bekommen oder sie wie Helden feiert, wenn sie wickeln können, müssen Männer sich zusammenschließen und dieses Väterbild etablieren. Einzelne Vorkämpfer reichen nicht. 

Auch Väter bauen schon vor der Geburt eine Bindung zu ihrem Kind auf. (Bild: Depositphotos)

Mich erinnert das an eine Diskussion, die ich vor Kurzem mit einem Freund hatte, der sich über die fehlende Familienfreundlichkeit in seinem Unternehmen beklagte. Wer als Vater länger in Elternzeit gehe oder gar die Stunden reduzieren wolle, würde keine Karriere mehr machen. Abends nicht mehr für Telkos zur Verfügung zu stehen? Undenkbar. Für ihn stand daher sein Entschluss fest, dass er, sobald er Familie habe, die Firma wechseln müsse, zu einer mit einer Unternehmenskultur, die auch Vätern zugestehe, für ihre Kinder da zu sein. Meinen Vorschlag, sich doch jetzt innerhalb seines Unternehmens dafür einzusetzen, dass Vereinbarkeit dort besser würde, schlug er halb entsetzt aus. Das würde ihm schaden – und davon abgesehen wolle er da ja eh weg. Auf meinen Einwand, dass er es damit auch den Männern leichter machen würde, die nach ihm in Elternzeit gehen wollten und für die jüngeren etwas verbessere, stieg er nicht ein. Diese Solidarität unter Männern – zumindest in Fragen des Familienlebens – scheint es kaum zu geben. Der „moderne Vater“ ist Einzelkämpfer. Er kämpft maximal die eigene Elternzeit und die 90-Prozent-Stelle durch – er kämpft nicht für andere Väter.

Dass den Vater, der in Saalfeld abgeschoben werden sollte, das Urteil traf, er habe noch keine Bindung zu seinem Kind, oder dass dieses Vorurteil Männer trifft, die vor ihrem Chef sitzen, der ihnen nahe legt, keinen Antrag auf Elternzeit einzureichen, ist dabei natürlich nicht individuelles Versagen dieser Männer, sondern das Versagen von Männern als Gruppe. Der geflüchtete Mann, der nach dem Dublin-Abkommen von seiner gebärenden Frau getrennt werden sollte, hatte höchstwahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt schon eine starke Bindung zu dem Baby im Bauch seiner Partnerin, eine große Vorfreude darauf, es endlich zu sehen und im Arm zu halten.

Wie tief wir als Gesellschaft gesunken sind, aus Krankenhäusern abzuschieben und Familien zu trennen, wie wenig empathisch man sein muss, wie herzlos, um über diesen Vater zu sagen, er sei an das Kind nicht gebunden und seine Frau würde ihn unter und nach der Geburt nicht brauchen, lässt sich zwar mit der Frage nach der Emanzipation der Männer aus ihren traditionellen Rollen nicht in Gänze beantworten. Doch neben mehr Solidarität und Menschlichkeit für Asylsuchende, sollten wir, und unter uns vor allem die Männer, fragen, ob von einer Veränderung der möglichen Rollen für Männer und Väter nicht unsere gesamte Gesellschaft, dieses Mal sogar vor allem die Männer selbst, profitieren würden. Emotional. In ihrer Bindung zu ihren Familien. Dabei sollten sich Männer vor allem kritisch die Frage stellen, ob es ausreicht zu sagen, wie wichtig ihnen Familie ist und diese Werte rhetorisch zu füllen – oder ob sie die Bindung zum Kind, zur Partnerin, nicht viel öfter und ganz konkret unter Beweis stellen sollten.

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