Foto: Unsplash – Ismael Nieto

Konflikt mit dem Vater – wann ich heirate, bestimme ich selbst

Ich bin fast 22 und habe einen libanesischen Vater und eine deutsch-englische Mutter. Deutschland ist mein Geburtsland und Bremen meine Heimat. Ich hatte eine wohlbehütete Kindheit, wurde mit deutschen Werten und Normen erzogen. Habe mein Abitur gemacht und jetzt gerade eine Ausbildung. Und plötzlich bricht mein Vater den Kontakt zu mir ab, weil ich meinen Freund nicht heiraten will.

 

Früher und heute

Mein Vater war schon immer streng, nicht richtig streng. Normal halt. Ich musste immer etwas früher wieder ins Haus kommen, wenn die anderen Kinder noch draußen spielen durften. Ich musste mit 16 anfangs immer um spätestens ein Uhr nachts Zuhause sein, wenn ich ausgegangen bin. Ich sollte keinen Jungen mit nach Hause nehmen. Papa hat immer gesagt: „Ich möchte keinen Freund von dir kennenlernen, solange du noch so jung bist. Ich will, dass das etwas Besonderes ist. Und wenn du irgendwann jemanden kennenlernst, von dem du dir sicher bist, dass du wirklich mit ihm zusammen sein willst, vielleicht sogar für immer- dann stell ihn mir vor. Und ich werde der beste Schwiegervater sein, den man sich wünschen kann“. 

Das konnte ich verstehen. Ich habe mich daran gehalten, denn ich habe seinen Wunsch und seine Meinung respektiert. Und mittlerweile finde ich diese Entscheidung auch gut, denn so war es wirklich etwas Besonderes, als ich ihm meinen Freund vorgestellt habe. Nach einem Monat. Eben weil ich mir wirklich sicher war – und immer noch bin.

Ich wusste, dass obwohl mein Vater mich frei erzogen hat, er nicht immer einverstanden war mit dem, was ich gemacht habe – aber welcher Vater ist das schon? Er hat mich trotzdem meinen Weg gehen lassen. Ich bin ein paar Mal falsch abgebogen. Und das ist gut so.

Die Veränderung

Im März diesen Jahres ist mein Großvater gestorben. Meinen Vater hat das wirklich mitgenommen. In einer libanesischen Familie stehen sich alle sehr nahe. Er leidet bis heute darunter. Es hat ihn verändert. Er lacht nicht mehr so oft. Er betet nun. Er trinkt keinen Alkohol mehr. Zwischen allem was gut und schlecht ist, empfinde ich eine Konsequenz als die Schlimmste: Er bereut es, wie er mich und meine Geschwister aufgezogen hat. Vor allem mich. Er bereut die letzten 22 Jahre. Das tut weh.

Wir sind vier Kinder zuhause. Mein Bruder (19), meine Schwestern (8 und 12) und ich. Mein Vater hat zu meiner Mutter gesagt, dass die Erziehung bei meinem Bruder und mir fehlgeschlagen sei. Dass er seine Hoffnung jetzt in die Kleinen steckt, weil die noch eine Chance haben.

Mitten im Leben

Ich habe Abitur und mache eine Ausbildung zur Kauffrau in der Marketingkommunikation – wenn das die Definition eines Mädchens sein soll, bei dem die Erziehung fehlgeschlagen ist, dann bin ich ratlos. Ich weiß, dass ich meine Fehler gemacht habe. Dass ich viele Fehler habe. Aber das ist etwas, was auch zum Erwachsenwerden dazugehört. Bei einem Streit neulich hat mein Vater mir vorgeworfen, dass ich denken würde ich wäre etwas Besseres, weil ich Abitur habe. Dieser Satz war aus der Luft gegriffen, der Streit ging um etwas ganz anderes. Ich hab das Gefühl, manchmal fürchtet er sich vor meinem Horizont.

Vielleicht muss ich hier ergänzen (auch wenn es subjektiv und sehr hart ist), dass ich das Problem des unterschiedlichen Horizonts schon vor vielen Jahren erkannt habe. Seit ich denken kann, schreibe ich Geschichten und Gedichte. Über alles mögliche. Mit 11 Jahren, und das werde ich wohl nie vergessen, habe ich meinem Vater ein Gedicht von mir gezeigt. Es ging um eine Mandarine, die nicht aufgegessen werden wollte. Sie hatte Angst davor, geschält zu werden. Aber gleichzeitig hat sie sich gedacht, wie schön es wäre, wenn jemand mal ihre wahre Schönheit sehen würde. Mein Vater hat mit mir geschimpft. Er sagte, ich hätte das Gedicht aus dem Internet abgeschrieben und es wäre nicht recht, eine andere Arbeit als meine eigene zu verkaufen. Nun ja, das Gedicht habe ich aber selbst geschrieben. Ich hab viel geweint an diesem Tag. Und er hat es bestimmt vergessen.

Das Ding mit der Heirat

In islamischen Kreisen ist es nicht erlaubt, einen Freund oder eine Freundin zu haben. Halten wir an dieser Stelle aber mal fest, dass sich diesen Regeln trotzdem widersetzt wird. Alle tun es. Nur halt ohne Wissen der Eltern und der restlichen Familie. Jedenfalls ist es üblich, die islamische (und in unserem Fall hier libanesische) Trauung zu vollziehen, damit die Partnerschaft von der Familie akzeptiert wird.

Ich habe dem ganzen nie eine besondere Wichtigkeit zugesprochen. Wie schon erwähnt, bin ich nicht mit den islamischen Werten und Normen aufgewachsen. Und mein Vater würde diese nicht vertreten, wie ich dachte – bis zu dem Tod meines Großvaters.

In den vergangenen Wochen und Monaten hat mein Vater mir schon öfter angedeutet, dass er es begrüßen würde, wenn mein Freund und ich diesen Schritt gehen würden. Es habe keine rechtliche Bindung und es würde nur fünf Minuten dauern. Dass ich nach neun Monaten Beziehung allerdings noch nicht bereit war, diesen Schritt zu gehen, verstand er nicht. Vor einigen Tagen dann, es war Zuckerfest, fragte ich meinen Vater, wann er abends bei meiner Familie sein würde. Also, bei meiner Großmutter, meinen Tanten und so weiter. Er schrieb mir, ich dürfe niemanden mehr sehen, bis ich heiraten würde. Dass ich mein Leben lang hätte tun dürfen, worauf ich Lust gehabt habe, ihn oft hintergangen hätte und es nun reichen würde. Dann sagte mir, auch er will mich nicht mehr sehen, bis ich heirate. Meinen Freund hat er übrigens nicht ein einziges Mal gefragt, was dieser davon hält. Er hat quasi über seinen Kopf hinweg bestimmt, dass er mich heiraten soll. Du kannst doch nicht so etwas von jemandem verlangen, ohne ihn nach seiner Meinung zu fragen! Die Ironie an der Sache ist: Wenn mein Vater eben das gefragt und in wenigen Worten erklärt hätte, wieso ihm das alles so wichtig ist – dann wäre mein Freund der letzte gewesen, der ihm diesen Wunsch verweigert hätte. Aber so war es kein Wunsch. Es war ein Befehl – und eine Drohung zugleich.

Ich – das Problem und die Lösung

Ich weiß, dass ich anstrengend sein kann. Und schwierig. Und fordernd. Aber ich habe nie zu viel verlangt. Zudem auch mein Vater mich nie von etwas abgehalten hat. Man kann einen Menschen nicht fast 22 Jahre liberal und weltoffen seinen Weg gehen lassen, um dann mit dem Kontaktabbruch zu drohen, sollte dieser sich der Tradition nicht fügen will. Einer Tradition, zu der ich keinen Bezug habe. Aus einer Kultur, die meinen Werten nicht entspricht und einem Glauben, dem ich nicht angehöre. Und das alles auf einer Sprache, die ich nicht spreche. Nur, um andere Menschen zufrieden zu machen. 

Ich mag mich. So wie ich bin. Mit allen Fehlern und falschen Abzweigungen, die ich gegangen bin. Denn auf jedes schlechte Erlebnis kommen zehn gute. Auf jede miese Erfahrung drei bessere. Ich habe es satt, mich rechtfertigen zu müssen, wieso ich nicht heiraten will, nur um andere glücklich zu machen. Auch, wenn ich Menschen durch mein Sein verletze – im Endeffekt ist das mein Leben. Mein Leben, welches ich seit einiger Zeit mit dem wundervollsten Menschen teilen darf, dem ich je begegnet bin. Der mich so glücklich macht, dass ich nur bei dem Gedanken an ihn lächeln muss. Der, um es in den Worten des Rappers Fabian Römer zu sagen, bei dem ich mir Kredit bei seinem Mut aufnehmen kann, wenn ich es alleine gerade nicht schaffe. Und wenn all das meinem Vater nicht reichen kann, dann bedaure ich das sehr. Aber es wird nichts an meiner Entscheidung ändern.

Und allen, die gerade an sich zweifeln, möchte ich das hier mitgeben: Sei immer du selbst.

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