Foto: Gloria Dimmel

Gloria Dimmel: „Sich die eigene Vulva ins Wohnzimmer zu hängen, hat etwas Selbstermächtigendes“

Vielen fällt das Sprechen über (ihre) Vulven schwer und das führt auch dazu, dass viele Unsicherheiten entstehen. Gloria Dimmel möchte mit Workshops und einem Vulven-Memory aufklären und zum Umdenken anregen. Weg mit den Tabus!

Die Vulva leidet unter Schönheitsidealen

Seit zwei Jahren nimmt Gloria Dimmel Abdrücke von Vulven und stellt sie in verschiedenen Kunstausstellungen aus. Auslöser war für sie, dass es noch immer nicht selbstverständlich ist, über seine Vulva ganz unbefangen zu reden oder sie überhaupt wirklich zu kennen. Viele fühlen sich mit ihrer Vulva zudem auch nicht wirklich wohl. Mehr als 2.000 Frauen lassen sich jährlich in Deutschland die Vulva aus Schönheitsgründen operieren.

Die Vulva darf kein Tabuthema mehr sein und man muss darüber reden. Einen solchen Raum, um seiner Vulva näher zu kommen und sich auszutauschen, hat Gloria geschaffen. Bei ihr zu Hause bietet sie Workshops an, um einen Abdruck seiner Vulva zu machen. „Ich möchte den Teilnehmer*innen ein ähnliches Wow-Erlebnis bieten, das ich selbst am Anfang hatte: Die eigene Vulva aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen und zu schätzen.“ Mittlerweile haben rund 170 Frauen einen Abdruck ihrer Vulva gemacht.

Gloria entwickelte ihre Idee weiter zu einem Memory. Denn wie lernt man Vulven am besten kennen, wenn nicht bei einem Spiel bei dem man sich die Motive intensiv anschauen und einprägen muss? Eben. „Pussy Pairs“ oder auch „Mumury“ soll Scham, Vorurteile und Berührungsängste abbauen.

Gab es eine bestimmte Situation, in der dir bewusst wurde, dass das Sprechen über die Vulva in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert wird?

„Ich erinnere mich nicht an eine bestimmte Situation, aber an einen allgemeinen Zustand, in dem ich nicht das Gefühl hatte, es ist normal über die Vulva zu sprechen. Weder über positive, lustvolle Aspekte, obwohl das schon eher, noch über etwaige ästhetische Selbstzweifel – und schon gar nicht über Körperflüssigkeiten. Oder die – seien wir ehrlich – total interessante Konsistenz von Menstruationsblut oder Ausfluss.”

Wie bist du auf die Idee gekommen, dass Abdrücke von Vulven der beste Weg sind, um diesen Zustand zu beenden?

„2017 habe ich Mithu Sanyals Buch ,Vulva‘ über die Kultur- und Kunstgeschichte der Vulva gelesen, was ich sehr faszinierend fand. Zumal mir beispielsweise die ,Sheela-na-Gig‘-Steinreliefs in Großbritannien und Irland absolut kein Begriff waren und damit auch einfach die positive Besetzung der Vulva gefehlt hat. Danach hatte ich ein scherzhaftes Gespräch mit einer Freundin nach dem Motto: Wir könnten unsere eigene ,Great Wall of Vagina‘ von Jamie McCartney machen. Ich hatte alle Materialien zu Hause und hab kurzerhand einen Abdruck meiner Vulva für mich hergestellt.”

Was war das für ein Gefühl, seine Vulva in der Hand zu haben und sie richtig betrachten zu können?

„Das Ergebnis hat mich total begeistert und fasziniert. Die positiven Gefühle haben dann die ursprüngliche Scham überschattet und mich dazu veranlasst, meine Vulva im Freundeskreis herum zu zeigen, auch wenn ich mir ein wenig vorkam als würde ich ,unsolicited dickpics‘ verteilen. Dass größeres Interesse dafür entstehen könnte, hätte ich damals nicht gedacht.”

Deine Reaktion war durchaus positiv, aber wie reagieren andere auf deine Kunst in Ausstellungen?

„Vorwiegend positiv. Frauen verstehen prinzipiell meist auf Anhieb, worum es geht und wollen mitmachen oder das Projekt verbreiten. Eine kleine Minderheit von Männern kann schon mal verständnislos reagieren oder in dem Kontext gleich mal auf das Fehlen eines ähnlichen Projekts für Penisse hinweisen. Allerdings gab es auch schon ,Übergriffe‘ auf die Exponate im Rahmen von Ausstellungen oder Partys bei denen beispielsweise die Hälfte davon geklaut wurde, sowohl von Frauen als auch Männern. Oder ein Ausstellungsstück wurde von einem Mann ungeniert aufgehoben, um auf der Rückseite eine eventuelle namentliche Beschriftung zu erhaschen – zumindest vermute ich das.”

Und wie reagieren Frauen, die ihren eigenen Abdruck sehen?

„Von Teilnehmer*innen bekomme ich durchwegs positives Feedback, viele fühlen sich dadurch bestärkt auf ihrem eigenen Weg, ihre Vulva kennen zu lernen oder zu schätzen. Andere wollen das Projekt durch ihren Beitrag solidarisch unterstützen und sich eine eigene Vulva ins Vorzimmer hängen. Es hat auf jeden Fall etwas Selbstermächtigendes an sich, die Vulva so auszustellen. Erst vor kurzem hat mir eine Teilnehmerin gesagt, wie toll sie unsere Session fand, und dass es ihre Erwartungen noch übertroffen hätte. Eine andere Teilnehmerin hatte mir aus Beton gegossene Origamivulven geschenkt. Wenn diese Art von Austausch stattfindet, freue ich mich am meisten. Das offene Sprechen über die Vulva verbindet Frauen meiner Meinung nach extrem.”

Kannst du mir die einzelnen Schritte erklären, wie man zu seinem eigenen Vulva-Abdruck kommt?

„Zuerst rühre ich Körperabformmasse, Alginat, mit bestenfalls warmem Wasser an und lasse es die Teilnehmerin auf ihre Vulva auftragen. Der Negativ-Abdruck muss allerdings eine gewisse Dicke haben, damit er nicht zu flexibel wird – da helfe ich dann ein wenig nach. Die Masse härtet nämlich nicht komplett aus, sondern erstarrt in etwa wie Gelatine oder Pudding. Dann schneide ich die Negative kreisförmig zu, leg sie in runde Plastikbecher und fülle die Formen mit Gips. Nach spätestens einer Stunde lässt sich der Gips aus der Form lösen, muss aber noch ein paar Tage trocknen. Am Ende kratze ich die Alginatreste aus den Vulvalippen und schleife die Ränder ab. Meistens bleiben viele Details im Gips zurück, weshalb jede Gipsvulva ein Einzelstück ist.”

Quelle: Gloria Dimmel / Achse Verlag
Quelle: Gloria Dimmel / Achse Verlag

Wie hat sich deine ursprüngliche Idee der Abdrücke hin zu dem Memory entwickelt?

„Die wenigen Ausstellungen, bei denen ich bisher mitgemacht habe, sind eher klein und nischenhaft. Dabei habe ich diese riesige, spannende Sammlung zuhause und sie verstaubt quasi die meiste Zeit auf meinem Regal. Mit einem Spiel wie ,Pussy Pairs‘ bzw. ,Mumury‘ gelingt es mir vielleicht, mehr Menschen zu erreichen. Man kann natürlich darüber streiten, wie sinnvoll eine Memo-Spiel oder jedes andere Spiel ist. Aber es bringt die Menschen zum Reden, es generiert sehr viel Aufmerksamkeit für das Thema und normalisiert es im Endeffekt sogar mit etwas Glück. Außerdem kennt man/frau die Spielregeln seit Kindheitstagen und, um das Spiel zu gewinnen, muss man sich diese Vulven eben auch sehr genau einprägen. Man kann sich vor dem Thema also nicht verschließen und wegschauen, auch wenn man sonst vielleicht eher peinlich berührt ist.”

Spiele sind in erster Linie zur Unterhaltung da, doch du verfolgst damit weitaus mehr.

„Ich möchte die Menschen dazu bewegen, sich mit dem Thema Vulva auseinanderzusetzen und einen unaufgeregten Zugang, sowie eine entsprechende Sprache dazu zu finden oder zu entwickeln. Nur wenn wir schambefreit über die Vulva sprechen können, können wir unsere Bedürfnisse diesbezüglich ausdrücken – in einem medizinischen, lustvollen Kontext sowie auch beim Anzeigen von sexualisierter Gewalt.”

Setzt du auch ein politisches Statement mit deiner Kunst? Es gibt zum Beispiel ein Bild auf deiner Internetseite von zwei Vulvenabdrücken, die auf einem Zeitungsbild von Angela Merkel und François Hollande liegen.

„Das ist eine Zeitungsausgabe von 2014, die ich als Arbeitsunterlage verwende. Das Bild ist zufällig entstanden, ich hab es aber als passend empfunden. Viele, etwa in den Zeitungsforen, sind der Meinung, dass Geschlechtsteile etwas Privates oder Obszönes sind, das man nicht öffentlich und provokant zur Schau stellen müsse. Ich denke, dass die Vulva schon lange ein Politikum ist, schließlich wird mir von der Gesellschaft vorgeschrieben, wie ich damit umgehen muss – nämlich am besten gar nicht.”

Folgende Situation: Eine Freundin erzählt dir, dass sie ihre Vulva merkwürdig findet. Sie hat nun vor, eine Schönheitsoperation im Intimbereich vorzunehmen. Wie reagierst du und was erwiderst du?

„Wenn ausgeschlossen werden kann, dass sie ihre Vulvalippen im Alltag wirklich als störend und schmerzhaft empfindet und es wirklich nur um Ästhetik geht, würde ich erzählen, wie vielen Frauen es so geht. Sie haben den Eindruck, einem gewissen Ideal entsprechen zu müssen, das aus kapitalistischen Schönheitszwängen, der Pornoindustrie und einem männlich-dominierten Blick auf den Frauenkörper stammt. Ich würde von meinen Erfahrungen erzählen, und wie mir mein eigener Vulva-Abdruck die Augen geöffnet und mich von Zweifeln befreit hat. Interessanterweise hat die Zurschaustellung meiner Vulva jegliche Ängste darüber aus meinem Kopf verbannt. Klar, werde ich die besagte Freundin nicht zu einem Abdruck überreden, aber vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit für sie, ihre Vulva in ein positiv-besetztes Licht zu rücken. Ob durch relevante Literatur, Filme oder im Kontext von anderen Vulva-Workshops, Therapien oder ganz einfach im Gespräch mit Personen, denen es ähnlich ergeht. Es lohnt sich auf jeden Fall, offen damit umzugehen, weil es den Druck von einem selbst nimmt. Und wenn sie sich letztlich für eine OP entscheidet, dann ist es definitiv ihr gutes Recht, sich in ihrem Körper wohlfühlen zu wollen.”

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