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Wahlkampf mit Kleinkind und Vollzeitjob: „Ich will nicht länger hinnehmen, dass gerade Frauen ab 30 aus der aktiven Politik verschwinden“

Autor*in
Anna-Lena Maier

Unsere Community-Autorin Anna-Lena Maier steckt gerade im Hamburger Wahlkampf und in der Kita-Eingewöhnung, außerdem arbeitet sie Vollzeit. Warum sie sich das antut? Weil es nicht damit getan ist, dass ab und zu ein Bild von einer Politikerin mit Baby im Parlament durch Twitter geistert, das dann alle feiern.

Termine, Termine und noch ein Termin

Diesen Text wollte ich eigentlich vor zwei Wochen schreiben. Ich kam aber nicht dazu, denn: Ich kandidiere für die SPD bei den Wahlen zur Hamburgischen Bürgerschaft auf dem Landeslistenplatz 48 (da muss man zugegebenermaßen schon ein wenig suchen). Der Wahlkampf geht jetzt in die heiße Phase. Man könnte und sollte also eigentlich jeden Abend bei einem anderen politischen Termin sein. An den Wochenenden werden Infostände betreut und Tür-zu-Tür-Aktionen durchgeführt, und die regulären Sitzungen und Abstimmungstermine finden natürlich auch noch statt. So ein Wahlkampf fühlt sich an wie ein Studium während der Klausurenphase: man könnte immer noch mehr machen. Noch ein Gespräch mit potenziellen Wähler*innen, noch eine Veranstaltung mitnehmen, noch einen Hausbesuch einplanen. Doch mit Kleinkind, Vollzeitjob und einem Partner mit eigenen Verpflichtungen und Ambitionen stellt sich die Lage einfach ein wenig anders dar.

Die Vereinbarkeitslüge

Meinen Flyer haben mein Mann, der gerade ein Unternehmen gründet, und ich nachts designt. Meine Social-Media Posts mache ich abends während der Einschlafbegleitung, in der Hoffnung, dass meine Tochter es nicht bemerkt. Wenn ich fürs Zubettbringen überhaupt zuhause bin. Oft antworte ich nebenbei noch auf erschütternde Hassnachrichten von Rechtsextremen, an die ich mich immer noch nicht gewöhnt habe. Gleichzeitig befinde ich mich im Endspurt meiner Promotion und arbeite Vollzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Geistig gebe ich also Vollgas, körperlich macht sich der Druck bemerkbar: Nach einem Jahr Babytragen und vielleicht fünfmal Sport streikte plötzlich der Rücken, sodass ich wochenlang wie eine Piratin lief. Ach ja, und wir sind mitten in der Kita-Eingewöhnung. Im Januar und Februar. Eltern wissen, was das heißt – Erkältungen, wie man sie jahrelang nicht kannte, strecken die ganze Familie nieder. Dabei müssen gerade jetzt alle funktionieren, denn sobald eine*r von uns ausfällt, fällt das ganze Kartenhaus der Vereinbarkeit zusammen.

Politik und Leben

Natürlich treffe ich auf viele Genoss*innen, die großes Verständnis zeigen, wenn ich wegen eines fiebernden Kindes ausfalle oder nicht jede einzelne Parteiveranstaltung mitnehme, um Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Und trotzdem hält sich der Anspruch der ständigen Verfügbarkeit hartnäckig. Denn unsere Parteistrukturen sind, auch jenseits der besonderen Situation des Wahlkampfes, noch nicht darauf ausgelegt, dass alle – die mit Baby, die mit zu pflegenden Angehörigen, die mit Schichtdienst – sich gleichermaßen beteiligen können, geschweige denn kandidieren. Dabei brauchen wir dringend eine Beteiligungskultur, die Ehrenamtliche ehrt und stärker auf Inhalte und Impact als auf reine Anwesenheit setzt. Die anerkennt, dass auch Politiker*innen Menschen sind – mit Jobs, Passionen, Familien und Partner*innen, kurz: mit einem Leben.

Warum trotzdem

Warum tue ich mir das an? Es gibt viele gute Gründe, wieso ich mich trotzdem politisch engagiere. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass die Lage der SPD schon einmal rosiger war, auch wenn wir in Hamburg vergleichsweise gut dastehen. Ich finde, dass die Sozialdemokratie eine der besten politischen Ideen der Menschheitsgeschichte ist. Als ich im vergangenen Jahr einmal kurz davor war, auszutreten, habe ich mich daran erinnert und kritisch selbst hinterfragt: Wer macht denn die Politik, die wir uns wünschen, wenn nicht wir selbst? Natürlich ist alles gerade viel. Aber ich will nicht länger hinnehmen, dass gerade Frauen ab 30 für eine ganze Zeit – die „zufällig“ mit der Familiengründungsphase korreliert – aus der aktiven Politik verschwinden. Es ist 2020, und unsere Perspektiven braucht es eben auch im Parlament. Es ist nicht damit getan, dass ab und zu ein Bild von einer Politikerin mit Baby im Parlament durch Twitter geistert, das dann alle feiern, während uns gerade dieser Umstand, dass es eben nicht völlig normal ist, dass auch Mütter Politik machen, zutiefst beunruhigen sollte. Ich hoffe, dass meine Tochter sich diesen Herausforderungen eines Tages nicht mehr stellen muss. Wenn meine Kandidatur ein wenig zu einer besseren Vereinbarkeit für alle beiträgt, ebenso zu einer wirklichen Erneuerung meiner hassgeliebten SPD, dann hat sich das alles gelohnt.

  1. Liebe Anna-Lena,

    Ein ganz großes Dankeschön für diesen Text und dein Engagement aus dem tiefen Süden, von einer (hoffentlich) angehenden Kommunalpolitikerin im bayrischen Wahlkampf mit zwei kleinen Kindern (1 und gerade 4 Jahre), vollzeitnahem Job, anspruchsvoller 6 monatigen Weiterbildung und – nicht zu vergessen – mit Partner, Hobbys und dem ganzen zusätzlichen Gedöns… 😉
    Ich sehe es genauso wie du und bin genau der Meinung: wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann?
    Auch wenn es anstrengend ist, auch wenn es uns fordert – ich weiß, dass es genau richtig ist und wir das tun müssen!

    Ich wünsch dir weiterhin viel Power, viel Spaß und vor allem Zeit, dich mit all diesen Aufgaben zu beschäftigen!

    Alles Liebe und viel Erfolg bei der Wahl!

  2. Frauen ab 30 verschwinden nicht nur aus der aktiven Politik – leider auch aus den Wirtschaftsunternehmen. Es fehlt auch hier das Vorbild für alle die jünger sind, wie Vereinbarkeit gelebt werden kann. So bleibt in den Köpfen die herkömmlich verbreitete Rollenverteilung immer als Norm präsent. Auch im Jahr 2020.

  3. Liebe Anna-Lena, danke für dein Engagement und das darüber Schreiben. Es ist so wichtig für seine Ideale einzutreten.
    Ich wünsche dir viel Erfolg und dass der Frühling bald kommt und damit die Rotznasen verschwinden.

  4. Liebe Anna-Lena,
    dein Artikel macht mir noch einmal bewusst, wie absolut notwendig ein Umdenken und eine Umstrukturierung der Arbeitswelt ist.
    Ich gebe dir Recht, dass, wie du schreibst, die Perspektive von uns Frauen mit Kind in der Politik und im Berufsleben essentiell ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Arbeitsleben und der Alltag mit Kleinkind tatsächlich oft nur unter großen Abstrichen an Zeit, innerer Ruhe und Gelassenheit möglich ist.

    Ich plädiere inzwischen vehement für ein ganz neues Modell von Arbeit und Familienzeit: also nicht die Anpassung der Mütter an eine männlich geprägte „Vollzeitarbeitswelt“ mithilfe immer ausgedehnterer externer Kinderbetreuung, sondern eine Art Lebensarbeitszeitmodell, in dem Mütter UND Väter, während ihre Kinder klein sind, ohne berufliche Nachteile mehrere Jahre lang deutlich weniger und flexibler arbeiten können, um später wieder ihren Fokus auf den Beruf zu legen. Fürsorge-Arbeit in der Familie IST Arbeit. Sie darf kein Privatvergnügen oder ein mit beruflichen Nachteilen verbundenes „notwendiges Übel“ bleiben!

    Und natürlich, um solche Positionen zu vertreten braucht es mehr Frauen UND Männer mit kleinen Kindern in der Politik und in beruflichen Entscheidungspositionen, die sich genau dafür einsetzen. Danke, dass du dazu gehörst und dafür den Stress des Alltags mit „Vollgas an allen Fronten“ auf dich nimmst!
    Herzlichen Gruß, Sarah

  5. Oooh vielen Dank für Deinen Post – I feel you! Hab jetzt ein Jahr mit Wahlkampf (Stadtrat in einer Landeshauptstadt), Stadtratsarbeit, noch einem OB-Wahlkampf, Parteiarbeit, Koalitionsverhandlungen etc. hinter mir. Und „nebenbei“ noch Kita-Kind, Kinderwunsch und Karriere. Oh mann. Manchmal: Einatmen, ausatmen. Mut zur Lücke. Dann aber wieder: Boxhandschuhe anziehen! Sehen, wie politische Projekte wachsen! Neue Ideen einbringen! Es ist so wichtig, dass Menschen aus verschiedenen Lebenssituationen in der Politik repräsentiert sind. Und Frauen sowieso. Danke! Und ganz viel grüne schwesterliche Solidarität!

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