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War es nötig, aus uns die Generation Zukunftsangst zu machen?

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über Zukunftsangst.

Karriere? Sei froh wenn du einen Job bekommst!

Alle reden immer vom großen Erfolg, von all den vielen Möglichkeiten und einer steilen Karriere. Aber wie definiert man überhaupt eine Karriere? Über den Kontostand? Den Jobtitel?

Ich erinnere mich noch an ein Silvester, so deprimierend, dass ich es wohl nie vergessen werde. Ich und viele meiner Freunde standen vor dem Uni-Abschluss, und alles, was uns beschäftigte, war unsere Angst. Die Angst davor, einfach durchs Raster zu fallen. Allesamt hatten einen zweiten Uni-Abschluss, Nebenjobs, Praktika, Studentenjobs – oder waren gar dabei, die Uni quasi nebenbei abzuschließen, weil sie sich schon so weit vorgearbeitet hatten, dass die Arbeit mehr zählte. Denn daraus könnte ja eine Zukunft entstehen. Vielleicht. Möglicherweise.

Statt sich also auf eine Sache zu konzentrieren, wurde sich zerrissen, Zeit gestückelt, Termine wie ein Weltmeister jongliert. Meist sogar mit Jobs, die man eigentlich nie machen wollte. Und die nun einfach da waren. Wie sagt man so schön: Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Und während wir da alle reinbutterten wie die Irren, war dennoch die Furcht da: Werden wir da draußen einen Platz haben? Wartet irgendjemand auf uns? Auf das, was wir können und was uns ausmacht? Sind wir genug?

Rückblickend finde ich das nur noch absurd. Aber dieser Abend markierte wohl den deprimierendsten Neujahrsanfang, den man sich vorstellen konnte.

Arbeitsmarkt? Hier wartet niemand auf euch!

Man möchte meinen, wir waren einfach die unsichersten Menschen der Welt. Aber ich würde behaupten, dass wir dazu gemacht wurden. Denn diesem Abend ging eine langjährige Gehirnwäsche voraus, die schon früh begann: Zeitungsberichte über die Generation Praktikum, voller junger Menschen, die ewig die billige Arbeitskraft sein würden oder Berufsorientierungstage, an denen vom Schreiner bis zum Anwalt alle sagten, ihr Job sei schon vollkommen überlaufen – und für Frauen, die vor haben sollten, Kinder zu bekommen, schon mal gar nicht geeignet.

Uns wurde fast mantra-artig eingetrichtert, dass wir wahrscheinlich nie einen Job bekommen werden. Und genau da begann es, dass es uns schon wie eine verdammt steile Karriere vorkam, überhaupt in der Arbeitswelt anzukommen – vielleicht sogar mit einem Gehalt, das uns alleine über die Runden kommen lassen und einen Urlaub im Jahr finanzieren würde. Aber man wollte ja nicht allzu wild träumen.

Was die Sorge um die Zukunft in den jungen Erwachsenen auslöst

Und dann, große Überraschung, haben es am Ende doch alle gewuppt. Aber die Frage ist doch: Wie startet man in sein Berufsleben, wenn man immer das Gefühl hat: Sei froh, dass dich jemand genommen hat; wenn immer wieder gesagt wird: Da draußen warten Tausende, die deinen Job wollen und du bist jederzeit ersetzbar. Die Antwort: Man vergisst vor lauter Druck, sich zu überlegen: Was will ich überhaupt, was macht mich eigentlich glücklich und was brauche ich von meinem (zukünftigen) Arbeitgeber, um meinen Job gerne zu machen? Und weil man das vergisst, läuft man Gefahr, einfach ewig den Spatz in der Hand zu halten, statt endlich der Taube auf dem Dach nachzujagen. Und vielleicht sogar mit diesem Spatz Karriere zu machen. Aber ist das dann überhaupt eine? Und wem nützt diese dann etwas?

Denn entgegen der gängigen Meinung, dass nun eine junge Arbeitnehmer-Generation entsteht, die viel von ihrem Arbeitgeber verlangt, kenne ich vor allem jene, die sich grundverunsichert immer wieder ducken und sich gar nicht so recht danach richten, was sie eigentlich beruflich glücklich machen würde. Sondern danach, was eben gerade so da ist.

Mitarbeiter versus Mensch

Was immer wieder vergessen wurde, uns zu sagen? Dass es hier nicht um einen Run geht, bei dem wir mit Tausenden starten, um in ein gemeinsames Ziel zu laufen; dass die Idee von
einer Zukunft und einem „erfolgreichen Leben“ so divers ist, wie die Menschen,
die in die Arbeitswelt eintreten. Dass wir auch von unseren Vorgesetzten nicht nur
nach den Hard Skills bewertet werden, sondern ebenso dadurch, wer wir sind. Dass
es neben messbarer Leistung noch so viel mehr gibt, das für einen Arbeitsalltag wichtig ist. Denn ein erfolgreiches Team entsteht letztlich am wenigsten aus der Summe der Programme und Sprachen, die es beherrscht, sondern aus einem Gemeinschaftsgefühl, aus emotionaler Intelligenz, die zusammengeworfen wird und aus der Lust auf die gemeinsame Aufgabe.

Ich kenne diese diffuse Zukunftsangst vor allem von Menschen in meinem Alter, plus-minus Mitte Zwanzig. Ich weiß nicht, wie es den aktuellen Abiturienten geht, von denen man
doch aber hört, statt Selbstverwirklichung wären nun Beamtenjobs wieder
ziemlich angesagt. Ich weiß nur, dass wir Jugendliche und junge Erwachsene
dringend anders in die Berufswelt schicken müssen, als wir es damals wurden. Und zwar: mit Mut und mit Zuversicht.

Chancen aufzeigen statt Angst verbreiten

Und das machen wir, indem wir ihnen nicht sagen: Ihr könnt theoretisch alles machen,
aber das wird wahrscheinlich nichts. Sondern ihnen ganz praktisch zeigen, was
da alles geht. Denn es geht eine Menge. Und wir müssen ihnen sagen, dass sie
nicht per se die Bittsteller sind, sondern oftmals genau die, nach denen gesucht wird. Lasst sie sich nicht fühlen wie billiges, menschliches Arbeitsmaterial, sondern wie Menschen, die eine Zukunft gestalten. Und zwar nicht irgendeine, sondern ihre eigene. Und zwar nur die.

Wir brauchen keine jungen Menschen, die mit Selbstzweifeln und Angst auf ihr Leben schauen, sondern Mutige, die sich die Freiheit nehmen zu fragen: Was macht mich glücklich? Und wie kann eine Karriere für mich ganz persönlich aussehen?

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