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Warum das Wechselmodell für uns die richtige Entscheidung war

Wie wollen wir uns nach der Trennung um das Kind kümmern? Diese Frage beschäftigt viele Eltern – und die eine Lösung gibt es nicht. Mareike Milde erzählt, warum für sie das Wechselmodell der passende Weg ist.

Loslassen und Sehnsucht

Freitag, Beginn der Mama-Woche. Nach sieben Tagen ohne Kind ist meine Vorfreude groß, ich fliege förmlich die Treppenstufen der Kita hinauf. Meinen Sohn finde ich mit dem Rücken zu mir stehend in der Kinderküche, versonnen rührt er in einer Sandsuppe.

Noch hat er mich nicht bemerkt, dafür aber ein aufgewecktes Vorschulkind. Stolz streckt es mir seinen Finger entgegen: „Der größte Popel für heute“, um mit der Frage anzuschließen „Warum warst du die ganze Woche nicht da? Warum war nur der Papa da? Warum kommt ihr nie zusammen?“

Während ich versuche, freundlich zugewandt seinen Finger zu ignorieren, rührt es in meinem Kopf fieberhaft auf der Suche nach einer betont unaufgeregten, klaren und vor allen Dingen nach einer kindgerechten Antwort, die niemanden brüskiert. Eine Antwort, die dem kleinen Fragesteller erklären soll, dass das, was wir aktuell leben vielleicht irgendwann vielleicht ganz normal werden wird, denn Wechselmodelle sind keine Rarität mehr. Sie werden häufiger, weil sich die Eltern das wünschen – oder auch, weil eine BGH-Entscheidung von 2017 es möglich macht, dass ein Wechselmodell zur Kindeserziehung angeordnet werden kann, auch dann, wenn ein Elternteil dagegen ist. Und da wir beide, der Vater und ich, unser Kind wahnsinnig lieb haben und zum Glück auch jede*r  von uns die Zeit, Flexibilität und das Geld aufbringen kann und will, die Kindeserziehung jede zweite Woche allein zu stemmen. Wir erziehen nicht mehr gemeinsam, sondern getrennt. 

Der Versuch war es wert

Überzeugt haben uns Fachleute – auch wenn wir am Anfang sehr skeptisch waren – dass dieses Modell für unser Kind Vorteile haben kann. Und da wir dieses Modell ohnehin schon länger zur Probe lebten, haben wir entschieden: Wir geben dem Wechselmodell eine Chance. 

Während ich also in der Kita in meinem Kopf endlose Rechtfertigungen aneinander kette, die weit entfernt von einfachen Antworten sind, erlöst uns nur ein paar Sekunden später die gelassene Stimme meines Vierährigen: „Weil Mama und Papa so viel streiten. Darum gibt es eine Mama-Woche und eine Papa-Woche.“ „Achso,“ sagt der junge Fragesteller und schlurft zufrieden davon.

In Momenten wie diesen glaube ich ganz fest daran, dass das Wechselmodell funktionieren kann. Denn unser Kind geht mit seinem Lebensmodell mit einer ans Herz gehendem Selbstverständnis um, er lebt es nach außen und nach innen, und fühlt sich in seiner Kita nicht als Sonderfall, obwohl wir dort unter 160 Kindern kein weiteres kennen, das bei beiden Eltern – in zwei Haushalten – groß wird. 

Vielleicht sollten wir mehr auf unsere Kinder schauen, die die Wirklichkeit viel weniger in Frage stellen und sie ungerührt wahrhaftig sehen, so, wie sie nunmal ist. Die sich ihre Realität nicht schön reden müssen und angestrengt Begründungen überlegen, um sich selbst Mut zuzusprechen oder gegen das schlechte Gewissen anzureden. Vielleicht sollten wir Erwachsenen die Dinge öfters einfach annehmen wie sie nun einmal sind, ohne diesen ganzen Rechtfertigungswahnsinn. Es kann total okay sein, wenn wir es zulassen.

Das Wechselmodell: zu Beginn für mich ein Alptraum

Zu Beginn unseres Wechselmodells war ich absolut gegen eine solche Vereinbarung. Ich dachte und fühlte, für mein Kind die bessere Wahl zu sein, ihm den Weg in eine Zukunft voller Chancen besser zeigen zu können und das kindgerechtere Zuhause zu haben. Kurzum: Ich traute es dem Vater nicht zu und sah keine Alternative dazu, mich allein um meinen Sohn zu kümmern.

Ich wünschte mir ein Modell, bei dem ich die unangefochtene Hauptbezugsperson darstellte, Vollzeitjob hin oder her. Ich wollte auf nichts verzichten, ich wollte alles haben, ich wollte die Supermama sein, die jeden Kampf übersteht und dabei alles unter einen Hut bekommt. Alles zum vermeintlichen Wohle des Kindes, natürlich.

Was uns Erwachsenen in diesen endlosen Kämpfen jedoch oft völlig verloren geht, ist genau das, worum es vornehmlich die ganze Zeit geht: das Wohl unseres Kindes. Nachdem wir das Wechselmodell ausprobierten, wurde mir das zum Glück wieder bewusst.

Alle Augen aufs Kind

Die Regel sah vor: eine Woche Mama, eine Woche Papa. Streng nach Protokoll, keine Nebenabsprachen – zumindest solange nicht, bis das Verhältnis zwischen uns Eltern entspannter werden würde. Ich tobte, ich weinte, ich wütete. Und doch war ich ganz tief in mir erleichtert: Das Zerren und der Wettkampf ums Kind hatten endlich ein Ende. Jede zweite Woche wurde ich vollumfänglich und guten Gewissens entlastet, nach Jahren voller zermürbender Streitereien durfte endlich der so schmerzlich vermisste Alltag wieder einziehen, es gab Zeit für Freund*innen und Unternehmungen oder einfach mal die Möglichkeit, einen ganzen Abend die Füße hochzulegen.

Doch viel bemerkenswerter war die Wandlung unseres kleinen, gerade mal zweijährigen Kindes. In der zweiten Wechselwoche hörte das nächtliche Weinen nach dem jeweils abwesenden Elternteil auf. In der dritten Wechselwoche nahm unser Sohn sein Spielzeug nicht mehr mit zum anderen Elternteil – er konnte darauf vertrauen, dass all diese Dinge auf ihn warten würden, wenn er sieben Tage später zurückkäme. Ab der vierten Wechselwoche wuchs in unserem Sohn die unerschütterliche Gewissheit, dass am Tag nach dem Turnen eine neue Elternwoche beginnt. Eine Weile kündigte er dies den Erzieher*innen in der Kita an und tat dies mit einer solch feierlichen Inbrunst, das mir ganz warm ums Herz wurde. Ab der fünften Woche begann er, völlig unbedarft von seiner Papa-Woche zu berichten.

Das Wechselmodell gab unserem Kind endlich den Halt, den wir Eltern ihm durch den Strudel an gegenseitigen Vorwürfen, verbalen Angriffen und emotionalem Fehlverhalten zeitweise nicht mehr geben konnten. Die Tatsache, dass ich mich von den Auswirkungen der Trennung zunächst überfahren ließ und zu diesem Zeitpunkt mein Kind nicht mehr Zentrum meines Handelns und Denkens war, macht mir bis heute ein schlechtes Gewissen.

Die Voraussetzungen für das Wechselmodell waren da

Auch wenn wir Eltern miteinander noch nicht gut klarkommen, ist mir bewusst: Wir sind für das Wechselmodell prädestiniert. Unser Kind hatte immer eine enge Bindung zu uns beiden. Nun hat es zwei Kinderzimmer im Radius von drei Kilometern. Es kann dieselben Freunde treffen und besucht dieselbe Turngruppe, egal bei welchem Elternteil es gerade wohnt. Trotzdem ist der räumliche Abstand zwischen den Elternhäusern weit genug, damit Mama und Papa sich nicht oft sehen müssen – ein heilsamer Aspekt für uns alle.

Wenn ich heute reflektiere, war der eigentliche Grund für meine Ablehnung des Wechselmodells, dass ich dem Vater Zeit mit seinem Sohn nicht gönnen wollten, gepaart mit der Sorge, mein Kind könnte eine stärkere Bindung zum anderen Elternteil aufbauen und ich irgendwann hintenüber fallen. Sicher machte mich auch die Aussicht auf die vielen Kompromisse mutlos, die ich mit einem Menschen eingehen sollte, den ich am liebsten aus meinem Leben streichen wollte.

Dem Kind geht es gut

Dass mein Kind mit dieser Situation augenscheinlich am besten von uns dreien zurechtkommt, ist für mich das schönste Geschenk. Als ich ihm neulich die Wohnung zeigte, die einst Papa, Mama und er bewohnten, lachte er: „Nee Mama, du machst ja Quatsch! Papa und du geht doch gar nicht.“

Wer weiß, wie die Rückmeldung unseres Sohnes in einigen Jahren sein wird. Vielleicht wird es schmerzhaft. Vielleicht auch ganz tröstlich. Vielleicht kann er damit umgehen, dass die Menschen, die ihn am meisten lieben, für sich selbst keine Liebe mehr übrig haben.

Ich weiß nicht, welche Probleme die Zukunft bringt. Ich habe aufgehört, zu viel an morgen zu denken. Es macht mürbe, es macht verrückt, es macht Angst und es lähmt. Heute ist jetzt. Und jetzt ist es gut.

In diesem Moment. Und diesen Moment des Glücks, ich halte ihn ganz, ganz fest – wie jetzt meinen kleinen Sohn. Verzückt grabe ich meine Nase in sein sandverkrusteten Haar und murmele, möglichst unaufgeregt: „Schön, dich zu zu sehen, mein Großer“. Dann rennen wir ins Wochenende.

Der Originaltext von Mareike Milde ist auf ihrem Blog „Wechselmama“ erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn hier ebenfalls veröffentlicht.

Anmerkung der Redaktion: Das perfekte Familienmodell ist so vielfältig die Familien selbst. Auf EDITION F möchten wir vielfältige Lösungen vorstellen und Austausch dazu ermöglichen, welche politischen Rahmenbedingungen Familien brauchen und welche Lösungen Menschen für sich individuell finden. Wir bieten Raum, gute Erfahrungen zu teilen und auch Probleme und Unsicherheiten zu diskutieren. Ihr könnt dies hier in den Kommentaren tun, eigene Community-Artikel schreiben oder in unserer Facebook-Gruppe diskutieren.

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