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Es tut verdammt weh, wenn die Kinder ausziehen! Hier kommt ein Erste-Hilfe-Guide

Endlich hat man sie soweit: die Kinder sind erwachsen, schön, intelligent. Sie fangen an, im Haushalt mitzuhelfen – und zack heißt es: Tschüss Mama, Papa, ich ziehe aus.

 

Eben waren sie doch noch ganz klein 

Mich trifft es gleich zweimal bzw. doppelt. Vor 19 Jahren kamen meine Zwillinge zur Welt. Man hat gelacht, geweint, sie von der ersten Minute ihres Lebens an begleitet. Man ist stolz auf das, was aus Ihnen geworden ist: freiheitlich und selbständig denkende Menschen, die ihr Leben meistern.

Eigentlich hat man doch die ganze Zeit darauf hingearbeitet, denn das ist doch das Ziel der Erziehung, der Begleitung: dass die Kinder ihr Leben selbst in den Griff bekommen. Und man kann stolz darauf sein. Trotzdem, in dem Moment, in dem der Nachwuchs verkündet: „Ich ziehe aus!“, gibt es schon einen kleinen Stich in der Herzgegend. Was, jetzt schon???

Man stellt sich vor, wie ruhig es werden wird. Man stellt sich vor, wie man langsam veraltet und verrottet, ohne die Jugend, das Lachen, die heißen Diskussionen am Tisch, wenn alle nach einem langen Tag zusammen kommen und von den Erlebnissen berichten.

Irgendwann wollten wir schließlich auch frei sein 

Man stellt sich aber auch vor, wie fantastisch der Schritt in die erste eigene Wohnung war. Endlich frei, unabhängig, tun und lassen, was man will. Aber auch Verantwortung übernehmen, Wäsche waschen, einkaufen.

Hin- und Hergerissen, zwischen Freude und auch etwas Trauer, stehen sie dann da, die Eltern, die ausgezogen werden.

Mittlerweile sollte es ja schon Routine sein: ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Wieder einmal. Wie die ganzen anderen Male davor. Irgendwie hat man die ja auch gemeistert. Nur, dass es sich jetzt irgendwie anfühlt als ginge die Kurve nach unten, Richtung Altwerden. Aber jetzt ist Schluss mit dem Jammern. Wir schauen nach vorne. So alt sind wir ja nun auch wieder nicht.

Was hilft?

1. Ziele setzen – und zwar rechtzeitig

Nun, man wird ja auf diesen Tag vorbereitet. Vorher passiert schon Einiges – ob es der Gang zur Schule ohne Elternbegleitung ist, oder die Freunde, bei denen sie übernachten. Oder später, wenn sie irgendwann selbst entscheiden, ob sie um drei oder fünf Uhr den Club verlassen.

Spätestens jetzt sollte man sich Gedanken darüber machen, welche Ziele man hat und verfolgen will, wenn die Damen und Herren ihre eigene Wohnung betreten. Und das Thema nicht wegschieben, weil es sich unangenehm anfühlt („Das ist ja noch soooo lange hin!”)

Ob berufstätig oder nicht – jeder, der Kinder verantwortungsvoll großzieht, hat eine hervorragende Leistung erbracht. Das ist keine Frage. Aber am Tag des Auszugs gibt es schon Unterschiede.

2. Sich neu denken – und zwar rechtzeitig

Berufstätige haben jetzt einen deutlichen Vorteil. Milde oder auch mitleidig jahrelang belächelt von Müttern, die morgens in Ruhe mit ihren Kids frühstücken konnten und dann im Bademantel relaxed „Tschüss!” rufen und winken, wenn der Nachwuchs zur Schule trottet. Die, die gefragt wurden: „Du Arme, verdient dein Mann nicht genug, sodass du arbeiten musst?” (O-Ton von meiner Nachbarin). Die, die angefaucht wurden, und zwar erstaunlicherweise von Frauen, nicht von Männern: „Und wer kümmert sich um deine Kinder, wenn du arbeitest?” (als würde man sich keine Gedanken machen, wie die Kinder versorgt werden! Irgendwann hatte ich genervt geantwortet: „Der Fernseher”. Von da an war ich Rabenmutter Nr. 1). Jetzt haben berufstätige Eltern, die ausgezogen wurden, weiterhin eine Aufgabe, ein Ziel und das nächste Meeting bringt neue To-do´s.

Mütter oder Väter, die sich größtenteils und mehrheitlich der Erziehungsaufgabe gewidmet haben, müssen sich deutlich mehr umstellen, neu aufstellen, sich neu denken: Was möchte ich erreichen? Welche Ziele habe ich? Wo will ich hin? Da können sich unzählige neue Möglichkeiten eröffnen. Ein neuer Start ins Berufsleben. Ehrenamtliche Tätigkeiten. Oder das Ziel sind Reiseträumen, Sport oder neue Lernmöglichkeiten. 

Häufig fallen einem viele Dinge ein, aber in der Umsetzung hapert´s. Noch Jahre nach dem Auszug sieht das Kinderzimmer so aus wie früher, obwohl hier doch eine Wellness-Relax-Oase vom Feinsten entstehen sollte. Wenn die Zielsetzung oder Umsetzung schwer fällt, kann z.B. ein Coaching durchaus den entscheidenden „Schubs” geben, z.B. mit Fragen wie: Welche Haltung habe ich? Und welches Verhalten resultiert daraus?

3. Haltungs- und Verhaltensziele erarbeiten – und zwar rechtzeitig

Hinter jedem Verhalten steckt eine Haltung. Nehmen wir die Haltung ein: „Wie schade, dass sie ausziehen, ich werde sie so vermissen“, werden wir uns auch so verhalten: ständig anrufen, vorbeischauen („Ist alles in Ordnung?”), weiterhin die Wäsche waschen, Frischhaltedosen mit Essbarem füllen. Mit anderen Worten, wir lassen nicht los, wir trauern. Die Pubertät der Eltern, die ausgezogen wurden, beginnt. Aber sie endet nicht mit einer positiven Abnabelung.

Die Haltung „Toll, dass sie selbständig sind – und wir haben dazu beigetragen. Darauf sind wir stolz!“, ermöglicht uns viel mehr. Wir können uns distanzieren, in Ruhe und mit Freude ihre Entwicklung betrachten und uns endlich wieder mehr dem eigenen Leben widmen – ohne ständigen Zeitdruck, ohne schlechtes Gewissen oder was sonst noch mit der Balance zwischen Ich-Sein und Eltern-Sein zusammenhängen kann.

4. Sich besinnen: Da gibt es doch noch jemanden …

Es ist durchaus möglich, dass man bemerkt, dass da noch jemand im Haus/in der Wohnung herumturnt: der eigene Mann/Freund/Partner. Der Vater. Der, der jahrelang zurückstecken musste und das auch getan hat. Wäre doch einmal eine Gelegenheit – nein, nicht ihn zu bemuttern – sondern sich dieses Wesen wieder genauer anzuschauen. Gut, vielleicht etwas mehr Bauch als vor 20 Jahren, aber sonst ein toller Kerl. Tatsächlich würde er wahrscheinlich nicht „Nein“ sagen, wenn man wieder mehr Partnerschaft mit ihm wagt.

Und es gibt auch noch Freunde. Die, die all die Jahre Verständnis dafür hatten, wenn Telefongespräche rüde unterbrochen wurden, entweder von Kindergeschrei oder später durch: „Wo ist mein Top? Mama, wooooo ist mein Top????????“. Die, die trotzdem an unserer Seite waren, auch wenn wir mal wieder nicht zu ihrem Geburtstag kommen konnten, weil irgendetwas war. Sie sind es wert, dafür etwas zurückzubekommen.

Oder man schreibt Artikel. Mir geht es schon deutlich besser.


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  1. Ich mache das gerade durch…ausgerechnet der jüngere meiner beiden Söhne zieht aus…relativ überraschend weil es sich halt so ergeben hat. Und ich weiss dass ich loslassen muss und ich weiss das wir ihn gut erzogen haben und ich weiss das es nun der Lauf der Dinge umd Zeit ist..aber es schmerzt entsetzlich…ich heule mir die Augen wund…und hoff das es bald vorüber geht.

    1. Mir geht es gerade genauso. Mein mittlerer Sohn zieht aus. Gestern haben wir zusammen seine Klamotten ausgemistet, und da haben sich bei mir die Tränenschleusen geöffnet und jetzt gehen sie nicht mehr zu. Du sagst selber, dass das der Lauf der Dinge ist, aber es tut entsetzlich weh, wenn all die Erinnerungen an die vielen Momente mit ihm wieder aufsteigen, und ich jetzt in mir drinnen verstanden habe, dass diese Zeit endgültig vorbei ist. Wie geht es dir jetzt? Ist es besser geworden?

    2. Mein Sohn ist heute ausgezogen und ich bin so wahnsinnig traurig und heule mir ebenso die Augen aus. Ich bin so stolz auf ihn und auf uns, Abitur, Ausbildung und Studium. Leider zieht er zu seiner Freundin, nicht alleine in eine eigene Wohnung, dass bedauern wir sehr. Doch nun beginnt für uns alle ein neuer Abschnitt🙈🙈🙈 heute tut er verdammt weh. Wie gut, dass man das alles nicht weiss. Wir wünschen ihm alles Glück der Welt und mir eine verstopfte Tränendrüse😢

    3. Oje ich kenne das.
      Mir geht es gerade auch so.
      Mein Sohn ist 23 und nun ist es soweit. Es ist normal aber es tut sehr sehr weh. Es gibt Tage da weine ich sehr viel.
      Manchmal sehe ich ihn lang nicht. Wann wird das leichter?

    4. Ich trauere unendlich.Nesthäkchen ist mit 18 Jahren ausgezogen. Ich wohne nun ganz allein. Früher waren wir 6 Personen.4 Kinder und Mann. 2005 geschieden. Kinder mit Hilfe meiner Mutti allein großgezogen.

  2. Liebe Eva, danke für Deinen Kommentar und: Ja, es geht besser 🙂 Zum einen tröstet es mich, dass meine beiden Töchter jede Woche da sind und es ihnen nicht peinlich ist mit uns auch in den Urlaub zu fahren (auch wenn nach dem Urlaub wieder alles noch mal aufsteigt…). Irgendwas müssen wir, denke ich, richtig gemacht haben, denn es ist doch unser Job, unsere Kinder zur Selbständigkeit zu leiten, davon bin ich fest überzeugt. Dann hilft auch die Gewissheit: Je länger sie in Muttis Küche bleiben, desto nerviger wird es für alle Beteiligten. Das haben wir uns erspart und dadurch eine tolle Beziehung erhalten. Ist doch auch gut. Und, last but not least: Wir haben uns einen Hund angeschafft. Nein, er soll nicht die Kinder ersetzen. Er ist einfach nur toll und schafft Leben und noch mehr Liebe in die Bude 🙂 Seid also getröstet, es wird besser. Aber vermissen werden wir sie irgendwie immer. Und das soll doch auch so sein. LG!

  3. Ich bereite mich gerade darauf vor, dass unsere Tochter in den nächsten Monaten höchstwahrscheinlich ausziehen wird … beruflich wird die Pendelei zu viel und das Zusammenleben-wollen mit dem Freund steht auch bald an.
    Ich habe tausend Interessen. Selbständig berufstätig, aber zum Glück heutzutage ohne finanziellen Druck.
    Ich bin wirklich GERNE allein.
    Aber trotzdem habe ich das Gefühl, mit wird ein Stück Lebensinhalt weggenommen.
    Ich weiss, wir werden reden, per whatsapp, am Telefon, uns sehen, aber es ist nicht das Gleicher, wie zusammen unter einem Dach zu leben.
    Egal wie positiv ich es sehe, eine tolle junge emanzipierte Frau erzogen zu haben: Mit steht eine schmerzhafte Trennung bevor.
    Das einzig Gute ist, im Vergleich zu anderen erlebten Trennungen, dass es tatsächlich nur eine räumlich eTrennung ist, eine Änderung meines Alltags. Denn: unser tolles Verhältnis wird bleiben, nur die Ausführung ändert sich.
    Diese neue Situation in Angriff zu nehmen, ist meine Aufgabe.
    Ich muss es schaffen, zu erkennen, das all das Gute erhalten bleibt. Na ja, im Alltag nicht alles, aber umgekehrt eben auch das Nervige im Alltag wegfällt.
    Das Leben ist kein Ponyhof. Und selbst da muss der Pferdemist weggeschaufelt werden.
    Also, liebe Müttermädels:
    Schaut nach vorne! Freut euch darüber was sich nicht ändert (z.B. die Liebe füreinander), Seht die Vorteile (z.B. Ausschlafen, Lärm machen, egal wann!) und erlaubt euch, eure Freiheit zu geniessen!
    Richtig! Man muss als Mutter kein schlechtes Gewissen haben , wenn man sich auf die Zeit für sich allein freut!
    Das alles schreibe ich natürlich in vollem Bewusstsein, dass ich an eine Depri-Tag wahrscheinlich auch Rotz und Wasser heule, aber das ist dann halt so.
    An den anderen Tagen möchte ich das alles positiv sehen – z.B. Die gemeinsame Zeit als Paar.
    Wir hatten nur 1 1/2 Jahre Zeit als Paar – das ist nicht viel, besonders, wenn man jung ist, tausend Träume hat, aber wenig Geld.
    Eigentlich ist es doch schon, im Alltag mal wieder einfach nur ein Paar zu sein die Kinder sind groß, d.h. wir können die Paar-Zeit auch wirklich auch wirklich neu erleben.
    Also damm, überleg‚s dir!

  4. Auch mir geht es gerade so, gerade hat er sich verabschiedet…ich heul und heule…ich bin fix und fertig…er wird mir so sehr fehlen. Klar ich weiß das die Zeit kommt und es auch richtig so ist. Aber trotzdem tut es so sehr weh…

  5. Ich bin jetzt 44, getrennt, 2 Kinder (12 und 8 Jahre) im wochenweisen Wechselerziehungsmodell mit dem Vater der Kinder; habe also jede 2. Woche komplett kinderfrei 🙂 Habe einen neuen Lebenspartner, der mich jedes Wochenende besuchen kommt. Also ganz ehrlich: ein bisschen freue ich mich jetzt schon auf den irgendwann kommenden Auszug der Kinder, damit ich endlich wieder mehr Freiheiten für mich und meinen Partner habe. Es ist schon sehr anstrengend, dauernd für 2 Leute mitzudenken und zu machen, Verantwortung zu tragen, Kindertaxi spielen etc.. Ich werde sehr sehr froh sein, wenn ich diese Verantwortung dann irgendwann mit gutem Gewissen abgeben kann und meine Kinder stehen (hoffentlich) selbständig auf eigenen Beinen und brauchen micht nicht mehr. So würde ich es mir wünschen. Ich wäre sehr stolz auf sie und würde mich zugleich für mich selbst freuen. Deshalb tue ich auch ALLES damit sie selbständig werden und alle selber machen können. Mit Mut und Selbstbewusstsein in ihr Leben gehen können.

  6. Ihr Lieben!
    Auch bei mir ist es der jüngere meiner beiden Söhne, der beschlossen hat mit knapp 18 auszuziehen.
    Und ja, das tut weh. Sehr sogar.
    Aber ich kann mich noch erinnern als ich (mit damals 19)ausgezogen bin und wie unglaublich glücklich ich war. Das war eine so wunder-volle Zeit in meinem Leben, die ich nicht missen möchte.
    Und ja, dass mein Sohn (noch dazu der jüngere) nun an diesem Punkt in seinem Leben steht, kommt natürlich viel zu schnell für mich, aber so ist das Leben eben…
    Ich habe die Zeit mit meinen Kindern genossen, habe es immer schade gefunden, wenn Urlaube, oder Ferien vorbei waren und wir dieses „in den Tag hineinleben ohne Zeitdruck“ nicht mehr hatten, sondern sie dann eben um 8 Uhr in der Schule sein mussten. Und wie habe ich sie vermisst, bis sie wieder aus der Schule kamen, bzw ich von der Arbeit zu Hause war. Furchtbar.
    Aber das ist Vergangenheit. Heute sind sie beide erwachsen und ich bin unglaublich stolz was aus ihnen geworden ist, zu welch einfühlsamen,liebevollen, selbständigen und selbstbewussten jungen Erwachsenen sie geworden sind. Das macht mich auch sehr glücklich, weil ich weiß, dass sie sich durchsetzen können und ihr Leben meistern werden.
    Und so wie eine meiner Vorschreiberinnen schon gesagt hat… Es ist ja „nur“ eine räumliche Trennung. Der Rest, diese tiefe Verbundenheit, die wir Mütter zu unseren Kindern haben, dieser wunderschöne Rest bleibt.
    Ich bin auch sehr ambivalent in meinen Gefühlen. Grundsätzlich freue ich mich sehr für meinen Sohn, auch weil er sich so sehr freut, aber klarerweise Weine ich auch viel, weil es eben doch ein Lebensabschnitt ist, der zu Ende geht. Für ihn genauso wie für mich und natürlich den Rest der Familie.
    Aber Mama ist eben Mama, was solls… Wir heulen und lachen eben aus dem selben Grund. So sind wir Mamas halt.
    Alles Liebe für euch und eure „Kids“!

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