Foto: Lea Fabienne/Unsplash

Wie sich meine Arbeit als Pfarrerin während der Corona-Pandemie verändert hat

Autor*in
Annika-Christine Weisheit

Unsere Community-Autorin ist Pfarrerin und hat durch die Corona-Pandemie gemerkt, was in der Kirche zukünftig anders laufen müsste, um wieder Anlaufstelle für hilfesuchende Menschen zu werden.

Neulich, Mitte April, setzte sich eine Frau in der Kirche neben mich und fragte in gebrochenem Deutsch: „Seit wann bist du hier?“ Ich fragte mich, wie sie das wohl meinte. Dass ich Pfarrerin in der Gemeinde bin, konnte sie nicht wissen. Dass sie fragte, seit wann ich in der – zum Gebet geöffneten – Kirche saß, ergab für mich keinen Sinn. Also antwortete ich „Mmh, eigentlich schon immer!“ Denn so, dachte ich, könnte sie es meinen. Und ich lag richtig – ihre Frage bedeutete: „Seit wann bist du gläubig? Seit wann gehst du in die Kirche?“

Sie sagte nicht mehr als „Ooh“, aber ich sah Staunen in ihrem Gesicht. Aber so ist es. So lange ich denken kann, bin ich mit der Kirche verbunden und diese Verbundenheit hat mich über Umwege Pfarrerin werden lassen. Nun saß ich also da, als Pfarrerin der Gemeinde in Corona-Zeiten, und hörte ihr zu. Sie wollte zurück nach Hause, brauchte aber jemanden, der*die ihr half, zum Flughafen zu kommen. Allein traute sie sich nicht. „Alles klar“, sagte ich, „mach‘ ich“, sagte ich. Und wieder schaute sie erstaunt.

Eine Spurensuche

So saßen wir eine Woche später gemeinsam im Auto und fuhren nach Frankfurt. Sie erzählte mir, weshalb sie in Deutschland gewesen war, dass sie eigentlich Privatköchin eines Oligarchen sei – eben dies und das. Und dann sagte sie: „Es kommen zurzeit bestimmt viele Menschen zu dir in die Kirche und bitten dich um Hilfe.“ Ich dachte kurz nach und antwortete: „Ehrlich gesagt warst du in den letzten Wochen die einzige.“ Sie staunte wieder. Ihr Staunen begleitet mich seitdem. Es ist eine Spurensuche.

„Uns in der Kirche“ traf der Shutdown, wie alle, volle Kanne. Er hatte zur Folge, dass ich die ersten Tage nahezu ausschließlich mit Absagen beschäftigt war. Die Taufen für den kommenden Sonntag absagen – Check. Den Konfirmand*innen Bescheid geben, dass die Konfirmation erstmal abgesagt wird – Check. Es war ein unwirkliches Gefühl. Zugegebenermaßen hatte es zugleich auch eine seelsorgerliche Dimension für mich selbst. Mit jeder weiteren Absage konnte ich mich daran gewöhnen, dass das kirchliche Leben, so wie ich es irgendwie selbstverständlich seit meiner Kindheit (nahezu unverändert) kannte, so ziemlich auf Null runtergefahren wurde. Und ja, es hatte sicher auch einen kurzen Moment etwas von Schockstarre. Aber nicht nur ich, sondern alle – landauf, landab – saßen vor einer To-do-Liste mit Dingen, die zu klären und zu regeln waren. Daneben lag ein leeres Blatt, das erwartete, beschrieben zu werden, während im Hintergrund die Jeopardy-Melodie immer eindringlicher spielte: Ich nehme ‚Kirchliches Leben neu zeichnen‘ für 500. Die Frage lautet: Was wollen Sie nun tun?

Unsicherheit und Einschränkungen

Sicherlich haben Gemeinden und ihr Pfarrpersonal schon immer verschiedene Schwerpunkte und unterschiedliche Konzepte gefahren. Aber dennoch gehören zum gemeindlichen Alltagsleben Eckpfeiler, an denen sich die Arbeit orientiert – Must-haves. Gemein haben sie, dass sie getragen sind von vis-a-vis-Situationen. Diese ‚Must haves‘ gehörten nun alle in den Bereich der ‚No-gos‘ – mit einer Ausnahme: Beerdigungen, oftmals nur als reine Beisetzungen im kleinsten Familienkreis ohne Trauerfeier, unter starken­ Einschränkungen, deutlich getragen von spürbarer Unsicherheit der Angehörigen und dem unbedingten Wunsch, trotz Corona in Würde Abschied nehmen zu können. Das bedeutete aber eben auch: Die Pandemie sorgte einen Moment lang für ein Tabula Rasa kirchlichen Lebens, indem entschieden werden musste, was ist weiterhin absolut wichtig, was wäre Nice-to-have, und was ist einfach nicht möglich im Moment. Und da war dieser grundlegende gemeinsame Gedanke: Raus! Wir müssen neue Räume finden.

Die neue Kanzel ist das Smartphone

Während die einen noch kopfschüttelnd dastanden und fragten, ob jetzt wirklich keine Gottesdienste mehr stattfinden könnten, hatten die anderen schon längst ihr Smartphone gezückt, um ihre Verkündigung ins Digitale zu verlegen. Eines wurde durch Corona auf jeden Fall ziemlich schnell offenbar: Die geheime Akte mit dem Konzept ‚Digitale Kirche im Falle einer weltweiten Pandemie‘ wird heute noch gesucht. Zugleich dämmerte es vielen so langsam, dass digitale Kirche nicht bedeutet, eine halbwegs ansehnliche Homepage zu haben, die unter Umständen sogar noch regelmäßig aktualisiert wird. Kirche im digitalen Raum war in den letzten Jahren immer eine Nische gewesen, in der sich zumeist jüngere Kolleg*innen tummelten und ausprobierten. Sie haben sich in diesem Bereich sehr wohl ein Standing erarbeitet, aber meist fernab allgemeiner Beachtung.

Das änderte sich jetzt schlagartig. Ich als Mitglied der Theolog*innenblase war hin- und hergerissen zwischen der Faszination, was plötzlich alles möglich ist, und dem Gefühl, erschlagen zu werden und der Frage, wer eigentlich die Verantwortung trägt, wenn das Internet explodiert, weil Kirche jetzt online geht. Dem grundsätzlichen Verständnis folgend: Die neue Kanzel ist das Smartphone. Aufstehen, aufeinander zugehen … Ich empfand es, unter den gegebenen Bedingungen, als größte Herausforderung, aber auch als besonderen Reiz, Angebote zu schaffen, die die Bedürfnisse der Menschen ernst nehmen, die die Möglichkeit eines Gemeinschaftsgefühls fortführen, Partizipation ermöglichen, und zugleich eine Offenheit innehaben, sodass jede*r für sich rausziehen kann, was sie*er am dringendsten braucht.

Das starke Bedürfnis nach Gemeinschaft

Es war eine Trial-and-error-Situation – im analogen wie im digitalen Raum. Dabei kam mir immer wieder dieses Lied für den Kindergottesdienst in den Sinn, das eigentlich ganz fürchterliche Ohrwürmer erzeugt – „Aufstehn, aufeinander zugehen, voneinander lernen, miteinander umzugehen“. Aber genau dieser Refrain hat mein Pfarrerin-Sein in den letzten Wochen sehr geprägt. Für mich hat sich gezeigt, dass Kirche im öffentlichen Raum anders wahrgenommen wird, wenn die Offenheit der Angebote auf der Straße, aufeinander zugehend, Offenheit ermöglicht, sich davon ansprechen zu lassen. Plötzlich feiert man Ostern mit Vielen, die sicherlich keinen klassischen Gottesdienst besucht hätten. Mir wurde dadurch klar: Da ist ein starkes Bedürfnis nach Gemeinschaft, und danach, gesehen zu werden.

Aber nicht nur, ebenso haben die Suche nach Sinnstiftendem und nach dem, was Halt gibt, eine hohe Bedeutung. Vielleicht rücken diese Dinge gerade durch die Krisensituation in den Fokus, vielleicht wird es auch bewusster wahrgenommen, als es der durchgetaktete Alltag normalerweise erlaubt. Ob Kirche in den letzten Wochen Sachen besser gemacht hat als sonst? Das lässt sich jetzt noch nicht beantworten. Auf jeden Fall wurden Sachen anders gemacht – der Zwang, den öffentlichen Raum, sowohl analog als auch digital, zu erobern, bedeutete eben auch, sich mit wenig Gepäck durch die Wildnis zu schlagen, und nicht auf den bekannten Wegen weiter zu trotten. Den Mut dies zu tun, hatten wir schon mal …

Back to the roots

Und nun? Gottesdienste sind wieder erlaubt – einfach zur Prä-Corona-Kirche, wie ich sie seit meiner Kindheit kenne, zurückkehren? Ich hoffe nicht! Für mich hat sich in den letzten Wochen gezeigt, dass mein Verständnis von Kirche weitaus fluider ist, als dass es sich in den bekannten Formen und Räumen festmachen ließe. Dass das, was eigentlich von meinem Kinderglauben an, mit mir gewachsen ist, allem voran in einem spürbaren Gemeinschaftsgedanken liegt, der nicht am Kirchturm hängt – sondern vielmehr in der täglichen Fürsorge füreinander, in der Solidarität mit den Schwächsten… darin, einander zu sehen und zu hören. Kirche ist für mich überall da, wo christliche Gemeinschaft gelebt wird und das lässt sich nicht von Mauern bestimmen, auf Gebäude begrenzen. In mir hat es etwas freigesetzt, sodass ich denke: Los, auf jetzt!

Jetzt ist die Zeit, uns kritisch zu hinterfragen und zu schauen, was ‚all das Neue‘ für unsere zukünftige Arbeit bedeuten kann. Die Corona-Krise hat meinen Blick auf Kirche und ihre Möglichkeiten verändert. Mir ist bewusst geworden, wie sehr ich es mir selbst in dem Sessel, in dem ich schon als Kind saß, gemütlich gemacht habe. Da sitze ich ja auch noch immer. Mein Herz hängt an ihm, aber er braucht nicht nur dringend einen neuen Bezug, sondern ganz sicher auch neue Federn und ich beginne dieses weiße Blatt vor mir mit vielen bunten, frisch angespitzten Stiften zu bemalen!

Und es bleibt das Erstaunen der Armenierin: Ja, es ist so – außer ihr ist in den letzten Wochen niemand hilfesuchend zu mir gekommen. Sicher gibt es dafür nicht nur einen Grund, sondern so viele, wie es Menschen gibt, die nicht an die Kirchentür klopfen. Aber sicherlich liegt es auch darin begründet, dass wir es uns in unseren eigenen Wänden zu gemütlich gemacht haben, während das Leben an unseren Türen vorbeisteppte! Aber draußen auf der Straße, am Telefon und online, da habe ich diese Menschen getroffen und eben auch auf dem Beifahrersitz direkt neben mir!

Die Autorin:

Annika Weisheit, 36 Jahre, seit 2013 Pfarrerin und seit 2015 mit einer halben Stelle im Gemeindepfarramt in Kassel mit allem, was klassischerweise so dazugehört. Als Pfarrerin hat sie schon immer auch von zu Hause aus gearbeitet, aber mit zwei Kindern im Kita-Alter während der Corona-Pandemie den Versuch zu unternehmen, kirchliches Leben neu zu gestalten, war eine besondere Herausforderung.

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