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Ja, Alltagsrassismus beginnt bei der Frage, woher ich „wirklich“ komme

Auf Partys wird unsere Community-Autorin Zinnia Nomura immer wieder gefragt, woher sie eigentlich komme. Was auf den ersten Blick wie freundliches Interesse wirkt, entpuppt sich oft als nett lächelnder Alltagsrassismus, den nicht die Lebensgeschichte einer Person interessiert, sondern nur ihre Herkunft.

Partygespräche mit Beigeschmack

In letzter Zeit bin ich oft und gerne feiern gegangen. Schließlich muss man als junge Frau das Leben genießen, oder? Ich versuche mich immer auf neue Leute einzulassen und neue Connections herzustellen. Allerdings bin ich immer wieder in eine Situation geraten, die ich als zutiefst unangenehm empfinde. Das Gespräch läuft ungefähr so ab:

Gesprächspartner: „Wo kommst du her?“

Ich: „Ursprünglich aus den Vereinigten Staaten.“

Gesprächspartner: (kurze Pause) „Aber deine Eltern?“

Ich: „Auch.“

Gesprächspartner: „Aber es gibt doch etwas an dir… etwas Asiatisches…“

Danach muss ich resigniert meine Abstammungsgeschichte vortragen—dass ich als Teenager nach Deutschland gezogen bin, meine Eltern noch in den Staaten wohnen und meine Urgroßeltern väterlicherseits aus Japan ausgewandert sind.

Ich bin kein Tier im Zoo

Im Prinzip ist die Neugier berechtigt und die Geschichte kann für spannenden Gesprächsstoff sorgen. Mich stört vor allem das Timing der Frage. Ist es zu viel verlangt, euch erstmal ein paar Minuten mit mir zu unterhalten, zu fragen was ich so mache, wie es mir geht, wie ich den Abend finde, wie lange ich schon in Leipzig wohne, bevor ihr dem Drang folgt, mich wie ein Zootier zuzuordnen. Wollt ihr mich überhaupt kennenlernen, oder ist die optische Unklarheit der Herkunft für euch so ausschlaggebend, dass sie vor jeglichem vernünftigen Gespräch gelöst werden muss?

Ich freue mich über Gespräche zwischen Menschen. Die kommen zum Glück auch vor. Anscheinend genügt es manchen Leuten mit denen ich mich unterhalte, über das Leben und ihre Begebenheiten zu philosophieren, ohne, dass sie mich zuerst mit einem Etikett verzieren müssen. „Wo kommst du her?“ „Aus den USA.“ – An den Folgefragen merke ich sofort, ob die Leute wirklich zuhören oder mich einfach nur einstufen wollen. Wer aufrichtig daran interessiert war mich kennenzulernen und meine Antworten zu hören, freut sich, dass ich etwas Unerwartetes gesagt habe, dass meine Heimat nicht zu dem stereotypischen Ursprung meines Aussehens passt. Sie haken nach, wie es in der Heimat war, wieso ich nach Deutschland gekommen bin, erwähnen vielleicht sogar die amerikanische politische Lage oder bieten eigene Meinungen an.

Spart euch euer Exoten-Etikett

Andere Gesprächspartner legen leider an der Stelle frei, warum sie die Frage gestellt haben.  Ihre wahre Frage lautet nicht, wo kommst du her, sondern, warum siehst du so aus wie du aussiehst? Welches Land ist für dein Blut verantwortlich, für deine Gesichtszüge, für deine mandelförmigen Augen? Ihnen ist es egal, dass meine Familie seit Generationen in Amerika lebt und ich mich mittlerweile sogar eher als Deutsche identifiziere. Für sie bin ich meine Abstammung. Und sobald ich antworte und sie unsensibel weiter bohren, weiß ich, sie sind an meinen Antworten überhaupt nicht interessiert. In ihren Augen trage ich schon mein Exoten-Etikett, und sie wollen lediglich noch herausfinden, welcher Käfig in ihrem Ausländer-Zoo am besten zu mir passt.

Ich erzähle gern wo ich herkomme, wo meine Eltern und meine Großeltern und meine Urgroßeltern geboren wurden. Ich erzähle gern über meine letzte Reise nach Japan und darüber, wie toll ich japanisches Essen finde und wie es dir dort bestimmt gefallen würde. Aber macht euch doch die Mühe, mich erst ein bisschen kennenzulernen. Denn so würdet ihr vielleicht Einiges erfahren, was so viel mehr über mich als Person aussagt als meine Herkunft.

 

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