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Dein Kind nervt! Wenn Kinder Freundschaften zerstören

Sie schlagen, beißen, petzen und machen alles kaputt. Mit einigen Kindern will man lieber nichts zu tun haben. Blöd nur, wenn es das Kind der besten Freundin ist.

 

Das Kind der Freundin? Völlig missraten

„Titus, jetzt hör doch bitte mal auf damit!“, sagt meine Freundin Lena bereits das siebte Mal höflich zu ihrem vierjährigen Sohn. Titus interessiert das herzlich wenig und bewirft mich und meine Tochter Mathilda mit großer Freude weiter mit Sand. „Titus, wenn du jetzt nicht aufhörst, dann gibt es heute Abend kein Kinderfernsehen, ok?“. Titus hört auf. Als seine Mutter aber mit seiner Schwester zur Schaukel geht, schlägt er mir ins Gesicht, wirft meiner Tochter Sand in die Augen und tritt ihr brutal gegen das Bein. Als ich seine Hand greife, um ihn von weiteren Schlägen und Tritten abzuhalten, und sage: „Titus, hör auf damit“, spuckt er mich an und grinst breit über das ganze Gesicht.

Plötzlich lässt er sich auf den Boden fallen, hält sich den Arm und fängt an zu schreien, als würde er abgestochen. Meine Freundin eilt herbei, um ihren kleinen Liebling zu trösten und ich ernte einen vorwurfsvollen Blick für die verletzte Aufsichtspflicht. „Mami, Mathilda hat mich gehaun“, schluchzt Titus. Als ich meiner Freundin sachlich schildere, was wirklich passiert ist, nimmt sie den immer noch weinenden Titus in die Arme und tröstet: „Mein armer Kleiner, dass hat sie bestimmt nicht so gemeint. Willst du einen Keks? Wenn du jetzt lieb bist, kaufen wir dir gleich noch das Lego-Auto, das du so gerne haben wolltest.“ Mich zischt sie vorwurfsvoll an: „Wieso passiert das immer mit Mathilda? Sie scheint ihn irgendwie zu provozieren!“

Offenbaren die Erziehungsmethoden unserer Freunde ihr wirkliches Ich? 

Fassungslos schaue ich meine Freundin an, die vor den Kindern eine erfolgreiche Personalerin in einer Unternehmensberatung war. Besonnen, selbstkritisch, reflektierend und lösungsorientiert. Lena und ich kennen uns seit der Schulzeit, haben Liebe und Leid, einfach alles miteinander geteilt und immer offen über alles gesprochen. Wir hatten von der Welt, dem Leben und den Menschen um uns herum sehr ähnliche Vorstellungen und wussten alles voneinander – dachte ich. 

Offenbaren die Erziehungsmethoden unserer Freunde ihr wirkliches Ich? Können wir uns noch mit ihnen identifizieren, wenn sie in so einem wichtigem Punkt wie der Erziehung komplett andere Ansichten haben? 

Natürlich wird in jeder Familie anders erzogen. Das ist normal und auch gut so. Andere Eltern, andere Umstände, andere Kinder, andere Grenzen. Solange es funktioniert, das Kind einigermaßen soziale Kompetenzen entwickelt, muss jeder selbst wissen, wie und was sich und seinem Kind guttut. Kindererziehung ist eine der schwierigsten Aufgaben, der sich Eltern heute stellen müssen und ein hochsensibles Thema. Gerade in Deutschland, wo Eltern weniger vor der Erziehung an sich gestresst sind, als vielmehr vom gesellschaftlichen Druck gegenüber anderen, alles richtig machen zu wollen. Was aber, wenn das eigene Erziehungskonzept nicht funktioniert? Wenn Eltern dauerhaft überfordert sind, die Kontrolle verlieren und Kinder die Macht über die sozialen Beziehungen ihrer Eltern übernehmen?

Man kann sich sein Kind nicht aussuchen

Titus ist und war schon immer der Schrecken des Spielplatzes, eine Petze und Nervensäge. Ich mag ihn nicht und er hat einen schlechten Einfluss auf meine Kinder. Aber auch, wenn ich keine Lust hatte auf diesen kleinen Rotzlöffel, haben wir uns immer wieder mit Lena verabredet. Noch nie habe ich ihr einen Vorwurf gemacht, auch wenn ich ihr Verhalten persönlich als wenig konsequent empfinde. Vorsichtige Versuche von mir, die Thematik durch die Blume anzusprechen, verliefen ins Leere. Sofort blockte sie ab und fühlte sich angegriffen. Klar, Kritik am Erziehungskonzept will niemand hören. Es ist das Persönlichste, was es gibt. Aber können Selbst- und Fremdwahrnehmung so weit auseinanderliegen? Sind manche wirklich so blind, wenn es um das eigene Kind geht? Vernebelt angeborene Mutterliebe die Sinne, so dass sie jeden gesunden Menschenverstand ausschaltet? Oder ist es ihr bewusst? Empfindet sie Titus als persönliche Schwäche und ist es ihr peinlich, da sie das schlechte Verhalten des Kindes auf das eigene erzieherische Versagen projiziert? 

Alles möglich, verständlich und nachvollziehbar. Jede Mutter kennt die Situationen und Phasen, in der man sein Kind am liebsten auf den Mond schießen möchte. Wenn Hilflosigkeit einen übermannt und man einfach keine Kraft mehr hat, die angebrachte logische Konsequenz walten zu lassen, die angebracht wäre. 

Kinder machen Sachen kaputt – manchmal auch eine Freundschaft

Lena tut mir leid, denn sie befindet sich permanent in dieser Lage und kann sich daraus nicht alleine befreien. Weder bei mir noch bei anderen Freunden sucht sie Hilfe oder Rat. Das Schlimme ist, dass sie mit ihrem Verhalten bewusst unsere Beziehung aufs Spiel setzt. Sie nimmt es in Kauf, dass dieser Dreikäsehoch nicht nur sie komplett im Griff hat, sondern auch 25 Jahre Freundschaft (zer)stört. 

Seit ein paar Wochen treffen wir uns nicht mehr. Wir meiden den gemeinsamen Spielplatzbesuch, verabreden uns nicht mehr zu Playdates am Nachmittag. Auch ohne Kinder haben wir uns seitdem nicht mehr gesehen. Titus mache ich deswegen keinen Vorwurf. Lena schon!


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