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Dein Kind benimmt sich zurzeit richtig fürchterlich? Prima, Zugabe!

In ihrer Kolumne „Familie und Gedöns“ schreibt Lisa über alles, womit sich Eltern so beschäftigen (müssen), diesmal: schlechtes Benehmen, das gute Laune macht.

Kleinkindgebrüll? Herrlich, mehr davon!

Ich glaube, manchmal denken die Leute, ich sei etwas komisch. Zum Beispiel
in solchen Momenten im Büro, wenn wir bei offenen Fenster vor unseren Rechnern sitzen (Hochpaterre) und von der eigentlich ruhigen Seitenstraße in
Berlin-Prenzlauer Berg entsetzliches Kleinkindgebrüll ins Büro dringt. Je
länger das Gebrüll andauert, desto besser wird meine Laune. Ich feiere förmlich ab, innerlich.

Werde ich im Supermarkt Zeuge, wie sich ein entnervter Vater und sein renitenter Rotzbengel fast eine körperliche Auseinandersetzung liefern, weil der Vater sich weigert, das bescheuerte „Rewe“-EM-Fußball-Stickeralbum zu kaufen, dann wird mir ganz warm ums Herz;

Wenn ich auf der großen Gartenparty von Freunden mit halbem Ohr mitbekomme, wie ein Paar mit zitronensauren Mienen sich ankeift, dazwischen ein „Nein! Nein! Nein!“ brüllendes Vorschulkind, das sich gerade in einen Wahn hineinsteigert, weil die Eltern fahren wollen, bevor im Kinderkino „Shaun das Schaf“ gezeigt wird – hihi!

Haben fremde Kinder mehr Schokoladenseiten?

Es ist einfach herrlich und erleichternd, mitzubekommen, dass auch Kinder außerhalb der eigenen Familie sich schlecht benehmen können – je nach Tagesform kann es Eltern nämlich leicht mal passieren, dass sie in eine mittelschwere Depression stürzen, weil sie das Gefühl habe, die eigenen Kinder seien mit weitem Abstand die verzogensten im gesamten Stadtteil.

Was natürlich realistisch betrachtet nicht korrekt ist, die eigenen Kinder haben einfach auf den Tag verteilt unheimlich viele Gelegenheiten, ihren Eltern zu zeigen, wie schlecht sie sich benehmen können. Bei fremden Kindern muss man schon Glück haben und eben genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sprich im Supermarkt, am Spielplatzausgang oder in der Eisdiele zugegen sein, um Ausfälle mitzubekommen. Das Risiko, bei anderen Kindern immer nur ihre Schokoladenseiten mitzubekommen, ist einfach viel höher als bei den eigenen.

Hinzu kommt, dass nicht alle Eltern bereitwillig aus dem Nähkästchen plaudern, welche Angewohnheiten und Unarten der eigenen Kinder ihnen momentan zu schaffen machen/in den Wahnsinn treiben/schlaflose Nächte bereiten/sie dazu bringen, über einen Gang zum Kinderpsychologen nachzudenken.

Protest-Kacken, Wutattacken, Polizeibesuche

Deshalb schätze ich besoffene Partygespräche mit Leuten, die Kinder haben, so sehr. Neulich war ich auf einem 40. Geburtstag eingeladen, und wie das so ist, kam ich (zwangsweise stocknüchtern) mit einigen Freunden, die Kinder haben, zum Thema Kinder ins Gespräch. Dabei erfuhr ich,

– dass der kleine Titus, acht Jahre, zurzeit stark mit unkontrollierter Wut zu kämpfen hat und der Babysitter am Abend zuvor den Notarzt rufen musste, nachdem Titus mit dem Knie eine Glasscheibe der Küchentür eingetreten hatte und es zu einer nicht zu stoppenden Blutung gekommen war.

– dass bei einem befreundeten Paar neulich die Polizei im Innenhof stand und mit einer Taschenlampe in sämtliche Fenster leuchtete, auf der Suche nach den Leuten, deren dreijähriges Kind so ausdauernd und alarmierend gebrüllt hatte, dass ein Nachbar die Polizei verständigt hatte. Unsere Freunde gaben sich freiwillig zu erkennen.

– dass der kleine Ferdinand neuerdings aus Protest gegen das anstehende Trockenwerden seine Windel zu jeder Gelegenheit auszieht und einen Haufen auf den Boden kackt – egal ob das zu Hause, in der Kita oder zwischen den Regalen von „Zara Kids“ ist.

Solche Gespräche sind besser als jede Erziehungsberatung, finde ich. Wenn es institutionalisierte Treffen von Eltern („Anonyme Eltern sich daneben benehmender Kinder“, kurz AEsdbK), geben würde, bei denen jeder das Unangenehmste, was ihn in Bezug auf die eigenen Kinder momentan auf Trab hält, schildern müsste – niemand müsste mehr aus Beunruhigung über das abnorme Verhalten seines Kindes Erziehungsratgeber kaufen, oder, noch schlimmer: Grässliche Internet-Foren aufsuchen, wonach man am Ende noch näher an der Depression dran ist als vorher („Kein Wunder, dass deine kleine Maus sich so verhält, ich würde sagen: klarer Fall von Schrei nach Liebe:-((((“)

Denn nichts ist beruhigender, als das Fehlverhalten der eigenen Kinder
in Relation gesetzt zu bekommen. Ah, dein Kind pflegt momentan den Brauch, anderen Kindern gegen deren Willen die Genitalien mit Filzstift anzumalen? Erzähl mir mehr davon!

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