Foto: Future Flora

Kleine Mikroben, große Tabus – warum diese Designerin Vaginalbakterien züchtet

Giulia ist eine italienische Interaktionsdesignerin. Für ihre Masterarbeit hat sie ein DIY-Set designt, das Frauen zu mehr Selbstbestimmung in Sachen Gesundheit ermächtigen soll.

„Ich möchte Frauen dazu ermutigen, sich intensiver mit sich selbst und ihrer Gesundheit zu beschäftigen“

Wo andere Blumentöpfe platzieren, züchtet Giulia Tomasella Vaginalbakterien. Auf dem Fensterbrett der Designerin wachsen die Mikroorganismen in Petrischalen. Für ihre Masterarbeit hat sie ein Set entwickelt, mit dem Bakterien gezüchtet werden, die in einer gesunden Scheidenflora vorkommen. Das ist hilfreich zum Beispiel bei einer Pilzinfektion. Wieso sie damit Frauen stärkt und das der Europäischen Kommission 20.000 Euro wert ist, erklärt sie hier im Interview.

Giulia, was genau züchtest du da in deinen Petrischalen?

Future Flora habe ich als Projekt für meine Masterarbeit entwickelt. Es ist ein DIY-Set, das Frauen beim Thema Gesundheit ermächtigen soll, indem sie sich mit der Mikrobiologie ihres Körpers auseinandersetzen können. Mikroorganismen sind praktisch überall auf unserer Haut. Es sind winzig kleine Lebewesen, wie zum Beispiel Bakterien in einer gesunden Scheidenflora. Das DIY-Set ist bis dato nicht in die Massenproduktion gegangen. Ich bin auch keine ausgebildete Biologin, sondern eigentlich eine Interaktionsdesignerin, aber ich weiß, wie wichtig diese kleinen Mikroorganismen für unsere Gesundheit sind.“

Warum sollten wir mehr über Bakterien wissen?

„Ich möchte Menschen mit Vagina dazu ermutigen, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Nach und nach trauen sich Menstruierende zwar mehr, über ihre Periode zu reden. Slipeinlagen werden im Restaurant trotzdem nicht so selbstverständlich über den Tisch rübergereicht wie ein Salzstreuer. Andere gesundheitliche Themen werden nahezu gar nicht besprochen. 75 Prozent der Frauen haben mindestens einmal in ihrem Leben Scheidenpilz. Aber reden tut darüber kaum jemand. Viele fühlen sich damit selbst bei Freund*innen und Familie unwohl – einige selbst den Ärzt*innen gegenüber. Periode, Komplikationen bei Schwangerschaften, Schmerzen im Unterleib, Vaginalinfektionen – viele sind beschämt, darüber zu sprechen und nach mehr Informationen zu fragen. Dabei gibt es keinen Grund dafür, denn das ist Natur.

Die Tabuisierung führt dazu, dass weniger Wissen ausgetauscht wird. Und das ist genau der Punkt, an dem ich mit meinem Design ansetze. Ich glaube, dass sehr viele gerne über gesundheitliche Probleme sprechen würden, aber sie können nicht, weil sie sich nicht wohl dabei fühlen. Wenn eine Person jedoch weiß, wie ihr Körper funktioniert, dann ist das Macht! Wenn sie versteht, wie eine Infektion funktioniert und wie sie sie behandeln kann, dann kommt sie ihrem eigenen Körpern wieder näher. Und das ist schließlich das, was für ein gesundes Wohlbefinden wichtig ist.“

Wie waren die Reaktionen auf Future Flora?

„Nachdem ich mein Projekt online gestellt habe, habe ich einige Zuschriften bekommen. Irgendwie war es bezeichnend, dass viele davon anonym waren – selbst online trauen sich die meisten noch nicht, offen darüber zu sprechen. Wenn gewisse Themen ein Tabu sind, dann ist das meistens leider das Problem derer, die nicht darüber sprechen können. Viele haben mich gefragt, wo sie das Set kaufen können, dabei gibt es das ja gar nicht in der Massenproduktion. Es war wirklich überraschend für mich, denn eigentlich habe ich das Ganze nur als ein Studiumsprojekt gesehen. Jetzt ist es ernster geworden und ich werde in verschiedenen Ländern zu Vorträgen eingeladen und die Leute schicken mir noch immer Nachrichten.“

Du hast sogar einen Preis für dein Projekt gewonnen…

„Ja, 2018 habe ich den STARTS Prize erhalten, den die Europäische Kommission mit 20.000 dotiert hat. Der Preis fördert Künstler*innen, die sich damit beschäftigen, wie Technologie die Gesellschaft verbessern kann. Wenn ich mich jetzt umschaue, für was sonst so Preise dotiert und vergeben werden, dann fördern nur ganz wenige davon Gesundheit – insbesondere die von Frauen. Ich habe das Gefühl, dass viele niemanden auf der Bühne stehen haben wollen, der über Vaginas und Infektionen spricht. Da wird der Preis lieber für etwas anderes vergeben, das nicht so peinlich bei einem Vortrag ist. Deshalb freue ich mich besonders, dass die Jury dieses Mal dem gefolgt ist, was ganz viele Menschen betrifft und bewegt. #metoo war gerade groß, als ich an dem Design-Projekt gearbeitet habe. Ich hoffe, dass Women’s Empowerment nicht nur ein Trend bleibt, sondern etwas ist, womit wir uns kontinuierlich in der Gesellschaft mit auseinandersetzen.“

Woher nimmst du das Selbstbewusstsein, dich mit deinem Projekt auf die Bühne zu stellen?

„Mein Ziel ist es, dass alle so befreit von Tabus werden, dass sie sich das auch trauen. Es gibt einfach einen unglaublich großen Bedarf, darüber zu sprechen. Ich fühle mich ermutigt von all den positiven Zuschriften, denn ich sehe, dass ich wirklich etwas für Frauen bewegen kann. Nach und nach das Schamgefühl abzubauen ist super wichtig, um selbstbewusst zu seinem Körper stehen zu können. Wenn es ein Problem ist, dass ich über Vaginas auf der Bühne spreche, dann liegt das Problem ja nicht bei mir, sondern bei denjenigen, die peinlich berührt davon sind. Und genau denjenigen will ich sagen, dass ihnen die Schamesröte nicht ins Gesicht steigen muss, wenn wir über Frauen, Scheidenpilz und Bakterien sprechen. Und Tabus brechen wir nun mal eben am besten dadurch auf, indem wir darüber diskutieren.“

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