Foto: Lilli Moors

„Kampf und Erbitterung sind Strategien, um nach einer Trennung am anderen festzuhalten“

Als sich ihr Mann überraschend von ihr trennt, ist Ulrike Stöhring Anfang 50. Für sie war es nicht die erste Trennung ihres Lebens, und doch eine, die sich wie ein Flugzeugabsturz anfühlt. Also begibt sie sich auf eine Reise, um ihren Anteil am Geschehen zu ergründen – was dabei passierte, hat sie in dem tollen Buch „Vielen Dank für alles“ aufgeschrieben.

 

„Romantische Komödien sind genauso jugendgefährdend wie Pornos – beide Genres haben nichts mit der Realität zu tun“

Ulrike Stöhring ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und Anfang fünfzig, als sich ihr Mann überraschend von ihr trennt. Dem anfänglichen Schmerz und auch dem Ohnmachtsgefühl folgt der Entschluss, zu verstehen, was genau passiert ist und welchen Anteil sie daran trägt. „Einen Anteil“, so schreibt sie im Buch „Vielen Dank für alles“, „der ziemlich viel Allgemeingültiges über das Paarungsverhalten der Frauen meiner Generation zwischen feministischer Guerilla und Versorgungsehe aussagt.“ Um Antworten zu finden, begibt sie sich auf Reisen, spricht mit Frauen, die verlassen wurden und Männer, die verlassen haben – und stellt sich in den Wäldern Finnlands der Angst davor, alleine zu sein.

Im Interview erzählt sie von ihren Erlebnissen, welche Rolle Scham bei einer Trennung spielt, was sie in den Gesprächen mit den anderen Frauen gelernt hat und wie am Ende doch alles gut werden kann.

 „Mit über fünfzig kriegen wir ein deutliches Gefühl von Endlichkeit“

„Wenn es passiert, fühlt es sich an wie ein Flugzeugabsturz.“ So beschreiben Sie den Moment, als Ihr Mann sich von Ihnen wegen einer anderen Frau trennte. Sie waren zu dem Zeitpunkt Anfang 50 – hört es denn nie auf, das Trennungen einen immer derart umschmeißen, selbst wenn man das vielleicht schon ein paar Mal im Leben mitgemacht hat?

„Ich fand es noch viel schwieriger als zuvor. Mit über fünfzig kriegen wir ein deutliches Gefühl von Endlichkeit. Die Kinder sind meist ausgewildert, die Eltern alt oder schon nicht mehr da. Auch der Körper hat sich verändert – die Devise ‚Schlitz ins Kleid und alles wieder von vorne’ funktioniert nicht mehr. Das hatte allerdings einen großen Vorteil, weshalb ich die Trennung heute in einem viel positiveren Licht sehe: Ich war gezwungen, mich neu zu ordnen und zu verändern.“

„Ich war in meinen Frauen-Jahren bis zu der letzten Trennung kaum länger als sieben, acht Monate allein, immer habe ich mich auf irgendjemanden bezogen und hielt das für besondere Liebesfähigkeit. Was leider nicht unbedingt den Tatsachen entsprach.“



Was ist schwerer zu (er-)tragen: Die Erkenntnis, den anderen loslassen zu müssen oder die Erkenntnis, dass man nun auch ein neues Selbstbild schaffen muss, um herauszufinden, wer man ohne diese Beziehung ist?

„Ohne Letzteres ist das Loslassen nicht möglich. Wenn man sich darum drückt, klebt man auf der Trennungsopfer-Ebene fest und kommt von dem anderen nie los. Auch Kampf und Erbitterung sind ja Strategien, festzuhalten. In einer Trennung sind wir mit einem struppigen Strauß heftigster Gefühle konfrontiert. Sie gehören dazu, haben eine aktivierende Funktion. Sie sind auch berechtigt, Gefühle sind immer berechtigt, denn sie sind ja keine Argumente. Wenn ich sie allerdings ausagiere, den anderen zum Beispiel verleumde, vor den Kindern schlecht mache etc., mache ich alles nur noch komplizierter. Das Spannende: man kommt ziemlich rum in der eigenen Psyche und lernt sich unweigerlich neu kennen. Das ist nicht durchgehend angenehm, hilft aber sehr beim Nachreifen und Eigenständigwerden.

Ich war in meinen sechsunddreißig Frauen-Jahren bis zu der letzten Trennung kaum länger als sieben, acht Monate allein, immer habe ich mich auf irgendjemanden bezogen und hielt das für besondere Liebesfähigkeit. Was leider nicht unbedingt den Tatsachen entsprach. Eher war es ein Suchen nach Halt außerhalb meiner selbst. Keine wirklich gute Idee.“

„Die Energie, die durch ein Trennungsereignis frei wird, eröffnet die Chance, unsere Tabus zu inspizieren.“

Sie sprechen in Bezug auf die Trennung auch von dem Gefühl der Scham. Warum? Weil man vermeintlich gescheitert ist, weil man als jemand gesehen werden könnte, der es nicht wert ist geliebt zu werden? Oder anders gesagt: Warum sehen wir es häufig als Leistung, Beziehungen aufrecht zu erhalten – manchmal sogar, wenn es uns ohne sie besser ginge?

„Die Scham ist leise und gemein und kommt nach einer Trennung erst so richtig zum Vorschein, wenn ihre großen, rabaukigen Brüder Zorn und Schmerz langsam müde werden. Und sie hat eine mächtige Schwester: die Ohnmacht. Eine Menge Sediment aus der Kindheit kommt mit hoch: verlassen, verspottet, unzulänglich, ungeliebt zu sein. Schuldgefühle. Das verständliche, aber uns eher peinliche Bedürfnis nach Sicherheit und Status. Deshalb gehen viele Paare nicht auseinander, obwohl es einfach nicht mehr warm und lebendig zwischen ihnen ist, scheuen aber intern die Auseinandersetzung und vereisen. Die Energie, die durch ein Trennungsereignis frei wird, eröffnet die Chance, unsere Tabus zu inspizieren. Das liebe, tüchtige ‚Mädchen’ schmeißt möglicherweise hin und zeigt seinen Zorn. Der stets beherrschte, gefühlsdosierte Intellektuelle spürt vielleicht, wie ängstlich er eigentlich ist und wie getrieben von was auch immer. Beide bekommen die Chance, stückweise die Wahrheit hinter ihren Rollen zu erkennen.“

„Ja, ich hatte eine gehörige Verarmungsangst“

Manchmal ist es ja nicht nur ein inneres Abwägen, sondern geht es schlicht ums Existenzielle. Das Armutsrisiko steigt für eine alleinerziehende Mutter, die sie dann auch erneut wurden, enorm. Hat das Angst in Ihnen ausgelöst? Und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?

„Ja, ich hatte eine gehörige Verarmungsangst. Für die allermeisten Alleinerziehenden ist das Geld zu knapp. Wenn man die skandalöse Gesetzgebung bedenkt, dass Ehepaare allein kraft eines Trauscheines steuerlich überaus begünstigt sind… das ist so dermaßen antiquiert und an den Lebensbedingungen unserer Zeit vorbei gedacht! Und wer in den letzten zwei Jahren versucht hat, in einer deutschen Großstadt eine neue Wohnung anzumieten, muss noch nicht mal Geringverdiener sein, um zu wissen, wovon ich rede. Auch alle Kosten des Alltags fallen bei getrennten Paaren nun wieder doppelt an. Vollends verrückt wird es, wenn Kredite zu bedienen sind. Es gab nicht wenig Leute, die mir sagten, sie könnten sich eine Scheidung schlicht und ergreifend nicht leisten.

Bei mir selbst war der erste Schritt, mich endlich selbst um meine Bankangelegenheiten zu kümmern und eine strenge Inventur zu machen, Soll und Haben zu vergleichen und mich finanziell konsequent einzuschränken. Fühlt sich nicht sexy an, aber unübersichtliche Schulden tun das auch nicht. Gemeinsam mit der Scheidungsanwältin haben wir einen fairen Ausgleich für die Trennungszeit bis zur Scheidung ausgehandelt und nun sorge ich wieder allein für mich und die Ausbildung meiner Tochter, die ja nicht die leibliche Tochter meines Exmannes ist.“

„Die klassischen Ratgeber, die ich zur Kenntnis nehmen konnte, atmeten einen fassungslos machenden heteronormativen Muff“

Dann die Überlegung: Wie geht es weiter? Ratgeber waren Ihnen dabei keine Hilfe, weil die meist an Frauen gerichtet waren, die jüngere als Sie sind. Sind Trennungen von Frauen um die 50 noch ein unentdecktes Thema, vielleicht sogar ein Tabu? Oder wie erklären Sie sich das?

„Ja, das glaube ich. Das hat mit besagter Scham und auch mit unserer Generation zu tun. Dabei sind wir so viele! Und wir haben wirklich ganz andere Möglichkeiten als unsere Mütter. Wenn es gut läuft, haben wir noch dreißig, vierzig Jahre Leben vor uns, das kann man ja nun schlecht als ‚Rest’ verdämmern. Zumindest wäre es sehr schade. Die klassischen Ratgeber, die ich zur Kenntnis nehmen konnte, atmeten einen fassungslos machenden heteronormativen Muff, da konnten sie noch so ‚frech’ aufgemacht sein. Letztlich blieb sehr oft als Essenz: „So kannst du IHN gewinnen, halten, glücklich machen.“ Am Ende bleibt als Sehnsuchtsziel das Happy End im Hollywoodstil. Genau genommen sind romantische Komödien genauso jugendgefährdend wie Pornos. Beide Genres haben mit dem richtigen Leben wenig zu tun. Nach dem Motto: ‚Alles muss man selber machen’ beschloss ich ein Buch zu schreiben, das mir in meiner Situation geholfen hätte.“

Also haben Sie sich irgendwann dazu entschieden, nicht stehen zu bleiben, sondern die Finger nach der Zukunft auszustrecken. Haben sich innerlich, aber auch ganz konkret auf Reisen begeben: etwa zu einer Schamanin nach Finnland. Was haben Sie sich von der Reise erhofft, und was gefunden?

„Ich hatte an einen Ort gewollt, wo ich keine Menschenseele kenne, die Sprache nicht spreche und noch niemals war. Allein zu reisen war die Idee und darüber hinaus so wenig wie möglich zu planen. Eine echte Aufgabe für einen ehemaligen Beziehungsjunkie und Kontrollfreak wie mich. Ich hatte Sehnsucht nach Stille, Natur und echtem Winter. Undenkbar, das kummervolle Fleisch nach Bali zu schleppen und dort an Stränden zu präsentieren. Ich wollte schauen, was passiert, wenn ich allein bin und jeden Schritt allein entscheide. Und dann begegneten mir unglaublich eindrucksvolle Menschen und seelenvolle Tiere. Diese Reise ist mir noch heute so gegenwärtig wie kaum eine andere. Und die unaufgeregte, selbstverständliche Spiritualität ‚meiner’ Schamanin begleitete mich dabei und die Beschreibung meiner Trancereise in tiefer, kalter Nacht auf dem Eis des Syväri-Sees beschreibe ich ja detailliert in meinem Buch. Seither habe ich viel weniger Angst.“

„Die Frauen kennenzulernen war, trotz harter Lebensrealitäten, reine Poesie.“

Aber es waren auch Reisen zu verschiedenen Frauen, die von dem Moment der Trennung, aber auch dem Überleben und neuen Leben berichteten. Darunter eine Bodyworkerin, eine Soziologin und eine Notarin – ganz unterschiedliche Frauen, aber sind sie auch unterschiedlich in ihren Strategien der Bewältigung gewesen oder lassen sich da Muster erkennen, von denen man sich etwas abschauen kann?

„Die Frauen kennenzulernen war, trotz harter Lebensrealitäten, reine Poesie. Was für unterschiedliche, wundervolle Frauen. Jede sehr eigen, lebendig, erwachsen, voller Liebe. Ich habe die Gespräche unglaublich genossen und viel gelernt. Vor allem, dass es nix wird mit dem Glück, wenn wir es als Bringschuld oder Liebesgabe von anderen erwarten. Wirklich nicht. Wer nicht allein sein kann, hat immer Angst. Man muss lernen, auch wenn man nicht alleine lebt, dass die Versöhnung mit sich selbst und das Sich-selbst-eine-gute-Gesellschaft-Sein die Voraussetzung ist für Zufriedenheit. Das ist das Gegenteil von Bindungsunfähigkeit. Die bindungsunfähigsten Menschen sind mir in den verstricktesten Ehen begegnet.“

Für das Buch haben Sie auch Interviews mit Männern geführt, die verlassen haben. Was haben Sie aus diesen Interviews mitgenommen und wieso war das wichtig? Ging es ums Verstehen?

„Ja, ich habe den Männern die Fragen gestellt, die ich meinem Mann zu dem Zeitpunkt nicht stellen konnte. Da ich ja nicht ihre Ex war, antworteten sie so freimütig und ehrlich, wie es ihnen eben möglich war. Das fand ich spannend und für Leser und Leserinnen allgemein interessant. Auch dass der Zugang anders war als bei den Interviews mit den Frauen. Die Männer wirkten ebenso verletzt von ihren Geschichten, kamen aber mit dem Alleinleben wesentlich schlechter zurecht. Und klar, ich wollte verstehen, was es mit diesem Muster des Weglaufens auf sich hat. Aber das ist ein wirklich weites Feld.“

Sie schreiben auch: Eigentlich haben Sie doch schon länger geahnt, dass etwas zwischen Ihnen und Ihrem Mann im Argen lag. Nach all dem Prozess, den Sie im Laufe des Trauer- und des Abenteuerjahres durchlaufen haben: Würden Sie heute wieder dazu neigen, wegzuschauen oder würden Sie sich heute nicht mehr so sehr vor dem Ende einer Beziehung fürchten beziehungsweise den Problemen in einer Beziehung konsequenter gegenübertreten?

„Mein großes Harmoniebedürfnis und meine mir bis dahin unbewusste Überzeugung, als Teil eines Paares irgendwie mehr wert zu sein, ist mir immer wieder gründlich auf die Füße gefallen. Ich würde in einer neuen Beziehung andere Kompromisse machen. Nicht weniger, nicht mehr, sondern andere. Die Endlichkeit der Liebe nicht als eigenes Scheitern zu betrachten, jedenfalls nicht nur, ist dringend angeraten. Und da ich jetzt erlebe, dass es mir allein gerade unglaublich gut geht, dass es einfach andere schöne Seiten hat, als im Doppelpack, relativiert sich die Sucht nach falschem Frieden.“

„Eine Trennung kann eine Schönheitsoperation an der Seele sein“

Der Titel des Buches ist sehr versöhnlich: „Vielen Dank für alles“. Braucht es dieses Verzeihen, vielleicht auch sich selbst, um auch nach einem Absturz weitermachen zu können? Und wann hat dieses Gefühl die Wut und Trauer abgelöst?

‚Vielen Dank für alles’ war am Anfang der Arbeitstitel des Buches und vollkommen sarkastisch gemeint. Und als das Buch zweieinhalb Jahre nach dem Crash erschien, hatte ich jede Schattierung von ‚Na danke auch’ bis ‚Ich danke dir wirklich’ durchlebt. Die Phase der Wut war bei mir relativ heftig, dafür kurz und nach etwa einem Jahr verarbeitet. Traurig bin ich noch immer hin und wieder, aber das ist ja nichts Schlechtes. Trauer hilft beim Reden und beim Verzeihen. Wie weit das gehen kann, ist in jeder Liebesgeschichte anders.“

Heute sind Sie, so heißt es im Klappentext, eine glücklichere Frau. War der ganze Prozess also eine klassische Heldinnenreise, wird es am Ende immer gut?

„Wie schön wäre das! Leider nicht. Es gibt so erschütternd gemeine Geschichten, da wäre es zynisch, irgendetwas in dieser Richtung zu versprechen – zumal immer zwei bis -zig Beteiligte mitzureden und mitzufühlen haben. Aber ja, eine Trennung kann eine Schönheitsoperation an der Seele sein. Eine entscheidende Zeit, sich zu verändern und irgendwann sagen zu können: ‚Wie spannend! So kenne ich mich noch gar nicht… Und genau so will ich jetzt leben.’
Und selbstverständlich braucht die Heldin Freund*innen und jede Unterstützung, die sie kriegen kann. Ich bin jetzt wirklich nicht die ganze Zeit auf Wolke sieben. Aber ich fand mein Leben noch nie so spannend wie jetzt.“

Ulrike Stöhring: „Vielen Dank für alles: Trennung – glücklich überlebt“, Ullstein Verlag, 2018, 272 Seiten, 15 Euro.

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