Foto: Juno* Marie Göppel

Juno*: „Wir müssen Menschen nicht nur nach ihren Namen, sondern auch nach dem Pronomen fragen“

Wie können wir verhindern, dass queere Personen ungleich behandelt werden? Welche Gesetze stellen sich ihnen in den Weg? Juno* hat mit uns darüber gesprochen, was für ein gesellschaftliches Umdenken gegenüber queeren Personen wichtig ist und welche zentrale Rolle gendergerechte Sprache spielt.

 

„Geschlecht ist eine Schublade, mehr nicht“

Wie fühlt sich ein Leben zwischen den Geschlechtern an? Juno* Marie Göppel, Schüler*in und Aktivist*in, kennt die Antwort auf diese Frage. Der*die 18-Jährige lehnt klassische Geschlechtskategorien wie „Mann“ und „Frau“, grundsätzlich ab und bezeichnet sich selbst als „genderfluid“ oder auch „nicht-binär“. Im Interview spricht Juno* über die Herausforderungen eines Coming-Outs in unserer Gesellschaft und zeigt auf, mit welchen Vorurteilen und Gesetzen queere Personen konfrontiert werden. Wir haben nachgefragt, wie wir sicherstellen können, dass wir Menschen mit einer anderen sexuellen und geschlechtlichen Orientierung integrieren und auch auf sprachlicher Ebene dafür sorgen können, damit sich niemand ungleich behandelt fühlt.

*Die gefetteten Begriffe werden weiter unten im Text erklärt.

„Geschlecht kann mensch einer anderen Person nicht ansehen, egal ob die Person nicht-binär und trans* ist, eine binäre trans* Identität hat oder inter* ist.“

Viele Menschen verbinden körperliche Geschlechtsmerkmale untrennbar mit dem Gender und denken bei nicht-binär an Inter*-Menschen, können sich aber nichts darunter vorstellen. Was sagst du dazu?

„Geschlecht ist meiner Meinung nach nicht an Körperteile oder
Geschlechtsorgane geknüpft. Geschlecht ist Kopfsache, Geschlecht ist sozial
konstruiert, Geschlecht ist eine Schublade, mehr nicht. Wir haben einen ganz einfachen binären Denkprozess. Deshalb gehen viele davon aus, dass körperliche Merkmale zwanghaft an ein Geschlecht geheftet sind. Das ist aber nicht so. Geschlecht kann mensch einer anderen Person nicht ansehen, egal ob die Person nicht-binär und trans*, eine binäre trans* Identität hat oder inter* ist. Wir müssen Menschen nicht nur nach ihren Namen, sondern auch nach dem Pronomen, also die Form, wie die Person angesprochen werden möchte, fragen. Damit meine ich das ,er‘ oder ,sie‘, welches als Ersatz für Namen genutzt wird.“

Wie bezeichnest du deine sexuelle bzw. romantische und geschlechtliche Identität_en?

„Ich bin eine nicht-binäre trans* Person, das heißt, für mich sind die Begriffe genderfluid und enby (Wortlaut der beiden Anfangsbuchstaben von non-binary) sehr wichtig. Meine sexuelle und romantische Identität ist allerdings um einiges komplizierter. Ich verwende gelegentlich den Begriff ,schwul‘ für meine sexuelle Identität und den Begriff panromantisch für meine romantische Identität.“ 

Panromantische Menschen fühlen sich zu Menschen aller Geschlechter romantisch hingezogen oder ihre romantische Anziehung basiert nicht auf dem Geschlecht des*der anderen Person.

„Der Begriff ,schwul‘ ist mir immer sehr wichtig geblieben, da ich mich mit diesem Begriff geoutet habe und Männlichkeiten nach wie vor, sexuell anziehend finde. Allerdings unterliegt dieser Begriff einer sehr starken gesellschaftlichen Definition und meint, dass Jungs oder Männer auf Jungs oder Männer stehen. Ich bin aber weder ein Junge noch ein Mann, also warum verwende ich trotzdem diesen Begriff? Ganz einfach: Weil ich mich damit am wohlsten fühle. Außerdem habe ich eine genderfluide Identität, aus diesem Grund passt dieser Begriff mal mehr und mal weniger. Gleichzeitig kann ich mir Beziehungen mit Menschen unabhängig von Geschlecht vorstellen, da diese Eigenschaft für mich nicht ausschlaggebend dafür ist, ob ich mich in die Person verliebe oder nicht.“ 

„Ein Coming-Out ist ein fortwährender Prozess, denn in nahezu jedem Kontext muss ich mich immer wieder neu outen, egal ob bei einer neuen Arbeitsstelle, auf einer neuen Schule oder mit einem Date.“

In welchem Alter hast du dich gegenüber deinem sozialen Umfeld geoutet?

„Mein Coming-Out hatte ich zwischen 15 und 17 Jahren, heute bin ich sehr glücklich darüber. Zuerst outete ich mich als schwul, aber da war irgendwie noch viel mehr. Ich war noch nicht am Ziel, und hatte eine ziemlich lange Phase des inneren Coming-Outs. Mit zehn Jahren war mir klar, dass ich mich ziemlich unwohl mit meiner männlichen Zuschreibung fühle und irgendwie kein Junge bin. Ich konnte dieses Gefühl aber erst einordnen, als ich andere Menschen getroffen habe, die offen und frei mit ihrer Identität umgingen. Das zu sehen, hat in mir einiges in Bewegung gesetzt. Ich habe endlich einen Raum gesehen, neue Dinge auszuprobieren. 

Was viele aber nicht wissen, ist, dass ein Coming-Out nie wirklich aufhört. Es ist ein fortwährender Prozess, denn in nahezu jedem Kontext muss ich mich immer wieder neu outen, egal ob bei einer neuen Arbeitsstelle, auf einer neuen Schule oder mit einem Date.“

Wem hast du zuerst davon erzählt und wie war die Reaktion?

„Ich habe mich zuerst bei einer guten Freundin geoutet, mit ihr habe ich immer sehr viel gesprochen. Das hat mir bei diesem Prozess sehr geholfen, eine Person zu haben, die mich bestärkt und für mich da ist, war sehr wichtig.“

Mit 16 Jahren hast du den Entschluss gefasst in eine eigene Wohnung zu ziehen. Welche Erfahrungen aus deiner Kindheit haben dich geprägt?

„Ich wohnte bis dahin mit meiner Mutter zusammen, sie war alleinerziehend und hatte psychische Probleme. Früh hat sie gemerkt, dass ich anders bin als andere Kinder, und das hat sie mich spüren lassen. Als Kind habe ich im Kontext meiner Identität deshalb nur wenig Raum gesehen, um mich mitteilen zu können. Wahrscheinlich wäre ich in meiner Entwicklung heute schon ein ganzes Stück weiter, hätte ich nicht so viel aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich musste schon sehr früh selbständiger als andere Jugendliche in meinem Alter sein, das kann mensch jetzt positiv und negativ betrachten. Ich sehe es eher neutral.“

„Im Sportunterricht wurde mir unter anderem die Kleidung vom Körper gerissen. Ich musste sämtliche Beleidigungen, die homofeindlich, transfeindlich oder enbyfeindlich waren, über mich ergehen lassen.“

Wo begegnet dir Diskriminierung im Alltag?

„Die Schule ist in meinen Augen ein sehr hetero-cis binär geprägter Raum. Dort wurde ich sowohl verbal, als auch körperlich angegriffen. Im Sportunterricht wurde mir unter anderem die Kleidung vom Körper gerissen. Ich musste sämtliche Beleidigungen, die homofeindlich, transfeindlich oder enbyfeindlich waren, über mich ergehen lassen. Aus diesem Grund habe ich dann auch die Schule gewechselt. Nach einer Unterbrechung bin ich im nächsten Schuljahr mit mehr Selbstbewusstsein an eine neue Schule gegangen. Aber auch im Alltag, auf der Straße, werde ich verbal angegriffen.

Diese strukturelle Diskriminierung ist ein sehr großes Problem, welches mich und sehr viele andere Menschen betrifft. Es gibt noch keine alternativen Geschlechtseinträge für nicht-binäre und trans* Personen. Es gibt kein geschlechtsneutrales Pronomen, welches in Deutschland etabliert ist. Es gibt an vielen öffentlichen Orten nur Toiletten für die zwei binären Geschlechter. Es gibt noch immer das Transsexuellengesetz, welches die Änderung des Namens und Geschlechtseintrages in Deutschland regelt und meiner Meinung nach grob gegen die Menschenrechte verstößt. Abgesehen davon werden an inter* Personen häufig Operationen durchgeführt, die geschlechtsverstümmelnd sind – da wurde noch nichts gemacht, was uns weiterbringt. Deshalb finde ich es enorm wichtig, sich bewusst zu machen, an welchen Stellen Menschen diskriminiert werden und was sich konkret ändern muss, damit das nicht mehr passiert.

Welchen Rat kannst du Menschen geben, die nicht wissen, wie sie auf deine sexuelle und geschlechtliche Identität reagieren oder mit dir sprechen sollen? Wie gehst du damit um? 

„Wir sind auch nur Menschen und haben vielleicht eine andere sexuelle Präferenz oder eine andere geschlechtliche Identität als der Großteil der Gesellschaft. Aber im Grunde unterscheidet sich jede*r von uns in irgendeiner Hinsicht von einer anderen Person. Wenn einem das bewusst ist, dann ist das schon wirklich gut. Wie ich bereits erwähnt habe, sollten wir einen Menschen immer fragen: ,Was ist dein Name?’, und gleichzeitig ,Was ist dein Pronomen?’. Nachfragen ist immer besser, als von irgendetwas auszugehen und Menschen somit ein Geschlecht oder Pronomen fremd zuzuschreiben. So können wir auch erfahren, wie wir mit dem Outing einer Person umgehen sollen. Denn welche Unterstützung eine Person benötigt und welchen Namen oder welches Pronomen sie bevorzugt, kann dir nur die Person selbst sagen.“

„In Deutschland können nur Menschen mit einer der zwei binären Geschlechtseinträgen heiraten, also werden manche trans*, nicht-binäre sowie inter*-Personen ausgeschlossen.“

Was denkst du über die politische Situation in Bezug auf queere Identitäten?

„Bis zum Ende des Jahres, kommt, wie vom Bundesverfassungsgericht beschlossen wurde, der dritte Geschlechtseintrag. Ob dieser wirklich inklusiv für trans* und nicht-binäre Personen ist, bleibt abzuwarten. Außerdem wurde im letzten Jahr erreicht, dass homosexuelle Paare in Deutschland endlich heiraten können. Das ist wirklich toll. Viele Menschen sprechen in diesem Zusammenhang von der Ehe für alle, ich finde das ist ein irreführender Begriff, der nicht wirklich auf die politische Situation in Deutschland zutrifft. In Deutschland können nur Menschen mit einer der zwei binären Geschlechtseinträge heiraten, also werden manche trans*, nicht-binäre sowie inter*-Personen ausgeschlossen. Auch kann die Ehe nur zwischen zwei Menschen geschlossen werden, wodurch auch polyamoröse Beziehungen benachteiligt werden. Sicher ist auch, dass das Transsexuellengesetz von 1980 dringend weg muss. Dieses Gesetz ist menschenrechtsverachtend und hat großen Überholungsbedarf. Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, dass wir
noch lange nicht gleichberechtigt sind.“

Inwieweit spielt hier der rechtpopulistische Aufschwung in Europa eine Rolle für die Situation von queeren Menschen?

„Die AfD hat bei den letzten Wahlen in Deutschland Rekordwerte erreicht. Das trägt in der queeren Community nicht gerade zu einem Gefühl der Sicherheit bei, sondern bringt uns eher in Angst. Rechtspopulistische Bewegungen werden aber nicht nur in Deutschland größer, sondern auch in anderen europäischen Ländern. In diesem Zusammenhang werden queere Menschen unterdrückt. Rechtspopulisten stimmen gegen Gesetze, die uns mehr Rechte einräumen würden. Sie beeinflussen die öffentliche Meinung. Dadurch sinkt auch die Hemmschwelle der Bevölkerung. Ich könnte mir vorstellen, dass auf diese Weise wieder mehr queerfeindliche Aussagen getätigt werden und auch die Gewalt gegen queere Menschen ansteigt.“

Was müsste sich in unserer Gesellschaft ändern, damit queere Menschen sicher und gesellschaftlich anerkannter leben können?

„Ich denke, es gibt in unserer Gesellschaft eine große Angst vor dem Unbekannten und genau da müssen wir ansetzen. Wir brauchen unbedingt mehr Aufklärung und Sensibilisierung, um eine Akzeptanz für LSBTEQQIPAA+ zu schaffen. Um andere queere Jugendliche zu empowern, besuche ich mit dem Jugendnetzwerk Lambda Berlin Brandenburg e.V. Schulen, Jugendeinrichtungen und Universitäten. Wichtig ist, dass wir trans* und bzw. oder nicht-binäre Identitäten endlich anerkennen. Das ist ein wichtiger Schritt, den jede*r von uns gehen kann. Bis wir eine politische Gleichstellung erreichen, steht allerdings noch viel Arbeit bevor.“

Genderfluid bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich mit der Zeit oder bezogen auf bestimmte Situationen ändert. 

Nicht-binär meint eine Geschlechtsidentität, die nicht in das anerkannte Zweiersystem aus den zwei Geschlechtern weiblich und männlich hineinpassen.

Trans* ist ein Überbegriff für transsexuelle, transidente und transgender Menschen, also allen Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. 

Inter*Menschen sind Menschen, deren körperliches Geschlecht nicht der medizinischen Norm von ,eindeutig’ männlichen oder weiblichen Körpern zugeordnet werden kann, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegen.

LSBTEQQIPAA* ist eine verlängerte Form des LSBTQ*, die für Lesbisch-Schwul-Bi-Trans*-Queer steht: Lesbisch, schwul, bi, trans*, enby, queer, questioning, inter*, pan, ace und aro. Das Sternchen hinter der Abkürzung steht für eine mögliche Erweiterung.


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