Foto: Unsplash - Julian Santa Ana

Warum Frauen auch mit Mitte 30 keinen Mann brauchen

Der erste Geburtstag allein nach einer Trennung kann sehr schwer sein – aber auch sehr befreiend. In dem Buch „Mein Bett ist halbvoll“ beschreibt die Singlefrau den Tag sehr ehrlich und humorvoll, mit all seinen Höhen und Tiefen.

Danke, aber wir kommen gut allein zurecht!

Es gibt gefühlt Millionen Romane und Ratgeber, die von der Suche nach dem „Traumprinzen“ handeln – selbst, wenn sie als Single-Romane beginnen. Wenn ich diese Bücher aufschlage, fühle ich mich oft in längst vergessene Zeiten zurückversetzt. Warum ist das Finden des Partners fürs Leben in unseren Köpfen immer noch Grundvoraussetzung für ein wirklich glückliches Leben?

Frauen können auch alleine glücklich sein, ja, manchmal vielleicht sogar nur alleine. So geht es auch Toni, der Protagonistin des, im Mai erschienenen Romans: „Mein Bett ist halbvoll“. Und, das ist äußerst erfrischend, sie steht dazu. Toni ist keine reale Person, viel mehr bündelt sie Geschichten unterschiedlicher Singlefrauen. Mit viel Ehrlichkeit, Humor und einer ordentlichen Portion Selbstironie wird ihr Leben erzählt. Dabei ist natürlich nicht immer alles rosarot – Life is a bitch! Egal, ob wir in einer Beziehung sind, oder nicht. Aber es ist eben auch großartig. Ein gutes Beispiel dafür: Tonis 35ster Geburtstag.

Happy Birthday to me

Geburtstagsvortag, 22.50 Uhr

Morgen ist es so weit. Also eigentlich in wenigen Stunden. Man könnte auch schon in Minuten rechnen. Ich werde älter. Das lässt sich nicht ändern. Mein erster Geburtstag als Single. Niemand wird morgen früh neben mir aufwachen, mich küssen und mir ein „Herzlichen Glückwunsch“ ins Ohr hauchen. Und ich finde das just in diesem Moment dramatisch, erschreckend, beängstigend. Ich fühle mich einsam.

Für viele ist der 30. Geburtstag eine Schallmauer. Wer an dem Tag noch nicht verheiratet ist oder zumindest etwas in Aussicht hat, muss öffentlichkeitswirksam irgendwelche Treppen fegen, die immer wieder mit
Konfetti oder Kronkorken bestreut werden, und zwar so lange, bis ein
Dahergelaufener sich erbarmt und die alte Jungfer küsst. Mag sein, dass ich
spaßbefreit bin, aber ich halte solche Bräuche für groben Unfug. Zumal sie im
Kern eine Vorstellung transportieren, die ich für nicht mehr zeitgemäß halte.

Den 30. fand ich dann auch überhaupt nicht schlimm, nichts war vorbei, das
Leben wunderbar. 31 zu werden brachte dann irgendwie mehr Schmerzen mit sich. Keine Ahnung, warum. Irgendwie hatte ich das Gefühl, der Alterungsprozess war jetzt gar nicht mehr aufzuhalten.

Und morgen, also gleich, dann 35. Verdammt! Das ist Mitte 30, das klingt alt,
das klingt so nach „Mitte des Lebens“, wenn es denn gut läuft. Ich bin allein und fühle mich auch gerade so. Draußen ist es stockdunkel. Drinnen totenstill. Ich sitze auf meinem Sofa im Schein der Stehlampe und starre auf mein Bücherregal.

Ich fühle mich in Bilanz-ziehen-Stimmung, ein bisschen wie an Silvester. Aber
dieses Fazit würde nicht positiv ausfallen, eher depressiv, und bei Tageslicht
betrachtet, würde das meinem Leben überhaupt nicht gerecht werden. Super
Kindheit, liebe Familie, tolle Freunde, witzige Studienzeit, viele Reisen, quietschfidel, bislang kaum Rückschläge im Berufsleben, und die Aussichten sind äußerst rosig. Bin ich jetzt ernsthaft melancholisch, weil ich keinen Mann an meiner Seite habe? Betrüge ich mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich meinem Spiegelbild sage, dass ich als Single totalsuperduperglücklich bin? Würde ich anders auf das anstehende Lebensjahr blicken, wenn jetzt ein Typ auf meiner Couch sitzen würde?

Nein. Nicht ernsthaft. Denn mein Lebensglück hing nie und wird nie von einem
Mann an meiner Seite abhängen. Dafür bin ich schon selbst verantwortlich.
Natürlich sind manche Stunden zu zweit schöner, bestimmte Situationen leichter. Andere Entscheidungen dafür schwerer und einige Momente anstrengender.

Es ist nun mal so, wie es ist: Ich bin Single, und heute Abend wird sich das
nicht mehr ändern. Morgen habe ich frei, und ich habe einen Haufen Menschen
eingeladen. Tag der off’nen Tür, jeder darf kommen, wann er will, mein Backofen
wird glühen, erst für Kuchen, dann für Pizza. Sektkorken werden knallen,
Bierflaschen ploppen. Ich werde wieder die perfekte Hausfrau und Gastgeberin
sein. Es wird schön sein und nicht einsam. Aber jetzt will ich einfach nur ins
Bett und schnell einschlafen, damit ich nicht um 24 Uhr merke, wie ich älter
werde. Vielleicht ist es dann nur halb so schlimm. Wenn ich dann morgen früh
aufwache, ist es eh zu spät zum Jammern, dann muss ich mit der Lage fertig werden und Hefeteig ansetzen.

Geburtstagsvortag, 23.35 Uhr

Zähne putzen, ausziehen, unter die Decke kuscheln, einschlafen. Der Part war schnell erledigt. Nur hatte ich vergessen, das Handy auf lautlos zu stellen. Ich wache vom WhatsApp-Ton auf.

„Ich hoffe, du stößt gleich mit Champagner auf dich und dein neues Lebensjahr an. Freu mich auf morgen.“

Juli. Na toll. Ich schreibe ihr, dass ich Mitternacht eigentlich verschlafen
wollte, damit ich nicht merke, wie ich älter werde.

„Ha, ha. Du hast sie doch nicht mehr alle! Das tut doch nicht weh!“

„Du hast gut reden! Du hast das schon hinter dir.“

„Ach, komm schon. So viel hast du dir ja noch nie aus deinem Geburtstag gemacht.“

„Ja, stimmt. Aber gleich liegt hier keiner und gratuliert mir zärtlich mit einem Kuss. Das ist neu.“

„Dein Ex hat sich jetzt auch nicht wirklich ein Bein für dich ausgerissen.“

Da muss ich Juli recht geben. Natürlich gab es liebe Glückwünsche, aber ein
großes Freudenfest wurde an meinem Geburtstag von seiner Seite nicht
veranstaltet. Er fand seinen eigenen Geburtstag nicht wichtig, also war es
meiner auch nicht. Simple Logik. Nach drei, vier Jahren in unserer Beziehung
beschlossen wir, dass wir uns nichts mehr schenken wollten. Wir? Von mir kann
die Idee eigentlich nicht gewesen sein, denn ich liebe es, zu schenken und
Geschenke zu bekommen. Ich brauche keine Tage oder Anlässe, um jemandem zu zeigen, dass ich ihn mag, an ihn denke. Es ist so einfach. Aber je häufiger ich
das betonte, desto meh verweigerte er sich der kleinen Gesten. Blumen kaufte
ich mir stets selbst. Ich schenkte unbeirrt weiter, wenn ich etwas sah, was zu
ihm passte. Es ging mir nie um das Rückgeschenk, eher um die Wertschätzung
meiner Geschenke.

„Jetzt steh auf. Geh zum Kühlschrank. Öffne eine Flasche und feiere dich selbst.“

Juli hat Recht. Jammern hilft nicht. Alkohol zwar auch nicht, aber Würde. Also schlage ich die Decke zurück, ziehe ein schwarzes Negligé aus der Unterwäscheschublade (wenn schon, denn schon) und tapse in die Küche. Aus Mangel an fehlenden Gardinen vor dem Küchenfenster hoffe ich, dass meine Nachbarin gegenüber nicht für eine nächtliche Rauchpause auf den Balkon muss.

Im Kühlschrank lagern die Crémant-Flaschen für die Gäste. Eine weniger wird
schon nicht so schlimm sein. Plopp! Dazu ein schönes Sektglas und zurück unter
die Bettdecke. Fünf Minuten noch. Vortrinken bringt bestimmt Unglück, also
warte ich geduldig, mache ein Selfie und schicke es Juli.

„Auftrag ausgeführt. Auf mich, die 35 und das Singleleben. Morgen Abend stoßen wir dann richtig an.“

Ach, schon gut, dass man sich auch mitten in der Nacht auf Freunde verlassen
kann. Dank Smartphone ist man nie so richtig einsam. Wenn man jemanden braucht, ist eigentlich immer jemand anschreibbar. Und wenn niemand verfügbar ist, bläst man es in das weite Internet per Facebook oder Twitter hinaus. Da hört mich dann schon jemand.

Geburtstag, 0 Uhr

Ka-Tsching! Zwölf Uhr. Ein Prosit der Gemütlichkeit! Auf dich, meine Liebe! Ich
erhebe das Glas in die Halbdunkelheit des Schlafzimmers. Hier liegt noch nicht
mal ein Kuscheltier, das Anteil nehmen könnte. Aber jetzt finde ich es überhaupt
nicht schlimm. Die 35 tut kein Stück weh, der Crémant perlt. Gut, dass ich auf
Juli gehört habe. Ich habe noch nicht mal den ersten Schluck getrunken, da
piept das Handy bereits. Glückwünsche. Stellt sich da jemand ernsthaft den
Wecker, um mir zu gratulieren? Kinder, ihr solltet alle längst schlafen. Es ist
schön, dass Juli an mich denkt und Freunde, die noch wach sind oder dort
wohnen, wo man schon wieder wach ist. Ich schenke mir noch ein zweites Glas ein und bedanke mich artig bei den Gratulanten. Den Rest der Flasche stelle ich
wieder in den Kühlschrank, kuschel mich in meine Kissen und breite mich noch
ein wenig mehr in meinem Bett aus. Halb voll! Pah! Es wäre doch gelacht, wenn
ich die 160 Zentimeter nicht auch allein ausfüllen könnte.

Aus: Die Singlefrau: „Mein Bett ist halbvoll. Aus dem turbulenten Leben der Singlefrau“, Knaur TB, 288 Seiten, 12,99 Euro.

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