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Ob zwei Monate oder ein Jahr – warum Frauen ihre Elternzeit im Lebenslauf nicht angeben sollten

Eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin zeigt: Frauen, die nur kurz Elternzeit genommen haben, werden bei späteren Bewerbungen benachteiligt. Man würde gerne darüber lachen, wenn das nicht eine wahnsinnig traurige Momentaufnahme unseres gesellschaftlichen Status quo wäre.

 

Eine Entscheidung, bei der es kein „richtig“ gibt

Als Frau, die ein Kind bekommt, hat man ja so einige Optionen. Man könnte zum Beispiel ein Jahr zu Hause bleiben, und der (heterosexuelle) Partner nimmt die zwei so genannten „Vätermonate“. Damit eckt man nicht so wahnsinnig schlimm an in der Regel, machen ja ganz viele so, selbst im Job wird das meist so abgenickt, viele Frauen bleiben sogar zwei Jahre oder noch länger weg, muss ja sein, nicht wahr? (By the way, wie lange wird es noch dauern, bis bei Arbeitgeber*innen einsickert, dass es rein theoretisch egal ist, ob eine Mutter oder ein Vater das Kind im ersten Lebensjahr hauptsächlich betreut? Dass Mütter und Väter identische gesetzliche Ansprüche haben, was die Elternzeit betrifft? Jede Mutter scheint am Arbeitsplatz ein Jahr ohne Weiteres entbehrlich, ein Vater, der ein Jahr wegbleiben will, wird von Unternehmensseite als absoluter Super-GAU behandelt.)

Als Frau jedenfalls, die ein Kind bekommt, wird die eigene Entscheidung, wie lange man zuhause beim Kind bleibt, ohnehin als „fail“ wahrgenommen, egal, wen man fragt. Fragt man die westdeutsche Verwandtschaft aus der Provinz, dann ist man ein verantwortungsloses Monster, wenn man nicht drei Jahre zu Hause bleibt; fragt man Leute, die für Gleichberechtigung kämpfen, dann ist man definitiv jemand, der es nicht geschafft hat, sich aus veralteten Strukturen und Rollenmustern zu lösen, wenn man mehr als ein halbes Jahr zu Hause bleibt; fragt man so gut wie alle, dann ist man übertrieben oder zumindest stark karrierefixiert, wenn man weniger als ein halbes Jahr zu Hause bleibt. Fragt man so genannte Karriereberater*innen, dann ist man doof, wenn man länger als drei Monate zu Hause bleibt, weil deine Vertretung dir womöglich den Job streitig macht, wenn du so lange raus bist, und mit den Arbeitsabläufen deiner Firma bist du dann nämlich auch nicht mehr vertraut.

So, dann also viel Spaß mit der Entscheidung. Und um die Farce komplett zu machen, liefert eine aktuelle Studie neue Erkenntnisse zur leidigen Frage, wie Kinderkriegen die Karrieren von Frauen beeinflusst:

Kurze Elternzeit? Machen nur feindselige Egoistinnen

Lena Hipp ist Professorin an der Universität Potsdam und hat für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) untersucht, wie sich die Dauer der Elternzeit von Frauen auf deren Chancen bei späteren Bewerbungen auswirkt. Der Spiegel berichtete vor Veröffentlichung der Studie dazu.

Erster Impuls dürfte bei vielen nun sein: Frauen, die nur kurz Elternzeit genommen haben, müssten bessere Chancen haben – oder nicht? Schließlich wird Frauen, die lange Elternzeit nehmen, ja gerne angekreidet, sie würden sich damit aus dem Berufsleben katapultieren und jegliche Karrierechancen zunichtemachen. Außerdem: Wer schon ein Kind hat, dem kann man ja leider nicht verbieten, womöglich bald noch eins zu bekommen, und da wäre es doch zumindest ein kleines Trostpflaster für Unternehmen, zu wissen, dass sich die neue Mitarbeiterin wahrscheinlich wieder nur für zwei Monate und nicht ein ganzes Jahr aus dem Staub macht.

Hipp jedenfalls schrieb für ihr Experiment 700 fiktive Bewerbungen von Frauen, die jeweils Elternzeit von unterschiedlicher Dauer genommen hatten. Alle fiktiven Bewerberinnen verfügten über vergleichbare Qualifikationen, suchten aus einer festen Anstellung heraus einen neuen Job und hatten ein etwa dreijähriges Kind. Das Ergebnis: Frauen, die nur zwei Monate Elternzeit genommen hatten, wurden seltener zu Gesprächen eingeladen als jene Frauen, bei denen  zwölf Monate Elternzeit im CV ausgewiesen waren. Bei Männern wirkte sich die Dauer ihrer Elternzeit übrigens nicht auf ihre Bewerbungschancen aus.

Hipp wollte diesen erstaunlichen Ergebnissen auf den Grund gehen und befragte in einem Laborexperiment Student*innen. Diese bekamen die Lebensläufe der erfundenen Bewerber*innen zu lesen und sollten ihnen Charaktereigenschaften zuordnen. Mit dem Ergebnis, dass Mütter, die länger Elternzeit genommen hatten, im Schnitt als intelligenter eingestuft wurden, als die besseren Führungskräfte, als warmherziger, gutmütiger, weniger intrigant und weniger einschüchternd. Frauen, die nur fiktive zwei Monate auf dem Papier hatten, wurden als egoistischer und feindseliger eingestuft.

Was bringt die Elternzeit im Lebenslauf?

Wir halten also fest, die Denkvorgänge in nicht wenigen Personaler*innengehirnen müssen wir uns ungefähr so vorstellen: Frauen, die ein Jahr Elternzeit nehmen, sind zu blöd, um zu erkennen, dass sie sich damit ihre Karrierechancen ruinieren; Frauen, die so schlau sind, das zu erkennen, und deshalb schnell in den Job zurückkehren, sind zwar nicht blöd, aber kaltherzig und feindselig, und die wollen wir auch nicht so wirklich in unserem Laden haben; so blöd sind die Frauen, die ein Jahr wegbleiben, dann aber auch wieder nicht, sonst würden wir sie ja nicht öfter einladen als die kaltherzigen; aber so richtig Einsatz zeigen werden sie bestimmt nicht können, falls sie den Job bekommen, weil sie garantiert nur Teilzeit arbeiten wollen, damit sie jeden Tag um 15.30 in die Kita rennen können.

Und jetzt eine ernst gemeinte Handlungsanweisung an Mütter, um strapazierte Personaler*innengehirne zu entlasten – ohne davor eine*n Karriereberater*in gefragt zu haben: Lasst die Elternzeit in euren Lebensläufen doch einfach weg (sofern sich dadurch keine unerklärlichen Lücken oder Brüche ergeben), denn: nicht blöd, nicht egoistisch, nicht feindselig – eine bessere Arbeitnehmerin kann sich doch kein Unternehmen wünschen!

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