Foto: Louis Pellissier

Nach Paris: Was ist nun die richtige Reaktion?

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über die Attentate in Paris, und was das mit uns macht.

Was die Attentate in Paris mit uns machen

Paris, am Freitag den 13. November 2015. Ein Abend, der wohl nicht nur mir den Magen umdrehte. Nachdem ich in den sozialen Medien davon erfahren habe, saß ich die halbe Nacht vor Livestreams der Nachrichtensender und vor Twitter, das immer etwas schneller und informativer ist. Aber um mehr verstehen zu können, braucht es eben auch die Bewegtbilder. Kann das wirklich sein? Was passiert hier? Und vor allem: Geht es denen, die ich dort kenne gut?

Nachdem in der Nacht im Netz vor allem Entsetzen herrschte und alle versuchten, hilfreiche Informationen (kostenlose Rettungsnummern, Taxifahrer, die alle umsonst nach Hause bringen, Facebook-Seiten, auf denen sich in Sicherheit befindende Menschen in Paris
registrieren können, um die anderen wissen zu lassen, dass sie leben) zu verbreiten, so ist am nächsten Morgen, als man merkte, dass das nicht nur ein Albtraum war, natürlich vieles anders.

Nun kriechen wieder die aus der Ecke, die das für ihre rechten Parolen verwenden wollen. Im Internet lese ich bei anderen, es sei falsch für Paris zu trauern, wenn man den Libanon nicht erwähnt und wenn man sein Profilbild mit den Farben der Flagge überlegt, dann sei das lächerlich, Heuchelei – und wenn die beten, die es sonst nie tun, sowieso. Denn damit sei doch niemandem geholfen. 

So. Eigentlich wollte ich (noch) nichts über das Thema schreiben, weil es mich einfach nur fassungslos macht und ich es in diesen Momenten wie Sibylle Berg halte.

Andererseits muss ich dann doch mal ein paar Worte verlieren. Denn erstens: Jeder, der diese Situation gegen Flüchtlinge einsetzt, widert mich an. Und ja, damit meine ich auch und gerade jene, die Personen der Öffentlichkeit, der verdammten Politik sind, und vollkommen unverantwortlich Öl in ein Feuer gießen, dessen Verursacher wir noch nicht in Gänze kennen. Etwa Markus Söder  und so lächerliche Figuren wie Welt-Autor Matthias Mattusek. Und
hier stehe ich sogar in einer Reihe mit Kai Diekmann, wer hätte das wohl mal gedacht. Und selbst wenn sich unter den Terroristen ein als Flüchtling Getarnter befinden würde, was zur Hölle hätte das mit den Millionen zu tun, die vor eben diesem Terror flüchten?

Es ist naiv zu glauben, dass wir mit geschlossenen Grenzen solche Anschläge verhindern können. Unter den Terroristen im Bataclan, so Augenzeugen, wo das Konzert der „Eagles of Death Metal“ stattfand, waren jene, die perfekt Französisch sprachen. Einer von ihnen ist nun identifiziert: Ismaël Omar Mostefaï, geboren in der Nähe von Paris. Es waren Kinder Frankreichs. Und wenn wir an die rund 600 Deutschen denken, die nach Syrien gegangen sind, die sich möglicherweise haben radikalisieren lassen, dann ist es demnächst vielleicht ein deutscher, blonder Hans, der im Namen verdrehter religiöser Verständnisse, die Kalaschnikow auf uns richtet.

Wir sollten uns bei diesem terroristischen Gefüge, das offensichtlich sehr viel besser organisiert und über mehr Gelder und Sympathisanten außerhalb Syriens verfügt als viele vermuteten, von Stereotypen verabschieden. Sie werden uns nicht helfen. Sie werden eher zur Destabilisierung in unserem Land, in Europa beitragen sowie das Misstrauen gegen Unschuldige schüren, und das ist genau das, was der IS will. Lasst uns ihnen das nicht
geben. Nicht nach dem, was am Freitag, den 13. November in Paris geschah.

Paris vs. Beirut?

Zweitens, es ist furchtbar, dass so wenige von den Anschlägen im Libanon gehört haben. Auch ich habe erst Tage danach davon erfahren, weil die Mainstream-Medien das Thema wohl weitgehend ausgeklammert haben oder in Kurzmeldungen abgefrühstückt – oder schlicht, weil ich mich zu wenig informiert habe. 41 Tote, 200 Verletzte und keiner hört was. Es ist furchtbar. Das aber macht es doch nicht falsch, sich für Paris auszusprechen, sein Beileid zu bekunden. Ich bin mir sicher, dass jeder, der von Beirut gehört hat, auch hier seine Gedanken hinschickte – genauso, wie sich auch viele öffentlich dazu äußerten. Denn auch hier das gleiche Muster: „weiche Ziele“, wie man im militärischen Jargon sagt. Unschuldige Zivilisten, die ihr Leben lebten und zur falschen Zeit am falschen Ort, einem Einkaufszentrum waren, als zwei Männer sich in die Luft sprengten.

Es ist perfide. Und viel mehr noch, es ist pervers. Aber es ist doch zu simpel, zu behaupten, dass wer sich nun für Paris ausspricht, es nicht „richtig“ macht, wenn er Beirut auslässt. Und wer sein Bild nun in bleu-blanc-rouge taucht, der ist nicht automatisch ein unreflektierter Social-Media-Konsument, der denkt, dass nun alles gut, alles getan sei – sondern hat vielleicht so sein Mittel gefunden, um sich zu äußern, wo es die Worte noch nicht vermögen. Wieso nicht mal so denken, statt gleich besser zu wissen, wie man nun reagieren sollte?

Zugegeben, auch ich habe mein Bild weder dieses Mal mit der französischen Flagge versehen, noch habe ich Anfang des Jahres mein Profilbild in „Je Suis Charlie“ geändert – weil das nun mal nicht meine Art ist, mit diesen Erlebnissen umzugehen. Aber: Warum sollten wir uns nun gegenseitig sagen, wie es richtig wäre, sein Beileid kundzutun? Wieso erheben sich Menschen und sagen: So trauern ist falsch, so trauern ist richtig? Ich kann mir die Motivation dahinter nicht erklären. Denn ein Zeichen für die richtige Sache zu setzen, kann doch mal grundsätzlich nicht falsch sein. Und bei dieser Angelegenheit auf Vollständigkeit plädieren zu wollen, ist doch angesichts all der furchtbaren Dinge, die täglich geschehen, einfach nur blauäugig.

Wie soll man also reagieren?

Gibt es DIE richtige Reaktion? Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung. Vielleicht könnte es sein, jetzt nicht den Kopf zu verlieren und wegen belangloser Dinge gegeneinander anzugehen. Vielleicht sollte man die angstvolle Nähe, die man nun zu Terror und Tod verspürt, dafür nutzen, die Leute besser zu verstehen, die davor geflüchtet sind. Vor allem ist es aber sicherlich richtig und notwendig, nun nicht Muslime und Islamisten durcheinander zu werfen. Vielleicht wäre es auch gut, sich Fragen zu den Attentaten in Paris zu stellen, wie etwa: Wie war das möglich? Was war das Ziel? Welchen Zweck hat die Überwachung der Geheimdienste, wenn sie so etwas nicht verhindern kann? Was hat es uns geholfen, so viel  unserer Freiheit aufzugeben? Was sind das für Menschen, was war nötig, um sie dahin zu bringen, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken, andere Menschen hinrichten? Und vor allem: Warum betrifft mich das so, was in Paris geschah?

Denn ja, es ist sicherlich die Wahrheit, dass wir abgestumpft sind und einfach weitermachen, auch wenn wir Nachrichten hören, wie: „Selbstmordattentäter, 100 Tote in Syrien“. Denn das ist weit weg. Da kennen wir niemanden persönlich. Und nun, nun ist es Paris. Das ist nicht nur nah, das ist im Herzen Europas. Der Terror ist vor der Haustür und das greift uns mehr an, als wenn wir vom Terror weiter weg hören. Ist das falsch? Stolz kann man darauf sicherlich nicht sein, aber ich glaube, es ist menschlich. Ja, Paris schockiert uns so sehr wegen der Kaltblütigkeit ­– und weil es unsere Nachbarn sind, weil der Terror nun hier bei uns ist. Was natürlich Quatsch ist, wenn man etwa an die Attentate in Madrid 2004 denkt. Der Terror ist seit Jahren hier. Wir leben nur aktuell in einer ohnehin aufgeheizten Situation, und das verstärkt das Gefühl, dass nun alles außer Kontrolle gerät. Das wir kurz vor dem Umbruch
stehen, dass die Situation uns (wobei die Frage wäre, was dieses uns beschreibt) final entgleitet.

Sicherheit ist eine Illusion

Die Wahrheit ist doch, dass wir schon lange in einer Welt ohne Sicherheit leben. Sicherheit ist zu einer Illusion geworden – wenn sie es nicht schon immer war – und daran hilft auch keine Verstärkung der Polizeipräsenz oder das Abhören von Telefonen. Unsere Welt ist seit langem chaotisch und unübersichtlich. Paris steht nun wie ein Mahnmal dafür. Aber das tun die hunderttausende Kriegsopfer in Syrien ebenso, wenn nicht sogar viel deutlicher. Und ja, auch Beirut. Spanien, London, Afghanistan, oder der Irak – oder oder. Wenn wir uns umschauen, ist die ganze Welt zum Mahnmal dafür geworden, das hier verdammt nochmal so vieles schief läuft. Und das keiner einen Plan dafür zu haben scheint, wie wir das wieder auf die Reihe bekommen. Geholfen haben die Strategien des letzten Jahrzehnts, vielmehr, der letzten 14 Jahre seit 9/11, jedenfalls nicht.

Was also tun? Nun, am Ende ist es doch so: Für uns, die keine direkten politischen Strippen ziehen, bleibt nur noch Position zu beziehen, sich im Kleinen dafür einzusetzen, dass es uns allen so gut wie möglich geht, auf die Straße zu gehen – und Mitgefühl zu zeigen, auf welche Art auch immer man das für richtig hält. Denn ja, auch das Private ist politisch.

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