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#metwo: Lieber „weißer Mann”, das ist nicht dein Hashtag

Menschen teilen bei Twitter ihre Erfahrungen mit Rassismus – und eine altbekannte Gruppe möchte wieder einmal nicht zuhören, sondern die Deutungshoheit haben. Wann versteht der „weiße Mann” endlich, dass es dieses Mal nicht um ihn geht? Das fragt sich unsere Redakteurin Helen Hahne heute in ihrer Kolumne „Ist das euer Ernst?”.

Der Hashtag zu rassistischen Erfahrungen in Deutschland

Unter dem Hashtag #Metwo teilen seit gut einer Woche Menschen ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland. Und sie haben einiges zu berichten. So viel, dass der Hashtag nach zwei Tagen der meist genutzte beim deutschsprachigen Kurznachrichtendienst war. Die Aufgabe, die Nicht-Betroffenen dabei zufällt lautet erst einmal: zuhören, Solidarität signalisieren, weiter zuhören. Ähnlich, wie #Metoo vor einigen Monaten. Das scheint für eine Gruppe allerdings besonders schwer zu sein: die der „weißen Männer”, meist mittelalt bis alt, mit einem besonders großen Geltungsdrang, oft erfolgreiche Journalisten, Politiker und andere Entscheidungsträger. Sie alle einen ihre Privilegien und die Unfähigkeit, sich diese einzugestehen.

Sie fragen nun: „Was habt ihr eigentlich alle gegen den weißen Mann?”. Sie wundern sich, warum sie als weißer Mann eigentlich noch gar keinen Journalist*innen-Preis gewonnen haben (bekommt den nicht jeder weiße, mittelalte Journalist irgendwann automatisch von anderen mittelalten bis alten weißen Männern verliehen?) und fühlen sich durch die Bezeichnung „weißer Mann” mindestens genauso diskriminiert wie Betroffene von Rassismus.

Dem weißen Mann gehört die Welt immer noch

So weit, so wenig neu ist die Aufregung. Das gleiche Muster gab es schon bei #Metoo, bei #Aufschrei und jedes Mal, wenn der exklusive Boys-Club irgendwie ins Wanken gerät. Die beste Strategie eigentlich: Ihnen nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken und stattdessen den Menschen, die Unrecht und Diskriminierung erfahren, umso mehr davon. Weißen Männern  muss nicht extra zugehört werden, sie dominieren fast jede Diskussion ganz automatisch. In jeder großen gesellschaftlichen Debatte, in der es eigentlich nicht um sie geht, dürfen sie auf jeden Fall zu Wort kommen, haben nicht selten sogar das letzte Wort und werfen die Debatten damit oft gefühlt um Jahre zurück. Politiker, die 1997 dafür gestimmt haben, dass Vergewaltigung in der Ehe weiterhin nicht strafbar sein sollte, sind heute noch Parteivorsitzende. Sie entscheiden immer noch mit, ob Frauen ein Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper zusteht. Sie haben zwar nicht mehr 100 Prozent der Führungspositionen in Wirtschaft, Medien und Politik inne, aber immer noch die deutliche Mehrheit. Der Untergang des „weißen Mannes” liegt also noch in weiter Ferne.

Man sollte sich deshalb den Menschen zuwenden, die in dieser Debatte eine laute Stimme verdient haben. Aber der Aufschrei der weißen Männer legt Dinge offen, mit dem sich nicht nur diese Gruppe in Deutschland beschäftigen muss: struktureller Rassismus, Privilegien und Repräsentation. Es ist unbequem, aber deswegen nicht weniger notwendig, denn wir leben in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft, von der besonders weiße Männer – aber auch weiße Frauen profitieren.

Den „weißen Mann” zeichnen vor allem Privilegien aus

Worüber wir nicht sprechen müssen: Rassismus gegenüber weißen Deutschen. Gibt es nicht, Punkt. Mussten wir schon einmal irgendwo die Frage lesen: Gehört der alte weiße Mann noch zu Deutschland? Gehören „Kartoffeln” zu Deutschland? Glauben Sie, alte weiße Männer haben einen positiven oder einen negativen Einfluss auf Deutschland? Der weiße Mann ist die Norm, alle anderen werden abgrenzend von ihm kategorisiert. Nur der weiße Mann und manchmal die weiße Frau sind schlicht eine Person ohne Zusatz, die „Normalität”, von der alle anderen abweichen. Weiße Männer brauchen keine Quote. Sie sind eigentlich überall in der Mehrheit.

Und trotzdem wird bei ihnen ein sehr geringer Maßstab angesetzt: Weißen Männern wird applaudiert, wenn sie sich als Feministen bezeichnen, wenn sie zwei Monate Elternzeit nehmen oder ihren angestammten Feuilleton-Platz ausnahmsweise für eine nicht-weiße Person räumen. Als „weißer Mann” bezeichnet zu werden, ist genauso wenig wie als „Kartoffel” bezeichnet zu werden, struktureller Rassismus. Es zieht keine Diskriminierung bei der Wohnungs- oder Jobsuche nach sich, es führt nicht dazu, in der Clubschlange abgewiesen zu werden und es löst keine misstrauischen Blicke in der U-Bahn aus. Viel mehr ist es ein Ausdruck für all die Privilegien, die „weiße Männer” besitzen und die sie weigern, anzuerkennen. Die Bezeichnung „Weißer Mann” ist der Inbegriff von Macht. Und das müssen weiße Männer aushalten. Die Kategorisierung spricht „weißen Männern” nicht ab, dass sie es nicht auch in ihrem Leben mal schwer hatten, sie macht nur deutlich, dass sie eben niemals von strukturellem Rassismus betroffen waren. Und dieses Privileg müssen sie sich bewusst machen.

Eine Aufgabe, die auch weiße Feministinnen erst nehmen müssen. Das kann unbequem werden, weil man das tun muss, was man immer wieder von weißen Männern fordert: Sich seine eigenen Privilegien bewusst machen, zurücktreten und zuhören.

Rassismus in der deutschen Gesellschaft wird oft mit einer Abstiegsangst gerechtfertigt. Eine abstruse Abstiegsangst, die oft übrigens wenig mit tatsächlicher sozialer Regression und viel mehr mit der Angst, seine Privilegien teilen zu müssen, zu tun hat. Und auch aus der Empörung der „weißen Männer” scheint gerade eine gewisse Angst zu sprechen, dass sie ein Stück vom Kuchen (oder einen Journalistenpreis) abgeben müssten – an Menschen, die es verdient haben und denen es bisher durch strukturelle Diskriminierung verwehrt wurde. Was wir also tun müssen? Betroffenen von Rassismus Platz machen, ihren Schilderungen zuhören, ohne dafür eine Medaille verliehen bekommen zu wollen, und anfangen, leise die letzten Tage des Patriarchats runter zu zählen.

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