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Warum ich als Feministin kein Verbot von Sexarbeit fordere

Nicht die Prostitution ist Schuld am Sexismus sondern der Sexismus an der Verachtung der Prostituierten und an der Gewalt, an der auch der Staat immer noch beteiligt ist.

Urteilen über Sexarbeit

Ich finde es immer wieder beeindruckend – nein: schmerzhaft – die Angriffe gegen Sexarbeit zu beobachten: Mal kommen sie von besorgten Bürgern, mal von der Polizei, mal von Feministinnen. Schmerzhaft sind solche Debatten angeblich auch für eine Community-Autorin, die in diesem Jahr auf EDITION F schon zweimal ihren Unmut gegenüber der Arbeit mit dem Sex geäußert hat (Anm. der Redaktion: die Autorin hat den Text mittlerweile gelöscht). Es sei „quälend“, wenn wir uns über feministische Pornos oder die Anerkennung von Prostitution unterhielten. Besser wäre es doch, diese Debatten würden „effizient“ geführt, meint sie. Effizient? – Sollen wir demnächst auch die Prostitutionsdebatte nach unternehmerischer Logik mit Moderationskarten und schicken Power-Point Präsentation gestalten, aus der am Ende angeblich alle glücklich rausgehen, aber dennoch immer jemand draufzahlen muss? Es bleibt unklar.

Angeblich fordern einige, dass Sexarbeit, als „Job wie jeder andere“ anerkannt wird, so die Autorin. Dieser Strohmann ist  schon lange unerträglich geworden. Denn er verschleiert, wie unterschiedlich die Gründe für eine Anerkennung von Sexarbeit sind – und zwar auch von feministischer Seite. Er verschleiert auch, wie unterschiedlich Sexarbeitende selbst ihren Job beurteilen. Für manche ist es eben ein Job wie jeder andere, für manche ist es ein Job unter vielen und für andere ist es eine unerwünschte, aber dennoch gewählte Option, an Geld zu kommen. Sexarbeit wird nun mal nicht von allen Frauen – und Männern (!) – gleich erfahren. Diese (durchaus feministische) Erkenntnis hatten wir doch eigentlich schon hinter uns.

Nun gut, wir wissen ja, dass Prostitutionsgegner*innen aller Couleur – ob jetzt radikalfeministisch oder christlich angehaucht – sich ungern mit den Erfahrungen der Prostituierten auseinandersetzen. Es ist ja kein historisches Novum, dass die Gesellschaft über die Prostituierten spricht und über sie urteilt, egal was sie nun wirklich sagen, meinen, erleben, erfahren. Vor allem dann nicht, wenn diese Erfahrungen und ihre Beschreibung keine explizite Darstellung sexualisierter Gewalt, Drogen, Zuhälter, psychische Krankheit und andere Klischees beinhaltet. Und noch weniger, wenn Prostituierte die gängigen Verbotsforderungen ablehnen. Die Prostituierte und, so lese ich die Autorin, wohl auch Frauen allgemein, dürfen nur gegen Prostitution sein.

Ohne Sexarbeit gäbe es noch immer Sexismus

Die Gesellschaft – ob feministisch oder nicht – lehnt traditionell die Sichtweise von Leuten, die von der gängigen Sexualmoral abweichen, ab. Sexarbeit nicht zu verurteilen ist eine solche Abweichung von der gängigen Sexualmoral, die Sexualität entweder durch Ehe, Liebe oder grenzenlose Libido besiegelt sehen will. Aber nicht Geld. Die Autorin meint, Prostitution sei mit Sexismus verschränkt. Nun ist aber nicht die Existenz der Prostitution die (oder eine) Ursache von Sexismus. Nein, wie jeder andere Lebensbereich von Frauen ist die Sexarbeit natürlich in gesellschaftliche, und somit auch sexistische, Strukturen eingebettet. Diese Strukturen sind genauso und in vergleichbarem Maße in allen unseren Lebensbereichen verankert. Daher ist es nicht nur analytisch falsch sondern auch einfach unfair, nur die Sexarbeit bzw. die Sexarbeitenden als Sündenböcke herauszufiltern. Ohne Sexarbeit gäbe es den Sexismus immer noch. Überraschung!

Die Erfahrung sozialistischer Länder, die angeblich die Sexarbeit stark reduziert haben, zeigt: Sexismus bleibt. Oder verstärkt sich. Die sozialistische Erfahrung, sowie jene der Länder mit Komplettverboten (siehe USA) zeigt: Eine „Abschaffung“ der Prostitution ist unmöglich. Was möglich ist, ist eine extrem repressive Kriminalisierung aller Beteiligten, Strafen, Inhaftierung bis hin zu erzwungenen Formen der „Umerziehung“ – alles Maßnahmen, die Sexismus und gesellschaftliche Unterdrückung nicht reduzieren sondern fördern. Übrigens alles Maßnahmen, die im Sinne des aktuell zu beobachtenden Rechtsruckes sind.

Sexismus in der Kritik anderer Feministinnen

Zurück zur Autorin. Ihre Verurteilung ist ziemlich eindeutig: Alle Menschen, die Prostitution „tolerieren und befürworten“ sind ein Problem – wenn nicht ‚das‘ Problem. Als ob diese pauschale (falsche!) Schuldzuschreibung noch nicht reichen würde, spekuliert sie gleich weiter und stellt (falsche!) Mutmaßungen über die Gründe auf, warum wir (wenn von einem pauschalen ‚wir’ überhaupt die Rede sein kann) denn nun nicht gegen Prostitution seien. Aus Bequemlichkeit. Oder weil wir nicht als hysterische Feministinnen gelten wollen. Angeblich.

Solche Anfeindungen und spekulativen Erklärungsversuche sind sicherlich eine der Gründe für den Schmerz, von dem anfangs schrieb. Selten ist mir so viel verbale Gewalt begegnet, wie in Diskussionen mit Frauen über Prostitution. Nur mit Frauen wird nämlich immer alles grundsätzlich verhandelt. Am Ende kann man nur noch als Verräterin oder Vorbildfeministin dastehen. Dazwischen gibt es nichts. Steht man als „Verräterin“ da, ist plötzlich jede Strategie akzeptabel.

In diesem (völlig unnötigen) Kampf um weibliche Deutungshoheit sind plötzlich Strategien legitim, die – würde sie ein Mann auch nur ansatzweise bringen – sofort als sexistische Kackscheiße entlarvt würden. Die Unterstellung, wir „sexpositive Feministinnen“ würden aus Bequemlichkeit oder Gefälligkeit für die Anerkennung von Sexarbeit sein, unterstellt uns, dass wir doch nur ‚dumme Tussen’ (no offense!) seien, die zu blöd sind, um über feministische Themen nachzudenken oder sich eigenständig eine Meinung zu bilden. Wenn wir eine Meinung haben, dann muss sie wohl in unserer Unfähigkeit begründet sein, selbst zu denken. Niemals – so die entmündige und zutiefst sexistische Annahme – würde eine Frau sich aus gut überlegten Gründen für die Anerkennung von Sexarbeit einsetzen. Genauso wenig würde eine Frau, so das hochheilige Axiom der feministischen Prostitutionsgegnerinnen, aus eigenen Überlegungen heraus sexuell arbeiten wollen – und ohne Schaden davon zu nehmen, können. Dass hier eine Frau gegen Sexarbeit spricht, ändert nichts an der Arroganz und der Gewalt solcher Äußerungen und der Annahmen, die ihnen zugrunde liegen.

Gewaltvoll ist auch die Vorstellung, die schon fast zum Befehl wird, dass Frauen keine andere Meinung zu Prostitution haben können, als sie abzulehnen. Haben sie eine andere, wird das nicht als notwendiger Aspekt einer nun mal vielfältigen Gesellschaft gedeutet. Nein. Meinungsvielfalt wird hier zum Problem hochstilisiert, das möglichst rasch und durch deutlich unfaire Argumentationsstrategien bekämpft werden soll (wer jetzt an aktuelle Entwicklungen in der öffentlichen Debattenkultur nachdenken möchte, kann das gerne tun).

Warum fällt es Frauen und Feministinnen immer noch so schwer, sich an die Seite von Sexarbeiter*innen zu stellen?

Nun gut. Gehen wir doch zur eigentlich Frage über: Warum fällt es Frauen und Feministinnen immer noch so schwer, sich an die Seite von Sexarbeiter*innen zu stellen? Warum kommen entweder Angriffe oder ein kaum zu überhörendes Schweigen, gekoppelt mit Desinteresse und Gleichgültigkeit? Was genau erscheint an der Vorstellung, dass man nicht kriminalisiert, stigmatisiert und verachtet werden möchte, so unverständlich?

Als in den 1970er Jahren sich die ersten Prostituierten zusammen mit einigen Feministinnen und Aktivist*innen der Schwulen- und Lesbenbewegung gegen die Kriminalisierung der Prostitution einsetzten, war es wohl noch einfacher. Vielleicht. Abtreibung war noch verboten oder war gerade entkriminalisiert worden. Homosexualität wurde strafrechtlich verfolgt. Der Staat galt in den Augen der meisten Aktivist*innen dieser Zeit als die Ursache von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. So konnte man auch verstehen, warum es ungerecht ist, dass Prostituierte verhaftet werden. Man konnte sich solidarisieren. Alle waren irgendwie im gleichen Boot.

Heute ist es anders. Heute muss – zumindest in Deutschland – kaum eine Frau eine Strafe fürchten, weil sie abtreibt. Auch müssen Homosexuelle nicht mehr fürchten, inhaftiert zu werden. Der Mainstream der Gesellschaft hat erfolgreich gegen all jene Gesetze gekämpft, die Menschen wegen eines angeblich „unmoralischen“ Verhalten kriminalisierten. Die Strafrechtsreformen der 1970er Jahre haben den Grundsatz verankert, dass das Strafrecht nicht zur Durchsetzung von besonderen (Sexual-)Moralvorstellungen dienen soll. Das Strafrecht dient zum Schutz der (sexuellen) Selbstbestimmung. Mit den Strafrechtsreformen wurde u.a. auch der Kuppelei-Paragraph abgeschafft – ein vergessenes Relikt konservativer Sexualpolitik. Obwohl er eigentlich zur Eindämmung von Bordellen dienen sollte, wurde er genutzt um Frauen zu kriminalisieren, die ihren Töchtern erlaubten, unter ihrem Dach Sex zu haben.

Staatliche Maßnahmen gegen Prostituierte treffen alle Frauen und sexuellen Minderheiten

Dass die staatliche Kontrolle von Prostituierten und die unterschiedlichen Formen ihrer Kriminalisierung immer auch Frauen getroffen haben, die in konservativen Zeiten es doch wagten, ihre Sexualität auszuleben, hat die heutige Feministin ebenfalls vergessen. Wer weiß denn schon, dass Student*innen noch 1968 zwangsweise durch die Polizei zum Gesundheitsamt gebracht werden konnten, um sie zwangsweise auf Geschlechtskrankheiten zu untersuchen? Wie es der staatliche Sexismus so mit sich bringt, blieben Männer völlig unbehelligt – bestraft werden sollte ja schließlich jene weibliche Promiskuität, die wir als „sexpositive Feministinnen“ aus guten Gründen feiern und zelebrieren. Schließlich war auch sie nicht immer ohne Folgen möglich. Welche Seite die Autorin nun vor dem Hintergrund dieser historischen Entwicklungen einnimmt, würde ich gerne wissen: Disziplinierende Zwangsuntersuchung oder sexuelle Lust?

Heute haben wir auch vergessen, dass die Geschichte feministischer Kämpfe in erster Linie ein Kampf gegen patriarchale Gesetze und Vorschriften war, die Frauen auch rechtlich zu Menschen zweiter Klasse machten, sie sozial und sexuell disziplinierten und ihre Lebensentwürfe idealerweise an jene ihrer Väter bzw. Ehemänner knüpften. Wir haben vergessen, dass der Staat immer auch eine Quelle der Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist. Inzwischen dürfen – zum Glück – auch gleichgeschlechtliche Paare sich verpartnern … wenn auch noch immer nicht heiraten. Inzwischen wird man als Frau mit einer aktiven Sexualität außerhalb klassischer monogamen Partnerschaften auch nicht mehr zwangsuntersucht. Man wird – welch Errungenschaft – höchsten als Schlampe beschimpft oder als hoffnungslos unglücklich deklariert (man verzeihe mir die Ironie!).

Was mit einer ungeheuerlichen Beharrlichkeit bleibt, ist nicht nur das eben erwähnte ‚Slutshaming’ sondern auch die Ungleichbehandlung, die Diskriminierung und Kriminalisierung von Prostituierten. Der Sexismus, der sexuell aktive Frauen nicht dulden kann, kann jene Frauen, die aus ihrer Sexualität Geld schlagen, anstatt sich liebevoll und zahm hinzugeben, noch weniger ausstehen. Mit einigen Ausnahmen: Wer als „Überlebende“ der Prostitution auftritt, hat noch eine Chance auf gesellschaftliche Akzeptanz. Doch auch das ist nur Ausdruck des Versuchs einer sexistischen Gesellschaft, Prostituierte nach ihrer moralischen und sozialen Wertigkeit zu sortieren – davon ist die Prostitutionsdebatte der beste Ausdruck. Wer Sexarbeit ablehnt und völlig von sich weist, darf wieder akzeptiert und integriert werden. Wer das nicht tut, wird gebrandmarkt und darf vor allem bei vielen Feministinnen und bei Frauenorganisationen nicht mehr an der Tür klopfen. Sexistisch ist nicht die Prostitution, sexistisch ist der Hurenhass, der die Bestrebungen befeuert, die Sexarbeit endlich loszuwerden oder durch staatliche Gewalt und Überwachung einzudämmen.

Das Problem: Hurenhass oder sexpositive Feministinnen?

Warum werden wir Frauen und Feministinnen in dem Text der Autorin zum Problem hochstilisiert, obwohl das Problem der Hass gegen Sexarbeiter*innen ist? Warum werden nicht der Staat und die Polizei als – sogar extrem greifbares – Problem identifiziert, wenn sie Prostituierte auch hierzulande immer noch bestrafen und verhaften? Warum lesen wir bei der Autorin nichts von den unzähligen Prostituierten in Hamburg St. Georg, die von der Polizei so viele Strafen bekommen, weil sie nach Kunden suchen, dass sie hochverschuldet ins Gefängnis müssen? Selbst mit Sexarbeit können sie nicht so viel Geld verdienen, um die Strafe zu zahlen – geschweige denn einigermaßen über die Runden zu kommen. Warum lesen wir nichts über die Polizei, die nach einer ungarischen Prostituierten fahndet, weil sie im Sperrgebiet gearbeitet hat (im Sperrgebiet ist Sexarbeit kriminalisiert!), damit man sie entweder zwei Wochen lang ins Gefängnis stecken oder ihr 400 Euro Strafe abnehmen kann? Warum hören wir nichts von Münchner Polizisten, die Sexarbeiter*innen Termine im Sperrgebiet anbieten – sie also zu einer Straftat anstiften – um sie dann (Überraschung!) zu bestrafen? Warum hören wir nichts über das neue Gesetz, das Prostituierte mit hochstigmatisierenden Hurenausweisen ausstattet und sie sinnlosen Zwangsberatungen aussetzt? Was macht denn die Zwangsberatung für die Sexarbeiterin akzeptabler im Vergleich zu jener, die Frauen sich bei einer Abtreibung oder der Pille danach anhören muss? Ist hier die eine Frau etwa weniger wert als die andere?

Unbequeme Fragen könnte ich hier noch viele stellen. Aber für mich ist eines klar: Einen Feminismus, der Sexarbeit nicht anerkennen und Sexarbeiter*innen nicht als Menschen, sondern nur als unmündige „Ware“ begegnen will, brauchen wir nicht. Ein Feminismus, der lieber grundsätzliche Diskussionen führt, die mit sexistischem Gehabe daherkommen, als sich dafür einzusetzen, dass Sexarbeiter*innen nicht mehr ins Gefängnis kommen, ist eigentlich keiner mehr.

Anders als die Autorin glaubt, sind wir, die Sexarbeit anerkannt und Sexarbeiter*innen respektiert sehen wollen, nun wirklich nicht das Problem. Das Problem ist unter anderem der Staat, der Sexarbeiter*innen immer noch besteuert, bestraft und inhaftiert – ein Staat, der Sexarbeitende professionell und „effizient“ und mit allen Befugnissen polizeilicher Gewalt managt.

Als die britische Feministin Josephine Butler sich im ausgehenden 19. Jahrhundert sich für die Abschaffung diskriminierender und kriminalisierender Gesetze gegen Prostituierte einsetzten, konnten sich Feminist*innen aller Couleur über das zu bekämpfende Problem einigen– die Gesetze, die staatliche und polizeiliche Praxis. Heute wird in feministischen Debatte eine künstliche und völlig kontraproduktive Spaltung aufrechterhalten, die eigentlich nur einem nützt: Einem repressiven Staat, der in Sexarbeitenden nur unbequeme Objekte (welch Ironie!) der Kontrolle und Kriminalisierung sieht.

Frauen und Feministinnen haben die Wahl: Wählen sie eine pauschale Verurteilung von Prostitution und den damit verbundenen unkritischen Umgang mit staatlicher Politik? Wählen sie einen Strohmann, in dem Feminist*innen das Problem sind, nicht aber die Inhaftierung von Sexarbeitenden? Oder wählen sie eine kritische, historisch informierte Haltung gegenüber Sexarbeit, die den Sexismus der Bekämpfung von Prostitution durch staatliche Repression nicht nur kennt sondern auch kritisch reflektiert?

Eine feministische Haltung zu Sexarbeit muss sich über die Gewalt bewusst sein, die staatliche Akteure an Prostituierten ausgeübt haben und – folgt man Amnesty International – immer noch ausüben. Wer vor diesem Hintergrund uns „sexpositive Feministinnen“ zum Problem hochstilisiert, muss konsequenterweise als Komplize dieser Gewalt entlarvt werden.

Bild: Franca Gimenez – Flickr – CC BY-ND 2.0

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