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Tschüss, Welt! Warum mich Alleinsein gelegentlich sehr glücklich macht

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche darüber, dass man sich auch selbst genug sein kann.

Ich habe heute ein Date: mit mir selbst

„Endlich Freitag! Sehen wir uns heute Abend noch?“ „Ich kann nicht.“ „Was machst du?“ „Ich verkriech mich zuhause.“  „Alles gut bei dir?“ „Oh ja!“

Jap, genau diese Art von Konversation kann man mit mir öfter haben – ganz gleich, ob wochentags oder auch am Wochenende: Ich habe enorm was dafür übrig, Zeit nur mit mir zu verbringen. Und das sorgt immer wieder für Erstaunen. Denn die meisten Menschen würden auf den ersten Blick sicher viel, aber nicht das von mir vermuten – denn ich bin eben nicht das stille Mäuschen, das einmal angesprochen sofort verschämt auf die Schuhspitzen starrt. Nein, vielmehr bin ich sehr gerne laut, reiße für mein Leben gerne (schlechte) Witze, habe zu fast allem eine Meinung, finde Small Talk total unproblematisch, kann mich schnell in Gruppen einfinden, Bekanntschaften schließen, gehe grundsätzlich gerne aus und schare selbstredend auch gerne meine Lieben um mich.

Manchmal muss ich zur Insel werden

Bis…ja bis dann mal wieder die Klappe fällt und ich merke: Schluss. Das alles hier muss jetzt mal Pause haben. Ich schaffe dann Inseln für mich oder werde selbst kurzerhand zu einer und pfeife auf das volle, schnelle Leben, das ich sonst so habe, in dem ich ganz ausgedehnt spazieren gehe, stundenlang ungesehen durch die Wohnung tanze, im Bett liege und Binge-Watching betreibe oder den Wolken nachstarre, mir was Aufwendiges koche und dann feierlich alleine verzehre, mal wieder einen Brief schreibe, endlich mal ausmiste, oder das Buch lese, das schon fast im Regal zu verstauben droht.

Und das alles mache ich gerne, oft, ausgedehnt und in kompletter Abwesenheit des Wunsches nach Gesellschaft. So sehr ich meine Freunde und Familie liebe: Einfach mal die Schnauze halten, stundenlang; nicht auf andere reagieren müssen, stundenlang; die Welt draußen wegschieben und mich ganz der innendrin widmen, stundenlang – all das kann mich manchmal mehr auftanken als ein (gutes) Gespräch, ein gemeinsames Lachen oder eine konfettibeladene Nacht im Club unserer Wahl.

Wer keine Gesellschaft will, ist komisch

Aber wenn ich das dann nicht einfach nur mache, sondern diese Lust am Alleinsein meinem Gegenüber erklären soll, dann wird mir erst wieder bewusst, wie komisch das auf andere wirken kann. Warum eigentlich? Nun, wahrscheinlich weil die Aufmerksamkeit von anderen die härteste Währung ist, die unsere Gegenwart zu bieten hat. Wieso sollte sich also jemand freiwillig diesem „Like-Kapitalismus“ entziehen wollen? Und davon mal abgesehen, hat das Alleinsein ja oft den Ruf, die kleine Schwester der Einsamkeit zu sein – und das klingt nun nicht eben nach einer schönen Art, die Zeit zu verleben.

Wenn ich mich also erklären soll, dann schreibe ich das gerne meiner durchaus vorhandenen misanthropischen Ader zu – und ein bisschen stimmt das sicher. Aber im Endeffekt geht’s hierbei überhaupt nicht um Ablehnung, sondern um Zustimmung zu einem streng limitierten Personenkreis, nämlich dem, mit dem ich die kleinste Gang der Welt bilde: mir selbst. Und wer wäre im Beisammensein einer Gang schon einsam? Eben. Klingt doch gar nicht so übel, wie man erst vermuten würde, oder?

Wer mit sich gut klarkommt, kann auch Alleinsein, ohne einsam zu sein

Und auch wenn es mir fernläge, euch meine Ideen aufdrücken zu wollen, finde ich doch, dass wir dieses Alleinsein, ohne einsam zu sein, alle mehr üben und dann in den Alltag integrieren könnten. Weil das zwangsläufig eben auch mit sich bringt, gut mit sich selbst auskommen zu müssen. Denn klar kann es schwierig sein, wenn es mal ganz still um einen wird und man Gedanken aushalten oder mit sich selbst ausmachen muss und man nicht sofort eine Reaktion bekommt, die einen neuen Impuls schafft. Und dieses bewusste Alleinsein ist eben auch nicht leicht, weil heute dank sozialer Netzwerke eigentlich nichts seltener ist, als einfach mal nicht irgendwo dabei zu sein – ob wir nun selber mit Inhalten mitmischen oder einfach nur als Zuschauer am Start sind, der gelegentlich Applaus spendet (Like Like Like)  – schon ist man wieder in einer Art Schein-Gemeinschaft unterwegs, lässt sich berieseln, agiert, reagiert und legt sich das da draußen wieder über einen.

Und manchmal macht mich dieser Trubel eben einfach nur wahnsinnig – sogar wahnsinniger, als ich mich selbst machen kann. Und das mag was heißen! Also höchste Zeit, mich mal in mein Kästchen zurückzuziehen und einfach mal den Deckel über mir zuzumachen – herrlich ist das!  Und ich sag euch, was noch so schön an diesen Dates mit mir selbst ist: Danach sind die Dates mit Anderen noch mal so toll– denn die Sehnsucht kommt doch früher oder später durch. Denn was wäre laut sein und ein geklopfter Spruch ohne Publikum? Richtig: traurig. Aber mein Alleinsein auf Zeit, das ist alles andere als das. Das ist ein einziges Fest – mit einem meiner Lieblingsgäste: mir.

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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