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„Sind Sie die Oma?“ – über das Glück der späten Mutterschaft

Unsere Autorin ist mit Mitte 40 noch einmal Mutter geworden. Für sie fühlte sich das nicht außergewöhnlich an, sondern vor allem nach großem Glück.

Was für ein Geschenk, dass es „passiert“ ist!

„Sie sind die Oma, oder?“ Mein Gegenüber blickt mich fragend und gleichzeitig wissend an. Mich regt schon die Frage auf. Aber ich unterdrücke meine Empörung, schließlich sitze ich gemeinsam mit meinem knapp vierjährigen Sohn bei der U8 der neuen Kinderärztin gegenüber. Und mit der möchte man es sich ja nicht verderben, oder? „Nein, ich bin die Mama“, sage ich und fahre, mich rechtfertigend, fort: „Aber Sie haben Recht, ich könnte auch die Oma sein. Mein ältester Sohn ist 21 Jahre alt. Meine Tochter ist 20 und unser mittlerer Sohn ist 15. Bastian ist unser kleiner, von allen geliebter Nachzügler“. Oh, das sei ihr ja jetzt peinlich, murmelt die neue Kinderärztin.

Ehrlich? Es kann ihr auch gern peinlich sein. So eine blöde Frage! Wenn man daran zweifelt, ob das die Mutter ist, die da mit dem Kleinen vor einem sitzt, dann kann man das im erwachsenen Alter auch wirklich anders herausfinden. Schon gar als Kinderärztin, die täglich mit vielen Müttern und ihren Kindern zu tun hat. Aber wir sind von der Großstadt ins Ländliche gezogen – vielleicht sind die Mütter hier einfach grundsätzlich jünger als in der Stadt? Dort wurde mir die Frage auch hin und wieder gestellt – allerdings immer von Kindern. Und das regte mich überhaupt nicht auf. Ich erklärte es kurz. Lachte mit den Kindern gemeinsam darüber. Und gut war es.

Dieses Mal hat es mich gewurmt. Und geärgert. Eigentlich blöd, denn normalerweise stehe ich da total drüber. Oder doch nicht? Ja, ich werde in diesem Jahr 50. Bin also mit knapp 46 Jahren zum vierten Mal Mama geworden. So what? Klar ist das eher ungewöhnlich und geplant war es auch nicht (das ist übrigens auch so eine blöde Frage, die wir gerne gestellt bekommen …). Wir waren mit der Verhütung manchmal nicht mehr ganz so gewissenhaft wie in den Jahren davor. Aber wir waren uns jederzeit einig: Falls es „passieren“ sollte, dann werden wir es so nehmen, wie es kommt. Was für ein Geschenk, dass es tatsächlich „passiert“ ist!

Einige schlaflose Nächte

Wir haben, nach der überwältigenden Nachricht der Frauenärztin, dass ich nicht in den Wechseljahren angekommen, sondern noch einmal in anderen Umständen sei, beide erst einmal geschluckt. Dann tief durchgeatmet. Dann gesprochen. Wird das Kind gesund sein, in unserem Alter? Einige schlaflose Nächte haben wir gehabt, auch Zweifel, ob wir selbst nicht schon zu alt für diese riesengroße Herausforderung seien. Nein, sind wir nicht, da waren wir uns schnell einig. Drei haben wir schon fast groß bekommen – warum soll das nicht auch mit dem vierten Kind klappen? Solange wir gesund bleiben – und das liegt nur zum Teil in unseren Händen. Wir sind als Langstreckenläufer*innen beide ans Durchhalten und Sich-durchbeißen gewöhnt. Und dass hin und wieder durchhalten und sich durchbeißen angesagt sein würde, war uns beiden klar.

Die Reaktion meiner Frauenärztin war ebenso supercool wie die gesamte Betreuung der Schwangerschaft. „Sie bekommen Ihr viertes und nicht Ihr erstes Kind, Frau Krings. Da ist doch Ihr Alter schon wesentlich besser, als wenn Sie 16 wären.“ Recht hatte sie, der Satz trug mich durch die ganze Schwangerschaft. Einzige Einschränkung während der absolut unproblematischen 40 Wochen: Ich durfte wegen einer Gebärmuttersenkung weder Laufen noch Radfahren. Das war hart. Aber auszuhalten. Ich begriff sofort, dass ich ganz genau auf meinen Körper hören musste. Und hörte auf ihn. Legte mich hin, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich das tun sollte. Aß, wenn ich wollte. Machte Pausen, wann ich wollte. Und arbeitete bis kurz vor dem Geburtstermin. Tief in mir hatte ich das mächtige und beruhigende Gefühl, dass alles gutgehen würde. Alle anderen Schwangeren, die ich in dieser Zeit kennenlernte, waren jünger als ich, manche aber nur zwei oder drei Jahre. Etliche bekamen mit über 40 ihr erstes Kind, andere ihr zweites. Irgendwie fühlte ich mich wegen meines Alters nicht außergewöhnlich.

Ein Band, das niemals reißen wird

Bei der Geburt waren mein Mann und meine fast erwachsene Tochter dabei. Was für ein einzigartiges Erlebnis, was für ein Glück, das zu erleben! Sie war die erste, die den kleinen Kerl, winzig und verschmiert, auf den Armen hielt und in diesem Moment ein Band zwischen sich und ihm knüpfte, das niemals reißen wird. Sie ist auch heute, etwas mehr als vier Jahre nach seiner Geburt, wie eine zweite Mama für ihn. Seine beiden Brüder sind seine Brüder – egal, welcher Altersunterschied zwischen ihnen liegt. Alle drei Geschwister sind superstolz auf ihren kleinsten Bruder – auch wenn er natürlich manchmal nervt.

Ich fühle mich in keiner Weise wie eine Oma für unseren Jüngsten. Vielleicht verstehe ich deswegen nicht, warum man mir das wohl nicht immer auf den ersten Blick ansieht. Vielleicht ärgere ich mich deswegen über – aus meiner Sicht – derartig unpassende Fragen. Ja, ich habe die natürlichen Falten einer fast 50-Jährigen. Ich stehe dazu und bin trotzdem glückliche Mutter eines Vierjährigen! Auf jeden Fall mit einer größeren Gelassenheit und Erfahrung in der einen oder anderen Hinsicht. Mit einem sehr viel höheren Genussanteil als früher. Weil ich weiß, wie schnell die Zeit vergeht. Wilde Trotzanfälle finde ich trotzdem nicht toll. Laternenumzüge finde ich immer noch doof. Ich bin manchmal streng, manchmal nachsichtig, manchmal geduldig, manchmal ungehalten. Ich streite, ich singe, ich spiele, ich tröste, ich nehme in den Arm. Eine ganz normale Mutter eben. Nur ein bisschen älter als das Normalmodell. So what?

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