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Schafft mein Herz das noch einmal? Von der Angst, sich zu verlieben

In ihrer Thirtysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche darüber, warum es so viel Angst machen kann, sich auf eine neue Liebe einzulassen.

Ich will, aber ich kann nicht – oder doch?

Es ist fast Sommer und das Leben fühlt sich seit langer Zeit mal wieder leicht an. Alles ist ein bißchen bunter, ein bißchen intensiver als noch vor ein paar Wochen. Und daran ist nicht nur der Sonnenschein und die gerade in allen Farben explodierende Natur schuld, sondern vor allem dieser Mensch, der sich fast heimlich, fast unbemerkt und doch mit Anlauf in das eigene Leben gemogelt hat. Der jetzt irgendwie dazu gehört, und doch nur fast. Eine Affäre eben. Das, was einem Sommer versüßt, wenn man schon länger nicht mehr für mehr als ein paar Tage begeistert wurde. Das Tolle an Affären ist ja, dass sie Nähe genauso zulassen wie Ferne. Dass sie Vertrautheit wecken, ohne dass die Bindung zu eng wird, ohne dass sich etwas versprochen werden muss. Eine Affäre ist auf Zeit, und das macht sie so aufregend. Und so ungefährlich. Denn wer weiß, dass etwas auf Zeit ist, muss sich über Gefühle und das Morgen keine Gedanken machen, muss nicht alles geben – und muss auch keine Angst haben, wieder alles zu verlieren. Wer sein Herz nicht herschenkt, dem kann es auch nicht zertrampelt werden. Ganz einfach.

Einfach wäre es zumindest, wenn das dämliche Herz sich endlich mal an Pläne halten würde, die der Kopf geschmiedet hat. Wenn das sture Ding endlich mal akzeptieren könnte, dass es nicht immer wieder Kapitän spielen und einen ungefragt auf offene See hinausführen darf, wenn man doch eigentlich nur auf dem Steg sitzen und die Füße etwas ins Wasser halten will. Schließlich wurde die Seele von derlei Abenteuer schon genug gebeutelt, hat man sich schon viel zu oft durch meterhohe Wellen und wilde Wasserstrudel wirbeln lassen, bis man irgendwann wieder erschöpft und verletzt am Strand liegt und feststellen muss: Das war es wieder nicht. Wieder schmerzt alles, wieder muss man ganz neu anfangen.

Und auch das Herz ist dann auf einmal nicht mehr der wilde Kapitän, sondern krampft sich zusammen und verspricht, nie mehr den Strand zu verlassen und dass nasse Füße in Zukunft wirklich Aufregung genug sind. Damit kommt die Gewissheit: Nie wieder, wirklich nie wieder werde ich mich auf diese Abenteuer einlassen, die nach einer schönen Reise doch immer Schiffbruch bedeuten. Genau das ist der Moment, in dem man verdammt große Angst vor der Liebe bekommt. Weil die Liebe eben nicht nur wunderschön und aufregend und erholsam und Balsam ist, sondern auch eine ziemlich düstere Seite hat. Sie macht verletzlicher als alles andere, sie macht leichtsinnig, und sie macht so unfassbar einsam, wenn man sie verliert.

Die Liebe ist ein Wagnis – mit oder ohne Plan

Ich kenne die Angst vor dem Verlieben nur zu gut. Wie auch nicht, es ist schließlich das größte Wagnis, das man eingehen kann. Und ich kenne die Mauern, die man nun akribisch nacheinander hochzieht, all die Sicherheitsgurte, die man versucht um sich zu legen bis nur noch der Kopf oben rausschaut, nur um irgendwie zu verhindern, dass diese Gefühlsapokalypse wiederkommt. Dass nie wieder dieser Kontrollverlust über die eigene Gefühlswelt eintritt, um nie wieder den Schmerz spüren zu müssen, der dich überrollt und dann schwer auf dir liegen bleibt, bis kaum noch Atem durch die Lungen kommt. Der den Wunsch auslöst, irgendwie aus diesem Kopf, aus diesem Körper rauszukommen.

Einem Körper, der nun als offene Wunde durch die Straßen geht – wenn man es denn überhaupt aus dem Bett schafft. Wenn man für mehr die Kraft hat, als apathisch unter der Decke zu liegen. Liebeskummer, der Verlust eines Menschen, ist ein brutales Gefühl. Und wer die Erfahrung gemacht hat, dieses elende Menschlein zu sein und nach viel Zeit und Arbeit sein Leben doch wieder in den Griff zu bekommen und die Welt wieder in Farbe zu sehen, dem fällt es eben unfassbar schwer, diese Sicherheit wieder aufzugeben.

Wäre da nur nicht die Sache, dass Sicherheit immer eine Illusion ist. Und dass das Herz natürlich wieder ein unerbittlicher Kapitän sein wird, sobald es Kurs genommen hat. Denn, und das ist das Schöne an diesem halsbrecherisch mutigen Muskel, es weiß eben besser, dass man sich in viel größere Gefahr begibt, wenn man sich die Liebe verbietet und dass es für die großen Dinge im Leben keine Sicherheitsgurte gibt. Dass man lieber auf einen eventuellen Schmerz zusteuern sollte, der vielleicht irgendwann mal kommt, als von vorne herein etwas und jemanden aus dem Leben auszuschließen, mit dem man sich so verdammt gut fühlt. Also habe ich mich wieder einmal abgeschnallt und schaue, wohin die Reise geht.

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