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Ich brauche keine Liebe, ich brauche eine Beziehung!

In ihrer Thirtysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche über die Angst davor, Single zu sein.

Ich kann einfach nicht allein sein!

Vor uns steht das dritte Glas Wein und sie beginnt zu seufzen. „Was ist denn?“, frage ich. „Ach weißt du, mit Sven und mir läuft es nicht so.“, antwortet meine Freundin. Nun bin ich dran mit seufzen. Wir sind wieder an dem Gesprächspunkt angekommen, an dem wir schon gefühlt tausende Male waren. Wir haben dafür einen schon fast eingespielten Dialog, denn eigentlich würde ich nun sagen. „Ach Mensch, erzähl doch mal, das wird schon wieder“, und sie würde das verneinen oder bejahen und es würde sich nichts ändern. Außer, dass sie mir beim nächsten Treffen wahrscheinlich nicht mehr von Sven, sondern von Patrick erzählt. Beziehungen sind nämlich voll ihr Ding. Beziehungen, die lange halten, aber nicht. Heute beschließe ich, mich dem Drehbuch zu widersetzen und frage: „Wie wär es, wenn du dir mal eine Pause von den Männern gönnst und dich mal um dich kümmerst?“ Sie schaut mich an und lacht: „Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht alleine sein kann.“ Ja, das weiß ich.

Es ist nämlich nicht so, als wäre meine Freundin beziehungsunfähig, sie ist vielmehr singleunfähig. Sie kann und will einfach nicht alleine sein. Und das hat zur Folge, dass sie etwa alles halbe Jahr eine neue Beziehung hat, die Pausen dazwischen sind kurz. Mal ein paar Wochen, mal gehen die Beziehungen auch ineinander über. Und nie ist sie zufrieden. Denn sie liebt diese Partner in aller Regel nicht, sie sind ein Zeitvertreib, sie sind (emotionale) Stütze, sie sind eine Rückversicherung darauf, dass sie es wert ist, geliebt zu werden. Und nein, das kommt nicht aus meinem Mund, sie ist diesbezüglich sehr offen – mir zumindest, ihren Partnern gegenüber aber nicht. Und das nicht mal aus bösem Willen, denn tatsächlich erhofft sie sich im ersten Moment jedes Mal aufs Neue, dass sich hier die eine Beziehung verstecken könnte, die sie für ihr Leben lang führen will.

Sie hat nicht den Traum von der großen Liebe, sie hat den Traum vom gemeinsam begangenen Lebensweg. Überspitzt gesagt, von einer Zweckehe, die eine bestimmte Funktion erfüllt: Sicherheit. Eine finanzielle und eine emotionale Sicherheit, denn, was nicht groß nach oben hoch ausschlägt, schlägt eben auch nicht weit nach unten aus – solche Beziehungen bieten emotionale Stabilität. Aber auch Sicherheit, vor Fragen der Mutter, vor Fragen der Freunde, vor Fragen an sich selbst. Wer in einer Beziehung ist, macht nämlich, so die allgemeine Annahme, schon mal einiges richtig im Leben. „Der Job war wieder nichts? Macht doch nix, du hast doch so einen netten Freund! Dein Leben renkt sich schon wieder ein.“ Äh, na klar, den Kausalzusammenhang suchen wir dann später.

Wie nüchtern sollte man mit seinem Beziehungsleben umgehen?

Ich bin ja gerne für eine gewisse Nüchternheit zu haben, aber in dieser Angelegenheit stoße ich doch an meine Grenzen. Denn fast immer enden diese Beziehungen, weil ihr etwas fehlt. Was dieses Etwas ist? Nun, vielleicht die Liebe. Vielleicht ist es aber auch der Mut und die zeitgleiche Angst, die entsteht, wenn man jemanden wirklich an sich ranlässt und sein Herz öffnet. Weil du weißt, dass während du jetzt noch fliegst, der andere dich im nächsten Moment so schnell in den Sturzflug versetzen kann, dass du bis vor dem Aufprall auf dem Boden schon die Besinnung verloren hast. Sie kennt diesen Thrill nicht und wenn ich ihr davon erzähle, dann lacht sie meist, und sagt, für sie sei das ganze Theater nichts.

Und ich ertappte mich auch schon dabei, mich zu fragen, ob sie recht hat und die meisten von uns, mich eingeschlossen, zu viel Brimborium um die Sache veranstalten. Ist sie vielleicht der richtigen Strategie auf der Spur? Ein Freund von mir erzählte neulich fast neidisch von einem indischen Kollegen, der in einer arrangierten Ehe lebt und das sehr glücklich, obwohl er selbst am Anfang skeptisch war und seine Ehefrau lieber ganz alleine ausgesucht hätte. Nun sind sie schon viele Jahre verheiratet und aus Freunden, so gingen sie in die Ehe, wurden irgendwann Menschen, die sich lieben. Sollte man also nicht so ein Gehabe machen und sich lieber jemanden suchen, mit dem man vor allem gut kann? Ist das der Schlüssel, zum gemeinsamen Glück? Wäre dann alles viel einfacher?

Ich brauch die volle Packung Gefühle

Mag für manche aufgehen, für mich aber nicht. Vielleicht liegt es daran, dass eine Ehe für mich nicht auf der absoluten Wunschliste steht. Und Singlesein für mich keine per se schlimme Vorstellung ist. Vielleicht aber auch, dass ein „gut“ miteinander können sowieso Teil meiner Vorstellung für eine Beziehung und immer Basis eben jener war. Mein Lover, muss auch immer mein Kumpel sein können. Aber ich brauche auch das darüber hinaus. Ich brauche diesen Ausschlag nach oben und nach unten! Es gibt doch kaum Momente im Leben, in denen man sich so lebendig und ja, vielleicht auch emotional so nah am Tod fühlen kann, wie in einer Verbindung, die auf Liebe basiert – und ich will das spüren, ich will spüren wie mein Blut durch die Adern rauscht und meine Hände zittern, ich will irrational glücklich sein und dämlich über alles lachen, ich will wie ein alberner Teenager auf Whatsapp-Nachrichten warten, ich will todtraurig sein, wenn der andere todtraurig ist und wahnsinnig glücklich, wenn der andere es ist, weil uns etwas verbindet. Und ich will verdammt nochmal auch spüren, wie mir jemand das Herz zerfetzt. Ich will all das fühlen!

Wenn man sich schon für eine Beziehung entscheidet, dann doch nur mit diesen Risiken. Für alles andere gibt es Affären und selbst da muss es kribbeln, wenn ich ehrlich bin. Alles andere ist mir zu kühl, zu funktional. Und ich will kein Leben, das einfach nur funktioniert. Nein, nennt mich kitschig, aber ich brauche ab und an einen Ruck im Herzen, auch wenn daraus kurzzeitig vielleicht irgendwann ein Infarkt und Sicherheit nie eine Option sein wird. Ich werde jedenfalls immer wieder nach diesem Gefühl suchen und bin in der Zwischenzeit mit Handkuss Single. Wenn ich schon etwas vermisse, dann bitte nicht, während jemand neben mir liegt. Denn ich glaube, diese Situation macht wesentlich einsamer, als es ein Leben als Single je sein könnte. Und wieso sollte man überhaupt alleine sein, nur weil man Single ist? Mir geht das Prinzip nicht in den Kopf.

Ob sie nun den falschen und ich den richtigen Weg gehe? Wer will das schon wissen, vielleicht ist unsere Bedürfnislage einfach eine komplett andere. Ich würde mir aber auf jeden Fall wünschen, dass sie sich einmal darauf einlässt, aufs Ganze zu gehen.

Wie seht ihr das?

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