Foto: unsplash.com

Burnout: Ich möchte nicht zur Arbeit. Nie mehr

Ich liege in meinem Bett und starre die Decke an. Ich möchte nicht aufstehen. Ich möchte nicht zur Arbeit. Ich möchte einfach nur liegen und schlafen.

Wenn die Arbeit zum Horror wird

In meinem Kopf zähle ich mir all die Gründe auf, weshalb es sich lohnen würde, aufzustehen:

1. Ich habe eine schöne Wohnung und eine wunderbare Mitbewohnerin. Meine Freunde und meine Familie wohnen alle in greifbarer Nähe, sodass ich sie regelmäßig und jederzeit besuchen kann.

2. Frankfurt ist die Stadt meiner Wahl, ich liebe sie und genieße es, mittendrin zu sein.

3. Mein Gehaltsscheck gibt mir monatlich die Sicherheit, die ich brauche, um mir keine Sorgen um Geld zu machen, und ich bin erfolgreich mit meiner Arbeit als Kinderkrankenschwester.

Und trotzdem fühlt sich das alles an, als wäre es nichts wert. Es fühlt sich alles leer an. Bedeutungslos. Selbst die Tränen, die mein Gesicht herunterlaufen, fühlen sich emotionslos an. Das war ich vor vier Jahren.

Ich wusste es damals nicht, aber ich steckte mitten in einem ausgewachsenen Burn Out. Etwas, dass ich mir selbst erst sechs Monate später eingestanden habe und das mich zwei weitere Jahre gekostet hat, um es laut auszusprechen. Ich habe mich dafür geschämt, kam mir unzulänglich und wie eine Versagerin vor. So geht es heutzutage vielen Menschen.

Burn Out: Modeerscheinung?

Ein Burn Out ist nicht klar definiert und so wird es momentan für alles und jeden benutzt, der Probleme hat – im Job oder im Leben. Fühlen sich Menschen in ihrem Job gestresst, haben sie schnell mal ein Burn Out. Das geht auch leicht über die Lippen, denn eine klare Definition für Burn Outs gibt es bis heute nicht. Sie wirken viel mehr wie eine Modeerscheinung, als eine ernsthafte Erkrankung.

So begegne ich oft zunächst hochgezogenen Augenbrauen, wenn ich offen sage, dass ich mit einem Burn Out aus meinem Beruf ausgeschieden bin. Ja, klar. Burn Out. Eine billige Ausrede. Etwas, dass die Menschen benutzen, weil sie einfach keine Lust mehr auf ihren Job haben. Tatsache ist, Menschen, die tatsächlich ein Burn Out erleben, reden meist nicht darüber. Denn sie sind sich dessen oft gar nicht bewusst. Sie fühlen sich unzulänglich, sind depressiv verstimmt, fühlen sich überfordert, chronisch müde und nicht selten denken sie sogar darüber nach, ihr Leben zu beenden, weil sie keinen Ausweg mehr sehen.

Wie also soll man etwas bekämpfen, dessen man sich selbst nicht einmal bewusst ist?

Der Weg zur Erkenntnis

Das Kind muss eigentlich gar keinen Namen tragen. Wir sollten uns einfach eingestehen, dass unser Leben, so wie es gerade ist, kein Dauerzustand bleiben kann. Der erste Schritt muss die Erkenntnis sein, dass etwas grundlegend falsch läuft. Es ist nicht normal, ständig innerlich so müde zu sein, sodass selbst die Freizeit anstrengend erscheint. Es ist nicht normal, dass du täglich mit körperlichen Beschwerden zur Arbeit gehst, aus der Sorge und Angst heraus, deinen Aufgaben nicht gerecht werden zu können. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, hoher Blutdruck, chronische Schlaflosigkeit, um sich selbst kreisende Gedanken. All das ist nicht normal.

Und wir müssen aufhören uns einzureden, dass das bloß normaler Stress ist und dass es ohne nun einmal nicht geht. All das sind Warnzeichen, auf die wir endlich hören müssen. Dafür müssen wir es nicht benennen, wir müssen bloß handeln. Der schwerste Schritt ist, daraus auszubrechen. Sich bewusst zu machen, dass etwas nicht stimmt und dann tatsächlich in Aktion zu treten, sind zwei grundverschiedene Dinge. Oftmals scheitert es daran, vom einen zum anderen überzugehen.

Ich habe zum Glück bereits ein halbes Jahr zuvor begonnen, für eine Weltreise zu sparen und so kam sie zum idealen Zeitpunkt. Keine Ahnung, was passiert wäre, wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht die Reißleine gezogen hätte. Aber es war wichtig und nötig auszubrechen. Was auch der erste Schritt nach der Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss, sein sollte: Sich selbst aus der Situation, dem Umfeld und dem eigenen Druck heraus zu holen, ist das Einzige, was den Kreislauf durchbrechen kann. Natürlich könntest du auch versuchen, vom ersten Tag an etwas zu verändern, aber das Risiko ist groß, dass du immer wieder in die alten Gewohnheiten zurück fällst. Dein Umfeld und deine Kollegen lassen sich eben nicht auf Knopfdruck verändern.

Es muss nicht zwangsläufig eine Weltreise sein, aber ja, eine Reise kann dich aus all dem herausholen und dir die Möglichkeit geben, dir ganz entscheidende Fragen in Ruhe zu stellen und zu beantworten. Will ich wirklich so weitermachen? Will ich wirklich, dass die nächsten zehn, 20 oder 30 Jahre meines Lebens so aussehen? Wie will ich eigentlich, dass meine Zukunft aussieht? Genauso solltest du in Erwägung ziehen, dir dafür Hilfe zu suchen.

Dieser Schritt fällt uns oft am schwersten, denn das Eingeständnis, etwas alleine aus eigenem Antrieb nicht zu schaffen und zuzugeben, professionelle Hilfe zu benötigen, ist in unserer Gesellschaft leider immer noch nicht besonders hoch angesehen. Es zeugt von Stärke, sich seiner eigenen Schwäche bewusst zu werden und daran zu arbeiten. Die einzige Heilung ist die Veränderung.

Der größte Irrtum, dem wir uns gerne hingeben ist, dass sich bestimmt alles bessern wird. Die Arbeitslast wird mit Sicherheit bald nachlassen, ich werden bestimmt bald lernen, damit umzugehen und meine Vorgesetzten werden mir bestimmt bald Entlastung anbieten. Das ist eine Illusion und vor allem, nicht selbst bestimmt. Wir warten auf ein Wunder und geben damit die Verantwortung ab.

Das Festhalten am Status Quo

Schaff dir Abstand, schaff dir Freiraum und schaff dir Zeit zum durchatmen. Das kann eine Langzeitreise oder eine Krankmeldung sein, genauso, wie der Antrag auf einen Monat unbezahlten Urlaub. Und widerstehe dem Impuls, dass das nicht möglich ist. Es ist möglich, wenn du dich selbst endlich an die erste Stelle auf deiner Prioritätenliste setzt. Versuch dein Pflichtgefühl zu unterdrücken und sorg erst einmal dafür, dass es dir besser geht. Denn wenn du irgendwann unter all der Last zusammenbrichst, hast du nicht nur für dich selbst weitaus größeren Schaden angerichtet, sondern auch für dein Arbeitsumfeld. Dann ist nichts mehr planbar, und es können keine Vorbereitungen für deinen Ausfall getroffen werden.

Falls du dir nun einredest, dass es so weit wird nicht kommen wird, dann lass dir eines gesagt sein: Auch das ist eine Illusion. Und eigentlich weißt du das auch. Tief in dir drin weißt du es.

Die Möglichkeit, dein Leben komplett neu auszurichten

Viele Menschen, mit denen ich mich unterhalten habe, sehen gar nicht erst die Möglichkeiten, die ein Burn Out für sie persönlich bietet. Sie fürchten sich davor, wieder in die gleichen Gewohnheiten zurückzufallen und begeben sich bewusst in diese Gefahr, indem sie in ihr altes Umfeld zurückkehren. Das Problem bei der Rückkehr ist vor allem: So sehr du dich vielleicht verändert haben magst, dein Umfeld hat das meistens nicht. Wieso auch? Und ihnen die Veränderungen, die du durchgemacht hast aufzuzeigen, sie ihnen bewusst zu machen, und sie daran zu gewöhnen, ist oft noch einmal genauso hart, wie sie an dir selbst umzusetzen. Deshalb solltest du dir auch einmal die Möglichkeit vor Augen führen, eben nicht zurückzukehren.

Etwas Neues zu beginnen. Etwas Neues zu schaffen.

Doch was soll ich machen?

Wir sind oft gefangen in der Ansicht, nichts anderes zu können und zu kennen. Was aber hindert dich daran, etwas Neues zu erlernen oder zu beginnen? Nach meiner Weltreise beschloss ich bewusst, nicht in meinen alten Beruf zurückzugehen. Ich wusste wie toxisch das für mich wäre und war mir sicher, dass sich das auch nie ändern würde. Aber ich hatte nie etwas anderes gelernt, wie sollte ich also überleben? Womit würde ich Geld verdienen? Wie würde ich meinen neuen Alltag so gestalten, dass er nicht wieder zur Tretmühle werden würde? Der Schlüssel dazu ist, die Scheuklappen endlich abzulegen und sich nach den vielen Möglichkeiten umzusehen, die sich ständig bieten und die wir gar nicht wahrnehmen. Vor allem unser eigener Pessimismus und die negative Weltanschauung hält uns viel zu oft davon ab. „Aber“ ist unser Lieblingswort und „das geht nicht“ fast schon eine Reflex-Antwort auf 90 Prozent aller Möglichkeiten.

Brich daraus aus. Werde kreativ wie ein Kind. Verbiete dir zu denken, etwas sei nicht möglich, nur weil es vielleicht harte Arbeit und anspruchsvoll ist. Denn die Wahrheit ist, in dein altes Leben zurückzukehren ohne daran erneut zu zerbrechen, wäre genau dasselbe: Harte Arbeit und sehr, sehr anspruchsvoll. Frag dich ganz ehrlich, ob du wirklich etwas ändern möchtest. Denn dann stehen dir plötzlich so viele Türen offen, von denen du bisher nicht einmal zu träumen gewagt hast. Das Leben ist nicht einfach und nichts, das Wert hat, fällt dir jemals in den Schoß. Aber wenn du bereit bist, für die Veränderung in deinem Leben zu arbeiten und du es wirklich zum Besseren wenden möchtest, dann lass dir von nichts und niemandem einreden, es sei nicht möglich. Schon gar nicht von dir selbst.

Weitere Artikel zum Thema bei EDITION F

Wie ich mir nach dem Burn Out den Job neu erfand. Weiterlesen

Working out when life gets busy. Read More

Die besten Apps für mehr Work-Life-Balance. Weiterlesen

+ posts
  1. Hallo liebe Namensvetterin,

    ich bin gerade auf deine Seite gestoßen und auch ich bin in einer depressiven Schleife gefangen. Nachdem bei mir 2017 die Depression nach anfänglicher – von mir nicht beachteter oder wahrgenommener – Verschlechterung meiner psychischen Gesundheit zugeschlagen hat, war ich fast ein ganzes Jahr krankgeschrieben. Im Oktober 2018 erhielt ich meine Kündigung – nach über 25 Jahren Tätigkeit als Sekretärin/Sachbearbeiterin in einer Anwaltskanzlei. Die Kündigungsfrist lief genau einen Tag nach meinem 50. Geburtstag ab. Also bin ich seit dem 01.06.2019 arbeitslos und stecke jetzt bereits in der 2. Maßnahme des Arbeitsamtes zur Orientierung, weil ich nicht weiß, wie es für mich weitergehen kann. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr in einem Büro arbeiten und mich anderen Personen „unterordnen“ möchte. Wie du richtig beschreibst, kann man nur sich selbst ändern und nicht die anderen. Hier in der Maßnahme komme ich nicht weiter. Ich weiß im Moment wirklich nicht weiter. Momentan macht sich grad wieder die Negativspirale Platz – Ich kann nichts, ich bin nichts, ich bin allen und mir selbst gleichgültig.

    Ich wollte Dir kurz danken, dass Du genau über das geschrieben hast, was mich momentan bewegt.

    1. Liebe Carina Schwarz
      Das ist in der Tat keine nette Situation, die du beschrieben hast. Im Moment scheint einem vieles unfair und gegen einen gerichtet zu sein. Aber oft sind es auch Winke des Lebens, die einen auf erfüllendere Wege lenken.
      Mich würde es sehr interessieren, wie es dir nach diesen 5 Monaten nun ergangen ist? Konntest du deinen Platz finden? Wenn du magst, würde ich mich sehr freuen über deine Nachricht 🙂
      Weiterhin alles Gute,
      Thomas

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Anzeige

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.