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Warum wir bei der Arbeit offen über Gefühle sprechen sollten

Wie fühlst du dich bei deiner Arbeit? Und wann wurde dir diese Frage zuletzt von Kolleg*innen oder Vorgesetzten gestellt? Die Psychologin Anna Wilitzki erklärt im Interview, warum diese Frage wichtig für ein gutes Arbeitsklima ist und wie wir uns selbst schützen können, wenn uns unsere Emotionen überwältigen.

Emotionen permanent zu unterdrücken, ist nicht nur anstrengend, sondern belastet auch die psychische Gesundheit. Das gilt sowohl im Privaten als auch bei der Arbeit. Gefühle haben den Ruf, bei der Arbeit zu stören, da sie nur vor den eigentlichen Aufgaben ablenken würden. Eine gemeinsame Studie mehrerer Universitäten aus den USA kommt jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis: Die Arbeitsproduktivität von Angestellten, die das Gefühl haben, mit Kolleg*innen und Vorgesetzten über Ängste und Probleme sprechen zu können, ist höher als die von Personen, die den Eindruck haben, in ihrem Job gäbe es keinen Raum für Emotionen.

Auch die Psychologin Anna Wilitzki findet, dass mit dem Mythos, der „Arbeitsplatz sei ein emotionsloser Ort, wo wir Emotionen nicht zeigen dürfen“, aufgeräumt werden muss. Sie sagt: „Bei der Arbeit offen über Gefühle zu sprechen, kann Kommunikationsprozesse enorm fördern.“ In ihrer Praxis hat Anna Wilitzki oft mit Menschen zu tun, die an ihrer Paarbeziehung arbeiten wollen. Im Interview beantwortet sie unter anderem die Frage, inwiefern Gefühle in der Paarbeziehung und im Job ähnliche Funktionen erfüllen.

Sherin El Safty: In welcher Situation hattest du zuletzt ein starkes Gefühl im Job? 

Anna Wilitzki: „Ich bin emotionsfokussierte Paartherapeutin, in meinem Arbeitsalltag spielen Gefühle natürlich auf unterschiedliche Weise eine große Rolle. Ich hatte zum Beispiel mal einen Klienten, dem ich an seinen Augen eine große Traurigkeit angesehen habe. Während er mir von sich erzählte, lächelte er aber durchgehend und erzählte nur positive Dinge. Ich habe es nicht geschafft, an diesen Klienten heranzukommen, sodass er letztlich mit seiner Traurigkeit wieder nach Hause gehen musste. In solchen Momenten überwiegen negative Gefühle –Verunsicherung, das Gefühl versagt zu haben und nicht weiterzukommen. Natürlich gibt es auch wunderschöne Momente. Wenn Paare sich am Ende unserer Sitzungen weinend in den Armen liegen und wieder einen gemeinsamen Weg gefunden haben, ist das auch für mich unfassbar schön.“

Auf deinem Blog beschreibst du Emotionen als wichtigen Indikator für das Wahrnehmen eigener Grenzen in der Partner*innenschaft, die es mit dem*der Partner*in zu kommunizieren gilt. Welche Funktion können Emotionen in der Arbeitswelt übernehmen?

„Ich habe den Eindruck, dass in unserer Arbeitswelt zu stark der Mythos vorherrscht, der Arbeitsplatz sei ein emotionsloser Ort, wo wir Emotionen nicht zeigen dürfen. Viele Menschen thematisieren Aspekte, die sie bei der Arbeit stören, nicht offen, sondern machen sie nur mit sich selbst aus. Ähnlich wie in einer Partner*innenschaft zeigen mir Gefühle auch in meinem Job, was mir persönlich wichtig ist, wo meine eigenen Grenzen liegen und auch, was sich vielleicht ändern muss.“

Inwieweit kann es hilfreich für sich selbst aber auch für das restliche Arbeitsumfeld sein, im Job offen mit Gefühlen umzugehen und diese zu kommunizieren?

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„Bei der Arbeit offen über Gefühle zu sprechen, kann Kommunikationsprozesse enorm fördern. So kann Missverständnissen vorgebeugt werden und somit auch das Arbeitsklima unter Kolleg*innen und mit Vorgesetzten enorm verbessert werden. Deswegen ist es besonders in Arbeitsteams wichtig, offen über die eigenen Gefühle zu sprechen. Und dafür ist es essentiell, dass man die eigenen Gefühle wahrnimmt und diese dann auch deutlich benennen kann. Wenn wir über unsere Gefühle sprechen, zeigen wir anderen Personen unsere Wahrnehmung und unsere Sicht auf bestimmte Aspekte. Wenn ich meiner Kollegin beispielsweise von meinen Ideen zu einem neuen Projekt erzähle, sie dabei allerdings unaufmerksam wirkt und mir nicht richtig zuhört, könnte ich ihr Verhalten auf mich projizieren und den Eindruck gewinnen, dass sie meine Ideen nicht gut findet. Wenn ich diese Wahrnehmung nicht für mich behalte, sondern anspreche, würde ich zum Beispiel erfahren, dass sie heute einen ziemlich stressigen Tag hat und sich deswegen nicht auf unser Gespräch konzentrieren kann. Klarheit zu schaffen, gibt uns in solchen Momenten eine große Sicherheit. Einerseits können wir das Verhalten anderer viel besser einordnen, andererseits können auch wir mit dem Verhalten anderer besser umgehen.“

Foto: Nathalie Groß

Die eigenen Gefühle offen zu thematisieren, ist oft mit Scham verbunden, vor allem an einem Ort wie dem Arbeitsplatz. Wie können Erwachsene lernen, diese Scham zu überwinden?

„Das Arbeitsumfeld spielt hierbei eine große Rolle. Je üblicher es wird, in einem Team auch über Ängste und Sorgen zu sprechen, desto einfacher wird die eigene Scham abgebaut. Solche Dynamiken können beispielsweise mit regelmäßigen Feedback-Runden angestoßen werden, in denen gemeinsam darüber gesprochen wird, was derzeit gut oder eben auch schlecht läuft. Vorgesetzte können hier fast am meisten bewirken. Wenn der*die Chefin Raum gibt für das Thematisieren von Gefühlen, diese nicht negativ sanktioniert und auch selbst eigene Unsicherheiten zeigt, traut sich auch das Team mehr.“

Das bedeutet, Führungskräften kommt nochmal eine größere Rolle im Hinblick auf die Gefühle der Mitarbeiter*innen zu?

„Sicherheit ist uns überall in unserem Leben sehr wichtig. Wenn wir unserem*unserer Chef*in vertrauen können und das Gefühl bekommen, unsere Emotionen werden ernst genommen und nicht negiert, fühlen wir uns angenommen und eben auch sicher. Mit so einem Mindset können wir viel bessere Leistungen bei der Arbeit erzielen, was ja auch im Sinne des*der Chef*in ist. Vorgesetzte können Angestellte viel früher unterstützen, wenn sie über die jeweilige Gefühlslage informiert sind. Wenn ich meiner Vorgesetzten beispielsweise offen sagen kann, dass ich mich gerade überfordert fühle, können wir früh nach einer Lösung suchen, bevor es mir schlechter damit geht und die Arbeit nicht erledigt wird.“

In welchen Situationen würdest du davon abraten, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen? Und warum?

„Hier muss ein Unterschied zwischen der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Umgang mit anderen gemacht werden. Um für sich zu erkennen, warum ein Gefühl gerade da ist, sollte man Gefühlen für sich selbst schon freien Lauf lassen. Um mit anderen nachhaltig über die eigenen Gefühle zu sprechen, kann es allerdings oft hilfreich sein, dies mit etwas Abstand zu tun, und nicht aus einem Impuls heraus zu handeln.“

„Gefühle wollen uns immer etwas mitteilen. Hinter jedem Gefühl steckt ein Bedürfnis.“

Anna Wilitzki

Wie kann ich damit umgehen, wenn mich heftige Gefühle im Job-Kontext überwältigen?

„Wenn wir eine sehr emotionale Situation nochmal mit ein bisschen Abstand betrachten, würden wir in vielen Fällen andere Entscheidungen treffen. Am allerwichtigsten ist es deswegen erstmal, die eigenen Grenzen zu wahren, für sich zu sein und zu schauen, was einem*r jetzt gerade guttut. Das heißt, einfach mal im Büro oder auf der Toilette kurz durchatmen oder auch weinen. Das kann auch heißen, die Gründe für die eigene Wut oder Traurigkeit auf einen Zettel zu schreiben und mir diesen erst nach einer halben Stunde wieder durchzulesen. Wenn wir unsere gegenwärtigen Gefühle dann immer noch offen kommunizieren wollen, können wir das natürlich tun. So ist es dann aber eine viel bewusstere und deswegen auch selbstbewusstere Entscheidung. Gefühle wollen uns immer etwas mitteilen. Hinter jedem Gefühl steckt ein Bedürfnis. Welches das ist, gilt es im Vorhinein herauszufinden, da wir unsere Bedürfnisse nur so auch anderen gegenüber artikulieren können.“

Wie kann ich als Kolleg*in angemessen reagieren, wenn ich selbst durch die Konfrontation mit den Gefühlen eines*einer Kolleg*in überfordert bin?

„Die beste Option hier ist: Einfach ehrlich sein und das, was wir in diesem Moment empfinden, verbalisieren. Wenn wir die eigene Überforderung und Unsicherheit, zum Ausdruck bringen, bedeutet das ja nicht, dass wir die Gefühle des*der Kolleg*in nicht anerkennen. Diesen Zwiespalt, dass die Gefühle akzeptiert und angenommen werden, aber man eben auch nicht ganz weiß, wie man reagieren soll, den sollte man einfach aussprechen. Wir müssen gesamtgesellschaftlich etablieren, sei es auf der Arbeit, in Paarbeziehungen, Freund*innenschaften oder Eltern-Kind-Beziehungen, dass wir Gefühle nicht immer verstehen müssen. Um empathisch zu sein, reicht es, die Emotionen des Gegenübers zu sehen und anzunehmen.“

„Ich würde es sehr begrüßen, wenn es zum Standard gehören würde, dass sich Führungspersonen in Sachen Empathie und Emotionale Intelligenz weiterbilden.“

Anna Wilitzki

Welchen Raum sollten positive Gefühle in einem Arbeitsumfeld bekommen?

„Für ein gutes und starkes Teamgefühl sind Teambuilding-Maßnahmen sehr wichtig. In Gruppendiskussionen können zum Beispiel auch diejenigen zu Wort kommen, die normalerweise eher ruhig sind. Inwieweit sowas angeboten wird, hängt leider auch sehr von der Führungsperson ab. Aber auch als Kollegium können Maßnahmen getroffen werden: Zum Beispiel, dass man sich einfach mal außerhalb der Arbeit trifft und zusammen als Team etwas unternimmt. Auf diese Weise wird Raum für positive Gefühle geschaffen. 
Unser Gehirn ist so gebaut, dass wir uns an negative Gefühle länger und stärker erinnern. Es gibt die sogenannte 5-zu-1-Regel, die besagt, dass eine Person beispielsweise nach einem negativen Feedback fünf Mal positives Feedback braucht, um das negative wieder auszugleichen. Eine Methode, die ich da gut finde, ist die, dass man immer wenn man positives Feedback bekommen hat, dieses auf einem Zettel schreibt und diese Zettel in einem dafür gedachten Ordner ablegt. Bei negativem Feedback kann man sich das positive Feedback wieder vor Augen führen und vermeidet eine verzerrte Wahrnehmung. Auf diese Weise kann auch das negative Feedback besser angenommen und berücksichtigt werden.“

Auf welche Weise können Arbeitsabläufe und -strukturen so gestaltet werden, dass ein Klima für einen offenen Umgang mit Gefühlen geschaffen wird?

„Auch hier hängt es vor allem von den Führungspersonen ab, ob sie ihre Verantwortung wahrnehmen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn es zum Standard gehören würde, dass sich Führungspersonen in Sachen Empathie und Emotionale Intelligenz weiterbilden. Dass sie ganz konkret lernen, dass es wichtig ist, Gefühle anzunehmen und einen sicheren Raum für diese zu schaffen. Ein Schritt hierfür wäre beispielsweise Verständnis dafür zu haben, dass sich Angestellte auch bei emotionalen Problemen nach einer Trennung oder einem Streit krankmelden können oder die Möglichkeit erhalten, von zuhause aus zu arbeiten. Arbeitnehmer*innen brauchen das Gefühl, dass jede Empfindung in Ordnung ist. Für dieses Gefühl müssen Vorgesetzte sorgen, damit es auch vom Kollegium mitgetragen und umgesetzt wird.“


Anna Wilitzki ist Psychologin und Verhaltenstherapeutin und arbeitet in ihrer Praxis vor allem mit Paaren. Ihr Ansatz: Paare sollen sich wieder auf der emotionalen Ebene begegnen, um eine Zukunft auf emotionalem Zusammenhalt aufbauen zu können. Auf ihrem Instagram-Account @einepsychologin gibt sie Anregungen und Impulse, wie Paare sich emotional wieder annähern können sowie Tipps zu Problemen in der Beziehung.

Emotionen im Job. Warum wir Gefühle brauchen – auch bei der Arbeit.

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Sherin El Safty studiert in Bochum Islam- und Sozialwissenschaften. Ihre Themen bewegen sich vor allem im gesellschaftlichen und popkulturellen Bereich. Besonders interessieren sie die Themen Feminismus, Theater, Religion, Klassismus und Nahostpolitik. Mit anderen Nachwuchsjournalist*innen betreut sie derzeit das Insta-Projekt @journojobs, wo es spannende Interviews und Tipps für Nachwuchsjournalist*innen gibt.

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