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Burnout: Nicht nur unser Job, auch Care-Arbeit kann überlasten – das müssen wir endlich ernst nehmen!

Die Weltgesundheitsorganisation hat Ende Mai die Definition eines Burnouts weiter präzisiert. Anerkannt wird das Syndrom allerdings nur im beruflichen Kontext. Aber was ist mit den Faktoren, die außerhalb der Erwerbsarbeit zu chronischem Stress führen können?

Eine kranke Gesellschaft: Stress als Lebensgefühl

14-Stunden-Tage, von denen man mit einer Art leidvollem Stolz erzählt, ein Kaffeekonsum kurz vor dem Herzinfarkt, über den man sich mit den neuesten Highend-Maschinen hinwegtröstet und Schlafprobleme, die als effizientes Schlafverhalten verkauft werden – oder Augenringe so tief, dass sich das Gegenüber darin verlieren könnte. Über die man aber tapfer hinweglächelt – denn  das alles ist, klar, Lifestyle. Ein hohes Stresslevel wird immer noch und immer wieder als Lebensgefühl verkauft, nicht selten sogar als sehr erstrebenswertes. Denn hey, wer Teil der Leistungsgesellschaft sein will, muss eben den Arsch zusammenkneifen und weiterrennen als die anderen, sonst wird das alles nichts.

Dabei wird meist kaum zwischen gesundem Stress, der produktiv und auch anspornend wirken kann, und ungesunden Stress, der die Psyche und damit auch den Körper schädigt, unterschieden. Die Glorifizierung von Stress ist keine heiße News aber immerhin eine, die entgegen der Fetischisierung des ewig ausgepowerten Menschen mittlerweile auch immer wieder hinterfragt wird. Auch wenn das wiederum vor allem einer sehr privilegierten Gruppe an Menschen vorbehalten ist – denn es gibt eben auch genug Leute, die Mehrheit der Gesellschaft, die suchen sich den Stress nicht aus, weil sie eben so „geil leistungsstark“ sind, die fühlen sich nicht unverzichtbar, sie sind es. Dafür muss man nur einen Blick auf die Pflegeberufe und die Personaldecke dieser Branche werfen. Doch ob weitestgehend freiwillig oder nicht: Chronischer Stress ist Gift für den Körper und die Seele. Die Frage ist nur: Wer „darf“ eigentlich (chronisch) gestresst sein, wodurch und wie ernst zu nehmen ist das dann? Und wann wird ein Burnout anerkannt statt es als inflationär gebrauchten Begriff wegzuwischen?

Burnout: Wir brennen nicht nur im Job aus

Eine Antwort darauf gab Ende Mai die Weltgesundheitsorganisation, die die Definition für ein Burnout enger gefasst hat als es bislang der Fall war. War es zunächst relativ frei im internationalen Klassifikationssystem aufgeführt, wird es nun als Syndrom durch „chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird“ beschrieben. Aufgeführt werden folgende Symptome: ein Erschöpfungsgefühl, eine negative Haltung oder Distanzierung vom Job und ein verringertes berufliches Leistungsvermögen. Es wird also ganz konkret darauf verwiesen, dass der Begriff ausschließlich im beruflichen Kontext und nicht in anderen Lebensbereichen verwendet werden sollte. Die Frage ist: Wie realistisch und vor allem wie sinnvoll ist das?

Menschen brennen nicht nur im Job aus, chronischer Stress kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, die sich vor allem auch gegenseitig bedingen können. Und die werden nun wieder einmal gegenüber gestellt, statt sie ganzheitlich zu betrachten. Denn die durch Stress ausgelöste Überforderung im Job entsteht ja nicht nur durch strukturelle Probleme innerhalb von Unternehmen, sondern auch dadurch, dass Vereinbarkeit ein Buzzword ist, dass wir bislang als Gesellschaft in der Praxis nicht einlösen. Es geht also um die Care-Arbeit, von der immer wieder suggeriert wird, sie sei etwas, dass eben so nebenher ablaufen könnte. Ein Burnout unter (alleinerziehenden) Eltern, insbesondere unter Müttern, die immer noch mehrheitlich für die Sorgearbeit zuständig sind und so um Vereinbarkeit zwischen Familie, Beruf und Ich ringen, ist keine Seltenheit. Es wird nur schlicht nicht wirklich ernst genommen. Ganz nach dem Motto: „Stell dich nicht so an, du hast es doch nicht anders gewollt.“

Care-Arbeit ist anstrengende Arbeit

Genauso verhält es sich meist auch bei der Pflege von älteren Familienmitgliedern. Care-Arbeit erhält gesellschaftlich nicht die gleiche Wertschätzung wie Erwerbsarbeit, von ökonomischen Gesichtspunkten wie ein paar lächerlichen Rentenpunkten mal vollkommen abgesehen. Aber Care-Arbeit ist Arbeit. Schwerste Arbeit. Punkt. Sie ist es genauso wie es ein Ehrenamt sein kann, für das man keine finanzielle Entlohnung bekommt. Leistung, Arbeit und Wertschätzung für die Aufgaben unseres Lebens alleine anhand der finanziellen Aspekte zu definieren ist nicht mehr als ein Ausläufer einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur – aber einer, der sich immer noch hartnäckig hält und doch vor allem wieder auf dem Rücken von Frauen ausgetragen wird. Und genau das trägt dann zu einem noch höheren Stresslevel bei, denn sich nicht gestresst fühlen zu dürfen, in seiner Not nicht ernst genommen zu werden, obwohl man innerlich und körperlich die letzten Reserven zusammenkratzt, kann unfassbar kaputt machen.

Es ist schlicht bar jeder Realität, und das gerade in Zeiten einer digitalen Gesellschaft, ein Burnout nur im Kontext von Erwerbsarbeit anzuerkennen – denn das negiert einmal mehr welche Leistung die Pflege von Angehörigen ist und spielt die Last herunter, die eben auch Aufgaben mit sich bringen, die sich außerhalb von Großraumbüros abspielen. Sich damit nicht endlich ernsthaft auseinander zu setzen ist nicht vereinbar damit, eine gesunde Gesellschaft zu wollen. Und daran dürften wir alle, gerade jene, die unseren Zustand rein ökonomisch verhandeln, sehr interessiert sein.

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