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Corona-Krise: Das Schlimmste ist diese verdammte Unsicherheit

Was macht die Corona-Krise mit mir und welche Strategien helfen nun? Wie bekommt man Kontrolle über eine unkontrollierbare Situation? Das fragt sich unsere Autorin Silvia Follmann in ihrer Thirtysomething-Kolumne im April.

Die Krise ist ein Marathon

„Ich habe keine Ahnung mehr, was hier eigentlich abgeht – und ich frage mich vor allem, was das alles mit uns machen wird?“ Meine Freundin und ich schauten uns ratlos an, wir hatten beide keine Antworten darauf. Also zogen wir erst einmal stumm weiter unsere Kreise durch den Park. Die Corona-Krise war in Deutschland da erst eine Woche im vollen Gange und trotzdem waren ich und alle um mich herum schon so wahnsinnig erschöpft, als hätten wir bereits eine weite Strecke in diesem Marathon zurückgelegt.

Die Welt hatte sich in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, und die Einschläge, die die Krise auslöst, waren den meisten um mich herum schon sehr nahegekommen. Schlugen bereits vor den Türen ein, durch die wir bald am besten gar nicht mehr gehen sollten. Und schon an diesem Punkt war klar: Covid-19 ist ein Virus, das den Körper angreift – und die Situation löst ein emotionales Virus aus, das sich beginnt einzufressen. Nur wo dieses sich bei mir einfressen wird, hat mich überrascht.

Pläne sind Energieverschwendung

Nach dem irritierten Schrecken der ersten Tage, an denen es vor allem darum ging, zu begreifen, was ist, ist das Schlimmste nun diese verdammte Unsicherheit. Denn sie bedeutet den maximalen Kontrollverlust. Und das ist etwas, mit dem ich persönlich nur schwer umgehen kann. Ich habe die Dinge gerne im Griff, hasse Überraschungen, erstelle gerne Pläne und versuche, die Dinge zu überblicken, um Strategien für verschiedene Fälle in der Hand zu haben. Aber das geht jetzt nicht mehr, es ist Energieverschwendung, die ich für anderes brauche: den Moment.

Wer hätte gedacht, dass ich doch mal das ewige Instagram-Mantra verinnerlicht haben würde, konsequent im Moment zu leben – und wie bescheiden sich das anfühlt, wenn man dabei eben kein Glas Wein in der Sonne trinkt, sondern existenzielle Sorgen hat. Überraschung. Es ist eben nicht frei gewählt.

Der Kopf rattert, auch wenn das eigene Leben stiller wird

Und so dröge der eigene Tag durch die Isolierung erstmal wirkte, so unfassbar müde wurde ich mit jedem Tag mehr und verstand erst nicht, warum. Bis mir klar wurde: Ich war komplett überlastet vom ständigen (Ver-)arbeiten im Hinterkopf, von all dem, was passiert. Das Hinterstübchen läuft permanent auf Hochtouren, selbst wenn man nach außen weiter funktioniert: Pandemie, Jobverluste, Kurzarbeit, eingeschränkte Freiheitsrechte, Doppel- und Dreifachbelastungen, Angst und Sorge um sich selbst und die Liebsten, das Grauen um uns herum, Grauen vor dem, was vielleicht noch kommt.

Es ist alles zu viel. Und das zu verstehen, beruhigt mich an den Tagen, an denen ich zu streng mit mir werde, weil ich jetzt eben nicht super viel Sport mache, die Wohnung umräume oder eine neue Sprache lerne, sondern, wenn der Tag bestanden ist, manchmal einfach nur herumliege und die Wand anstarre. Das ist kein verdammter Wettbewerb. Wir werden gerade alle überfordert, jede*r auf seine*ihre Art und dafür, wie wir damit umgehen, gibt es nicht die eine Strategie für alle.

Jede*r findet seinen eigenen Weg, um etwas Kontrolle über die unkontrollierte Situation zu bekommen. Die einen verfallen in Aktionismus in Sachen Selbstoptimierung, die anderen horten Klopapier und manche versuchen vielleicht, alles so weit wie möglich auszublenden oder finden Beruhigung in Verschwörungstheorien. Damit hätte man wenigstens eine einfache Antwort auf diese sinnlose Extremsituation. Nur gibt es die nicht.

Eine Frage, die jetzt helfen kann

Meine Erst-Strategie kann ich wirklich gar nicht empfehlen, die ist gründlich schiefgelaufen. Wie es meine Art ist, wenn ich eine Situation nicht kenne, versuche ich so viele Informationen wie möglich zu sammeln, denn Wissen ist schließlich Macht. Also habe ich mich zu Beginn dauerinformiert, so viel gelesen und konsumiert wie nur eben möglich, um mich zurechtzufinden. Doch damit habe ich mir keine Brücke gebaut, sondern bin im Schwall der Infos eher ertrunken. Es war zu viel Alarm, der mich nicht weiterbrachte. Also werden die Infos jetzt rationiert.

Wie immer ist es auch jetzt wichtig, gut auf sich zu hören und sich neue Fragen zu stellen, wenn die letzten Antworten nicht geholfen haben. Meine neue Frage ist zum Beispiel nicht mehr, was das Beste ist, was ich tun kann. Sondern ganz schlicht: Was tut mir gerade gut? Das hilft sehr viel mehr. Zumindest mir. Denn diese neue Alltagsnormalität ist ja nicht nur eine organisatorische Herausforderung, sondern zeigt für mich auch eine neue Verwundbarkeit, die der Trubel des früheren Alltags verdeckt hatte.

In erster Linie geht es dabei natürlich um die gesundheitlichen Gefahren, die uns alle betreffen – und Risikopersonen, für die wir alle mit unserem Handeln Verantwortung tragen, noch einmal sehr viel mehr. Zum anderen aber auch in einer neuen mentalen Verwundbarkeit, die sich wieder besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen zeigt, die hier die Risikogruppe sind, aber eben auch für jene ohne, wie mich.

Neue Ängste, neue Herausforderungen

Ich merke das bei mir besonders daran, wie anders sich Alleinsein für mich anfühlt, seit sie nicht mehr selbstgewählt ist. Ich kann Alleinsein eigentlich sehr gut, ich brauche das sogar. Und eine Woche oder mehr niemanden zu sehen, ist eigentlich kein Problem, manchmal sogar einfach nur wundervoll. Aber in diesem Unendlichkeitsmoment, in dem Unwissen, wie es weitergeht und vor allem, wie lange es so weitergeht, zeigt sich, dass es auch für mich eine verdammt harte Probe ist, dieses Alleinsein nicht in Einsamkeit umschlagen zu lassen.

Und es ist eine ebenso harte Probe, sich nicht zu sehr in dem Gedanken zu verlieren, wann man seine Liebsten wiedersehen und umarmen kann. Wie viel (irrationale) Angst mir das macht und wie sehr mir das das Herz täglich bricht, das hätte vorher nie geahnt. Ich brauche direkte soziale Kontakte, die auch ein Videocall nicht ersetzen kann.

Ich kann keine Insel auf Zeit sein, wenn ich mir das nicht selbst aussuche, sondern weil ich nicht anders handeln darf. Und für diese neuen Ängste habe ich noch keine Strategie in der Tasche. Außer sie so oft wie möglich wegzuwischen. Und genauso oft Platz dafür zu lassen, sie auch mal zu durchleben. Sonst bekomme ich wahrscheinlich ein Magengeschwür. Hilft ja auch keinem. Und es hilft mir, mir immer wieder zu sagen: Das ist nur dein Gehirn, das mit der Ungewissheit nicht zurechtkommt, es ist (noch) kein reales Problem. Am Ende geht es aber vor allem darum, maximal nachsichtig mit mir und auch anderen zu sein.

Was macht das alles mit uns, mit mir?

Aber die Frage, was das alles mit uns machen wird und in welche Welt wir aus unseren Wohnungen irgendwann wieder heraustreten, treibt mich weiter enorm um. Wird man etwa je wieder dieses ekelhafte Gefühl abschütteln können, andere Menschen als potenzielle Bedrohung anzusehen? Ich ertappe mich draußen dabei, einen skeptischen Blick auf alle zu haben, die meinen Weg kreuzen. Sind sie krank? Bin ich eine Gefahr für sie? Oder werde ich jetzt auf dem Weg zum Supermarkt von jemandem mit Blockwart*in-Mentalität fotografiert und lande damit im Internet? Misstrauen ist ein verdammt gefährliches Gefühl, das sich nicht zu sehr einschleichen sollte, wenn man eine gesunde Gesellschaft haben will.

Und ich merke es sogar im engsten, vertrauten Kreis – etwa als ich eine Freundin beim Einkaufen auf der Straße getroffen habe, sie mich aus Reflex umarmte und ich zurückschreckte. Vor einer Person, die ich liebe. Wie legt man das wieder ab? Es ist die totale Vereinzelung. Wie befreiend da das gemeinsame Lachen mit einer Frau im Supermarkt war, der ich allen Versuchen zum Trotz doch immer wieder in die Quere kam und wir unsere eigenartigen Kreise, die wir umeinander zogen, irgendwann zu komisch fanden.

Die Zeit der überbordenden Kommunikation

Wahrscheinlich rettet mich, die allein lebt, gerade, dass ich die Regel habe, alleine keinen Alkohol zu trinken. Das gilt natürlich nicht für Videocalls mit Freund*innen und Familie. Wer weiß schon, was morgen ist. Wenn dann wenigstens der kleine Kater gewiss ist, ist das ja auch schon mal nichts Schlechtes. Und da kommt das nächste Thema: Kommunikation. Es ist unglaublich, was gerade an zusätzlicher Kommunikation gefordert ist. Bei der Arbeit, im Privaten. Chats, so viele Chats, Telefonate, Videocalls – und alles soll möglichst synchron ablaufen.

Ich will meine E-Mails zurück, die man auch mal ein paar Stunden liegen lassen und über die Antwort sinnieren – oder schlicht etwas anderes machen konnte. Es ist die Zeit des überbordenden indirekten Kontakts, bedingt durch die physische Distanz. Und eine Zeit, in der wir noch mehr auf unsere Kommunikation achten müssen. Denn was neben dem Bedürfnis aller, sich mitzuteilen und Reaktionen zu bekommen, noch sehr deutlich wird: Wer schon vorher nicht wirklich gut in (digitaler) Kommunikation war, verursacht jetzt noch mehr Probleme denn je.

Sich so verständlich wie möglich zu machen, sich wirklich zu zuhören und nicht zu denken, man könne einfach so weiterkommunizieren, als säße man sich gegenüber und sich dabei wirklich Mühe zu geben, ist so wichtig, wie es in Zeiten, in denen das Nervenkostüm unfassbar flattert, eben auch schwer ist. Aber: Seid achtsam, was ihr schreibt, wie ihr etwas sagt, wenn euch das Gegenüber nicht sehen kann. Ich versuche es auch und sicher bin auch ich nicht immer perfekt dabei – aber es ist wichtig, denn alles, was jetzt zu Missverständnissen führt, ist drei Mal mehr kompliziert als sonst auch schon. Sich darin zu üben wird auch in der Zeit helfen, wenn das alles vorbei ist.

Was jetzt? Solidarisch sein!

Und bis dahin hilft wohl nichts anderes als: weiteratmen, weitermachen, beobachten, schauen, was passiert. Sich nicht unter Druck setzen, jetzt noch mehr leisten zu müssen als zuvor. Sich aber auch nicht zu sehr dem Gefühl hingeben, hilflos zu sein. Außer vielleicht kurz. Denn wenn man zu lange in den Abgrund schaut, dann blickt er eben auf dich zurück – und dann wird es richtig schwierig. Das gilt natürlich nur für Menschen, die das können. Für alle anderen muss man versuchen, noch mehr da zu sein. Nachfragen, wie geht’s dir, was brauchst du? Wie sind deine Tage, was sind deine Ängste? Kann ich für dich da sein?

Aber auch wichtig ist, sich nicht nur um sich selbst und den engsten Bekanntenkreis zu drehen. Denn ja, es ist eine Krise, die mich immer wieder lähmt vor Sorge. Das darf auch so sein, auch wenn es mich definitiv bislang nicht so hart getroffen hat wie andere. Und dennoch komme ich mir mit diesen Gefühlen oft lächerlich vor, denn ich sitze in einer warmen Wohnung, mit fließend Wasser und einem vollen Kühlschrank – ich bin keine Risikoperson, ich habe keine Kinder. Es ist also maximal komfortabel für mich. Und trotzdem habe ich meine wunden Punkte und das ist auch okay.

Aber es ist trotzdem essenziell, sich klarzumachen, dass das vor allem eine globale Krise ist, die noch so viel mehr von uns verlangt, sich mit den Menschen zu solidarisieren, die es noch schwerer haben als man selbst. Und das bedeutet: innerhalb unserer Gesellschaft – aber doch genauso mit allen Menschen darüber hinaus. Ganz besonders mit jenen, die jetzt an den geschlossenen Grenzen stehen. Das Virus kennt keine Grenzen, und unsere Solidarität sollte es auch nicht. Denn sonst wird die Antwort auf die Frage „In welche Normalität gehen wir dann zurück?“ eine weitere sehr bittere, ja, kaum auszuhaltende Note bekommen.

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