Fotos: Mareike Graepel

Arbeiten als Personenschützerin: „Bei einem Sicherheitsteam von zwölf Männern mag ich es, Chefin zu sein – ich behalte gern die Kontrolle“

Nicole Kidman bevorzugt eine, J. K. Rowling und Diana Ross haben eine. Herzogin Kate und sogar ihr Mann Prinz William. Nicht die gleiche Designer-Handtasche – sondern eine Personenschützerin. In Irland und in Großbritannien, aber auch darüber hinaus ist Lisa Baldwin im Einsatz.

„Es tut mir leid, dann bin ich außer Landes.“ Zwei Monate später: „Dann auch.“ Zwei Anläufe – und zwei Mal war Lisa Baldwin kurzfristig nicht in Irland zu den vereinbarten Terminen. Aber „third time’s a charm“, und so sitzt die 36-Jährige an einem Sommersonntag vor einem Café in einem Businesspark, blickt sich um, und erzählt – von Klienten, ohne Namen zu nennen, davon, was Frauen zu besseren Bodyguards macht, und warum sie über ihre Vergangenheit, aber nicht über ihr Privatleben, spricht.

Die Nachfrage nach weiblichen Bodyguards ist derzeit sehr groß. „Das war nicht immer so, im Gegenteil“, sagt die Frau, die normaler nicht aussehen könnte: halblanges, blondes Haar, lachsfarbenes T-Shirt, schlichter Schmuck, Jeans. Kein Hauch von Militärstyle, kein Platzhirsch-Verhalten. Nur eine Sonnenbrille zeugt von beruflich-bedingter Coolness – und sie verhindert, dass andere sehen, wo Lisa Baldwin gerade hinschaut. Jetzt nimmt sie sie ab und erzählt: „Als ich mit Anfang 20 in das Business eingestiegen bin, hatten die Frauen ein schreckliches Standing. Die Branche war noch viel stärker männerdominiert als heute.“

Vor anderthalb Jahrzehnten noch suchten sich die Klient*innen ihre Beschützer oft nach persönlichem Bekanntheitsgrad aus: „Hey, der Typ trainiert in meinem Fitnesscenter, hieß es oft, der ist stark und ausreichend trainiert. Das waren die Job-Voraussetzungen.“ Gillian Dunne von der International Bodyguard Association (IBA) sagt: „In knapp zehn Jahren ist die Zahl der weiblichen Bodyguards um ein Zehnfaches angestiegen.“

Frauen fallen weniger auf, Diskretion hat Vorrang

Heutzutage könnten weibliche Personenschützer – „personal protection officers“, kurz PPOs – das ganze Jahr hindurch und rund um die Uhr Aufträge annehmen, während Männer sich nach Jobs umgucken müssten. Die große Nachfrage bedeutet auch, dass die Frauen in diesem Beruf deutlich mehr verdienen können als Männer. Wer gut ist, so heißt es in Insiderkreisen, bekomme 800 Euro pro Tag aufwärts. Die Gründe für die hohe Frauenquote liegen auf der Hand, sagt Baldwin: „Frauen fallen weniger auf, erst recht wenn sie – so wie ich oft – Frauen und Familien begleiten, die beispielsweise Angst vor Kidnapping haben.“

Reiche arabische Familien, Prominente und hochkarätige Businessleute gehören zu ihren Klient*innen. Namen nennt sie keine. „Diskretion hat Vorrang, das ist selbstverständlich“, sagt die Dublinerin, die aus Clontarf, einem der gutbürgerlichen Teile der irischen Hauptstadt stammt. Vor allem von muslimischen Familien gebe es im Moment mehr Interesse, weil „die es eher nicht wollen, dass die Frauen Männern zu nah sind. Und dann ist da noch die Toilettensituation – wenn man einen männlichen Leibwächter für eine Kundin hat, wird das zum Problem, der kann sie ja nicht begleiten.“

Diskretion in allen Lebenslagen gehört zum Job. Es müsse niemand auf Anhieb sehen, dass sie als Leibwächterin gebucht sei. „Ich bin schon mal von Passanten gefragt worden, ob ich die Kinderfrau der Promi-Familie auf dem Spielplatz sei.“ Emanzipatorisch eine blöde Frage, aber: „Das hieß, dass ich meinen Job gut mache und als Personenschützerin nicht zu erkennen war.“ Dennoch eine klare Grenze zu ziehen sei wichtig.

„Manchmal,“ sagt sie und presst die Lippen etwas missbilligend zusammen, „denken Klientinnen auch, ich könnte doch auch ihre Einkaufstaschen tragen oder tatsächlich als Babysitterin einspringen.“ Aber dann fehle die nötige Konzentration, um das komplette Umfeld wahrzunehmen und schnell reagieren zu können. „Ich mache immer klar, dass ich weder Butler noch persönliche Assistentin bin, sondern eher wie eine Freundin – auch wenn ich von mir nahezu nichts preisgebe.“ Die Klient*innen müssen ihr aber vertrauen, als gäbe es eine Freundschaft. „Ich versuche immer, eine besondere Beziehung aufzubauen.“ Auch das sei eine Fähigkeit, die eher Frauen vorbehalten sei als Männern.

Ausbildung bei einem Ex-MI5-Security-Spezialisten

Lisa Baldwin hat ihre Ausbildung – nach Abitur und einem abgebrochenen Wissenschaftsstudium in Dublin – bei einem Ex-MI5-Security-Spezialisten in London gemacht. Das sei schon ziemlich „James-Bond-mäßig“ gewesen, schmunzelt sie rückblickend, auch wenn ihr Film-Vergleiche mit Kevin Costner in „Bodyguard“ sonst gegen den Strich gehen. „Ich bin darauf trainiert, eine Gefahr zu erkennen, bevor sie passiert. Wenn die Leute denken, dass wir uns in den Kugelhagel werfen oder Leute mit Wucht zur Seite drängen, muss ich sie enttäuschen.“ Genau in diesem Punkt kämen die weiblichen Vorzüge zum Tragen, findet die irische Bodyguardin.

„Frauen haben andere Multitasking-Fähigkeiten als Männer und können Bedrohungen besser erkennen, bevor sie entstehen.“ Sie selbst merke schnell, ob viele Zigarettenstummel neben einem Auto vorm Haus der Klient*innen darauf hinweisen, dass dort jemand länger auf Beobachtungskurs ist. Oder ob jemand ohne Absicht vorbeikäme, zufällig oder mit einem Hintergedanken. Dann heiße es: Schnell reagieren, ohne Aufsehen zu erregen. „Ich mache dann den Vorschlag zu gehen, den meine Klienten oberflächlich als spontan einordnen können, obwohl sie wissen, dass wir jetzt exakt das machen, was ich ansage.“ Ein gängiges Missverständnis sei, so Lisa Baldwin, dass man als ehemalige*r Polizist*in oder Soldat*in prädestiniert sei, als Personenschützer*in zu arbeiten. Man müsse gut zwischen Security- und Bodyguard-Aufgaben unterscheiden.

Lisa Baldwin ist eine gefragte Personenschützerin mit Sitz in Dublin.

Als Türsteher oder wenn man unbedingt warnend signalisieren möchte, dass man eine Konfrontation nicht scheut oder weil man partout auffallen will, nehme man sich Security-Leute, die bullig dreinschauen und einschüchternd wirken. Aber im Personenschutz, gerade auf dem Level, auf dem Lisa Baldwin sich bewegt, seien Muskelprotze wenig gefragt. „Je unauffälliger ich ins Bild passe, desto besser und stressfreier, ergo: sicherer, sind die Reisen, Ausflüge oder Shopping-Trips für alle.“ Lisa Baldwin kann überall aussehen, als gehöre sie genau dahin, wie ein menschliches Chamäleon. „Ich kann immer so tun, als hätte ich einen Grund für meine Anwesenheit. Das muss man üben – neben Waffenausbildung und taktischem Fahren gehören auch solche Skills in den Lebenslauf.“ Gerade Frauen könnten solche Sachen besonders gut.

„Manchmal reagiere ich auf Job-Ausschreibungen, aber meistens werde ich angerufen.“ Dann müsse es oft sehr schnell gehen, mehrere Urlaube hat sie schon für einen Job unter- oder abgebrochen. Oder Interviews. Bislang hat ihr Telefon an diesem Morgen noch nicht geklingelt. „Wenn es heißt, die Familie XY ist bereits im Flieger nach London, wann kannst du dasein, dann kann ich nicht sagen, in einer Woche oder so.“ Jeder Auftrag sei anders, so individuell wie die Klient*innen eben. „Wenn ich eine Familie auf Reisen begleite, dann kontaktiere ich vorher die Hotels, checke die Sicherheitsvorkehrungen und mache mich mit dem Gebäude und dem Gelände vertraut.“ Wichtig sei ihr, mit dem Team des Hotels oder Resorts zusammenzuarbeiten, aus menschlicher und professioneller Sicht. „Sonst arbeiten die Leute vor Ort gegen dich und das kannst du nicht gebrauchen.“

Von aufstrebenden Schwimmtalent zur Leibwächterin

Die Ruhe und Besonnenheit, auch in stressigen oder emotionalen Situationen gelassen zu bleiben, habe sich in ihrer Jugend entwickelt: „Ich war so etwas wie ein Schwimmtalent und durfte mit 15 Jahren von zu Hause ausziehen und in die Niederlande gehen, um dort effektiver zu trainieren als es in Irland möglich gewesen wäre. Das hat mein Selbstvertrauen stark geprägt.“ Durch den Sport habe sie gelernt: „Je krasser das Szenario, desto ruhiger solltest du sein“. Das sei wie „eine Art Muskelerinnerung, eben wie beim Training, die auch als Leibwächterin zum Einsatz kommt“.

Als sportliche Outdoor-Frau fällt es ihr nicht schwer, körperlich fit zu bleiben. Sie gehe oft mit ihren Hunden spazieren, und schwimme immer noch gern, sagt sie, wenngleich schon lange nicht mehr auf Wettkampf-Level. „Ich bin froh, mehr zu Hause zu sein, trotz der Reisen für und mit Klient*innen.“ Gefragt, was mit Kindern und einem Partner sei, antwortet sie ausweichend: „Darüber spreche ich nicht öffentlich.“ Es sei am besten, wenn keine persönlichen Details bekannt seien, die sie angreifbar machen könnten. Nach dem Motto: Als Personenschützer bleibe man als Person besser unter dem Radar.

Genaue Zahlen aus der Branche gibt es kaum. Die Anfragen weiblicher Bewerberinnen steigen bei Professional Bodyguards Ireland Academy in Galway seit Jahren kontinuierlich. Dort gibt es auch „All Female“-Kurse nur für weibliche Personenschützer. Besteht ein ideales Team denn nur aus Frauen? „Nein“, sagt Lisa Baldwin, „man sucht sich für Jobs mit mehreren PPOs die richtigen Leute für die richtigen Aufgaben zusammen. Oft bestehen Teams aber aus einem Verhältnis von acht Männern zu zwei Frauen. Aber auch bei einem Sicherheitsteam von zwölf Männern mag ich es, Chefin zu sein – ich behalte gern die Kontrolle.“

Dieser Text von Mareike Graepel (Dublin) ist zuerst auf Deine Korrespondentin erschienen.

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