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Warum es uns weiterbringt, wenn unsere Freunde ganz anders sind als wir

Kund*in
Netflix
Autor*in
EDITION F studio
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Eine gute Freundin ist die Person, die in jeder Lebenslage zu dir hält – doch stimmt das wirklich? Warum Freundschaften stärker werden, wenn wir uns reiben und einander mal so richtig den Kopf waschen.

Hallo, Filterblase!

Sich selbst kennenzulernen kann das längste und schwierigste Date aller Zeiten sein. Hat man sein Gegenüber im Spiegel und den Schwung an Emotionen und Eigenheiten, die es mit sich bringt, erstmal akzeptiert, wird nicht alles gut, aber vieles besser. Man weiß, woran man glauben möchte und wem lieber nicht. Man weiß, dass man nichts verpasst, wenn alle anderen bei Instagram Stories tanzen, während man selbst lieber ohne Hose Serien guckt. Und dann tickt man eben gepflegt aus, statt ruhig zu bleiben, wenn der Vollidiot von Laptop nicht das tut, was man möchte. Man hat sich seinen Ängsten gestellt und ihnen mindestens einmal die Stirn geboten. Vielleicht hat das eigene Weltbild noch nicht alle Facetten, die man sich wünscht, doch das Fundament steht. Daraus ergibt sich unser Alltag: Werte und Vorlieben treffen auf von oben fotografierte Avocadobrote. Haltungen und Meinungen auf Hashtags. Herzlich willkommen in der Filterblase. Sie mag eng, groß, überschaubar oder durchsichtig sein – wir alle leben in einer und das ist vollkommen okay.

Sie enthält, was uns wichtig ist. Um sie herum existieren viele andere kleine Universen, in die wir uns gerne einen Einblick verschaffen. Meistens sind wir aber doch ganz froh, dass wir es uns längst in unserem eigenen gemütlich gemacht haben. So lernen wir Ruth in „Glow“ kennen, Netflix’ neuem Anwärter auf die Serie des Sommers. Im Los Angeles der 1980er Jahre läuft für sie rein gar nichts nach Plan. Ruth kommt finanziell kaum über die Runden. Ihr Liebesleben ist kompliziert, ihre Schauspielkarriere chaotisch. Eigentlich hat sie auch überhaupt keine Lust, das hundertste Vorsprechen als Sekretärin wahrzunehmen. Also stellt sie sich einer „experimentellen“ Castingrunde: Gesucht werden die „Gorgeous Ladies Of Wrestling“, die in einer großen Show zeigen sollen, wie die legendäre Mischung aus Sport, Unterhaltung und glänzenden Bodys in weiblich funktioniert.

Wie findet man seine Rolle?

Eigentlich ist Ruth kurz davor, zu scheitern. Mal wieder. Zu künstlerisch, zu anspruchsvoll – eine theatralische Charakterdarstellerin im Ring, wie soll das bitte funktionieren? Wäre da nicht ihre Freundin und Schauspielkollegin Debbie, die plötzlich in ihr Vorsprechen platzt und drauf und dran ist, sie zu verprügeln. Die Auseinandersetzung sichert ihr zwar den Job, aber leichter wird es nicht. Zwischen zehn Frauen, die alle ihre eigenen Köpfe haben, und ihrer eigentlich mal besten Freundin ist Ruth gezwungen, auf Sinnsuche zu gehen: Jede der Frauen braucht einen Wrestling-Charakter. Ruth kann in viele Rollen schlüpfen, aber wie zur Hölle soll sie ihre eigene finden – umgeben von Menschen, die mit ihr und dem kompletten Inhalt ihrer Filterblase auf Kollisionskurs gehen.

„Wer glaubst du eigentlich, wer du bist?“, wird sie irgendwann in der Serie gefragt. Eine Antwort darauf hat sie nicht. Und spätestens hier wird Ruth – die immer ein bisschen zu bemüht und zu nervös ist – so nahbar, dass man sie am liebsten umarmen möchte. Was sie noch nicht weiß: Alle, die ihr diese Frage stellen, gehören zu den vielleicht wertvollsten Bekanntschaften, die sie sich wünschen kann.

Wir kennen sie: die Personen, mit denen wir uns eng verbunden fühlen, obwohl wir eigentlich polare Gegensätze sind, die gar nicht zusammenpassen dürften. Man guckt diesen Menschen zum Beispiel fasziniert zu, wenn sie sich penibel durch Foren klicken, um ihr technisches Problem zu lösen, während man selbst längst ein herzhaftes „Ich hasse alles“ gebrüllt und auf die Tastatur eingehämmert hätte. Oder man stellt mit Erschrecken fest, dass man gerade angerufen wird, starrt auf das klingelnde Smartphone und hofft, dass das bald aufhört und man es endlich wieder benutzen kann. „Also manchmal geht Telefonieren doch wirklich einfach schneller“, kommentiert dieselbe Freundin, die nicht nur meditativ Probleme zu lösen scheint, sondern auch noch mit links zur Kommunikationsgöttin wird. Ein großes „Ja, aber“ in einer Welt, die noch so logisch durchargumentiert sein kann.

Je unterschiedlicher der Freundeskreis, desto mehr wichtige Impulse

Dann gibt es die Freunde, die immer wieder aufs Neue spontan den Knopf für den Schleudersitz betätigen und uns aus der „Das geht doch nicht“-Komfortzone katapultieren, wenn wir nicht damit rechnen. Zum Beispiel die Freundin, die ganz nebenbei auch mal einfließen lässt, dass man vermutlich keine Person findet, die ihr eröffnen würde, dass sie keinen guten Geschmack hat. Jeden anderen Menschen würde man dafür schütteln wollen. Doch sie formuliert solche Sätze so ehrlich, dass man spürt, dass sie von innen kommen. Diese Stärke beeindruckt und auch, wenn sie von Meetings erzählt, in denen sie mit einem „Das machen wir jetzt so“ die Richtung vorgibt. Man selbst nickt langsam, weil man in derselben Situation höchstens „Ähm, ich hätte da noch was” gesagt hätte.

Oder Menschen wie Ruths Wrestling-Kollegin „Sheila the Shewolf“, mit der sie während einer Teambuilding-Maßnahme in ein durchschnittliches Hotel gesteckt wird. Sheila hat alles, was Ruth nicht hat: Ihre Rolle steht nicht nur fest, sie lebt sie. Die schwarze Perücke, die dunkel umrandeten Augen, die mit Make-up abgedunkelten Zähne gehören zu ihr. „Das ist kein Kostüm, das bin ich“, wird sie später zu Ruth sagen. Kein Wunder, dass Ruth sich bescheuert vorkommt.

Im echten Leben sind die Sheilas in unserem Freundeskreis die Menschen, die außergewöhnlich sind und gerade darin konsequent. Vielleicht erklären sie bei YouTube Quantenphysik oder skaten so anmutig wie sonst keine Mittdreißigerin. Jedenfalls scheinen sie immer etwas über den Dingen zu schweben. Doch ihre Aura ist mehr als nur Oberfläche, was wir immer dann merken, wenn sie einordnen und analysieren, bis das Bild gestochen scharf wird. Wer genau aufpasst, sieht jedoch, dass das nicht bedeutet, dass sie in sich ruhen: Ihr Selbstbewusstsein ist fragil und nur wer besonders vorsichtig hinter die Kulissen guckt, versteht warum.

Girlband-Magie gibt es nur mit unterschiedlichen Persönlichkeiten

Wenn alle aufeinander treffen, passiert etwas, das Kinder der 90er gerne als Girl- beziehungsweise Boyband-Magie bezeichnen. Jedes Mitglied verkörpert eine unterschiedliche Persönlichkeit und doch funktionieren sie zusammen am allerbesten.

Der Grund dafür ist gar nicht so kompliziert wie es klingt: Niemand muss Small-Talk führen, wenn die Reibungspunkte echt sind und die Energie so im Raum steht, dass man sich gegenseitig nicht mehr so einfach aus dem Kopf bekommt. Es geht um etwas. Es darf schmerzen. Und so findet Ruth ihre Rolle in der großen Show von „Glow“ vor allem, weil sie nicht wegläuft, sondern mit offenen Augen durch jeden Filterblasenaufprall geht, fällt und wieder aufsteht. Vielleicht, weil all die Wonder Women und Sheilas für einen Teil unserer eigenen Persönlichkeit stehen, den wir nie entdeckt hätten, wenn wir bequem geblieben wären. So ein Freundeskreis besteht vielleicht nicht aus Seelenverwandten. Doch jede Einzelne ist ein Puzzleteil von dem, was uns ausmacht – ohne Filter.

Serienhinweis:

„Glow“ erzählt die Geschichte von Ruth Wilder (Alison Brie), die erfolglos versucht hat, sich im Los Angeles der 1980er als Schauspielerin einen Namen zu machen. Jetzt steht sie beim Casting für „Gorgeous Ladies of Wrestling“, eine neue Show mit ausschließlich weiblichen Kandidatinnen, die gegeneinander antreten sollen. Produzent Sam Sylvia (Marc Maron) möchte Ringpersönlichkeiten und bekommt sie – wenn auch anders als geplant, denn die zwölf Frauen nehmen ihre Rollen einfach selbst in die Hand.

Liz Flahive, Carly Mensch, Jenji Kohan und Tara Herrmann („Orange Is the New Black“) zeigen mit „Glow“, was es heißt, sich selbst eine Bühne zu schaffen. Die erste Staffel läuft seit dem 23. Juni bei Netflix.

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