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Vereinbarkeit geht nur zusammen! Diese 11 Dinge haben wir durch unser Modell gelernt

Seit der Sohn unserer Community-Autorin in die Kita geht, teilen sie und ihr Mann sich ihre Familien- und Arbeitszeit gleichberechtigt auf. Ein Erfahrungsbericht

Lust auf Familie, aber nicht auf ein traditionelles Modell

„Aber ich mache das nicht alles alleine!“ Das war meine klare Ansage, nicht erst in der Schwangerschaft mit meinem ersten Sohn, sondern schon bevor ich auch nur bereit war, ungeschützten Sex zu haben. Mein Mann konnte es kaum abwarten, Vater zu werden – ich zögerte noch. Das lag zum einen an meinen persönlichen Zweifeln, ob ich schon „bereit“ war, Mutter zu werden und ob ich „gut genug“ sein würde.

Aber auch an Sorgen, die mein Mann sich offensichtlich nicht machte: Was würde das Mamawerden für mein bisheriges (Arbeits-)Leben bedeuten und besonders auch für mein Leben als Frau? Würde ich „nur noch“ Mutter sein? Ich wusste, ich wollte kein traditionelles Familienmodell leben, in dem ich den Großteil der Arbeit rund um die Kinder und den Haushalt übernehmen würde. Ich wollte weiter arbeiten und ein eigenes Leben haben, das auch außerhalb der Familie stattfand. Ich wusste, ich wollte für mein Kind da und beruflich erfolgreich sein. Ich wollte Raum für mich und das Erschaffen von Projekten, die mir wichtig sind, mich sowohl in der „Erwachsenen-Welt“ bewegen als auch in der meines Kindes. Ich wollte beides!

Vereinbarkeit als Bedingung, nicht als Wunsch

Rückblickend bin ich mir sehr dankbar, dass ich intuitiv das Thema „Vereinbarkeit“ – damals wusste ich noch nicht, dass man es so nennt – angesprochen und es praktisch zur Bedingung für gemeinsame Kinder gemacht habe. Es ist etwas, das ich heute, als Coach für Frauen und Mütter, jeder Frau rate: Sprecht am besten vor der ersten Schwangerschaft über eure Vorstellungen vom Familienleben! Denn das findet sich nicht „von allein“! „Von allein“ ahmt man nach oder versucht sich von etwas, das man selbst erfahren oder beobachtet hat, abzugrenzen. „Von allein“ gerät man in Muster, die unser System aus der Vergangenheit kennt, aus eigenen Erfahrungen, Bildern aus Filmen und Büchern. Oder man will mit bester Absicht „weg von“ etwas, aber das ist nie ratsam! Viel wirksamer ist es, als Paar eine gemeinsame Vision vom Leben mit Kindern zu haben, diese so detailliert und kraftvoll wie möglich auszuschmücken und dann gemeinsam „hin zu“ dieser Vision zu streben.  Sie absichtsvoll zum Leitstern des gemeinsamen Elternseins zu machen – eine Vision, die den gemeinsamen Werten, Bedürfnissen und Vorstellungen entspricht.

Ja, das ist erst mal abstrakt und reine Theorie, die man, sobald die Realität mit Kind eintrifft, anpassen und über die man permanent im Austausch sein muss, aber sie ist eine Orientierungshilfe und etwas, an dem man sich immer wieder ausrichten kann. Und mein Tipp Nummer eins, um zufriedene Vereinbarkeit zu leben.

Was bedeutet eigentlich Vereinbarkeit?

Allgemein ist mit dem Begriff die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gemeint. Wie diese Verteilung aussieht, darf und muss jede Familie selbst bestimmen. Sie ist das, was ich mit gemeinsamer Vision meine: Eine aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Familienleben und der Frage, was Vereinbarkeit für euch bedeutet. Wie teilen wir die Betreuung unserer Kinder untereinander auf? Wer arbeitet wie viel? Und wann? Wie viel Zeit wollen wir alle zusammen verbringen? Welche und wie viel externe Hilfe nehmen wir in Anspruch? Wie viel Zeit für bekommt jede*r Partner*in für sich allein?

Die meisten von uns kennen nur sehr wenige Varianten von Vereinbarkeit*: „Normal“ ist in Deutschland das sogenannte modernisierte bürgerliche Modell, auch Zuverdienermodell genannt, in dem der eine*r, mehrheitlich der Mann, in Vollzeit berufstätig ist und der*die andere, mehrheitlich die Frau, in Teilzeit arbeitet und die Verantwortung für die Familienarbeit hat. In Deutschland betrifft dieses Modell fast 40 Prozent der Familien. Das traditionell bürgerliche Modell, in dem der in der Regel männliche Alleinverdiener die Familie ernährt und die Frau die (nahezu) alleinige Verantwortung für die Familienarbeit trägt, wird in Deutschland seltener, aber kommt noch in 28 Prozent der Familien mit Kindern bis 14 Jahre vor. Weniger „normal“ ist das egalitär-erwerbsbezogene Modell, auch Doppelversorgermodell mit externer Kinderbetreuung genannt, in dem beide Eltern in Vollzeit erwerbstätig sind und vorwiegend externe Kinderbetreuung herangezogen wird. Laut Daten der OECD arbeiten in 25 Prozent der Familien in Deutschland beide Partner*innen in Vollzeit. Die Zahlen der OECD-Erhebung zeigen zudem, dass Frauen grundsätzlich – unabhängig davon, ob sie erwerbstätig sind oder nicht – im Schnitt zwei Drittel der Haus- und sogenannten „Care-Arbeit“, also die Versorgung von Kindern und die Pflege Angehöriger, übernehmen.

Als ich damals unser Vereinbarkeitsmodell klären wollte, kannte ich diese Zahlen nicht, aber ich wusste aus Beobachtungen und auch aus ein paar Sachbüchern, die ich zum Thema gelesen hatte, dass ich genau diese Schieflage in der Arbeitsverteilung nicht wollte. So beschlossen mein Mann und ich, dass er mehr als die aktuell für Väter gängigen zwei Monate Elternzeit nehmen würde und dass wir Arbeits- und Betreuungszeit so gleichwertig wie möglich aufteilen würden. Wir waren optimistisch, und wenige Monate später war ich schwanger!

Elternwerden und Vereinbarkeit: Das Leben wird durcheinander gewirbelt

Unser Sohn wurde geboren, ich nahm zehn Monate Elternzeit, mein Mann vier. Doch bereits einige Monate vorher war abzusehen, dass die Firma meines Mannes nicht bereit war, seine Vollzeitstelle auf 30 Stunden zu kürzen und dass mein bisheriger Job aus betrieblichen Gründen eingespart werden würde. Anstatt aufgrund der äußeren Umstände für das „Alleinverdiener*innen-Modell“ zu entscheiden, fand ich nach zehn Monaten Elternzeit eine neue 50 Prozent-Stelle und begann eine Coachingausbildung. Mein Mann kündigte und suchte sich während seiner Elternzeit einen neuen, wesentlich familienfreundlicheren Arbeitgeber. Durch diesen Wechsel hatte er zwei Nachmittage frei, und auch ich konnte wieder 30 Stunden arbeiten.

Die bewussten Veränderungen, die wir vor allem beruflich durchgesetzt haben, haben uns Selbstvertrauen gegeben, mit Widerständen umgehen und gemeinsam eine Vision verfolgen zu können. Und tatsächlich gibt es auch für unser „50/50-Modell“ einen Namen: Es nennt sich egalitär-familienbezogenes Modell, oder auch Doppelversorger*innen/Doppelbetreuer*innen-Modell, denn beide Eltern sind zu annähernd gleichen Teilen in Teilzeit erwerbstätig und teilen sich die Verantwortung für die Familien- und Hausarbeit partner*innenschaftlich.

Es geht um Prioritäten und um Haltung

Das Wort „Vereinbarkeit“ blieb für uns sperrig. Warum muss man Kinder mit dem Leben „vereinbaren“? Das klingt schon so anstrengend – und ich weiß, viele Eltern erleben es auch so. Wir haben gelernt: Vereinbarkeit ist eine Frage von Prioritäten und Haltung. Was sind eure gemeinsamen Werte? Was ist euch wichtig in eurem Familienleben? Wie wollt ihr leben? Je länger wir gleichberechtigt Eltern sind, umso mehr automatisiert sich das „50/50-Prinzip“ für uns und umso einfacher wird es, es mit Selbstverständlichkeit zu leben. Wir haben aufgehört, unser Modell in Frage zu stellen, wie wir es anfangs vielleicht noch getan haben, als es mal schwer wurde.

Rückblickend ist für uns sehr deutlich, dass das Geheimnis unseres „Vereinbarkeitserfolgs“ und die Zufriedenheit, die wir als Familie empfinden, unsere Haltung – unsere Überzeugung, dass wir es genau so wollen – ist: Wir haben uns ein Kind gewünscht, wir wollen mit ihm zusammen Zeit verbringen, und zwar wir beide. Deswegen passt sich unser Leben nun an die Umstände und Bedürfnisse einer Familie an und nicht anders herum! Für uns ist Vereinbarkeit die Vereinbarkeit der Bedürfnisse aller Familienmitglieder in allen Lebensbereichen. Zu unserem Optimismus kam also auch noch etwas Pragmatismus hinzu: Bereits bevor es unseren Sohn gab, mussten wir unser Leben „vereinbaren“ – unsere Partner*innenschaft, Kernfamilien, Berufe, persönlichen Interessen, Hobbys und Freunde. Mit unserem Sohn kam eben noch ein Bereich des Lebens hinzu.

Es gibt gesellschaftlich viel zu tun, aber wir können bei uns anfangen!

Ich erlebe oft, dass sich Eltern beschweren und ihren Frust, der aus ungleicher Arbeitsverteilung in der Familie entsteht, auf gesellschaftliche Strukturen und äußere Umstände schieben. Oh ja, es gibt strukturell und politisch noch viel zu tun, und wir sind gesellschaftlich noch lange nicht da, wo wir sein könnten oder wo viele von uns persönlich bereits sind. Und genau daraus speist sich meine Überzeugung: Fangt bei euch an! Seid selbst die Veränderung, die ihr in der Welt sehen wollt! Seid Vorbilder für eure Kinder! Was wollt ihr ihnen über Rollenbilder und das Arbeitsleben beibringen? Trefft bewusste Entscheidungen! Schafft Bedingungen für ein Leben, das ihr euch wünscht! Wartet nicht darauf, dass äußere Umstände euch perfekte Bedingungen für eure Vereinbarkeit auf dem Silbertablett servieren. Fangt in kleinen Schritten an und bewegt euch langsam auf eure Vision zu! Es ist möglich, es fühlt sich gut an und es ist es wert, nicht nur für eure Kinder, sondern auch als Investition in eure Beziehung.

Ja, das ganze Organisieren ist umständlich! Ja, man muss viel kommunizieren und alte Rollenmuster sind manchmal einfacher und schlicht bequem. Ja, kurzfristig muss man vielleicht auch finanzielle Einbußen in Kauf nehmen, weil leider unterm Strich oft immer noch mehr Geld übrig bleibt, wenn er voll und sie nur maximal 50 Prozent arbeitet. Aber es ist jede Mühe wert! Langfristig verselbstständigt sich auch dieses System und ihr seid entlastet und gleichwertig am Familienleben beteiligt. Ihr könnt euch gegenseitig unterstützen und entwickelt viel Verständnis füreinander. Ohnehin gibt es viele gute Gründe für dieses Modell, nicht allein die Möglichkeit einer beruflichen Karriere und einer gleichstarken Bindung zu den Kindern für beide Elternteile. Niemand trägt die Last des Alleinverdienens, beide Partner*innen bekommen Auszeiten, erholen sich bei der Arbeit von der Kinderbetreuung und umgekehrt.

Eine möglichst gleiche Verteilung von Arbeits- und Betreuungszeit schafft Freiheit und Unabhängigkeit. Wenn es beruflich für eine*n Partner*in mal schlechter läuft, bricht nicht gleich ein ganzes System zusammen, sondern es ist möglich, sich gegenseitig aufzufangen. Das „50/50-Modell“ ist für uns eine Investition in unsere Beziehung zu unserem Sohn, aber vor allem auch in unsere glückliche Ehe, die hoffentlich die Zeit überdauert, in der wir uns zuhause um Kinder und deren Wäsche kümmern. Damit wir das noch lange und fröhlich machen, sorgen wir für uns und unsere Bedürfnisse, und das bedeutet für uns ein erfülltes Arbeits- und Familienleben, an dem wir gleichberechtigt beteiligt sind.

Um diejenigen von euch, die nach mehr Gleichberechtigung in der Verteilung von Arbeits- und Familienleben streben, zu unterstützen, folgen hier

11 Learnings aus unserer Vereinbarkeitsrealität:

1. Überprüft eure Werte als Paar

Was ist euch wirklich, wirklich wichtig und wie wichtig ist es euch, Arbeits- und Betreuungszeit gleichberechtigt aufzuteilen? Nur wenn z.B. Gleichberechtigung für euch ein hoher Wert ist, euch eure Arbeit und Zeit mit euren Kindern ähnlich stark erfüllen und ihr wirklich etwa gleich viel Zeit mit beiden Lebensbereichen verbringen wollt, werdet ihr bereit sein, das „50/50-Modell“ wirklich umzusetzen. Und wenn ihr dabei feststellt, dass eine andere Aufteilung für euch besser passt – wunderbar! Hauptsache, ihr trefft gemeinsam eine bewusste Entscheidung, mit der beide einverstanden sind. Ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mindestens ein*e Partner*in über kurz oder lang unzufrieden ist.

2. Macht das zufriedene Familienleben zu eurer Priorität

Sucht euch verständnisvolle Arbeitgeber*innen und passende Arbeitsstunden bzw. -zeiten und wartet nicht darauf, dass man sie euch anbietet. Seid Vorreiter*innen! Fordert ein, was ihr braucht! Sollten diese Voraussetzungen in euren aktuellen Jobs nicht gegeben sein, setzt euch für das Maß an Arbeit ein, das für eure Familie passt. Im Zweifel: Seid mutig und kündigt! Mein Mann hat diesen Schritt gewagt, nachdem sein Arbeitgeber sich nicht auf eine Stundenreduzierung einlassen wollte. Die Erfahrung hat gezeigt: Wenn es euch wichtig genug ist, das „50/50-Modell“ möglich zu machen, um Zeit mit eurem Kind oder euren Kindern zu verbringen, findet ihr einen Weg!

3. Zeigt Haltung und schafft feste Verantwortlichkeiten

Überprüft, wie ihr Arbeits- und Betreuungszeit bewertet. In diesem Modell ist es entscheidend, dass ihr beides als gleichwertig betrachtet und nicht den einen Bereich als „wichtiger“ empfindet. Jede*r Erwachsene arbeitet gleich viel, die Arbeitszeit umfasst bezahlte und unbezahlte Arbeit. Bei uns sind beide für die Hausarbeit zuständig. Es gibt Aufgabenbereiche, die wir fest verteilt haben und für die die Verantwortlichkeiten klar sind. Und wieder andere, für die wir beide zuständig sind. Sieht einer von uns etwas, das zu tun ist, tut er oder sie es (meistens). Wichtig ist es auch, klare Verantwortlichkeiten zu delegieren, was die Kinderbetreuung betrifft. Legt z.B. Tage oder Zeiten fest, in denen jeweils ein Elternteil zuständig ist – egal ob das andere Elternteil dabei ist oder nicht. Das hilft enorm, zwischendurch mal abzuschalten und bedeutet auch für das Kind oder die Kinder Klarheit.

4. Redet, redet, redet

Kommunikation ist alles! Ja, man muss, vor allem am Anfang, alles absprechen und dauernd klären, wer jetzt eigentlich gerade für was zuständig ist, weil es natürlich viel mehr Aufgaben aufzuteilen gibt als im traditionellen Familienmodell mit einem Hauptverdiener. Das kostet erst mal Zeit und viele Nerven. Zudem muss man das System auch immer mal wieder an die äußeren Umstände anpassen, besonders, wenn ein zweites oder drittes Kind dazu kommt oder die Kinder älter werden. Dennoch: Hört nicht auf zu reden! Besprecht regelmäßig, wie es euch geht, wo ihr zufrieden seid und wo ihr die Organisation eures Vereinbarkeitsalltags verbessern möchtet. Nehmt eure Gefühle und Stresspunkte wahr, schaut gemeinsam, was ihr ändern könnt. Fühlt euch gemeinsam für euer Modell verantwortlich und findet zusammen Lösungen!

5. Betreibt „Familienmanagement“

Es gibt viele Termine zu organisieren, jede Woche ist anders und muss mal mehr, mal weniger geplant werden – teilweise aber auch lange im voraus, um eine Betreuung für Sondertermine zu finden. Ein gemeinsamer (digitaler) Kalender kann wahnsinnig helfen, den Überblick zu bewahren und auf einen Blick zu sehen, wer wann die Kinder betreut und wer wann frei hat. Wir haben beispielsweise auch festgelegt, wer für welche Mahlzeiten zuständig ist, und auch andere Aufgaben im Haushalt verteilt. Das betrifft verschiedene Putzaufgaben, die Wäsche, den Einkauf, Reparaturen, die Garderobe des Kindes, Geschenke zu planen und zu besorgen und vieles mehr. Mittlerweile ist das bei uns so eingespielt, dass unser Haushalt – mehr oder weniger – von alleine läuft. Es lohnt sich also, zunächst sehr strikt zu planen und dann seinen natürlichen Flow zu finden.

6. Lasst euch helfen

Bekanntlich braucht es ja ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Schafft euch dieses Dorf und baut euch ein Netzwerk an Unterstützung auf. Das können andere Eltern aus der Kita, Geschwister, Nachbar*innen, Freund*innen, Babysitter*innen, Großeltern oder sonstige Hilfen sein. Unterstützt andere Eltern, nehmt ihnen mal ihre Kinder ab und wechselt euch ab. Meist ist es egal, ob man ein oder drei Kinder betreut – manchmal ist es sogar leichter mit mehreren Kindern. Lernt Hilfe anzunehmen und danach zu fragen. Das tut nicht nur euch als Eltern, sondern auch den Kindern gut, die in einem starken Netzwerk mit mehreren Bezugspersonen aufwachsen und das meist sehr lieben.

7. Seid achtsam miteinander

Solange wir im Hier und Jetzt sind, geht alles leichter! Wir haben gelernt, zusammen Pausen zu machen und die gemeinsame Zeit zu genießen, anstatt uns immer etwas zu tun zu suchen. Uns ist das Zusammensein besonders wichtig, sonst hätten wir uns nicht für das „50/50-Modell“ entschieden. Auch wenn andere Eltern um uns herum oft gestresst sind, müssen wir uns nicht schlecht fühlen, dass es uns nicht so oft so geht. Unser Familienleben darf Spaß machen und leicht gehen, denn das ist einer der Gründe, warum wir das Modell gewählt haben: Um so viel Zufriedenheit wie möglich für uns als Familie zu erreichen!

8. Nehmt den Druck raus

Gerade als Mutter habe ich mir am Anfang wahnsinnig viel Druck gemacht, was ich alles zu schaffen und zu meistern habe. Als ich wieder anfing zu arbeiten, wurde der Druck zunächst noch stärker, bis ich begriff: „Ich bin ja gar nicht allein verantwortlich!“ Ich habe es geschafft, immer mehr abzugeben, Verantwortung zu teilen und meinen Perfektionismus an vielen Stellen loszulassen. Das hat meinen inneren Druck reduziert. Je besser sich unser Modell einspielte, umso mehr begriff ich: Jeder von uns darf auf seine bzw. ihre Weise den Haushalt machen oder mit dem Kind umgehen. Loslassen ist schön! Es darf auch mal staubig und krümelig sein und ich kann es mir trotzdem mit meinem Sohn gemütlich machen, zusammen lesen, backen oder (Achtung: Supertipp!) einfach raus gehen, um das, was ich denke erledigen zu müssen, nicht tun zu können! Und auch die Papas unter euch: Habt keine Angst, kurzfristig Termine umzuplanen oder zu verschieben! Haltet eure Zeiten mit den Kindern frei für Spontanität. Verabredet euch z.B. nur lose oder spontan auf dem Spielplatz oder zum Spielen mit Freund*innen und entscheidet von Tag zu Tag, was passt. Sorgt für möglichst viel unverplante gemeinsame Zeit. Das senkt das Stresslevel für alle und ermöglicht euch, noch mehr auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder einzugehen.

9. Plant bewusste Auszeiten – einzeln und als Paar

Jeden Monat planen wir uns eine „Date-Night“, oft sogar mit ganzer Nacht und ausschlafen, wenn unser Sohn bei Oma und Opa übernachtet, und ein Wochenende, an dem wir oft ins Grüne fahren und das dann ganz der Familie (mit Kind) gilt. Zudem versuchen wir, einen Abend unter der Woche als Date zusammen zu Hause zu verbringen, und jeder von uns hat einen festen freien Abend in der Woche, um z.B. ein Hobby zu pflegen. Den Rest unserer Freizeit besprechen wir nach Bedarf. Und da wir beide gerne mal einen Abend ohne Kind verbringen, ermöglichen wir uns gegenseitig diese freie Zeit sehr gerne!

10. Seid nicht zu streng mit der Idee von 50/50

Nicht jede*r ist in jeder Lebensphase gleich belastbar und einsatzbereit. Es gibt Phasen, da mache ich im Haushalt mehr, dann gibt es Phasen, da schmeißt mein Mann die Hausarbeit fast allein. Mal ist bei mir beruflich mehr los, dann bin ich mehr weg und mein Mann verzichtet auf Freizeit, dann wechselt es sich wieder ab. Schaut auf die Umstände und eure Bedürfnisse! Fangt nicht an, Stunden gegeneinander aufzuwiegen und seid großzügig miteinander! Es gibt noch viele Jahre lang Vereinbarkeit zu regeln, nicht nur in den ersten 14 Monaten Elternzeit.

11. Findet euren eigenen Weg

Erlaubt euch, ein Familienmodell zu erträumen, so wie es für euch vollkommen ideal wäre. Nehmt euch gemeinsam als Paar die Zeit und plant euer Traum-Familienleben! Wie sähe es aus? Wer verbrächte wie viel Zeit mit Arbeit und wie viel Zeit mit den Kindern? Wie viel Raum möchte jeder für sich? Stellt fest, was ihr dafür ändern müsst. Von wem erfordert es welche Kompromisse? Wie wichtig ist euch eure gemeinsame Vision? Denkt daran, dass ihr nur dieses eine Leben habt und die Zeit mit euren Kindern endlich ist. Wie viel Zeit möchtet ihr mit ihnen verbringen? Ja, sie werden wirklich so schnell groß …

* Die genannten Zahlen stammen aus der OECD Studie „Dare to share“ – Deutschlands Weg zur Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf.

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  1. Vielen Dank für diesen tollen Artikel! Wir stellen uns das gleiche Modell vor und ich bin im Moment total schockiert darüber mit wie viel Vorurteilen uns begegnet wird.

    Frauen, wie Männer begegnen mir mit dem Argument, dass meine Mutterhormone das ja wahrscheinlich dann eh anders sehen würden, sobald das Baby da sei.

    Auch bei der Berechnung des Elterngeld haben wir am eigenen Leib erfahren, wie schnell selbst unsere Diskussion wieder zu einem Zuverdienermodell rutschte.

    In meinen Augen ist es die Kombination aus gesellschaftlicher Einstellung, Vorurteilen und dieser Berechnungsverfahren, die viele Frauen dazu bringt die Care-Rolle am Ende doch voll zu übernehmen.

    1. Danke dir! Es freut mich sehr, dass mein Artikel dich bestärkt und inspiriert hat! Ja, es gibt noch viel zu tun und viele Vorurteile wenn Mütter nicht 24/7 um ihre Kinder sein wollen. Ich erlebe das Modell als großes Geschenk – es ist immer jemand für unsere (mittlerweile 2) Kinder da und sie haben etwa gleich viel Vater und Mutter. Das entlastet unser ganzes Familiensystem!

  2. Ich mag Edition F – gerade weil ihr für mich einen lebbaren, praktischen (manchmal sogar pragmatischen) Feminismus verkörpert. Dazu gehört auch die gendergerechte Sprache, mit der ich als Journalistin zwar meine Schwierigkeiten habe, die ich aber trotz schlechterer Lesbarkeit hinnehme, weil es wichtig ist, aufzuzeigen, wie einseitig und unfair unsere alltägliche Sprache ist. Diesen Text hier musste ich letztlich aber abbrechen – eben wegen der gendergerechten Sprache. Wenn die nämlich Blüten wie „auch Zuverdienermodell genannt, in dem der eine*r, mehrheitlich der Mann, in Vollzeit berufstätig ist“ oder „unsere Partner*innenschaft“ hervorbringt, ärgere ich mich so über diesen Unsinn, dass ich mich auf den Inhalt nicht mehr konzentrieren kann. Bitte geht den Text doch noch mal durch und setzt die Sternchen dort, wo sie inhaltlich und grammatisch wichtig und richtig sind – aber nicht pauschal an jedem Wort mit männlicher Endung!

  3. Toller Beitrag. Ich finde es beeindruckend zu lesen, wie mutig ihr euren eigenen neuen Weg geht. Es braucht immer Vorreiter, bevor neue Modelle in der breiten Gesellschaft angenommen werden. 🙂

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