Foto: Anne Koch

Felicia Ewert: „Marginalisierten Personen wird ständig vorgeworfen, zu laut oder zu aggressiv zu sein”

Felicia Ewert ist Politikwissenschaftlerin, Autorin und Speakerin. Gerade ist die zweite Auflage ihres Buches „Trans.Frau.Sein” erschienen. Ein Interview.

In „Trans.Frau.Sein” beschäftigt sich Felicia Ewert mit den verschiedenen Formen geschlechtlicher Marginalisierung. Gleichzeitig schreibt sie über ihre persönlichen Erfahrungen und gibt Einblicke in ihre Lebensgeschichte. Sie klärt über Transfeindlichkeit auf und macht gängige Diskriminerungsmechanismen in unserer Gesellschaft sichtbar.

Am 17. Mai 2019 wurde Felicia Ewert, zusammen mit anderen inspirierenden Frauen, in Berlin für ihr Engagement mit dem 25 Frauen-Award von EDITION F ausgezeichnet. Sie ist eine der Frauen, die mit ihrer Stimme unsere Gesellschaft bewegen.

Im Gespräch erklärt die Politikwissenschaftlerin, was es mit dem „cisnormativen Anker” in den Köpfen der Menschen auf sich hat, wie Cissexismus auch in feministischen Bewegungen reproduziert wird und was vor allem cisgeschlechtliche Menschen tun müssen, um zu echten Allys im Kampf gegen Transfeindlichkeit zu werden. (Cis: Als cisgeschlechtlich werden Menschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.)

Ein Begriff, den du in „Trans.Frau.Sein“ viel verwendest, ist der des Cissexismus. Was bedeutet er genau?

„Cissexismus ist im Prinzip ein anderer Begriff für Transfeindlichkeit. Das wichtige hierbei ist, dass dieser die Bedingungen verändert. Er zeigt nicht wo die Diskriminierung hingeht, sondern wo sie herkommt. Aus Cisnormativität, der festen Vorstellung, dass alle Menschen eigentlich cisgeschlechtlich wären und Transgeschlechtlichkeit nur eine Abweichung vom ‚Normalzustand’ sei. Dieser Begriff gibt die Möglichkeit, die Verantwortung korrekt zu zeigen. Marginalisierte werden hierdurch aus der Verantwortung für erlebte Gewalt genommen. Ähnlich wie mit den Begriffen Heteronormativität und Homofeindlichkeit.”

Und „Transmisogyny”?

„Dieser Begriff ist deshalb wichtig, weil er die Verwobenheit, die Intersektion aus Frauenfeindlichkeit, Femininitätsfeindlichkeit und Transfeindlichkeit benennt, die sich speziell gegen trans Frauen richtet. Gerade trans Frauen erleben spezielle Formen von Frauenfeindlichkeit, wie Fetischisierung, Objektifizierung und Darstellungen von Hypersexualität. Außerdem gibt uns der Begriff das Empowerment klarzustellen, dass trans Personen, trans Frauen selbstverständlich, leider, auch Sexismus und Frauenfeindlichkeit erleben. Selbst dies müssen wir zu häufig erstmal ‚beweisen’.”

Du schreibst : „… da Personen, die sich mit der Thematik nicht beschäftigen müssen, trans Sein häufig allein mit Zuständen psychischen Leidens, Hormonersatztherapien und operativen Eingriffen gleichsetzen.” Warum muss dieses Narrativ aufgebrochen werden?

„Unsere Existenzen und Transgeschlechtlichkeit werden normiert. Es wird von uns erwartet, uns auf bestimmte Weisen fühlen zu müssen und ja, auch auf bestimmte Weisen leiden zu müssen. Zusätzlich besteht die Annahme, dass sich alle trans beziehungsweise nicht-binär geschlechtlichen Personen gleich fühlen würden, wir die exakt gleichen Verständnisse und Bedürfnisse hätten. Beispielsweise auch die feste Vorstellung, dass wir uns alle bereits im Kleinkindalter unserer Geschlechter bewusst waren und es keine langen Prozesse der Selbstfindung gegeben hätte. Aber surprise, wir sind Individuen. Auch wenn wir viele Erfahrungen miteinander teilen, erleben wir vieles unterschiedlich. Verhältnisse von Race und Klasse müssen hierbei auch immer berücksichtigt werden.”

Warum sollten wir das Wort „Geschlechtsumwandlung” nicht weiter verwenden?

„Dieser Begriff wird zwar medial langsam abgelöst, in Medizin, Recht, Psychologie und gesellschaftlich wird er aber weiterhin viel verwendet. Problematisch ist er deshalb, weil die Annahme besteht, dass wir erst durch operative Eingriffe ganz real und ‚erlaubt‘ zu unserem Geschlecht ‚werden‘ können. Ich hatte drei operative Eingriffe und keiner davon hat mich zur Frau ‚gemacht‘. Eine Frau war ich bereits vorher. Zusätzlich ist der Begriff völlig unpräzise. Hysterektomie, Mastektomie, Penisaufbau, Orchiektomie, Vulvaplastik, Vaginalplastik, Brustaufbau sind nur einige Möglichkeiten für Eingriffe und sie können präzise benannt werden. Sofern es gewünscht ist. Leider wird oft tabuisiert und die Fülle von Möglichkeiten ausgeblendet. Aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich häufig lediglich die Frage nach ‚der OP‘ gehört. Oder ‚wann ist die OP?‘ Menschen, mit denen ich mich gerade über völlig andere Themen unterhielt, überschritten plötzlich diese sehr intime Grenze und wollten sich über den Zustand meiner Intimorgane informieren. Der Begriff macht Geschlecht an Körpern fest und wird als Voraussetzung für die ‚Echtheit’ von trans Menschen definiert. Es gibt aber verschiedene Gründe, weshalb trans Personen keine operativen Eingriffe durchführen lassen. Kostengründe, Hürden bei der Antragstellung, medizinische Ausschlusskriterien, zu hohe Risiken oder schlichtweg keinerlei Wunsch nach operativer Veränderung des eigenen Körpers. Operationen, wie auch Hormonersatztherapien sind Optionen, aber keine Pflicht. In Deutschland auch seit 2011 nicht mehr. Selbst dieser Operationszwang ist also gerade einmal seit knapp zehn Jahren aufgehoben.”

Du sprichst auch von einem „cisnormativen Anker” in den Köpfen der meisten Menschen. Kannst du das näher erläutern?

„Das bezieht sich auf die gesellschaftlich verwurzelte Cisnormativität. Unsere Leben werden stets in Abhängigkeit gedacht. Cis Personen begreifen sich als ‚Normalzustand’. Auch die rücksichtsvollsten Personen machen dies häufig. Es ist eine Art Absicherung der eigenen Echtheit gegenüber trans Personen.“

Warum ist die Aufteilung in biologisches und soziales Geschlecht zwar ein Fortschritt, aber trotzdem nicht ausreichend?

„Diese Aufteilung erweitert zwar das Verständnis von Geschlecht, haftet aber weiterhin an einer grundsätzlichen vermeintlich eindeutigen Zweigeschlechtigkeit. Eine Eindeutigkeit, die von Menschen erfunden und in zwei Geschlechtseinträge gefasst wird. Egal wie respektvoll diese Einteilung sein möchte, sie beinhaltet weiterhin die Basis für die Diskriminierung von trans und nicht-binär geschlechtlichen Menschen und intersex Personen. Zwangsweise operative Eingriffe an neugeborenen intersex Babys geschehen in Deutschland bis heute. Die Sex/Gender Einteilung kritisiert das nicht, sondern ermöglicht es weiterhin. Zusätzlich fühlen sich auch offen transfeindliche Menschen, leider auch durch reproduzierende Aussagen von Feminismen und Geschlechterforschung bestätigt, dass wir ein ‚eigentliches‘ Geschlecht hätten und dass verbale und ja auch körperliche Angriffe, sexualisierte Gewalt und Drohungen dadurch gerechtfertigt wären.”

Auch innerhalb vieler Feminismen wird Transfeindlichkeit reproduziert. Kannst du erklären, wie die angeblich weibliche Sozialisation genutzt wird, um trans Frauen vom Frausein auszuschließen?

„Trans Frauen werden als Personen mit ‚männlicher‘ Sozialisation dargestellt. Das soll uns unsere Geschlechter absprechen. Es ist der Versuch, uns als Männer zu definieren. Vergeschlechtlichte Sozialisation, also Erziehung, Aufwachsen, Prägungen werden als allgemeingültig definiert. Etwas, das alle cis Frauen auf die exakt gleiche Weise erleben würden und dann wird plump behauptet, dass transgeschlechtliche Frauen dies eben so nie erfahren hätten. Es ist jedoch nicht nur ein Angriff auf transgeschlechtliche Menschen, sondern auch ein Ausblenden der verschiedenen Lebensrealitäten von cis Frauen, wenn deren Erfahrungen verallgemeinert werden. Abgesehen davon wird uns hierbei auch noch die Verantwortung auferlegt, dass wir vergeschlechtlichten Erziehungsweisen unterworfen wurden, als ob wir eine Möglichkeit gehabt hätten uns dagegen zu wehren. Kurz: Sozialisation wird hierbei nicht zur Beschreibung, sondern zum gezielten Ausschluss verwendet.”

Du schreibst auch: „ … immer häufiger wird sich, statt allein auf Biologismus, auf eine geschlechtliche Sozialisation berufen, die sich simpel in entweder weiblich oder männlich unterteilt.” Wie wird das vor allem von cis Feministinnen genutzt, um trans Frauen auszuschließen?

„Bereits in den 1970er-Jahren haben transfeindliche Feminist*innen realisiert, dass es völlig widersprüchlich ist, geschlechtliche Normen zu kritisieren, sich gegen die Gleichsetzung von Frausein mit beispielsweise Gebärfähigkeit zu stellen und gleichzeitig zu behaupten, trans Frauen seien keine Frauen, weil sie vielleicht nicht schwanger werden könnten. Es ist wichtig, über Sozialisationen zu sprechen, die Grenze aber exakt zwischen trans und cis Frauen zu ziehen, ist kein Zufall, sondern vorsätzliche Diskriminierung. Eine Frau kann nicht männlich sozialisiert werden. Viele Leute haben versucht mich zum Mann zu machen, sie haben es nicht geschafft.”

Im Zuge dessen erklärst du auch, dass trans Personen oft als Aggressor*innen gegen cis Menschen dämonisiert werden. Kannst du das ausführen?

„Marginalisierten Personen wird immer vorgeworfen ‚zu laut’, ‚zu aggressiv‘ zu sein, wenn sie für ihre Interessen kämpfen. Das ist kein reines Phänomen von Transfeindlichkeit. Was speziell ist, ist die gezielte Definition von beispielsweise trans Frauen als aggressiv oder gar gefährlich. Wir werden als Aggressorinnen gegenüber Feminismen dargestellt, als Gefahr für andere Frauen, als Personen, die Feminismen ‚infiltrieren‘ würden, um Frauen zu schaden. Du musst dir jetzt jeweils ein ‚cis‘ davor denken. Denn Überraschung: Wir sind selbst Frauen und wir sind selbst auch Feministinnen. Doch wir werden konsequent als ‚eigentliche Männer‘ definiert, dies geschieht leider gesellschaftsweit und deshalb auch ebenso in Feminismen. Freund*innen erzählten mir, dass Bekannte sie nach meinem Testosteronspiegel fragten, weil ich bei Twitter ‚immer so aggressiv’ sei. Ich musste sehr lachen. Frauen, Feministinnen, Lesben als Männer zu bezeichnen, weil sie ‚zu laut, zu wütend, zu sehr…’ , was auch immer sich das Patriarchat gerade ausdenkt, wären, ist gängige antifeministische Praxis. Sobald es um transgeschlechtliche Frauen geht, zeigen leider auch cis Feminismen dieses Verhaltensmuster.”

Warum wäre es wichtig, dass Begriffe wie „Geschlechtsidentität” auch für Cis-Personen genutzt werden?

„Der Begriff der Geschlechtsidentität wird meistens nur für trans Personen verwendet, denn nach cissexistischer Logik haben wir ja nur etwas als das wir uns identifizieren, während cis Personen selbstverständlich echte, wahre Geschlechter haben. Das definiert unsere Geschlechter aber stets als unecht oder zumindest geringwertiger ein als ihre. Der Begriff Geschlechtsidentität wird also mitunter als Machtinstrument eingesetzt. Es wäre konsequent, ihn entweder gleichermaßen für cisgeschlechtliche Menschen zu verwenden, oder ihn aus dem Wortschatz zu streichen.”

Du beschreibst auch, wie trans Personen teilweise auch in die geschlechtliche Binarität gedrängt werden, um vor Gatekeeper*innen, wie Therapeut*innen und anderen offiziellen Organen, ihr trans Sein zu „beweisen“. Was muss sich in der Hinsicht ändern, um das zu verhindern? Auch in der Gesetzeslage?

„Das bisher maßgebliche Transsexuellengesetz sieht nur zwei Geschlechtseinträge, also Mann und Frau vor. Nicht-binär geschlechtliche Menschen beispielsweise müssen vorgeben Mann oder Frau zu sein, um es durchlaufen zu können. In allen Institutionen zeigt sich, dass viele Geschlechternormen, die durch feministische Arbeit seit Jahrzehnten kritisiert und Stück für Stück aufgeweicht werden, plötzlich wieder voll Anwendung finden, wenn es um unsere Leben geht. In langen Gutachtensitzungen, in gerichtlichen Anhörungen oder auch in Sitzungen der sogenannten Begleittherapie wurde ich gefragt, ob ich auch privat so auftrete, also beispielsweise mit lackierten Fingernägeln, Mascara, Eyeliner, so bezeichnete feminine Kleidung. Das sollte bei diesen Personen ‚beweisen‘, dass ich es auch wirklich ernst meine. Es sollte absichern, dass ich mich nicht nur zu offiziellen Anlässen so oder so kleide und schminke. Ebenso wurde ich mehrfach gefragt, ob ich denn bereits als Kind mit Puppen gespielt oder mich ‚als Mädchen verkleidet‘ hätte und auch mit welchen Personen ich romantische und sexuelle Beziehungen hatte. Hiermit soll gesichert werden, dass ich mich nicht in einer ‚Phase‘ befinde, sondern mein Anliegen auch dauerhaft sei. Das Problem ist der Zwang, der uns hierbei auferlegt wird, uns auf bestimmte Weisen zu kleiden und ja auch zu sprechen, uns zu bewegen und zu verhalten. Gleichzeitig werden wir hierfür von transfeindlichen Feminismen mit dem Vorwurf der Reproduktion geschlechtlicher Stereotype konfrontiert. Unser Auftreten wird also aus verschiedenen Richtungen vorgegeben und bei Abweichungen kritisiert. Mitunter mit weitreichenden Folgen, gerade in medizinischen, psychologischen und rechtlichen Aspekten. Mein heutiges Auftreten mit relativ kurzen Haaren und Sidecut hätte mir vor einigen Jahren sicherlich Probleme bei der Begleittherapie und im gerichtlichen Verfahren bereitet.”

Du schreibst: „Cisnormativität setzt voraus, dass alle Menschen cis sind und eine Abweichung eingehend geprüft und ein Irrtum ausgeschlossen werden muss.” Was müssen vor allem Menschen, die cis sind, tun, um diesen Zustand zu ändern und zu echten Allys zu werden?

„Cisgeschlechtliche Menschen sehen sich in der Regel als ,Normalzustand‘, sie müssen aber realisieren, dass ihre Geschlechter ebenso das Produkt einer von Menschen erdachten Kategorisierung, einer Ordnung von Körpern sind. Anders ausgedrückt: Ihre Geschlechter sind ebenso erfunden wie die von transgeschlechtlichen Menschen, sie werden nur für gewöhnlich nicht in gerichtlichen Verfahren dazu gezwungen, diese beweisen zu müssen. Dies zu realisieren, würde uns deutlich weiterbringen. Denn auch die respektvollsten Ansätze laufen leider meist darauf hinaus, uns als zu schützende Personen zu sehen, die dennoch irgendwie ‚falsch‘ oder ‚fehlerhaft‘ seien. Ich nenne das die wohlwollende Diskriminierung. Cis Personen haben die feste Absicht, uns zu helfen, stellen unsere Geschlechter aber konsequent auf eine niedere Stufe, auf einen Platz von Abhängigkeit und erwarten Dankbarkeit. Abhängigkeit, weil wir auf ihre positiven Urteile hoffen sollen und auch müssen. Und Dankbarkeit, weil vor, während und nach allen Strapazen Anerkennung eingefordert wird. Tatsächlich habe ich Leute erlebt, die ernsthaft Respekt erwarteten, weil sie noch nie einer trans Frau Gewalt angetan hätten. So geht Unterstützung und Allyship niemals, das ist nur ein Ausspielen von Machtpositionen. Dafür gibt’s‘ von mir keine Kekse, keine Urkunde und auch keine ‚Best Ally des Monats‘-Plakette. Wir alle haben Transfeindlichkeit verinnerlicht, auch trans Personen. Allerdings haben wir nicht das Privileg, dass uns diese grundsätzlichen Fragen von Geschlecht egal sein könnten, wie cis Personen. Nur wenn wir das alle realisieren, können wir diese Einstellungen erkennen und abbauen.“

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