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Was passierte, nachdem mein Chef mich „Fräulein“ genannt hatte

Die Anrede „Fräulein“ wurde schon 1971 im offiziellen Amtsdeutsch abgeschafft, 2018 musste unsere Autorin die Erfahrung machen, dass der Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch immer noch aktuell ist.

Alliteration mit wütendem Beigeschmack

Alliterationen haben mir immer schon gefallen. Der melodiöse Gleichklang birgt eine gewisse sprachliche Eleganz. Vor einigen Monaten habe ich allerdings Erfahrung mit einer Alliteration gemacht, der ich jede Eleganz absprechen muss und deren Sprachmelodie nur einen wütenden Beigeschmack bei mir auslöst: Fräulein F.

Die Verkleinerungsform traf mich nachts um eins. Wichtige Präsentation am nächsten Tag, übermüdete, gestresste Kolleg*innen in einem kleinen fensterlosen Raum, grau und trist. Alle arbeiteten konzentriert, als sich der Projektleiter im Oberlehrerton an mich wandte: „Fräulein F., Sie wissen doch, dass wir ein einheitliches Design für die Zwischenüberschriften auf unseren Power-Point-Folien verwenden.“ Ja, das wusste ich. Nachts um eins habe ich aber einfach nur die Version in den Foliensatz kopiert, die ich gerade von der Grafikabteilung zurückbekommen hatte, ohne auf die Zwischenüberschrift – die übrigens lediglich blau anstatt schwarz war – zu achten.

Ein „Herrlein“ gibt es nicht

Kloß im Hals, unterdrückte Wut und meine genuschelte Antwort: „Ich ändere das schnell.“ Drei Klicks, ich änderte das schnell und dann öffnete ich die Suchmaschine: „Fräulein, Kritik“. Ich hatte vage im Hinterkopf, dass der Begriff schon lange nicht mehr offiziell genutzt wird und wusste, dass ich dazu auch schon Artikel mit feministischer Begriffskritik gelesen hatte. Schnell fand ich das oben bereits erwähnte Jahr 1971 und wurde bei meiner weiteren Suche auf das Paradoxon gestoßen, dass es an einem „Herrlein“ im deutschen Sprachgebraucht fehlte und fehlt.

Meine Fünf-Minuten-Suche bestätigte meine Wut und mir war klar: Fräulein – das geht gar nicht! Mir war auch klar, dass es nachts um eins ist und dass der Kommentar vermutlich lustig gemeint sein sollte, da wir uns eigentlich duzen. War er aber nicht. Stress und Müdigkeit hin oder her, es bleibt bei der Tatsache: Fräulein – das geht gar nicht!

Interessanterweise bewirkte der Oberlehrerton und die Ansprache bei mir genau die Reaktion, die man von einem „klassischen Fräulein“ – mir ist bewusst, dass auch ich and dieser Stelle mit Klischees spiele – erwartet. Ich tat, wie mir geheißen wurde, und schluckte gleichzeitig meine Wut herunter. Die Verkleinerungsform hatte ihr Übriges getan. Ich fühlte mich klein und machtlos. Ich fühlte mich überrumpelt, so dass ich den Moment zum Kontern verpasste. Ich fühlte, dass mich gerade versteckter Sexismus in Form von Sprache getroffen hatte, auch wenn ich das in diesem Moment noch nicht so klar formulieren konnte.

Fräulein F. – Mit Wut zu kleinen Schritten

Einige werden jetzt behaupten, dass man sich auch künstlich aufregen kann – frei nach dem Motto: „Komm schon, das war doch nur eine Lappalie.“ Für mich war es das nicht. Ich war wütend und angegriffen. Ich brauchte noch eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass es genau diese kleinen Begebenheiten sind – die schnell als Lappalie abgetan werden – die zusammen zu einem strukturellen Problem werden. Wenn ich mich umhöre, kann fast jede meiner Kolleginnen ähnliche Geschichten erzählen. Es sind die kleinen Dinge, die sich leider immer noch häufen und eine vollständige Gleichberechtigung weit entfernt wirken lassen.

Ich habe meine Wut übrigens genutzt und mich einige Tage später aus meine „Fräulein“-Haltung herausgetraut. Der Projektleiter war überrascht, als ich die Situation angesprochen habe, an die er sich kaum noch erinnern konnte. Aber es war auch eine positive Überraschung, denn ich konnte ihm meine Reaktion und mein Problem mit dem Begriff sachlich darlegen. Er hat verstanden, was mich daran getroffen hat und versprochen, dass er in Zukunft bewusster mit Sprache umgehen wird. Da ich nicht mehr mit ihm an einem Projekt arbeite, kann ich das weder bestätigen noch verneinen, aber ich hoffe, dass es ein kleiner, wichtiger Schritt in die richtige Richtung war.

Wut nutzen, Probleme ansprechen und kleine Schritte machen – nur so kommen wir der Gleichberechtigung näher und verhindern Alltagssexismus. Anstrengend, aber das ist es wert! Auf dass das „Fräulein“ auch im alltäglichen Sprachgebrauch möglichst schnell verschwindet!

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