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Sex Positivity: „Scham und Tabus schränken die eigene Lusterfahrung ein”

Was genau meint eigentlich der Begriff „Sex Positivity”? Ein junger Berliner Kunstverein setzt sich in einer Ausstellung mit der Frage auseinander und hat dafür viele unterschiedliche künstlerische Perspektiven gewinnen können. Ein Interview.

„It´s My Pleasure”

Es ist noch gar nicht so lange her, da war sexuelle Lust ein fast komplettes Tabu-Thema. Das ändert sich zum Glück mehr und mehr. „Sex Positivity” ist ein Begriff, der nicht mehr nur in feministischen Kreisen diskutiert wird. Gerade die letzten Monate und die Reaktionen auf #Metoo zeigen aber auch, dass konsensualer Sex, sexuelle Lust und Sexualität allgemein noch viel ausführlicher thematisiert werden müssen. Das hat sich auch die ehrenamtliche Berliner Kunst- und Kulturverein artburst berlin gedacht und die Ausstellung „It´s My Pleasure” organisiert.

 Vom 27. bis zum 29. April zeigen sie Werke acht  Künstler*innen, die den Themenkomplex „Sex Positivity” auf unterschiedlichste Weise beleuchten. Wir haben mit Laura und Jennifer aus dem artburst berlin-Team über ein neues Verständnis von Sexualität, einer konstruktiven Auseinandersetzung mit dieser und die harte Realität von ehrenamtlichen Kunst- und Kulturvereinen gesprochen.  

„Scham, Tabus oder ein gestörtes Körpergefühl können die freie Auslebung von Sexualität beeinflussen und die eigene Lusterfahrung einschränken.”

Eure Ausstellung „It´s My Pleasure” setzt ihren Fokus auf Werke mit einem neuen Verständnis von Sexualität. Was meint ihr mit „neu”?

Jennifer: „Meistens resultieren die Ideen für ein Event oder eine Ausstellung von unserem Verein aus persönlichen Gesprächen innerhalb unseres Teams. Im Fall von It’s My Pleasure haben wir uns über ein in Berlin stattgefundenes feministisches Pornfilmfestival ausgetauscht. Für einige von uns war der Begriff feministischer Porno neu. Dieses sehr offene Gespräch machte uns klar, dass wir alle Teil eines Wertesystems sind, in dessen Abhängigkeit wir aufgewachsen sind und das uns geprägt hat. Tabus sind allgegenwärtig: Vermeintlich festgeschriebene Werte, Glaubensvorstellungen, Traditionen, Erziehung sowie das soziale Umfeld, definieren die Grenzen des sexuell ‚Normalen’ und schaffen somit das ,Abnormale’. Scham, Tabus oder ein gestörtes Körpergefühl können die freie Auslebung von Sexualität beeinflussen und die eigene Lusterfahrung einschränken.”

Laura: „Gerade in einer so kosmopolitischen Stadt wie Berlin halten wir uns für aufgeklärt. Trotzdem fällt es oft schwer, offen über die eigene Lust zu sprechen. Unserer Meinung nach ermöglicht erst das Hinterfragen dieser sexuellen Sozialisation, eigene Positionen wahrzunehmen. Sex Positivity – d.h. alle Formen von einvernehmlichem Safer Sex zwischen Erwachsenen sind grundsätzlich normal und gesund – ist selbstverständlich keine neue Bewegung. Es geht uns tatsächlich weniger darum, etwas ,Neues’ zu definieren, sondern vielmehr um eine aktive Auseinandersetzung mit Tabuisierungen. In der Ausstellung werden Ideen und Modelle von Künstler*innen vorgestellt, die den Status Quo ändern wollen.”

Könnt ihr Beispiele für diese Infragestellung nennen?

Laura: „Ein wichtiger Themenkomplex innerhalb der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit sexueller Lust und Begierde. Inwieweit ist das persönliche Begehren von gesellschaftlichen Normen geprägt und von dem vermeintlich ,Normalen’ bestimmt? Wie aufgeklärt und reflektiert sind wir, wenn es darum geht, das eigene Verlangen zu kommunizieren – vor allem wenn das von der scheinbaren Norm abweicht?”

Jennifer: „Die Berührung des eigenen Körpers zeigt beispielsweise Jana Maria Schneider in ihrer Videoprojektion My Pleasure (2018), in der sie sich kritisch mit der zu wenig geführten öffentlichen Diskussionen über weibliche Masturbation auseinandersetzt. Den Bruch mit Heteronormativität sowie den Stereotypen männlicher und weiblicher Sexualität führt Stefan Mildenberger in seiner installativen Videoarbeit Liquid Porn Chapter I-III (2017) vor Augen, die von der Post-Porn-Bewegung inspiriert ist. Die Fotoserie #PantyChallenge (2018) von Christina Koch erinnern auf den ersten Blick an Galaxien, erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es sich um die Innenseite von Slips von Frauen handelt. Die Künstlerin behandelt damit ein Social-Media-Phänomen, bei dem Frauen Fotos ihrer Unterhose mit diesem Hashtag posten und plädiert damit für die Akzeptanz des eigenen Körpers. In unserem Rahmenprogramm wird der Kurzfilm Indulgence (2016) von Lou Bessemer gezeigt, der innerhalb eines feministischen Rahmens entstanden ist, mit dem Ansatz, queere und feministische Ansprüche in die Gesellschaft zu integrieren und ihre Tabuisierung aufzubrechen.”

Stefan Mildenberger, Liquidporn Chapter II, #10, Chromogenic Print, 100 x 70 cm, 2017. Quelle: Stefan Mildenberger.

Wie sieht eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und Lust eurer Meinung nach aus?

Laura: „Zunächst ist es wichtig das Thema überhaupt innerhalb eines öffentlichen Rahmens anzugehen. Die Tatsache, dass sich knapp 100 Künstler*innen auf den Open Call beworben haben, spricht für die Aktualität der Debatte. Beispielsweise wurde uns bei der Suche nach Kulturförderung gesagt, dass das ein ,gewagtes’ Thema sei, man das zwar sehr mutig und toll von uns findet, aber es schwierig ist, für so etwas Fördergelder zu bekommen. Das zeigt uns, dass das Thema noch lange nicht ,normal’ ist und weiterhin tabuisiert wird. Im zweiten Schritt sollen die künstlerischen Positionen die Besucher*innen dazu anregen, sich mit dem Themenspektrum auseinanderzusetzten, sich miteinander auszutauschen und im besten Fall einen positiven, freieren Umgang mit Sexualität mitzunehmen.”

Was können wir im Bezug darauf von den ausstellenden Künstler*innen lernen?

Laura: „Alle ausgewählten Künstler*innen thematisieren mehr oder weniger Punkte, über die wir, wenn überhaupt, nur mit den engsten Freunden sprechen. Diese Offenheit finden wir sehr inspirierend und zu einem gewissen Grad mutig.”

Jennifer: „Die Arbeit touch/don’t touch (2018) der beiden Künstlerinnen Corinna Radakovits und Lee Negris visualisiert unterschiedliche Facetten von Intimität und nonverbaler Kommunikation beim Vorspiel sowie dem darauffolgenden Liebesakt. Oft sind es dabei Gefühle, Wünsche und Ängste, die nicht verbal kommuniziert werden können, auf die es ankommt. Arbeiten wie diese verdeutlichen unter anderem die Komplexität von Sexualität und stellen Fragen zur aktuellen Diskussion um einvernehmlichen Sex.”

Ihr seid ein ehrenamtlicher Kunstverein, der sich explizit junger Kunst widmet. Welchem Markt stellt ihr euch damit entgegen?

Jennifer: „Gerade zum Zeitpunkt von Großevents wie dem Gallery Weekend Berlin ist die Auswahl an spannenden Ausstellungen für Kunst-und Kulturinteressierte besonders groß. Wir als Verein sehen uns allerdings weniger in der Konkurrenz zu kommerziellen Galerien. Als ehrenamtlicher Verein liegt unser Fokus auf der Förderung von jungen Künstler*innen und Kunstvermittlung und nicht auf Verkauf. Wir nutzen den allgemeinen Kunstrummel an diesem Wochenende eher als zusätzlichen Anreiz, um uns und unsere Projekte in der freien Kreativszene zu positionieren. 

Die Dichte an Projekträumen und Initiativen ist in Berlin sehr hoch. Mit jedem unserer Projekte gelingt es uns, den Verein in dieses lokale Netzwerk weiter zu integrieren. Gegenseitige Inspiration und Kooperationen sind uns sehr wichtig als Grundlagen für eine Weiterentwicklung von artburst berlin. Finanziell gehen wir, wie alle freien Kunst-und Kulturschaffende, einen steinigen Weg. Da wir an keine Institution gebunden sind, sind wir vor allem angewiesen auf Mittel wie Kulturförderung, Mitgliedsbeiträgen, Sponsoring und Spenden, um weiterhin unabhängig arbeiten zu können.”

In eurem Verein seid ihr seid ausschließlich Frauen. Ist das ein Novum in der Kunstszene?

Jennifer: „Tatsächlich herrscht bei uns im Team geballte Frauenpower! Das ist allerdings unbeabsichtigt. Seit unserer Gründung haben wir einfach noch keine Anfrage von einem Mann bekommen, bei uns als aktives Mitglied einzusteigen.”

Laura: „Aus persönlicher Erfahrung und Einschätzung studieren zurzeit an den Berliner Universitäten mehr Frauen als Männer Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft, was sich dann sicherlich auch in unserer Gruppe oder in der Berliner Kunst-und Kulturszene bemerkbar macht. Als Studentinnen bzw. frische Absolventinnen beobachten wir selbstverständlich auch die aktuelle Debatte um eine fortschreitende Gleichstellung des internationalen Kunstmarkts und begrüßen, dass immer mehr Frauen in wichtigen Führungspositionen anzutreffen sind. Allerdings gilt hier immer noch, dass beispielsweise Frauen schlechter bezahlt werden oder Preise von Werken von Künstlerinnen niedriger angesetzt sind etc. Es gibt also immer noch viel zu tun – auch für unsere Generation. ”

Welche Kunstszene wünscht ihr euch für die Zukunft?

Laura: „Die meisten freien Projekträume und Initiativen stehen vor jeder Realisierung vor einer großen finanziellen Herausforderung. Es mangelt nicht an kompetenten Leuten, Ideen und intelligenter, anspruchsvoller Kunst. Uns ist bei der Recherche aufgefallen, dass es durchaus viele Angebote für Künstler*innen gibt, jedoch vergleichsweise weniger Möglichkeiten für Kuration oder projektbezogene Initiativen wie unsere Vereinstätigkeit. Für die Zukunft wünschen wir uns daher mehr Unterstützung in Form von Kulturförderung in dieser Richtung.”

Ein Teil des Teams. Quelle: Artburst Berlin e.V.

Die Ausstellung „It´s My Pleasure” fand vom 27. bis zum 29. April in den Räumen des Projektraums Organ kritischer Kunst, Prinzenallee 29, in Berlin statt. 

 

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