Foto: Flickr/Walt Disney Television

Warum werden so viele Menschen von Gwyneth Paltrows Muschikerze getriggert?

Die britische Autorin, Kolumnistin und Bloggerin Jacinta Nandi ist weiß Gott kein Fan von Gwyneth Paltrow und ihrem Achtsamkeits-Imperium „Goop“. Aber sie ist der Meinung: Der Hass auf Paltrow hat mit einem gesellschaftlich tief sitzenden Hass auf Frauen zu tun.

Angst vor dem Geruch der Vulva

„Habe ich dir erzählt, dass ich jetzt mit einer Frau geschlafen habe?“ So beginnt meine junge amerikanische Freundin Tina unser superschnelles Sushi-Lunchdate und ich denke mir total prüde: Gott sei Dank leben wir in Berlin, weil es mir sonst vielleicht peinlich wäre, so was beim Mittagessen zu besprechen. Na ja, mir persönlich wäre es nicht peinlich. Es wäre mir nur peinlich, wenn die Kellner*innen so was mitkriegen! Und das tun sie bestimmt bei einer Amerikanerin, die immer so laut spricht … „Ja?“, sage ich: „Du hast deine lesbische Unschuld verloren?“ „Ich glaube, lesbische Unschuld ist ein sexistischer, frauenfeindlicher Begriff, oder?“, fragt Tina. „Ich glaube das Konzept, die Unschuld verloren zu haben ist ehrlich gesagt ein bisschen anti-feministisch“, sage ich voller feministischer Reue.

„Ich hatte so viel Angst vorher“, sagt Tina jetzt. „Vor dem Geruch, vor dem Geschmack. Ich habe mir die weiblichen Geschlechtsorgane als etwas sehr Fürchterliches vorgestellt! Fürchterlich, furchterregend.“ „Ja?“, sage ich. „Ich habe immer gedacht, wenn ein Mann dich leckt, dann muss er dich wirklich mögen, vielleicht sogar lieben, weil Muschis so schrecklich schmecken.“ „Ja?“, sage ich. „Ich hatte echt Angst. Ich habe mich gefürchtet. Aber weißt du was?“ „Was?“ „Das schmeckt überhaupt nicht schlimm. Schmeckt wie ein Körperteil. Schmeckt ganz okay, so. Schmeckt eigentlich besser als ein Penis … und viel besser als Sperma.“

Das Sushi kommt, ich schäme mich jetzt doch. Die Amis sprechen immer so laut! Ich blicke weg vom Kellner und starre auf den Tisch. „Und überhaupt gar nicht nach Fisch!“, sagt Tina. Ich nicke, und beiße in ein Thunfisch-Maki.

Warum kostet diese Kerze 80 Euro?

Die weiblichen Genitalien haben einen fürchterlichen Ruf. Das Schlimmste daran? Der Geruch natürlich. Wie Fisch – oder noch schlimmer! – riechen Frauen, beziehungsweise ihre intimsten Körperregionen. Wie tote Fische. Wie verdorbene Fische. Wie tote, verdorbene Fische, die seit Wochen in einer Höhle vor sich hinrotten, versteckt unter Seetang. Der einzige schlimmere Geruch als die Muschi einer Frau? Der Geruch der Muschi einer Frau, wenn diese ihre Tage hat. Oder vielleicht einen Scheidenpilz. Frauen riechen, Muschis stinken. Wir wissen alle Bescheid.

Wir wissen alle Bescheid – aber Gwyneth Paltrow scheint diese Botschaft nicht bekommen zu haben. Als ihr Duftkerzendesigner (geiler Job!) ihr eine neue Duftkerze präsentierte, erkannte Gwyneth den Geruch. „Das riecht nach meiner Vagina!“, rief sie, und deswegen bekam diese Duftkerze den Namen „This Smells Like My Vagina“ – und den Preis von 80 Euro.

80 Euro für eine Kerze, nur weil sie wie Gwyneth Paltrows Muschi riecht – oder kostet diese Kerze so viel, OBWOHL sie wie eine Muschi riecht?

Paltrows feministische Lektion

Aus meiner Sicht gibt es viel zu kritisieren an Gwyneth Paltrow. Sie präsentiert von sich ein Bild der Perfektion: blond, dünn, supergesund, superbewusst. Sie ist so perfekt, so conscious, dass sie fast kein Mensch mehr, kaum eine lebende Frau ist. Und sie nervt. Ihre Stimme nervt. Ihr Lächeln nervt. Sie triggert in mir ganz tiefe genervte Gefühle. Wenn ich sie beobachte, ist mein ganzer Körper genervt.

Aber die Sache, für die sie zuletzt am meisten kritisiert wurde, ist ausgerechnet das, was am normalsten, gesündesten, eigentlich am geilsten an ihr ist: Gwyneth Paltrow mag ihre Muschi. Sie ist stolz auf ihre Muschi. Ihr gefällt der Geruch ihrer Muschi. Gwyneth Paltrow hat eine gesunde emotionale Beziehung zu ihrer Muschi. Dieser völlig harmlose Witz über den Geruch einer Duftkerze hätte der Welt das gezeigt, wenn wir zugehört hätten. Gwyneth Paltrow, die nicht perfekt ist, beziehungsweise zu perfekt ist, um wahr zu sein, hat doch eine feministische Lektion für die Welt: Wie eine emotional unbeschädigte, gesunde Beziehung zum intimsten Körperteil einer Frau aussehen könnte, zeigt uns Gwyneth. Sie schämt sich nicht für den Geruch. Sie will ihren Geruch auch nicht verstecken. Sie glaubt, dass der Geruch ihrer Vulva lecker ist. Sie will, dass die Welt den Geruch ihrer Vulva mit ihr teilt. Sie will den Geruch ihrer Vulva mit der Welt teilen.

Die Idee eines perfekten und sehr weißen Lebens

Versteht mich nicht falsch. Gwyneth Paltrow ist keine unproblematische feministische Figur und kein feministisches Vorbild für junge Mädchen. Sie ist ein Paradox, denn: Natürlich ist die Idee, dass eine Muschi wie eine Duftkerze riechen kann – oder soll – absurd. Wie meine gute Freundin und geschätzte Kollegin Mithu Sanyal im Interview mit der taz sagte: „Gwyneth Paltrows Auswahl ist nicht ganz falsch, aber man sitzt da und denkt sich, das ist alles viel zu niedlich, so ein paar Blümchen und ein bisschen Holz und gerade Paltrow, die ja auch so körperlos wirkt, bringt so eine Kerze raus.“

Gerade startete Paltrows neue Serie „The Goop Lab“ auf Netflix, die einen Blick hinter die Kulissen der Welt von Goop, ihrer Wellness-Webseite, werfen soll. Was genau ist Goop? Goop ist eine Internetseite, auf der Paltrow überteuerten Quatsch verkauft. Eier für die Vagina, Creme für die Haut, auch Urlaube. Aber eigentlich verkauft sie eine Idee vom Leben – von einem perfekten und sehr weißen Leben. Viele Sachen, die sie verkauft, sind so unwissenschaftlich (anti-science heißt es auf Englisch), dass sie fast Hippie-Scheiß sind. Aber all das ist zu teuer, zu weiß und zu perfekt, um Hippie-Scheiß zu sein. Ich glaube, es ist die Illusion von Perfektion, die verkauft wird, die die Sachen, die sie verkauft, von ,total harmlos aber teuer‘ in den Bereich von ,fast gefährlich‘ kippen lässt.

Seit 2008 gibt es Goop. Seitdem Paltrow zu „alt“ fürs Filmemachen geworden ist – die Schauspielerinnen in Hollywood, die ihren 35. Geburtstag erreichen, werden weggeschmissen wie Tageslinsen – hat sie sich, statt sich zu verstecken, für Gesundheit und Wellness eingesetzt. Ihre Webseite heißt Goop, was auch ein Slang-Name für vaginalen Ausfluss ist. Ich finde das Wort sehr schön, und weiß nicht, ob Paltrow es extra deswegen ausgesucht hat. Falls ja, wäre das ein Beweis dafür, dass sie es mit der Muschiliebe ernst meint. Klar ist: Nachdem Paltrow nicht mehr genug Arbeit – oder viel weniger Arbeit – als Schauspielerin bekommen konnte, hat sie sich nicht aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, sondern beschlossen, sich eben dieser Wellness-Webseite zu widmen, ein Portal, das Tipps und Tricks für Schönheit, Gesundheit und Self-Care bietet. Insofern erinnert sie mich an die arbeitslosen Hausfrauen, die nachdem die Kinder wieder zur Schule gehen, bei MLMs einsteigen und alle auf Facebook mit ihrer neugewonnenen, positiven Selbstliebe nerven. Der Unterschied ist, natürlich, dass Paltrow super-berühmt ist, schon super-berühmt war und ihre Hobby-Webseite/MLM-Sidegig jetzt 250 Millionen Dollar Wert ist.

Kritik aus einer Welt, die Frauen hasst

Aber auch hier ist die Kritik, die Paltrow erntet, feministisch gemeint, aber in der Realität frauenfeindlich! Denn in einer Welt, in der Frauen nicht gehasst würden, wäre die Karriere einer Schauspielerin ab 35 nicht vorbei – und so ein Portal wie Goop nicht nötig, denn die Ärzt*innen und Gesundheitssysteme der Schulmedizin würden sich mit den Symptomen und Ursachen von chronischen Krankheiten, besonders von Krankheiten, die nur Frauen bekommen, auseinandersetzen – und vor allem Frauen zuhören, wenn sie ihre Symptome beschreiben. Goop füllt eine Lücke, die unser männlich-dominiertes Gesundheitssystem offenlässt.

Revolutionär: sich selbst nicht hassen

Ich persönlich fand Paltrow nie sympathisch genug, und gleichzeitig zu schön, um Jane Austens Emma zu spielen. Die Aussprache hatte sie (richtig nervig) perfekt hingekriegt – aber sie war in meinen Augen nicht süß genug – so stellte ich mir Emma nämlich beim Lesen vor: süß und sympathisch. Ich wundere mich, dass Paltrow nicht Marie Antoinette gespielt hat. Für mich ist sie wie Marie Antoinette: unsere Lieblingshassfigur, ein Feindbild, ein Sündenbock. Männer besitzen das ganze Geld, haben die ganze Macht, geben ihr Geld für teure Kriege aus. Die Frauen beschäftigen sich mit Vagina-Eiern oder schönen Kleidern. Marie Antoinettes Schmuck ist zum Symbol der Dekadenz des französischen Hofs geworden. Gwyneth Paltrows teure Muschikerzen sind zum Symbol des Dekadenz des Spätkapitalismus geworden. Aber eigentlich sind es die Männer, die zu viel Geld haben. Und Männer, die zu viel Geld ausgeben für Sachen, die wirklich schädlich sind.

Es ist eine Tatsache, dass es in einer Welt, die Frauen hasst, ein revolutionärer Akt ist, sich selbst nicht zu hassen. Ein Großteil der Kritik, besonders jene, die Männer äußern, die gegen Paltrow im Namen des Feminismus und/oder der Kapitalismuskritik wettern, entlarven die heimliche unterbewusste Frauenfeindlichkeit der Kritiker*innen selbst. Denn Paltrow hat uns NICHT gesagt, dass unsere Muschis eklig riechen. Sie hat lediglich ihren eigenen Muschigeruch für angenehm befunden. Die Wut, die diese Feststellung besonders bei einigen Männern auf Twitter – auch woke, Feminismus-bewusste Männer – getriggert hat, hatte nichts mit Solidarität mit Teenager*innen, die fürchten nach Fisch zu stinken, zu tun. Es hat alles mit Paltrows Ablehnung von weiblichem Selbsthass zu tun.

Es gibt viele Gründe, Paltrow zu kritisieren, und viele Gründe, ihre Kerze skeptisch zu betrachten. Aber ich glaube, es ist wichtig zu erkennen, warum diese Frau nervt und warum man von ihrer Muschikerze getriggert wird.

Quelle Foto: Walt Disney Television, keine Änderungen am Bild vorgenommen. Lizenz: Creative Commons 2.0.

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