Foto: Siemens AG

Janina Kugel: „Jeder muss sich persönlich fragen: Welche Kompromisse bin ich bereit einzugehen?“

Janina Kugel ist seit Februar Personalvorständin bei Siemens und eine unserer „25 Frauen, die wir bis 2025 als DAX-30-CEO sehen wollen“ – im Interview mit uns spricht sie darüber, wie sie besonders das Thema Diversity bei Siemens vorantreiben will.

Wir treffen Janina Kugel in Berlin. Dorthin ist sie gereist, um eine neue Initiative vorzustellen, die sich für ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen in Führungspositionen einsetzen will. „Chefsache“ nennt sich der Zusammenschluss von Unternehmen wie Siemens, Allianz, McKinsey, Bayer und Bosch. Auch der Mittelstand, die Sozialwirtschaft, die Medien und die Politik wollen mitmachen – die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die sich in ihrer Zeit als Familien- und Arbeits- und Sozialministerin schon immer für Frauenförderung eingesetzt hat, sitzt ebenfalls auf dem Podium. Die Bundeskanzlerin hat die Schirmherrschaft der Initiative übernommen und lässt es sich trotz 17 Stunden Verhandlungsmarathon zu Griechenland in Brüssel nicht nehmen, in einer launigen Rede für mehr Frauen in Führungspositionen und neue Arbeitszeitmodelle zu werben. Ihre beiden Sekretärinnen würden sich den Job teilen, und im Kanzleramt könnten die Mitarbeiter mittlerweile auch mit Kind einen Führungsjob behalten – die Welt sei davon noch nicht untergegangen.

Janina Kugel sorgt auf dem Podium ebenfalls für Erheiterung, als sie erzählt, dass ihre kleine Nichte sie neulich fragte, was eigentlich ein Mann tun müsste, um Kanzlerin werden zu können. Und sie sagt, dass Deutschland einfach hinterhinke, was das Thema Frauen in Führungspositionen betreffe – andere Länder hätten seit Jahrzehnten an verschiedenen Stellschrauben gedreht, um für Gleichberechtigung von Männern und Frauen und für bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beiden Geschlechter zu sorgen. „Meine Freunde in Frankreich erzählen mir, dass sich ein viertes Kind steuerlich lohnt.“

Nach der Auftaktveranstaltung hatten wir die Gelegenheit, Janina Kugel zu einem Gespräch über ihre Vorstellungen von Diversity und Gleichberechtigung zu treffen.

Was ist Ihrer Meinung nach bei Ihrem Unternehmen der Grund dafür, dass es noch zu wenig Frauen in Führungspositionen gibt?

„Uns beschäftigen hier zwei Themen: Zum einen ist Siemens ein technisch geprägtes Unternehmen und es gibt einfach noch zu wenig junge Frauen in technischen Berufen. Im  Maschinenbaustudium zum Beispiel lag der Frauenanteil zuletzt, im Wintersemester 2013/2014, bei etwa zehn Prozent. Zum anderen haben wir noch zu wenig Vorbilder. Wir werden hier zwar besser bei Siemens – im Aufsichtsrat, im Vorstand und auch im Management steigt der Frauenanteil – aber wir wollen die Rahmenbedingungen nachhaltig verbessern, für Männer und Frauen. Eine Frage, die uns beschäftigt, ist etwa: Wie schulen wir unsere Führungskräfte, um etwas gegen so genannte unbewusste Vorannahmen, „unconscious bias“, zu tun, also das Phänomen, dass Führungskräfte oft unbewusst ein bestimmtes Wertesystem anwenden bei der Beurteilung von Kandidaten für eine Position und keine unvoreingenommene Bewertungen machen? Darauf fokussieren wir uns stark, das ist Chefsache, das ist uns ein Anliegen überall auf der Welt, nicht nur in Deutschland.“

Simone Reif, Geschäftsführerin von Stepstone und Jurymitglied unseres Wettbewerbs, sagte bei uns in einer persönlichen Rede, dass Frauen, die in Führungspositionen wollen, akzeptieren müssen, dass das Verzicht bedeutet. Dass sie sich etwa damit abfinden müssten, dass nicht sie, sondern die Nanny mit den Kindern zum Turnen geht. Sehen Sie das auch so?

„Jede Entscheidung, die man im Leben trifft, hat zur Folge, dass man an irgendeiner Stelle Kompromisse macht. Jeder muss sich persönlich fragen: Welchen dieser Kompromisse bin ich bereit einzugehen? Was möchte ich? Und dann muss man die Rahmenbedingungen dafür klären. Auch ich habe meine Kinder nicht immer zum Turnen gebracht und glaube auch nicht, dass das entscheidend ist. Aber beim Sportfest oder beim Sommerfest der Musikschule will ich da sein und plane entsprechend. Übrigens haben auch Männer jahrzehntelang verzichtet, sie haben sich oft nur nicht getraut, das so zu nennen oder überhaupt auszusprechen. Vor vier oder fünf Jahren, in einem Gespräch für eine neue Stelle, habe ich meine Bedingungen genannt, unter denen ich den neuen Job antreten würde. Nach einer gefühlt sehr langen Pause, die wahrscheinlich nur ein paar Sekunden dauerte, sagte mein männlicher Gesprächspartner: ,Wow, Sie stellen ja Forderungen. Das hätte ich mich damals auch mal trauen sollen, dann hätte ich mehr von meinen Kindern gehabt.’

Studien zufolge kommen Frauen vor allem dann voran, wenn es auf gleicher Hierarchieebene Gleichgesinnte gibt, haben Sie diese Erfahrung gemacht?

„Netzwerke und Mentoren sind immer gut, es ist immer hilfreich, sich darüber auszutauschen, wie andere es machen. Ich selbst habe nie Nachteile gespürt. Das kommt aber immer ganz darauf an, wie und wo man sozialisiert wurde. Ich habe viel im Ausland gearbeitet. In anderen Ländern wie den USA, in Skandinavien, in Frankreich, spielen Frauen in den höheren Hierarchieebenen eine ganz andere Rolle. Last but not least ist eine wichtige Frage: Was möchten Sie selbst? Je höher Sie in einem Unternehmen kommen, desto mehr Schnittstellen gibt es, desto mehr Leute wollen Sie beeinflussen. Aber man ist ja nicht alleine, man hat ein Team! Und gute Führung und ein gutes Team, das macht erfolgreich!“

Je höher man in einem Unternehmen aufsteigt, desto wichtiger wird es, sich in Machtstrukturen zurechtzufinden, Allianzen schmieden zu können. Schrecken Frauen Ihrer Erfahrung nach davor eher zurück als Männer?

„Ich kenne Frauen, die das nicht mögen, aber genauso Männer. Was mir auffällt: Wenn es um die Anforderungen eines Jobs geht und darum, wie viele davon erfüllt werden, dann gibt es öfters jüngere Frauen, die vor allem aufzählen, was sie nicht können, Männer gehen da selbstbewusster heran. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen: Manches kann ich noch nicht, aber ich kann es noch lernen. Es ist wichtig, nicht alles gleich ungefiltert zu bewerten, sondern zum Beispiel darauf zu achten, ob derjenige, der etwas sagt, aus China kommt, oder aus den USA, oder aus Deutschland. Oder ob er männlich oder weiblich ist. Und dass dann richtig einzuordnen. Und da wären wir dann wieder beim Thema ,Unconscious-Bias‘-Training.“

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Lisa Seelig arbeitet seit Ende 2014 für EDITION F, erst als Redakteurin, seit Januar 2020 als Textchefin. Ihre Themenschwerpunkte bei EF sind Familie, Leben mit Kindern und Geschlechtergerechtigkeit. Seit 2015 schreibt sie in ihrer Kolumne über die Freuden und Schrecken von Mutterschaft. Vorher hat sie einige populäre Sachbücher geschrieben und als freie Autorin für Zeitungen, Magazine und Online gearbeitet, darunter Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, Zeit Online, dummy und Neon. Wichtigstes Learning aus der Journalistenschule: „Das versendet sich.“ Foto: Jennifer Fey

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