Kein Neuanfang ohne Ende

Wie der Verlust meines Eileiters mich wieder zum Schreiben brachte

 

„Sie arme Maus!“ Nie werde ich ihren mitleidigen Blick vergessen. Die junge Ärztin tätschelte mir zusätzlich unbeholfen die Schulter. Nachtvisite. Um 13 Uhr war ich in den OP geschoben worden. Seit 15 Uhr lag ich nun auf dem Krankenhauszimmer. Über 7 Stunden waren vergangen und ich wusste nicht viel mehr, als dass eine Drainage aus meinem Bauch hing, die mich störte, wenn ich auf Toilette wollte.

„Wir konnten ihren rechten Eileiter leider nicht mehr retten. Er wurde entfernt.“ Ich lag regungs- und emotionslos da und versuchte mir vorzustellen, wie groß wohl so ein Eileiter sei. Heiße Tränen liefen über meine Wangen auf das Kopfkissen, während die junge Ärztin schnell die Raum verließ. Das war für mich in Ordnung so, ich wollte nicht getröstet werden. Meine ältere Zimmernachbarin schnarchte seelenruhig. Das kam mir alles so unwirklich vor. Überhaupt erschien mir der gesamte Tag rückblickend wie ein schlechter Film.

Morgens sitzt man noch voller Hoffnung beim Gynäkologen, obwohl man die letzten Wochen nur „vorsichtig optimistisch“ hätte sein sollen, und plötzlich befindet man sich im Krankenhaus, muss Aufnahmeunterlagen ausfüllen, mehrfach Blut abgeben, vaginale Ultraschalle über sich ergehen lassen…ich habe mich gefühlt wie Asterix und Obelix auf der Suche nach Passierschein A 38 als ich von einer Station zur nächsten geschickt wurde. 

Eileiterschwangerschaft. Mein Pflichtbewusstsein überwog alle anderen Gedanken. Ich rief meinen Arbeitgeber an und sagte alle Termine für die nächsten 14 Tage ab. Danach telefonierte ich mit meinem Mann. Ich fühlte mich wie betäubt. Dieses Gefühl hielt an als ich auf Station kam und auf die OP im Aufenthaltsraum wartete. Parallel fand dort ein Neugeborenen-Shooting statt. Freud und Leid liegen eben dicht beieinander – scheiße! Das Taubheitsgefühl hat mir auch nach der Operation geholfen, als meine Mutter und Schwiegermutter mit Tränen in den Augen an meinem Bett saßen und nicht wussten, was sie sagen sollten. Wortlosigkeit begegnet mir häufig, wenn mich Menschen fragen „wann es denn bei uns soweit sei“ und ich von meiner Eileiterschwangerschaft erzähle. 

Mittlerweile sind fünf Wochen vergangen. Ich gehe wieder arbeiten, mache wieder Sport, ich fühle mich situationsabhängig aber immer noch betäubt. In meinem Freundeskreis haben wir alle letztes Jahr geheiratet; dieses Jahr kommen die Kinder. Ich bin das 1-2% mit einer Eileiterschwangerschaft. Wenn wieder eine Schwangerschaft verkündet wird, ist es ab und zu schwer, seiner Freude darüber angemessen Ausdruck zu verleihen. Es sitzt kein Neid in meiner Brust. Es ist vielmehr ein tiefer Schmerz, dass mein Kind, unser Kind, den Weg ins Leben nicht geschafft hat. Aber die Frage nach dem „warum?“ hatte ich mir geschworen, niemals zu stellen. Es antwortet sowieso keiner.

Für mich war „das“ ein traumatisches Erlebnis. Eine Abfolge von Ereignissen, auf die man keinerlei Einfluss hatte. Eine Nachsorge für die körperlichen Wunden gibt es; eine Betreuung für die seelischen Narben leider nicht. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig beeinflusst. Interessanterweise finde ich mehr zu mir. Ich stelle mir Fragen, über die ich lange nicht mehr nachgedacht habe. Zum Beispiel habe ich überlegt, was mich glücklich macht, was mir echte Freude bereitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich nur noch selten schreibe. Als Kind und Jugendliche habe ich Gedichte, Geschichten, ganze Bücher geschrieben. Warum mache ich das eigentlich nicht mehr? Für dieses „warum“ habe ich zwar viele Ausreden, finde aber auch keine echte Antwort. Grund genug, das zu ändern. Und so finde ich mich hier am Schreibtisch sitzend, manchmal betäubt, aber immer öfter glücklich mit mir und dem Leben, und schreibe meinen ersten Artikel seit langer Zeit. 

Während die Kinder meiner Freundinnen laufen lernen, wird mein Kind lernen, mit den Engeln zu fliegen. Und ich werde lernen, mein Leben wieder ohne Glasglocke für Gefühle zu leben. Ich bin sicher, das Schreiben hilft mir dabei. Und so erwächst aus jedem Ende auch ein Anfang. Klingt nach Kitsch und Klischee, ist aber so.

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