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Entschuldigt, aber ich habe keinen Bock, eine „Überfrau“ zu sein

In ihrer Twentysomething-Kolumne schreibt Silvia über alles, was ihr gerade durch den Kopf geht. Und diese Woche darüber, dass niemand Superwoman sein muss.

Wenn Frauen den Druck auf sich selbst und andere Frauen aufbauen

Es ist doch so: Dauernd beschweren wir uns (zu Recht) über den Druck, den die Gesellschaft gegenüber Frauen aufbaut: Toll sollen wir aussehen und Kinder bekommen und für die da sein und dann aber auch Karriere machen und und und. Ihr wisst schon, alter Hut. Was aber ist, wenn wir – gerne an Tagen wie dem Internationalen Frauentag –  genau das von anderen Frauen um die Ohren geklatscht bekommen?

Wenn durch die sozialen Netzwerke lauter schöne Bildchen und Schriftzüge wabern, die uns daran erinnern, dass wir die Wilde, Abenteuerlustige sein sollen, die Starke und die,
die vor nichts Angst hat und die, die immer einen Schritt weitergeht als alle andere. Natürlich sollen wir auch so bleiben wie wir wollen, aber diese paar Sachen sollten schon drin sein, denn sie sind gut für uns.

Ach ja? Ja! Denke auch ich, setze fröhlich meinen blauen Daumen darunter und verteile Herzen, bis mir das Ganze dann doch etwas zweifelhaft vorkommt. Denn: Ist das noch Motivation oder sind wir hier nicht schon längst bei der nächsten Hülle, die uns übergestülpt wird? Mir schwant nach dem 20.000sten Spruch langsam Letzteres.

Die Intention ist gut, aber kommt auch die richtige Message an?

Ja, geht`s noch? Was treiben denn alle da? Und ich mach da auch noch mit! Gerade noch haben wir den lustigen Kommentar zum gesellschaftlichen Frauenbild von Comedian Florian Schröder gefeiert und jetzt machen wir das gleiche? Nur irgendwie ernst gemeint? Auch wenn die Intention sicher richtig und schön ist – denn natürlich sollte uns daran liegen, uns selbst und alle Frauen der Welt stark zu machen – doch ich glaube, bei der Umsetzung gehen manchmal die Pferde mit uns durch. Und das verursacht bei manch einer ebenso Druck und Stress, wie wenn die Zeitschrift Brigitte verkündet, dass es jetzt wirklich Zeit für die nächste Frühjahrsdiät oder ein kolossales Sixpack samt Kardashian-Hintern ist – alle anderen haben schließlich schon längst begonnen und starke, entschlossene Frauen können und sollten hier gleichziehen.

Sicherlich! Die Frage ist nur immer: Will die starke, entschlossene Frau das überhaupt? Vielleicht will die ja einen Speckring um die Hüfte haben und dafür lieber genießen oder statt zum Sport zu gehen, lieber Puzzle mit ihren Kids legen. Oder aber sinnloser, doch nicht minder schön: mit einer Chipstüte in der Hand einen Serienmarathon bestreiten. Vielleicht will die starke, entschlossene Frau auch einfach ihren platten Po und weichen Bauch behalten und trainiert lieber das Kreuz (oder gar nichts). Und trotzdem oder gerade deswegen sind sie ja auch stark und entschlossen, weil sie einfach machen was sie wollen – obwohl ihnen immer wieder deutlich gemacht wird, dass etwas anderes viel besser für sie wäre.

Und diese starke, entschlossene Frau kann man auch sein, wenn man nicht die
Wilde ist oder die, die immer vorne mit dem Megaphon steht, jedes Rednerpult
erobert und stets einen Schritt weitergeht. Denn vielleicht ist man ganz zufrieden damit, die Frau zu sein, die den anderen, die nach der Ziellinie noch bis ins Nirvana rennen wollen, einfach entspannt von eben jener zuwinkt. Wäre das dann schlecht und schwach? Ich glaube nicht. Es wäre nur schlecht und schwach, wenn man darauf richtig Lust hätte, sich aber nicht traut. Aber das trifft eben nicht auf jede Frau da draußen zu.

Superwoman gibt’s doch gar nicht

Leute, sagen wir doch mal wie es ist: Wir können nicht alle Überfrauen sein. Und selbst die, die wir für Überfrauen halten, die, die alles immer auf die Kette bekommen, die sind es eben auch in manchen Momenten nicht. Und manche, so wie ich, die sind es halt grundsätzlich nicht. Ist das jetzt schlimm? Ist das jetzt etwas, warum ich mich verrückt machen sollte? Nope, auch das glaube ich nicht.

Ich kann zum Beispiel nicht backen und kein Spagat, ich kann kein Chinesisch sprechen und trenne nur meistens den Müll, ich räume nicht alles sofort weg und bin ungeduldig, ich habe bislang keine Kinder in die Welt gesetzt oder eine Firma gegründet (und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich beides niemals machen werde). Ich bin kein Frühaufsteher und ich meistere auch nicht jede Aufgabe, wie eine kampferprobte Amazone, sondern falle dabei eben auch mal wie der letzte Depp hin. Und: Ich habe weder einen Fünfjahresplan und noch einen Bausparvertrag.

Was soll ich sagen, in Sachen „Perfektion“ ist noch Luft nach oben. So what? Das hier ist mein Leben und kein Hochglanz-Magazin.

Wahre Stärke: sich mit Ecken und Kanten mögen

Und klar, ich könnte jetzt auch noch eine halbe Seite darüber schreiben, was ich alles auf dem Kasten habe, denn davon gibt’s natürlich auch einiges. Denn nur, weil ich nicht in allem perfekt bin, heißt das ja nicht, dass ich nicht ziemlich gut bin. Aber nur so viel: Der Wille, mich selbst auch mit Ecken und Kanten zu mögen, gehört auf jeden Fall dazu. Und wer weiß, vielleicht macht mich das ja schon perfekter als so manche Fönwelle mit Vorzeigecharakter, Vorzeigekindern und Vorzeigekarriere – aber was weiß ich schon.

Auf jeden Fall gilt: Wir sollten uns alle erlauben dürfen, und hier meine ich natürlich Frauen und Männer, wir selbst zu sein. Und dazu gehört auch zu akzeptieren, dass das Gegenüber vermeintliche Schwächen und Macken hat, bei denen er oder sie sich gar nicht unter die Arme greifen lassen will. Ganz einfach, weil das schon Ok so ist. Stark, oder?

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